Hauntologie
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Hauntologie/Hauntology (ein Kofferwort aus dem englischen Verb to haunt für „heimsuchen“ oder „spuken“ und dem philosophischen Fachbegriff Ontologie; im Deutschen gelegentlich als Spukwissenschaft übersetzt) bezeichnet ein kulturwissenschaftliches und philosophisches Konzept. Es beschreibt das Phänomen, dass die Gegenwart von Ideen, Bildern und Kulturformen der Vergangenheit – oder von verloren gegangenen Zukunftsentwürfen – „heimgesucht“ wird.
Der Begriff wurde 1993 von dem französischen Philosophen Jacques Derrida geprägt und in den 2000er-Jahren von britischen Kulturtheoretikern wie Mark Fisher auf die zeitgenössische Popkultur, Elektronische Musik und Ästhetik übertragen.
Philosophischer Ursprung (Derrida)
Jacques Derrida führte den Begriff in seinem Werk Spectres de Marx (1993, dt. Marx’ Gespenster) ein. Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion und dem scheinbaren Sieg des globalen Kapitalismus (vgl. Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“) argumentierte Derrida, dass die Geister des Marxismus die westliche Welt weiterhin heimsuchen würden.[1]
Derrida nutzte das Konzept, um die lineare Wahrnehmung von Zeit zu dekonstruieren. Ein Geist oder Gespenst befindet sich in einem Zustand der Liminalität: Er ist weder lebendig noch tot, weder gegenwärtig noch abwesend. Die Hauntology besagt demnach, dass die Gegenwart niemals rein und gegenwärtig ist, sondern immer schon von historischen Spuren und unaufgelösten Vergangenheiten infiziert und mitbestimmt wird.
Kulturwissenschaftliche Erweiterung (Fisher und Reynolds)
Mitte der 2000er-Jahre wurde der Begriff von Kritikern und Theoretikern des Londoner Kollektivs Cybernetic Culture Research Unit (Ccru), insbesondere von Mark Fisher und Simon Reynolds, aufgegriffen und neu definiert.
In diesem Kontext beschreibt Hauntology eine spezifische Melancholie und die „Nostalgie für verlorene Zukünfte“ (nostalgia for lost futures). Fisher argumentierte, dass die spätkapitalistische Kultur des 21. Jahrhunderts die Fähigkeit verloren habe, radikal neue Zukunftsvisionen oder originäre Kunstformen hervorzubringen (vgl. Kapitalistischer Realismus). Stattdessen verharre die Kultur in einer permanenten Schleife aus Retromanie, Postmoderne und dem endlosen Recycling vergangener Ästhetiken.[2] Die Epoche wird von den optimistischen Utopien des 20. Jahrhunderts (wie der Sozialutopie oder dem Space Age) heimgesucht, die niemals Realität wurden.
Hauntology in der Kunst und Popkultur
In der Ästhetik und Musikwissenschaft bezeichnet Hauntology eine Strömung, die sich bewusst mit den materiellen und technologischen Spuren der Vergangenheit auseinandersetzt.
Musik
Musikalisch äußert sich Hauntology häufig durch die Verwendung von analogen Synthesizern, Sampling obskurer Lehrfilme oder Hörspiele der Nachkriegszeit sowie dem bewussten Einsatz von Lo-Fi-Effekten. Das Knistern von Vinyl, das Rauschen von Magnetbändern (Bandsättigung) und klangliche Artefakte werden als akustische Geister inszeniert, die das Altern des Mediums selbst betonen.[3]
Wichtige Vertreter: The Caretaker (James Leyland Kirby), Burial, Boards of Canada sowie Künstler des britischen Independent-Labels Ghost Box (z. B. The Focus Group, Belbury Poly).
Film und visuelle Medien
Im visuellen Bereich ist das Konzept eng mit dem Genre des Folk Horror verknüpft. Typisch sind Ästhetiken des britischen oder europäischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens der 1970er- und 1980er-Jahre, verlassene post-industrielle oder ländliche Landschaften (Topographie des Verfalls) sowie das Motiv des Unheimlichen (Das Unheimliche).
Beispiele: Die Filme von Ben Wheatley oder die Fernsehserie Life on Mars – Gefangen in den 70ern.
Rezeption und Kritik
Während Befürworter das Konzept als treffende Analyse einer erschöpften, algorithmisch gesteuerten Gegenwartskultur loben, gibt es auch kritische Stimmen. Dem Konzept wird gelegentlich vorgeworfen, selbst in einer elitären, melancholischen Nostalgie zu verharren.[4] Kritiker argumentieren, dass das Phänomen des Recyclings und der Rückschau ein universelles Merkmal von Kulturgeschichte sei und die Hauntology die Innovationskraft zeitgenössischer, globaler Kunstformen (abseits westlicher Popstrukturen) übersehe.
Siehe auch
Literatur
- Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-29259-5.
- Mark Fisher: Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und verlorene Zukünfte. Edition Tiamat, Berlin 2015, ISBN 978-3-89320-197-6.
- Simon Reynolds: Retromania. Warum Pop seine eigene Vergangenheit nicht loslässt. Hannibal Verlag, Höfen 2012, ISBN 978-3-85445-374-1.
- Georg Spitaler: Spukende Zukunft. Zur Theoretisierung von Hauntology, politischer Handlungsfähigkeit und (post-)demokratischen Gefühlen. In: Amália Kerekes u. a. (Hrsg.): denken, schreiben, tun: politische Handlungsfähigkeit in Theorie, Literatur und Medien. Peter Lang, Berlin 2018, ISBN 978-3-631-76570-8, S. 183–198.