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Jahrbücher für musikalische Wissenschaft

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Die Jahrbücher für musikalische Wissenschaft waren der erste Versuch, für die im Entstehen begriffene akademische Musikwissenschaft ein Periodikum zu gründen. Die Darstellung beruht auf einer integralen Lektüre beider Bände im Auftrag des Répertoire international de la presse musicale (RIPM).

Erscheinungsweise und Gliederung

Das Periodikum Jahrbücher für musikalische Wissenschaft wurde in Leipzig im Verlag von Breitkopf und Härtel herausgebracht. Es erschienen nur zwei Bände, der erste im Jahr 1863 und nach einer Unterbrechung von drei Jahren ein weiterer im Jahr 1867. Der 1. Band enthielt nur acht längere Hauptbeiträge (I.–VIII.), der 2. Band drei weitere längere Hauptbeiträge (IX. XI.) und eine weitere Abteilung (XII.) mit zwei längeren Rezensionen und etlichen kürzeren, sogenannten „Anzeigen“.

Bedeutung und historischer Standort

Die Jahrbücher waren ein früher Versuch, die an den Universitäten im Entstehen begriffene Disziplin der Musikwissenschaft publizistisch zu repräsentieren, wie auch öffentlich zu fördern und ihre feste Etablierung im Rahmen des Fächerkanons der Fakultäten zu begründen. Ihr Gründer und Herausgeber Friedrich Chrysander sah es allerdings als vordringliche Aufgabe an, die Produktivität und methodische Seriosität der neuen Wissenschaft erst einmal unter Beweis zu stellen, damit sie den höheren Ansprüchen einer akademischen Disziplin überhaupt genügen könne. Er sah als die Aufgabe der Jahrbücher an, die besten Kräfte Deutschlands zu bündeln, um aufgrund gründlicher Quellenforschungen zu neuen, auf bestimmten Gebieten erstmaligen Ergebnissen zu kommen. Für das systematische und historische Bewusstsein gewinnbringende Resultate von selbständigen Forschungen sollten einen legitimen Anspruch der neuen Wissenschaft bezeugen und ihre offizielle Förderung begünstigen. Die beiden Bände sind Ausdruck eines gesteigerten Selbstbewusstseins der Musikwissenschaft als unveräußerlichem Bestandteil einer modernen Wissenschaftsidee und ihres Ringens um Anerkennung. Die breit angelegten und durch Quellenpublikationen gestützten Argumentationen der Hauptartikel sollten (und können) von der neue Bahnen eröffnenden Kraft ernsthafter, methodisch abgesicherter Forschung auf dem Gebiet der Musik überzeugen. Auch eine Belehrung praktischer Musiker und die Einbeziehung von Dilettanten in die wissenschaftliche Debatte waren angestrebt.

Herausgeber

Der einzige Herausgeber (und zugleich der Hauptautor beider Bände) war

Friedrich Chrysander (1826–1901)

Der große Händel-Forscher des 19. Jahrhunderts (von Georg Gottfried Gervinus unterstützter Allein-Herausgeber der 97 Bände umfassenden ersten Gesamtausgabe von Händels Werken und einer fragmentarischen mehrbändigen Händel-Biografie) war auf musikalischem Gebiet Autodidakt. Nach den beiden Jahrbüchern hat er in den Jahren 1868–71 und 1875–82 noch eine weitere maßgebliche Musikzeitschrift, die Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung redigiert, sowie später in den Jahren 1885–94 zusammen mit Philipp Spitta und Guido Adler die Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft herausgegeben, als deren Vorläufer die Jahrbücher anzusehen sind; sie werden jedenfalls im Vorwort zur Erstausgabe der Vierteljahrsschrift als die vorangegangenen „Versuche“ bezeichnet. An allen von ihm gegründeten und redigierten Zeitschriften hat Chrysander mit substantiellen Beiträgen mitgewirkt. Weitere Forschungsergebnisse hat er später noch im Jahrbuch der Musikbibliothek Peters veröffentlicht. Seit dem Jahr 1866 bis zu seinem Tod lebte und wirkte er in einem von ihm errichteten privaten Forschungszentrum mit Archiv und eigenen Publikationsmöglichkeiten (Stecherei und Druckerei) in Bergedorf bei Hamburg. Er entwickelte zu Anfang der 1870er Jahre im Kontakt mit Joseph Joachim, dem Künstlerischen Direktor der Berliner Musikhochschule, ein Konzept zum Aufbau einer öffentlichen Musikuniversität für praktische und theoretische Lehre sowie Forschung. Außerdem war er als Gründer und Herausgeber beteiligt an der Idee und der praktischen Verwirklichung der Publikation von Denkmälern der Tonkunst. Das Geflecht seiner Beziehungen und Korrespondenzen mit Musikern und Wissenschaftlern seiner Zeit war groß. Im Gegensatz zum Begriff des Musikgelehrten wollte er ein gelehrter Musiker sein.

