Holz-Erde-Mauer

antike römische Befestigungsmauer, für deren Bau keine Steine erforderlich waren From Wikipedia, the free encyclopedia

Eine Holz-Erde-Mauer war eine antike, römische Befestigungsmauer, für deren Bau außer im Fundamentbereich keine Steine verwendet wurden, sondern Holz, Erdaushub und Rasensoden. Holz-Erde-Mauern sind vor allem aus den archäologischen Befunden früher Bauphasen römischer Militärlager bekannt. Sie kamen jedoch schon in vorgeschichtlicher Zeit vor und sind noch bis ins Mittelalter hinein nachgewiesen, beispielsweise bei Wallburgen und Motten.

Rekonstruierte Holz-Erde-Mauer mit Tor im römischen Kastell von Sevastopol

Funktionsweise

Römische Kastelle waren nicht als Bastionen zum Schutz gegen längere Belagerungen angelegt, sondern als gesicherte Ausgangsbasen für den Bewegungskrieg, in den man baldmöglichst mit einem Ausfall zu gelangen hoffte. Holz-Erde-Mauern konnten diese Aufgaben hervorragend erfüllen, die darin bestanden, einen erhöhten Standort zur Verteidigung zu bieten, bei einem ersten Angriff nicht einfach gestürmt werden zu können, Widerstandfähigkeit gegen Entzündung zu gewährleisten und gegen den Einsatz von Rammwerkzeugen zumindest vorübergehend geschützt zu sein. Letzteres gelang durch die Kombination aus dem relativ weichen Material Holz und dem sehr weichen Material Erde, die zu einer enormen Flexibilität führte. Zur Optimierung der Verteidigungsfähigkeit schreibt Vegetius unter anderem vor, dass der Wehrgang so breit angelegt sein müsse, dass zwei ausgerüstete Soldaten problemlos aneinander vorbei kämen.[1][2]

Konstruktionstechnik

Schematische Aufrissdarstellung verschiedener Mauertypen

Daher war die ursprüngliche Form der Holz-Erde-Mauer war ein einfacher Erdwall, der von einer hölzernen Brustwehr aus Pila muralia (Schanzpfähle; Singular: Pilum murale oder Pilum murialis) gekrönt war. Sofern das Gelände es hergab, wurden Rasensoden (lateinisch Caespites) abgestochen und entweder zur äußere Fixierung eines aus dem Grabenaushub aufgeschütteten Walls benutzt oder zu einer Mauer aufgestapelt. Wo keine Wiesen für Rasensoden zur Verfügung standen, errichtete man einfache Lehmwälle, die von einer Steinfundamentierung stabilisiert wurden (Nr. 1 im nebenstehenden Bild). Fundamente respektive Unterbauten aus Stein, aber auch aus Holzknüppeln oder Reisig dienten außer zur Stabilisierung auch zur Drainage, da ein nasser Untergrund bei längerem Regen die Mauer durch Aufweichung zum Einsturz bringen konnte. Sie wurden daher auch bei späteren Weiterentwicklungen der Holz-Erde-Technik verwendet. Diese Bauweisen werden bei Vegetius für Marschlager beschrieben,[1] waren aber auch typisch für frühe Standlager und stellten die dominierende Technik des ersten Jahrhunderts dar. So entstanden die einschalige und die zweischalige Rasensodenmauer. Bei der einschaligen war nur die zum Feind gewandte, steile Außenseite mit Rasensoden fixiert, währen die Innenseite keine Rasensoden trug und einen flacheren Winkel hatte (2); bei der zweischaligen waren Innen- und Außenseite steil abgeböscht und mit Rasensoden bedeckt (3). Eine Übergangsform von der Rasensodenmauer zur eigentlichen Holz-Erde-Mauer stellte die Rasensodenmauer mit senkrechten Seiten und Holzverstärkung dar (4). Sie bestand aus zwei parallel verlaufenden, senkrecht aufgestapelten Rasensodenmauern, deren Zwischenraum mit Erde verfüllt war. Die beiden Rasensodenkonstrukte waren mit durch die Verfüllung hindurch gehenden Holzpfählen querverstrebt. Die Pfähle der Palisade reichten bis in den anstehenden Boden und bewirkten so an der äußeren Feindseite der Mauer eine zusätzliche Stabilisierung. Ein Beispiel für eine solche Konstruktion fand sich beim Kastell III von Arae Flaviae. Eine Ausnahmeerscheinung ist das flavische Kastell von Hod Hill in Südengland (nicht abgebildet),[3] bei dem zwischen zwei senkrechten Rasensodenmauern eine Steinaufschüttung einbracht worden war.[4] Eine weitere Ausnahme ist das Kastell Oberdorf (nicht abgebildet), bei dem die Außenseite mit Kalktuffquadern verblendet war und die Innenseite aufgeschichteter Rasensoden mit einer Holzverschalung.

