Lützellinden

Stadtteil der mittelhessischen Universitätsstadt Gießen From Wikipedia, the free encyclopedia

Lützellinden ist der südlichste Stadtteil der mittelhessischen Universitätsstadt Gießen und hat rund 2400 Einwohner. Die Gemarkung umfasst ein Gebiet von 890,8 ha und stellt damit 12,3 % des Gießener Stadtgebietes dar. Geografisch zählt der Ort zum Hüttenberger Land.

Schnelle Fakten Stadt Gießen ...
Lützellinden
Stadt Gießen
Koordinaten: 50° 32′ N,  37′ O
Höhe: 180 (159–278) m ü. NHN
Fläche: 8,85 km²[1]
Einwohner: 2439 (31. Dez. 2019)[2]
Bevölkerungsdichte: 276 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Januar 1977
Eingemeindet nach: Lahn
Postleitzahl: 35398
Vorwahl: 06403
Karte
Lage von Lützellinden in Gießen
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Ortsgeschichte

Mittelalter

Lützellinden war viele Jahrhunderte lang eine wohlhabende Bauerngemeinde. Noch immer gibt es dort einige landwirtschaftliche Betriebe.

Die ältesten schriftlichen Erwähnungen von Linden stammen aus den Jahren 790 und 792 und finden sich im Lorscher Codex. Dieser Kopiar wurde um die Zeit zwischen 1183 und 1195 im Kloster erstellt. Die vier Erwähnungen im Lorscher Codex unterscheiden noch nicht zwischen den Siedlungen, die später die Ortsnamen Großen-Linden, Lützellinden, Klein-Linden und das wüst gefallene Sichlingslinden, dessen Name sich 1302 in Langenlinden änderte,[3] tragen.

790 heißt im Lorscher Codex „... in Lindere marca ...“[4] Im gleichen Jahr wird auch „... in uilla Linden ...“ genannt.[5] Zwei Jahre später werden die Linder marca sowie Linden erneut genannt.[6] Einzig die spätere Wüstung Sichelingeslinden besitzt bereits 790 einen Ortsnamen mit einem Differenzierungsglied: „... in villa Sichelingeslinden ...“[7] Dieser Ortsname erscheint in einer Urkunde des gleichen Klosters aus dem Jahre 801 als „Sichelindeslinden“.[8] In einer herrschaftlichen Urkunde werden 1065 „... VIII mansos ad Lindun ... in pago Lognahi ...“ (acht Mansen) erwähnt.[9]

Der Ortsname „Lützenlinden“ lässt sich von dem mhd. Adjektiv „lützel“ = klein ableiten. Erst als diese Bedeutung von lützel ungebräuchlich wurde,[10] hat man im 18. Jahrhundert den Ortsnamen „Kleinenlinden“ gebraucht.[11]

1333 fiel die Westhälfte der ehemaligen Grafschaft Gleiberg mit Lützellinden an die Grafen von Nassau-Weilburg. Aufgrund eines Gebietstausches nach dem Wiener Kongress kam der Ort 1816 vom Herzogtum Nassau zu Preußen.

Neuzeit

Geschichtlich war Lützellinden immer in Richtung Wetzlar orientiert. Politisch zählt der Ort erst seit 1979 – nach Auflösung der Stadt Lahn – zu Gießen. Zuvor gehörte Lützellinden zum damaligen Landkreis Wetzlar. Die geschichtliche Verbundenheit mit Wetzlar ist auch heute noch sichtbar. Sie manifestiert sich unter anderem in der Zugehörigkeit Lützellindens zur Evangelischen Kirche im Rheinland und zum Bistum Limburg, während alle anderen Teile Gießens zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bzw. dem Bistum Mainz gehören.

Weitere Besonderheiten Lützellindens: Es existieren noch viele, im Zustand allerdings unterschiedlich erhaltene, für die Dörfer des Hüttenbergs typische alte Fachwerk-Hofreiten mit hohen Hoftoren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Eines der ältesten Hoftore befindet sich in der Lindenstraße 19; es ist mit AD 1699 bezeichnet. Der Stolz alter Häuser und die Handwerkskunst der alten Werkmeister ist aber nicht nur an den Vorderseiten des Eichenfachwerks, wie z. B. des Adam-und-Eva-Hauses in der Straße An der Schule sichtbar, sondern setzt sich bis in die Hofseiten der Fachwerkreiten fort. Bis vor einigen Jahren gab es noch eine Anzahl ausschließlich Tracht-tragender Frauen. Auch wird noch heute „Platt“ (Hüttenberger Dialekt) gesprochen. Zeitweise wird im Backhaus noch mit Holz geheizt, um das herkömmliche Roggenbrot zu backen.