Für die von ihm herausgegebenen Jahrbücher schrieb er folgende Artikel: Vorwort und Einleitung (I, S. 9–16); Deutscher Volksgesang im XIV. Jahrhundert. Vollständige Mittheilung des poetisch-musikalischen Theiles der Limburger Chronik von Johannes, nebst Fritschen Closener’s Bericht über die Fahrten der Geisler (I, S. 115–146); Geschichte der Braunschweig-Wolfenbüttelschen Capelle und Oper vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert (I, S. 147–286); Henry Carey und der Ursprung des Königsgesangs „God save the King“ (I, S. 274–407); Händel’s Orgelbegleitung zu Saul, und die neueste englische Ausgabe dieses Oratoriums (I, S. 408–428); Beethoven’s Verbindung mit Birchall und Stumpff in London, (I, S. 429–452); Beteiligung am Nachwort (zusammen mit Bellermann) zu dem gesamten Komplex des Locheimer Liederbuchs (II, S. 225–234); Johann Sebastian Bach und sein Sohn Friedemann Bach in Halle 1713 1768 (II, S. 235–248); Mendelssohn’s Orgelbegleitung zu Israel in Aegypten (II, S. 239–267); Rezension von Büchern von Rudolph Westphal, E. de Coussemaker, Philipp Wackernagel, Friedrich Hommel, Friedrich Riegel, Rochus von Liliencron, Alexander W. Thayer, C. H. Bittner. Fr. M. Rudhart, Arrey von Dommer und Eduard Krüger (II, S. 300–336); außerdem zum Abschluss eine Statistik der Gesangvereine und Konzertinstitute in Deutschland und der Schweiz (II, S. 337–374).

Mitarbeiter

  • Friedrich Wilhelm Arnold (1810–1864). Er war Musikforscher und -kritiker, Volkslied-Sammler, lebte in Köln, sowie schließlich als Musikalienhändler und -verleger in Elberfeld. Im 2. Band der Jahrbücher veröffentlichte er eine Pionierleistung in der deutschen Volksliedforschung: Das Locheimer Liederbuch nebst der Ars organisandi von Conrad Paumann etc. aus den Urschriften kritisch bearbeitet, in posthumer Bearbeitung von Bellermann und Chrysander (S. 1–234).
  • Heinrich Bellermann (1832–1903). Er war zunächst Gymnasiallehrer, dann Professor für Musik, Musikforscher und Komponist. Haupt der Berliner Vokalschule. Für die Jahrbücher schrieb er im 1. Band die deutsche Übersetzung von und die Anmerkungen zu Joannis Tinctoris, Terminorum musicae diffinitorium (S. 55–114); im 2. Band die deutsche Übersetzung von und die Anmerkungen zu Conrad Paumanns Fundamentum organisandi im Rahmen von Arnolds Darstellung des Locheimer Liederbuchs (S. 177–224), sowie zusammen mit Chrysander das Nachwort zu dem gesamten Komplex (S. 225–234). Im 2. Band übernahm er die Rezension der Musikgeschichte von August Reissmann (S. 268–300).
  • Moritz Hauptmann (1792–1868) Er war Komponist und Musiktheoretiker, arbeitete als Leipziger Musikdirektor und Thomaskantor sowie als Professor am Leipziger Konservatorium, Freund und Mitarbeiter von Louis Spohr und Felix Mendelssohn. Im 1. Band der Jahrbücher veröffentlichte er zwei musiktheoretische Abhandlungen: Klang (S. 17–27) und Temperatur (S. 28–54).

Inhalte

Die fast nur aus Hauptbeiträgen bestehenden Bände der Jahrbücher geben Forschungsergebnisse bekannt. Nicht zufällig werden die Jahrbücher mit zwei Beiträgen zu musiktheoretisch-systematischen Fragestellungen, zu Klang und Temperatur eröffnet, um die naturwissenschaftliche Basis jeder Beschäftigung mit Musik zu betonen. Um die Verknüpfung dieser Fragen mit historischen zu demonstrieren, wird im Anschluss daran die Musiktheorie des Joannis Tinctoris anhand neuer Quellenfunde dokumentiert und kommentiert. Das besonders wichtig genommene Forschungsgebiet des weltlichen Liedes im Volksgesang wird anhand der Dokumentation der Limburger Chronik wie des Locheimer Liederbuchs um entscheidende Schritte vorangebracht. Die für die musikalische Entwicklung entscheidende Rolle der höfischen Kapellen mit Sängern und Instrumentalisten wird am Beispiel der Braunschweiger Kapelle und des dortigen Hoftheaters im 16. bis 18. Jahrhundert dargestellt. Die verwickelte Geschichte der Entstehung des englischen Volksgesangs „God save the King“ wird anhand neuer Quellen entrollt. Zweimal wird mit Rückgriff auf die englischen Originalhandschriften Händels dessen Behandlung der Orgelbegleitung in seinen Oratorien erörtert, an den Bespielen Saul und Israel in Egypt, letzteres in Verbindung einer Kritik an Mendelssohns Behandlung dieser Frage in seiner Bearbeitung. Weitere Neuigkeiten werden über Beethovens späte Beziehungen nach England mitgeteilt (inkl. einer Kritik an der Darstellung dieser Verhältnisse durch Anton Schindler) sowie über die Beziehung von Bach Vater und Sohn Friedemann zur Stadt Halle. In den im 2. Band enthaltenen Rezensionsteil werden hauptsächlich musikhistorische Darstellungen von August Reissmann, Rudolph Westphal, Edmond de Coussemaker und Philipp Wackernagel vorgestellt und kritisiert, sowie biografische Versuche von Thayer über Beethoven und Bittner über J. S. Bach. Für die Autoren waren ausschließliche eigene selbständige Quellenforschungen grundlegend für ihre Ausarbeitungen.

Literatur

  • Alexander Wilfing: Chrysanders Vorwort und Einleitung in die „Jahrbücher für musikalische Wissenschaft“. In: Melanie Wald-Fuhrmann, Annette van Dyck-Hemming (Hgg.): Grundlagentexte der Musikwissenschaft. Edition und Kommentar. Kassel 2026, S. 73–83.

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