Von der eigentlichen Holz-Erde-Mauer schließlich gibt es zwei verschiedene Typen: die mit vorderer Holzversteifung und die mit senkrechter Vorder- und Rückseite. Beim ersten Typus fiel die Mauer zur Feindseite hin steil ab und war außen mit Holzbrettern verblendet (5). Die Stämme, welche die Brustwehr befestigten, waren im anstehenden Boden verankert. Waagerecht liegende Balken stabilisierten das dahinter angeschüttete Erdreich, das zur Innenseite hin geböscht war. Ein Beispiel für diese Variante ist die Umwehrung A des Kastells Hesselbach. Die vollständig ausgebildete Mauer schließlich (auch „Holzkastenwerk“ genannt) war auf beiden Seiten lotrecht und ebenfalls beidseitig mit Brettern verkleidet (6). An beiden Seiten reichten die Stützpfosten in das Anstehende. Die senkrechten Konstruktionen waren durch waagerecht liegende Balken miteinander verbunden.

In Anbetracht der meist nur bis zu einem halben Meter hohen Erdwälle, die heute im besten Fall noch von den ehemaligen Holz-Erde-Mauern im Gelände übrig sind, fällt es schwer, sich eine konkrete Vorstellung von Größe und Aussehen dieser Bauwerke zu machen. Die konkrete Breite wird durch verschiedene lokale Faktoren mitbestimmt worden sein, im Allgemeinen lag sie an den germanischen Limites zwischen drei und vier Metern. Die ehemalige Höhe zu schätzen gelingt nur unter Berücksichtigung des Böschungswinkels und der Annahme eines rund zwei Meter breiten Wehrgangs. Eine ungefähre Höhe des Wehrgangs von bis zu 3,50 m gilt als wahrscheinlich, zu denen noch einmal eine bis zu knapp zwei Meter hohe, mit Zinnen besetzte Brustwehr gerechnet werden muss. Dies deckt sich mit Befunden aus Britannien, wo einschließlich Brustwehr fünf Meter hohe Mauern ermittelt werden konnten. Innenseitig steil geböschte Umwallungen wurden mit einer Treppe, innen senkrecht abfallende Mauern mit seitlichen Rampen (lateinisch: ascensus, Plural ascensuus) ausgestattet, um das Erklimmen des Wehrgangs zu ermöglichen.

Erst mit dem endenden ersten / beginnenden zweiten Jahrhundert wurden die Holz-Erde-Mauern der römischen Kastelle sukzessive von Steinmauern ersetzt, wobei man sich mitunter zunächst damit begnügte, Steinschalen vor den Holzschalen hoch zu ziehen.[2]

Bekannte Anlagen

An dem Römerlager Oberaden konnte ein knapp 100 m langer Abschnitt der Befestigung untersucht werden. Die Mauer bestand in Oberaden aus zwei parallel verlaufenden, drei Meter voneinander entfernten Holzwänden, der Zwischenraum war mit dem Aushub des vorgelagerten Spitzgrabens verfüllt. Die Holz-Erde-Umwehrung wurde im „Römerpark Bergkamen“ rekonstruiert. Nach Berechnungen des Archäologen Johann-Sebastian Kühlborn müssten alleine für die Umwehrung dieses großen Mehrlegionlagers rund 25.000 Eichen gefällt worden sein.[5] Eine weitere Rekonstruktion des Abschnittes einer Holz-Erde-Mauer mit Tor und Türmen des Römerlagers Haltern wurde im Freigelände des LWL-Römermuseums Haltern am See errichtet. Die Rekonstruktion befindet sich genau an der Stelle der Originalbefunde. Die dortige Mauer war ebenfalls zweischalig, drei Meter breit, vermutlich über drei Meter hoch und kostete nur die halbe Anzahl gefällter Eichen.[6]

Siehe auch

Quellen

Literatur

  • Rudolf Aßkamp, Stefan Brentführer: Die Rekonstruktion von Westtor und Holz-Erde-Mauer des Hauptlagers von Haltern. In: Archäologie in Westfalen-Lippe, 2016, S. 297–302.
  • Anne Johnson: Wehrmauern aus Holz, Erde und Rasensoden. In dies.: Römische Kastelle des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in Britannien und den germanischen Provinzen des Römerreiches. Philipp von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 70–81.
  • Jana Minaroviech-Ratimorská: Hypothetical 3D Reconstruction of the Roman Earth-and-Timber Fort in Iža. In: Forschungen und Methoden vom Mittelmeerraum bis zum Mitteleuropa. Anodos, Supplementum 4. Phoibos, Trnava 2007, S. 91–102 (Digitalisat).
  • Kees Peterse: Die Rekonstruktion der Holz-Erde-Mauer des Römerlagers Oberaden. In: Babesch, Nummer 85, 2010, S. 141–177.
  • Michel Reddé: Camp. In: Yann Le Bohec (Hrsg.): The Encyclopedia of the Roman Army. Wiley, Chichester 2015, Band 1, ISBN 978-1-4051-7619-4, S. 126–139.

Einzelnachweise

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