Keuschheitsgürtel

Verschließbarer Gürtel zur Verhinderung sexueller Handlungen des Trägers From Wikipedia, the free encyclopedia

Ein Keuschheitsgürtel ist ein stabiler (oft metallverstärkter), mit einem Schloss versehener Gürtel, der den Genitalbereich so umschließt, dass sexuelle Aktivitäten wie Geschlechtsverkehr oder Masturbation stark erschwert oder unmöglich werden.

In modernen Varianten sind Keuschheitsgürtel seit dem 20. Jahrhundert bekannt und werden insbesondere für BDSM-Praktiken oder für erotische Rollenspiele genutzt. Für eine von Männern getragene Variante hat sich der Begriff Peniskäfig etabliert.

Die Vorstellung, dass Keuschheitsgürtel für Frauen im mittelalterlichen Westeuropa verbreitet gewesen seien, um ihre eheliche Treue sicherzustellen, ist ein verbreiteter historischer Mythos.

Geschichte

Das cingulum castitatis in der christlichen Tradition

Keuschheitsgürtel im heutigen Sinne waren in Antike und Mittelalter unbekannt.[1][2] In der christlichen Tradition war aber seit der Spätantike die biblisch begründete Allegorie der Keuschheit als Kampf gegen die Versuchung verbreitet.[3] Eine über Jahrhunderte verbreitete Metapher war dabei die Rede vom cingulum castitatis (‚Schutzgürtel der Keuschheit‘).[3][4] Der wörtliche Sinn bezieht sich auf das cingulum (militare), den metallverstärkten Lederschurz, wie ihn römische Soldaten trugen, im übertragenen Sinn steht es für den Schutz vor Versuchung.

Literarische und bildliche Darstellungen von Keuschheitsgürteln für Frauen (14.–16. Jahrhundert)

Renaissance-Literatur

Semiramis und ihre Hofdamen in einem Holzschnitt, der Steinhövels Bearbeitung von De mulieribus claris illustriert (GW 4486).

Das literarische Motiv eines Keuschheitsgürtel für Frauen ist seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zuerst in Italien nachweisbar. Giovanni Boccaccio schreibt (in De mulieribus claris, um 1361) die Erfindung des Keuschheitsgürtel der sagenhaften Herrscherin Semiramis zu. Sie erscheint in seiner Darstellung als virago, die ‚wie ein Mann‘ geherrscht und Krieg geführt habe. Wie andere misogyne Autoren vor ihm stellt Boccaccio sie dann als sexuell ausschweifend dar; insbesondere habe sie ein inzestuöses Verhältnis mit ihrem Sohn gehabt. Um ihre Hofdamen davon abzuhalten, sexuelle Beziehungen mit ihrem Sohn einzugehen, habe Semiramis diesen Keuschheitsgürtel angelegt.[5] Auch Antonio Cornazano nannte Semiramis die Erfinderin des Keuschheitsgürtels.[6]

Um 1400 verfasste Giovanni Sercambi eine Novelle, in der die krankhafte Eifersucht des Protagonisten unter anderem dadurch dargestellt wird, dass er seiner Frau einen Keuschheitsgürtel aus Eisen anlegt.[1.1] Vor allem Boccaccios Darstellung der Semiramis gewann durch Übersetzungen und Bearbeitungen seines Werkes im 15. Jahrhundert weite Verbreitung.

Vielleicht geht auch die Tradition, wonach Francesco II. von Carrara (1359–1406) der ‚Erfinder‘ des Keuschheitsgürtel gewesen sei, noch ins 15. Jahrhundert zurück. Es könnte sich um eine postume Rufschädigung durch seine Gegner in Venedig gehandelt haben.[1.2][7.1]

Konrad Kyeser

Abbildung eines „Keuschheitsgürtels“ im Bellifortis, hier in der Abschrift München, BSB, Clm 30150, fol. 82v (Detail).