Hessische Gebietsreform (1970–1977)

Am 1. Januar 1977 wurde die bis dahin eigenständige Gemeinde im Zuge der hessischen Gebietsreform ein Teil des Stadtbezirks Dutenhofen der neugegründeten Stadt Lahn.[12] Bei deren Auflösung am 1. August 1979 wurde Lützellinden dann der Stadt Gießen als Stadtteil zugeordnet.[13] Für die Stadtteile Gießen-Allendorf, Gießen-Kleinlinden, Gießen-Lützellinden, Gießen-Rödgen und Gießen-Wieseck wurden Ortsbezirke mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.[14]

Verwaltungsgeschichte im Überblick

Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,[Anm. 1] denen Lützellinden angehört(e):[1][15][16]

Bevölkerung

Einwohnerstruktur 2011 (Ortsteil)

Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Lützellinden 2349 Einwohner. Darunter waren 114 (4,9 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 414 Einwohner unter 18 Jahren, 1068 zwischen 18 und 49, 465 zwischen 50 und 64 und 405 Einwohner waren älter.[20] Die Einwohner lebten in 1026 Haushalten. Davon waren 321 Singlehaushalte, 270 Paare ohne Kinder und 309 Paare mit Kindern, sowie 84 Alleinerziehende und 42 Wohngemeinschaften. In 177 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 732 Haushaltungen lebten keine Senioren.[20]

Einwohnerentwicklung

Lützellinden: Einwohnerzahlen von 1834 bis 2019
Jahr  Einwohner
1834
 
621
1840
 
622
1846
 
641
1852
 
685
1858
 
714
1864
 
759
1871
 
791
1875
 
810
1885
 
843
1895
 
951
1905
 
1.049
1910
 
1.095
1925
 
1.178
1939
 
1.243
1946
 
1.814
1950
 
1.800
1956
 
1.533
1961
 
1.492
1967
 
1.619
1970
 
1.684
1980
 
?
1990
 
?
2002
 
2.468
2006
 
2.425
2009
 
2.388
2011
 
2.349
2014
 
2.383
2017
 
2.422
2019
 
2.439
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: [1]; Stadt Gießen[21][22][23][2]; Zensus 2011[20]

Historische Religionszugehörigkeit

 1834:619 evangelische, 2 jüdische Einwohner[1]
 1961:1323 evangelische (= 88,67 %), 162 katholische (= 10,86 %) Einwohner[1]

Politik

Ortsbeirat

Für Lützellinden besteht ein Ortsbezirk (Gebiete der ehemaligen Gemeinde Allendorf) mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus neun Mitgliedern.[14]

Bei der Wahl zum Ortsbeirat ergab sich für die Wahlperiode 2016–2021 folgende Sitzverteilung:[24]

Weitere Informationen Ortsbeirat – Kommunalwahlen 2021 ...
Ortsbeirat – Kommunalwahlen 2021
Stimmverteilung in %
Wahlbeteiligung: 56,48 %
 %
50
40
30
20
10
0
29,5
(−11,0)
29,2
(+4,5)
19,6
(n. k.)
17,5
(−12,7)
4,2
(n. k.)
BfL a
2016[25]2020
Vorlage:Wahldiagramm/Wartung/Anmerkungen
Anmerkungen:
a 
Bürger für Lützellinden
Sitzverteilung
    
Insgesamt 9 Sitze
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Ortsvorsteher

Ortsvorsteher ist Markus Sames (CDU).[26]

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Zu den Denkmälern des Stadtteils siehe Liste der Kulturdenkmäler in Lützellinden.

Museen

Ehemaliges Rathaus, heute Heimatmuseum und Verwaltungsaußenstelle
  • Heimatmuseum im ehem. Rathaus (heute Verwaltungsaußenstelle), Öffnungszeiten: jeden zweiten Sonntag im Monat, mit laufenden Sonderausstellungen. Im Heimatmuseum werden Dinge des täglichen Lebens und Arbeitens im Dorf gezeigt. Ein großer Teilbereich der Ausstellung widmet sich der Hüttenberger Tracht. Das Museum wurde im Jahre 1997 gegründet.[27]

Vereine und Gruppen

  • AERO-CLUB Lützellinden (Motorflug)
  • BS Fidelio e. V. (Burschenschaft)
  • CVJM Lützellinden e. V. (Christlicher Verein Junger Menschen)
  • Heimatverein Lützellinden (Aktivitäten und Heimatmuseum im Rathaus)
  • Der Landfrauenverein (Landfrauen Hüttenberg-Lützellinden)
  • SV Lützellinden 1969 e. V. (Schützenverein)
  • TSV 2006 e. V. (Turn- und Sportverein)
  • Freiwillige Feuerwehr Gießen-Lützellinden
  • Verein für Kindererziehung e. V.

