Wikiwand AI

Landesklinikum Mauer

From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Landesklinikum Mauer (auch Landesklinikum Amstetten-Mauer, früher Landesklinikum Mauer-Öhling) ist ein Kompetenzzentrum für psychische Gesundheit und Lehrkrankenhaus der medizinischen Universität Wien in Mauer bei Amstetten. Es wurde von Carlo von Boog und Erich Gschöpf nach modernsten Richtlinien im Jugendstil geplant und entworfen und galt als Vorbild für die Klinik Am Steinhof. Die Anlage gilt als wichtigstes Jugendstil-Ensemble Niederösterreichs.

Schnelle Fakten Ort, Staat ...
Landesklinikum Mauer
Ursprünglicher Haupteingang mit repräsentativem Verwaltungsgebäude
Ort Mauer bei Amstetten
Staat Österreich
Koordinaten 48° 5′ 33″ N, 14° 48′ 21″ O
Gründung 1902
Website mauer.lknoe.at
Lage
Landesklinikum Mauer (Niederösterreich)
Landesklinikum Mauer (Niederösterreich)
Schließen
Vorlage:Infobox_Krankenhaus/Logo_fehlt
Vorlage:Infobox_Krankenhaus/Träger_fehlt
Vorlage:Infobox_Krankenhaus/Betten_fehlt
Vorlage:Infobox_Krankenhaus/Mitarbeiter_fehlt
Vorlage:Infobox_Krankenhaus/Ärzte_fehlt

Geschichte

Die „Heil- und Pflegeanstalt“ Mauer-Öhling 1942

Die Landesheil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke wurde von 1898 bis 1902 als Pavillonanlage im Jugendstil von Carlo von Boog nach modernsten medizinischen Grundsätzen und neuesten psychologischen Erkenntnissen geplant und war Vorbild für die später entstandene Heilanstalt Am Steinhof. Während der Name des Landesbaudirektors von Boog eng mit der Heilanstalt verbunden blieb, ist der Name des ausführenden Architekten, Erich Gschöpf, heute weithin unbekannt.

Die Anlage wurde von Kaiser Franz Joseph 1902 feierlich eingeweiht. Nach der Eröffnung schrieb er seiner Geliebten Katharina Schratt:

„Ich brachte zwei Stunden in Mauer-Öhling zu, das ein sehr schönes, in schönem Walde gelegenes, mit allen Erfindungen der Neuzeit ausgestattetes Etablissement ist, mit Wirtschaftshof, Meierei, Feldern, Werkstätten etc. – Alles zum Besten der Narren. Es muß ein Hochgenuß sein, dort eingesperrt zu sein.“[1]

Und tatsächlich stellte die offene Bauweise der Anstalt mit Pavillons inmitten eines riesigen Parks einen Quantensprung in der Versorgung psychisch Kranker dar, verglichen etwa mit den barocken Asylen wie dem Narrenturm in Wien. Die verkehrstechnisch günstige Lage an der Westbahn und die enorme Aufnahmekapazität (1.000 Patienten) wurde gewählt, um neben der Versorgung Niederösterreichs auch die Betreuung von Patienten aus der damaligen Weltstadt Wien zu gewährleisten.