Die früheste bildliche Darstellung eines vorgeblich realen Keuschheitsgürtels findet sich bei Konrad Kyeser in dessen vor 1402 vollendeten Bellifortis.[7] Kyeser berichtet dabei in unernster Form davon, dass angeblich Frauen in Florenz Keuschheitsgürtel trügen. Er ergänzt dies durch eine bildliche Darstellung,[7.1] die sicher kein reales Vorbild hatte. Da Kyeser vor Abfassung des Bellifortis in Norditalien gewesen war, ist es plausibel, dass er das Motiv des Keuschheitsgürtels dort kennengelernt hat.[7.2]

Einblattdrucke des 16. Jahrhunderts

Satirische Darstellung eines (alters-)ungleichen Ehepaars (Holzschnitt, 16. Jahrhundert); der Begleittext erläutert, dass der Versuch des Ehemannes, seine junge Frau mit einem Schloß vom Ehebruch abzuhalten, vergeblich ist.

In der Frühen Neuzeit wurden Keuschheitsgürtel für Frauen vereinzelt bildlich dargestellt. Das Motiv kommt im 16. Jahrhundert auf, allerdings nur in Einblattdrucken und auch dort nur selten.[1.3] Die Darstellungen zeigen meist ungleiche Ehepaare, wobei die Frauen als jung und attraktiv (und oft nur spärlich bekleidet) dargestellt werden, die Männer als alt und wohlhabend. Die Begleittexte erläutern, dass die Männer ihren Frauen Keuschheitsgürtel anlegten, um sie (vergeblich) von außerehelichen Beziehungen abzuhalten. Sowohl die Darstellungen als auch die Begleittexte sind deutlich satirisch und betonen die Sinnlosigkeit solcher Gürtel, ohne deren Realität zu behaupten.[1.4]

Aufklärung: Kritik männlicher Besitzansprüche und liberäre Pornographie

Im Kontext der Französischen Aufklärung erhielt der Keuschheitsgürtel in verschiedenen Kontexten neue Bedeutung. Zum einen kritisierten Autoren die männlichen Besitzansprüche, die im Anlegen des Keuschheitsgürtel zum Ausdruck gekommen sei, und scheinen teilweise von der tatsächlichen Verbreitung dieser Praxis ausgegangen zu sein.[1.5] Zugleich nimmt die libertär-erotische Literatur des 18. Jahrhunderts den Keuschheitsgürtel in den Kanon der pornographischen Motive auf, z. B. in dem Mirabeau zugeschriebenen Roman Le rideau levé.[8]

19. und frühes 20. Jahrhundert: Mythos Keuschheitsgürtel und reale Onaniebandagen

Darstellung von Onaniebandagen (Albert Moll, Handbuch der Sexualwissenschaften. F.C. Vogel: Leipzig 1921, S. 627).

Sowohl die Enzyklopädien der Aufklärungszeit als auch die erotischen Werke des 18. Jahrhunderts trugen dazu bei, dass Keuschheitsgürtel im 19. Jahrhundert als Vorstellung bekannt wurden. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass im 19. Jahrhundert Onaniebandagen, die Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts von der Masturbation abhalten sollen, entworfen und auch hergestellt wurden. Jedenfalls handelt es sich bei diesen Gegenständen um die ersten realen Keuschheitsgürtel, deren Herstellung und Gebrauch sicher belegt ist.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Vorstellung, dass Keuschheitsgürtel für Frauen im Mittelalter regelmäßig Anwendung gefunden hätten.[1.6] Private Sammler und zahlreiche Museen erwarben damals Objekte, die als mittelalterliche Keuschheitsgürtel für Frauen ausgegeben und als solche akzeptiert wurden;[9] das berühmteste dieser Stücke ist im Besitz Musée de Cluny. Bis ins späte 20. Jahrhundert (und vereinzelt bis ins 21. Jahrhundert) wurden diese Objekte bzw. Reproduktionen derselben behandelt, als ob es sich um Belege für die Verbreitung von Keuschheitsgürteln im Mittelalter handelte.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden zahlreiche populäre und wissenschaftliche Darstellungen aus verschiedenen Disziplinen (Kulturgeschichte, Sexualwissenschaft, ‚Sittengeschichte‘), die von der Realität mittelalterlicher Keuschheitsgürtel ausgingen. Auch weit verbreitete Lexika wie Meyers Konversations-Lexikon (erstmals 1905) nahmen das Lemma auf und trugen, trotz zurückhaltender Formulierung, zur Verbreitung des Mythos bei.[1.7] Eric John Dingwall verfasste 1923 eine einflussreiche Monographie zu Keuschheitsgürteln, in der er ihre Verbreitung im Mittelalter behauptete und mit (homosexuellen und heterosexuellen) Ausschweifungen insbesondere im Italien der Renaissance in Verbindung brachte.[10] Trotz seines unkritischen Charakters hatte das Buch bis weit ins 20. Jahrhundert starken Einfluss auch auf seriöse Darstellungen des Themas.[1.8] Die akademische Geschichtswissenschaft hingegen widmete der Frage nach der Realität von Keuschheitsgürteln oder den Gründen für die Verbreitung der entsprechenden Phantasien keine Aufmerksamkeit.