Sport

Überregional bekannt wurde das Dorf durch die Erfolge der Frauenhandball-Mannschaft des TV Lützellinden, die sieben Mal Deutscher Meister sowie 1991 Europapokalsieger wurde. Aufgrund wirtschaftlicher Probleme wurde die Mannschaft 2004 jedoch vom Bundesliga-Spielbetrieb ausgeschlossen. Nachdem dem Meister der Regionalliga Süd-West 2004/2005 aus wirtschaftlichen Gründen die Lizenz für die 2. Bundesliga in der Saison 2005/2006 verweigert wurde, löste der Verein die ehemals so erfolgreiche 1. Frauenmannschaft auf.

Erfolgstrainer Jürgen Gerlach konnte in der Saison 2005/2006 mit der weiblichen A-Jugend die vorläufig letzte Deutsche Meisterschaft für den Verein erringen. Doch im Oktober 2006 wurde der Verein von der Mehrheit seiner Mitglieder auf der Jahreshauptversammlung aufgelöst. Im Anschluss an die Auflösung wurde der TSV 2006 Lützellinden gegründet.

Besondere Ereignisse

Am 28. September 1980 war der Flugplatz Gießen-Lützellinden Ausgangspunkt für ein bislang weltweit einmaliges Ereignis. Jaromir Wagner, damals 41 Jahre alt, flog auf der Tragfläche eines zweimotorigen Flugzeuges (Britten-Norman BN-2 Islander) stehend nach New York (USA). Diese Leistung führte zu einem Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Die reine Flugzeit betrug 46 Stunden mit Landungen in Island, Grönland und Kanada; der Flug führte über die legendäre Nordatlantikroute, teils bei Temperaturen bis −40 °C. Der Pilot Holger Groth und sein Copilot Alwin Lang führten den spektakulären Flug als Sichtflug ohne Autopilot und das heutige GPS-System durch. Abschließend erfolgte ein Rundflug um Manhattan und die Freiheitsstatue. Der Rekord ist bis heute noch nicht überboten worden.[28]

Infrastruktur

Der Stadtteil ist über die Stadtbuslinie 1 mit der Kernstadt verbunden. Im Ort gibt es fünf Haltestellen.

Lützellinden ist zudem direkt via Anschlussstelle Gießen-Lützellinden der Bundesautobahn 45 (Aschaffenburg-Dortmund) erreichbar, die am südlichen Gemarkungsrand verläuft.

Es existiert als Sonderlandeplatz der Flugplatz Gießen-Lützellinden (ICAO-Code EDFL), der für Motorsegler, Segelflugzeuge und Helikopter verschiedener Gewichtsklassen sowie das Fallschirmspringen zugelassen ist.

Lützellinden hat überdies auch ein Freibad, das im Sommerhalbjahr von den Stadtwerken Gießen betrieben wird. Neben einem 25 m Sportbecken ist auch ein Nichtschwimmer Becken und ein Becken für Kleinkinder vorhanden.[29]

Naherholung

Grube Fernie

Von Lützellinden aus können per Radweg die Gießener Stadtteile Allendorf und Kleinlinden erreicht werden. Abseits der Hauptverkehrsstraßen lassen sich über betonierte Feldwege die Orte Wetzlar-Münchholzhausen, Wetzlar-Dutenhofen, Hüttenberg-Hochelheim und Linden-Großen-Linden erreichen. Um mit dem Fahrrad nach Hüttenberg-Rechtenbach zu gelangen, muss teilweise eine öffentliche Straße genutzt werden. Im oberen Feld kann man die drei alten Feldlinden und die 1968 gefasste Lindbachquelle die im Jahr 2020 wieder renaturiert wurde in der Nähe des Flugplatzes per Feldweg gut erreichen. Durch den an der Wetzlarer Gemarkung angrenzenden Lützellindener Wald gelangt man auf breitem Waldweg, vorbei an der Deck Aich, zum Aussichtstürmchen Stoppelberg (im Wetzlarer Wald gelegen). Im unteren Feld gelangt man an der ehemaligen Gemeinschaftsmühle Luhmühle vorbei Richtung Grube Fernie in der Gemarkung Linden und kann auf schmalem Weg einen idyllischen See umrunden.

Einrichtungen in angrenzenden Ortschaften: Freibäder in Gießen-Kleinlinden und Großen-Linden, Badesee in Wetzlar-Dutenhofen, Tennis- und Squashhalle in Großen-Linden.

Literatur

  • Günter Hans: Beiträge zur Geographie, Geschichte und Kultur von Lützellinden – 1200 Jahre Lützellinden 790–1990. Magistrat der Universitätsstadt Gießen 1990.
  • Karlheinz Lang: Universitätsstadt Gießen. (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Hessen). Vieweg, Braunschweig / Wiesbaden 1993, ISBN 3-528-06246-0.
  • Heimatverein Lützellinden e. V. (Hrsg.): Lützellinden einst und jetzt. Gießen 2017.
  • Literatur über Lützellinden nach Register nach GND In: Hessische Bibliographie
  • Suche nach Lützellinden. In: Archivportal-D der Deutschen Digitalen Bibliothek
Commons: Lützellinden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und Einzelnachweise

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