Zeit des Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus kam es auch in Mauer-Öhling zu Zwangssterilisationen und Krankenmorden.[2] Zwischen Juni 1940 und August 1941 wurden rund 1.300 Patientinnen und Patienten der „Heil- und Pflegeanstalt“ in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz durch Giftgas getötet.[3] Danach wurde anstaltsintern weiter gemordet. Die „Übersterblichkeit“, d. h. die erhöhte Zahl von Todesfällen während der NS-Herrschaft verglichen mit dem Vorkriegsniveau durch gezielte Mangelernährung, systematische Vernachlässigung oder psychiatrische Gewalt, betrug 570 Personen. Im Februar und Oktober des Jahres 1943 verlegte die Direktion weitere 320 Patientinnen und Patienten in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Gugging, von denen dort nur wenige überlebten.[4] In einem Endphaseverbrechen im November 1944 und April 1945 ermordeten die Anstaltsärzte Emil Gelny und Josef Utz unter Beihilfe des Pflegepersonals nochmals 190 Patientinnen und Patienten mittels überdosierter Medikamente und eines umgebauten Elektroschockgeräts.[5] Die Getöteten warf man in Massengräber am erweiterten Anstaltsfriedhof, dessen würdige Gestaltung als Gedenkort bis heute noch ausständig ist.[6] Insgesamt kann von bis zu 2.400 Opfern der NS-„Euthanasie“ in Mauer-Öhling ausgegangen werden.[7]

Heutige Einrichtung

Heute beherbergt das Landesklinikum neben der akutpsychiatrischen Abteilung auch Einrichtungen für Alkoholentwöhnung, Drogenentzug, forensische Psychiatrie, Psychosomatik, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Soziotherapie und Rehabilitation. Außerdem gibt es drei Neurologische Abteilungen mit einer Wachkomastation, eine interne Geriatrie und mehrere Pflegeheime.

2026 findet die Niederösterreichische Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch.Psyche.Gesundheit.“ im Landesklinikum Mauer statt.[8] Im Direktionsgebäude (Haus 21) befindet sich der kuratierte Teil, die Anlage selbst ist aber ausdrücklich Teil der Ausstellung.

Anlage

Die Anlage ist ein bedeutendes Jugendstil-Ensemble, das noch fast original erhalten ist. Über die Jahrzehnte kamen allerdings immer wieder Zubauten hinzu, auch die Eingangssituation (Empfang und Information sind nunmehr nord- und nicht mehr westseitig) wurde geändert.

Bemerkenswert bei der architektonischen Ausführung ist einerseits die weitgehende Verwendung von Eisen- bzw. Gussbeton. Andererseits fällt die frühe Anwendung von reichhaltigen secessionistischen Dekorformen auf, zumal die Pläne vor 1898 entstanden sind. Zum Teil bediente sich Gschöpf floraler bzw. vegetabiler Jugendstilformen, daneben griff er aber auch typische Motive der Wagner-Schule auf, wie etwa Lorbeerkränze oder Engelsköpfe. Auch die weit vorkragenden, flachen Dächer weisen auf Otto Wagner hin.[9]

Das Gebäudeensemble ist bewusst weitläufig gehalten, Wiesen und kleine Wäldchen sind ins Gelände miteinbezogen. Vier Krankenpavillons sind in Form eines Parallelogramms angeordnet. An einem Scheitelpunkt befindet sich das Direktionsgebäude mit zwei danebenliegenden ehemaligen Ärztewohnhäusern. Am Scheitelpunkt gegenüber befindet sich der Festsaal mit Kapelle (Haus 24), hinter dem linsenförmig weitere Gebäude angeordnet sind, acht davon in zwei Vierecken. Ostseitig befinden sich Infrastruktur- und Wirtschaftsgebäude (auch Pferdeställe, die jetzt als Sporthallen dienen). Diese stammen nur mehr teilweise aus der Jahrhundertwende und im Süden der Anlage schließt das Pflegezentrum mit rezenten Gebäuden an.

Festsaal und Kapelle

Die Kapelle ist ein repräsentativer Rechteckbau unter Flachdach mit einem ostseitigen Dachreiter. Das Gebäude wird auch als Festsaal verwendet, bei profanen Anlässen wird der Altarraum verhängt. Die Westfassade wurde 1958 in reduzierten Formen erneuert.

