Jeschurun Keschet
Dichter und Übersetzer (1893-1977)
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Jeschurun Keschet (Alternativname: Yeshurun Keshet; Geburtsname: Ya’akov Yehoshua Koplewitz; (hebräisch ישֻרוּן קֶשֶת;) * 29. November 1893 in Mińsk Mazowiecki, Weichselland; † 22. Februar 1977) war ein israelischer Essayist, Dichter, Literaturkritiker, Herausgeber und Übersetzer, der unter anderem 1976 mit dem Bialik-Preis für schöne Literatur und Wissenschaft des Judentums ausgezeichnet wurde.
Leben
Jeschurun Keschet reiste er 1911 erstmals nach Palästina, wo er das Hebräische Herzlia-Gymnasium in Tel Aviv besuchte und 1913 erste Gedichte in den Zeitung „Ha-Aḥdut“ und „Revivim“. Anschließend veröffentlichte er Gedichte, Essays und Literaturkritiken in den meisten hebräischen Zeitungen und Zeitschriften. 1920 ging er nach Europa und absolvierte ein Studium an der Universität La Sapienza in Rom sowie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin.[1] Wie er in seiner Darstellung Berlins in seinen 1980 posthum erschienenen Memoiren „Ḳedmah ṿe-yamah“ („Ost und West“) verdeutlicht, muss man, um die Natur der hebräischen Aktivitäten in der Stadt sowie die literarische Repräsentation des Stadtbildes in der modernistischen hebräischen Literatur zu verstehen, die komplexe Rolle Berlins in verschiedenen Kontexten betrachten: Berlin als historisches Zentrum der hebräischen Literatur; Berlin als Schnittpunkt zwischen „Osten“ und „Westen“ und Anziehungspunkt für Immigranten jener Zeit, darunter eine große (jüdische) Emigrantengemeinschaft aus Russland.[2.1] Während der Zeit der Weimarer Republik, insbesondere zwischen 1920 und 1925, entwickelte sich Berlin de facto zur größten Enklave hebräischer Literatur und Kultur in Europa (und vielleicht sogar weltweit). Wie er feststellte, geschah dies vor allem deshalb, weil die deutsche Hauptstadt für unzählige hebräische und jiddische Schriftsteller (darunter viele zweisprachige) zur bevorzugten Stadt geworden war, die ihre Heimat in der turbulenten Atmosphäre des postrevolutionären Sowjetrusslands verlassen hatten.[2.2] Schriftsteller, die nicht in den westlichen Stadtteilen leben konnten, fühlten sich oft zu Orten wie dem „Romanischen Café“ am Auguste-Viktoria-Platz im Westteil Berlins hingezogen. Wie er bezeugte, konnten Schriftsteller wie Aaron Sacharowitsch Steinberg, Uri Zvi Grinberg, Samuel Agnon und viele andere dort hebräische, jiddische, deutsche und russische Schriftsteller, Intellektuelle, Künstler und Bohemiens treffen und den pulsierenden Geist der Stadt erleben.[2.3] In seinen Memoiren erscheint das Café sowohl als eine Art „jüdischer urbaner Raum“ als auch als ein Ort, dessen „Stammgäste“ die „kulturelle Elite voller Dekadenz, Rauch und dem synkopierten Rhythmus der Großstadt“ sind.[2.4]
Er unterrichtete danach als Lehrer in Marijampolė in Litauen und kehrte 1926 nach Palästina zurück, wo er sich nach einer kurzen Lehrtätigkeit dem Schreiben und Übersetzen widmete. Zu seinen Gedichtbänden zählen „Ha-Helekh ba-Areẓ“ (1932), „Elegyot“ (1944) und „Ha-Ḥayyim ha-Genuzim“ (1959). Seine Gedichte sind stark von der europäischen, insbesondere der französischen, dekadenten Lyrik beeinflusst. Ihre Lyrik wandelt die vermeintliche Verzweiflung und Angst des Dichters in eine elegische Melancholie um. Seine Neigung zu traditionelleren Formen mildert deren Härte zusätzlich. Viele seiner Gedichte spiegeln die Auseinandersetzung mit ästhetischen und philosophischen Problemen wider.[1]