20. und 21. Jahrhundert

Im weiteren 20. und im 21. Jahrhundert war bzw. ist der Mythos weiterhin verbreitet. Während manche populärwissenschaftliche Werke von der Realität des Mythos ausgingen,[11] betonen andere populäre Darstellungen (Tagespresse, Irrtumslexika) immer wieder, dass es sich um eine wenig plausible und schlecht belegte Vorstellung handele.[12][13][14] Häufig wird der Keuschheitsgürtel auch in satirischen Kontexten verwendet,[15] etwa in Filmen wie Woody Allens Everything You Always Wanted to Know About Sex (1972) oder Mel Brooks Robin Hood: Men in Tights (1993).

Seriöse historische Forschungen zu Keuschheitsgürteln waren im gesamten 20. Jahrhundert selten. Eine gründliche Untersuchung legte erst Albrecht Classen im Jahr 2007 vor.[1] Seine Studie gilt, trotz einiger Kritik,[16][17] als endgültiger Nachweis, dass es sich beim mittelalterlichen Keuschheitsgürtel um einen historischen Mythos handelt.[18]

Gegenwart

Heute ist der Keuschheitsgürtel eher als Utensil bei erotischen Rollenspielen, besonders im BDSM-Bereich, von Bedeutung. Er wird aus modernen Werkstoffen wie Acryl oder Silikon, aber auch aus Leder oder aus rostfreiem Stahl hergestellt. Er kann sich bei Maßanfertigungen vieler Hersteller der Anatomie des Trägers millimetergenau anpassen. Spezielle Polsterungen und penible Intimhygiene sind unbedingt nötig, um bei längerem Tragen Gesundheitsschäden (Wundreiben, Dekubitus, Infektionen) möglichst gering zu halten. Manche Keuschheitsgürtel haben die Möglichkeit, einen Dildo anzuschrauben, der dann vom Körper absteht wie ein erigierter Penis.

Sicherheitsprobleme bei Keuschheitsgürtel

Hacker können sich Zugriff auf die Steuerung eines elektronischen Keuschheitsgürtels verschaffen und damit die Opfer erpressen. Dass die Möglichkeit der Notfallentsperrung bei Keuschheitsvorrichtungen normalerweise nicht vorgesehen ist, kann zum Problem werden, wenn die Entriegelung wegen Sicherheitslücken nicht mehr von den Nutzern kontrolliert werden kann. Elektronisch gesteuerte Keuschheitsgürtel gehören zu den Sexspielzeugen, die seit 2016 wegen Sicherheitsproblemen, die eine externe Steuerung ermöglichen und/oder dem laxen Umgang mit sensiblen Nutzerdaten kritisiert werden.[19]

Moderne Modelle

Literatur

Commons: Keuschheitsgürtel – Album mit Bildern
Wiktionary: Keuschheitsgürtel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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