Rothschild-Pavillon

Im Jahr 1907 wurde der bipolare Sohn von Albert Rothschild, Georg Rothschild, nach Mauer-Öhling gebracht. Im Anschluss an das Pflegerdorf wurde eine eigene Villa gebaut, die sich stilistisch stark an Otto Wagners Jugendstil-Villen anlehnte und von dem Architekturhistoriker Peter Kunerth als besonders gelungen bezeichnet und von ihm dem Architekten Erich Gschöpf zugeschrieben wird. Sie hatte eine Halle mit Veranda, einen Salon und eine Bauernstube, dazu noch Speisezimmer, Schlafzimmer, Küche, Badezimmer und zwei Pflegezimmer samt großer Veranda auf zirka 200 Quadratmetern Grundfläche.

Die Wahl fiel nicht zuletzt deshalb auf den Standort Mauer-Öhling, weil er auf dem halben Weg von Wien nach Waidhofen zu den Besitzungen Rothschilds und gut per Bahn erreichbar lag. Georg Rothschild verbrachte dort fast 30 Jahre, ständig betreut von einem Arzt und drei Wärtern, was Ende der Zwanziger Jahre immer mehr Unmut hervorrief, da das Land Niederösterreich den Großteil der Kosten dafür zu tragen hatte. Rothschild starb 1934 an Demenz, 1975 wurde die Villa abgerissen.

Friedhof

Im äußersten Süden der Anlage befindet sich der Friedhof mit einer Aufbahrungshalle und Kapelle (Haus 20). Die ursprüngliche konfessionelle Trennung wurde Mitte des 20. Jahrhunderts aufgegeben. In der Mitte befindet sich das Grab von Matthias Autengruber, dem ersten Direktior des Klinikums. Auch ein Patient, der 67 Jahre seines Lebens in der Anstalt verbrachte, der Maler Gilbert Adler, ist auf dem Friedhof bestattet. Auf dem Weg zum Friedhof befindet sich ein Mahnmal in Form von aufgestapelten Grabsteinen.

Galerie

Siehe auch

Literatur

  • Amt der NÖ Landesregierung, Abt. Kunst u. Kultur (Hrsg.): Landesklinikum Mauer. Ort zur seelischen Gesundung. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2026, ISBN 978-3-99126-409-5 (Reihe Menschen und Denkmale).
  • Clemens Arthur Ableidinger: Alles zum Besten der Narren. Der Einfluss des Ersten Weltkrieges auf die Kaiser Franz Joseph Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling. Diplomarbeit, Wien 2017.
  • Clemens Ableidinger / Philipp Mettauer: Die Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling 1914-1945. In: Markus Rachbauer, Florian Schwanninger (Hrsg.): Krieg und Psychiatrie – Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg Innsbruck/Wien 2022, S. 35–68.
  • Herwig Czech: Von der „Aktion T4“ zur „dezentralen Euthanasie“. Die niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalten. Gugging, Mauer-Öhling und Ybbs. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Fanatiker, Pflichterfüller, Widerständige. Reichsgaue Niederdonau, Groß-Wien, Wien 2016 (= Jahrbuch 2016).
  • Michaela Gaunerstorfer: Die psychiatrische Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling 1938–1945. Diplomarbeit, Wien 1989.
  • Elisabeth Koller-Glück, Peter Kunerth: Carlo von Boog und Mauer-Öhling. Die Kaiser Franz Joseph-Landes-Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling. Ein Jugendstiljuwel in Niederösterreich. Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, Wien 1988, ISBN 3-85326-863-3.
  • Philipp Mettauer: Survivors, Victims, and Perpetrators at the Lower Austrian Psychiatric Hospital Mauer-Öhling during the National Socialist Era. In: Suzanne Bardgett, Dan Stone, Christine Schmidt (ed.): Beyond Camps and Forced Labour. Proceedings of the Sixth International Conference, Palgrave Macmillan, London 2021, ISBN 978-3-030-56391-2, S. 31–47.
  • Roman Sandgruber: Rothschild. Glanz und Untergang des Wiener Welthauses. Verlag Molden, 2018.
Commons: Landesklinikum Mauer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

Related Articles

Timelines

Top Qs

Fact Checks