Zu seinen Prosawerken zählen „Ha-Derekh ha-Ne'elamah“ (1941); Tagebuch (1919–39); „Be-Doro shel Bialik“ (1943); „Be-Dor Oleh“ (1950); „Maskiyyot“ (1953), während im Bereich der Literaturkritik über europäische Schriftsteller Werke wie „Shirat ha-Mikra“ (1945), „Ruḥot ha-Ma'arav“ (1960) erschienen. Die Autorin Devorah Baron nannte er „die Dichterin der bescheidenen Frauen im litauischen Schtetl der letzten Generation“.[3] Er wurde 1948 mit dem Saul-Tschernichowski-Preis ausgezeichnet. Seine Essays zur nationalen Selbstkritik wurden in „Havdalot“ (1962) und „Keren Ḥazut“ (1966) veröffentlicht, wobei er sich beispielsweise 1962 selbst als Bewohner eines Augiasstalls schilderte, in dem Demagogen die spirituellen Führer der Gemeinde entmachtet hatten. Dem griechischen Mythos folgend, sehnte er sich nach Herakles, der den Mist wegschaffen möge.[4] Zu seinen Werken zählen ferner „Maḥarozot“ (1967), die Autobiografie „Bein ha-Armon ve-ha-Lilakh“ (1967) und „Rashuyyot“ (1968), eine Sammlung von Essays über israelische Schriftsteller. Seine Monografie über Micha Josef Berdyczewski (1958) ist ein bedeutender Beitrag zur hebräischen Literaturkritik. Er übersetzte außerdem zahlreiche Bücher ins Hebräische, darunter viele Klassiker der europäischen Literatur. 1976 wurde er gemeinsam mit Jehuda Amichai[5] mit dem Bialik-Preis für schöne Literatur und Wissenschaft des Judentums ausgezeichnet. Seine gesammelten Gedichte, „Ha-Oẓar ha-Avud,“ erschienen 1996.[1]
Veröffentlichungen
Eigene Werke
- ha-Helekh ba-arets, 1932
- ha-Derekh ha-naʻalamah, 1941
- Be-doro shel Byaliḳ, 1942
- Elegiyot, 1944
- Be-dor ʻoleh masot ʻal Y. D. Berḳovits, Yaʻaḳov Kohen, Yaʻaḳov Fikhman, Daṿid Shimʻonovits, Yaʻaḳov Shṭaynberg, 1950
- Maśkiyot, 1953
- Shirat ha-Mikraʹ, 1954
- M. Y. Berditsevski, 1958
- ha-Ḥayim ha-genuzim, 1959
- Ruḥot ha-maʻarav, 1960
- Havdalot, („Abgrenzung“), 1962
- Keren ḥazut, 1966
- Ben ha-ʻarmon ṿeha-lilakh, („Bezauberte Jugend“), 1967
- Maḥarozot, 1967
- Rashuyot, 1968
- Omadot, 1969
- Bi-Yerushalayim ha-netsurah, („Im kriegsgeplagten Jerusalem“), 1973
- Ḳedmah ṿe-yamah, („Ost und West“, Memoiren), 1980
- ha-Otsar ha-avud, („Der verlorene Schatz“, Gedichtsammlung), 1996
- Be-tokh ʻami, („Innerhalb meines Volkes“), 1996
Übersetzungen
- Rembrandt, jesirato we-’erko-le-Jahadut (Original Leonid Ossipowitsch Pasternak), 1923
- Asya (Original Iwan Sergejewitsch Turgenew „Asja“), 1926
- Martin Eden (Original Martin Eden: „Martin Eden“), 1928
- ha-Mered ba-midbar (Original T. E. Lawrence: „Aufstand in der Wüste“), 1931
- Eleh ḳorot Yaʻaḳov (Original Thomas Mann: „Die Geschichten Jaakobs“), 1935
- Yosef ṿe-eḥaṿ (Original Thomas Mann: „Joseph und seine Brüder“), 1935
- Gedole ha-dor (Original Winston Churchill: „Great Contemporaries“), 1941
- Divre yeme Eropah (Original Herbert Fisher: „Die Geschichte Europas“), 1941
- Rofe kafri (Original Franz Kafka: „Kurzgeschichten“), 1978
- Romi ṿi-Yerushalayim u-khetavim Yehudiyim aḥerim (Original Moses Hess: „Rom und Jerusalem“), 1983
Literatur
- James S. Diamond: Barukh Kurzweil and modern Hebrew literature, Scholars Press, 1983 (Onlineversion (Auszug))
- Yael S. Feldman: Modernism and cultural transfer. Gabriel Preil and the tradition of Jewish literary bilingualism, Hebrew Union College Press, 1986 (Onlineversion (Auszug))
- Shachar Pinsker: Literary passports. The making of modernist Hebrew fiction in Europe, Stanford University Press, 2011 (Onlineversion (Auszug))
- Sheila E. Jelen: Intimations of Difference. Dvora Baron in the Modern Hebrew Renaissance (Judaic Traditions in Literature, Music, & Art), Syracuse University Press, 2007 (Onlineversion (Auszug))