Arturos Insel
Buch von Elsa Morante
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Arturos Insel (Originaltitel L’isola di Arturo) ist ein Roman der italienischen Schriftstellerin Elsa Morante aus dem Jahr 1957. Als erste Frau wurde sie hierfür mit dem italienischen Literaturpreis Premio Strega ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung von Susanne Hurni-Maehler wurde erstmals 1959 veröffentlicht, insgesamt erschienen weltweit über 25 Übersetzungen des Werkes.
Handlung

Arturo Gerace wächst in den 1920er- und 1930er-Jahren auf der Insel Procida im Golf von Neapel auf. Seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben; er vergöttert sie, ohne sie je gesehen zu haben. Sein Vater Wilhelm, Sohn einer Deutschen, grenzt sich schon allein durch seine blonden Haare rein äußerlich von allen anderen Bewohnern der Insel ab; er gilt als ausgesprochen schöner Mann. Auch geistig fühlt sich Wilhelm den anderen Inselbewohnern überlegen und gibt diese Verachtung auch seinem Sohn Arturo mit auf den Weg. Verhasst ist dem Vater ein Gefängnis, das sich auf der Insel befindet. Arturo sucht die Nähe zu seinem Vater, der jedoch zumeist auf Distanz bleibt und die Insel oft für lange Zeit ohne größere Erklärungen verlässt. Gerne möchte er mit seinem Vater einmal die Insel verlassen, doch dieser unternimmt seine Reisen lieber allein.
Durch die häufige Abwesenheit seines Vaters ist Arturo weitestgehend auf sich gestellt. Nur die ersten Jahre hat er mit dem gutherzigen Silvestro einen von Wilhelm bezahlten Ziehvater. Die Geraces leben in einer einst majestätischen, halb verfallenen Villa, die Wilhelm von einem geheimnisvollen älteren Herrn vererbt bekommen hatte. Der Junge liest in den Büchern der Bibliothek über männliche Heldenverehrung und Rittertum; zur Schule geht er indes nicht. Das Lebewesen, zu dem er den engsten Kontakt hält, ist sein Hund Immacolatella. Arturo erkundet die Insel, fährt Boot und schwimmt im Meer. Eines Tages stirbt Immacolatella, als sie ihren einzigen Wurf zur Welt bringt.
Als Arturo 14 Jahre alt ist, bringt sein Vater eine neue Braut auf die Insel: Nunziatella ist nur etwa zwei Jahre älter als Arturo. Sie stammt aus einer armen Familie in Neapel und wurde gedrängt, den schönen und recht wohlhabenden Wilhelm zu heiraten. Nun, nach der Hochzeit, hat der bekennende Frauenhasser Wilhelm aber vor allem Hohn und Spott für seine junge, naive Braut übrig. Zunächst ist auch Arturo voller Feindseligkeit seiner Stiefmutter gegenüber, da sie in seinen Augen den Platz seiner verstorbenen Mutter einnehmen möchte. Seine Gefühlswelt spielt verrückt; es beunruhigt den Jungen, wenn er seinen Vater und seine Stiefmutter beim nächtlichen Sex hört. Bald verliebt sich Arturo allerdings in Nunziatella, die ihn zwar mag, seine sexuellen Avancen aber zurückweist. Nunziatella bringt ein blondes Kind zur Welt, das eine Zeit lang Arturo in ihrer Zuneigung ersetzt.
Gegen Ende des Romans findet Arturo heraus, dass Wilhelm eine zunächst schwer zu erklärende Zuneigung zu einem Inhaftierten des Inselgefängnisses hegt. Nach und nach erkennt Arturo, dass Wilhelm den jungen Gefangenen Tonino offenbar liebt, diese Liebe aber vom anderen nicht erwidert wird. Darüber hinaus muss Arturo erkennen, dass sein Vater hauptsächlich mit kriminellen Machenschaften sein Geld verdient. Der von Arturo lange Jahre übermenschlich betrachtete Vater scheint auf einmal zu einem Normalsterblichen zu schrumpfen.
Arturo möchte nun mit Nunziatella die Insel verlassen, doch sie will aus Liebe zu seinem Vater nicht weg, obwohl sie an dessen Seite unglücklich bleiben dürfte. Arturo gerät über die Abfuhr in Wut und reißt seiner Stiefmutter einen Ohrring aus. Der Vater Wilhelm sucht eine Versöhnung mit Arturo, die dieser aber ablehnt. Vor der geplanten Abreise schickt Nunziatella Arturo den goldenen Ohrring, den er ihr bei dem letzten Streit abgerissen hatte, und ein Stück süße Pizza, die sie für seinen anstehenden 16. Geburtstag gebacken hatte. Für einen Moment ist Arturo versucht, zu seiner Stiefmutter zurückzukehren, entscheidet sich aber schließlich dafür, Procida hinter sich zu lassen. Zusammen mit seinem einstigen Ziehvater Silvestro verlässt Arturo die Insel, um erstmals in seinem Leben das Festland zu betreten und sich zum Dienst im Zweiten Weltkrieg zu melden.
Erzählperspektive
Die Hauptfigur Arturo erzählt, viele Jahre später, rückblickend aus der Ich-Perspektive über Kindheit und Jugend. Dabei deutet er hin und wieder Ereignisse und Enthüllungen an, die dann erst im späteren Verlauf des Buches passieren.
Hintergrund

Arturos Insel wurde nach seiner Veröffentlichung beim Verlag Einaudi mit dem Premio Strega als bestes italienisches Buch des Jahres 1957 ausgezeichnet. Elsa Morante war somit die erste Frau, die den seit 1947 vergebenen Literaturpreis gewann. Laut einem Artikel vom Spiegel im Jahr 1959 war die Verleihung an Morante umstritten, da Kritiker in dem Preisgewinn vor allem das Werk von Morantes Ehemann Alberto Moravia sahen. Der hatte zu jener Zeit im italienischen Literaturbetrieb eine einflussreiche Stellung. So wurde kommentiert, die Auszeichnung sei an das „Haus Moravia“ gefallen.[1]
Dem Buch werden autobiografische Elemente zugeschrieben; so heißt es, dass Morante lieber ein Junge gewesen wäre und zum Ärger ihre Mutter lieber mit ihren jüngeren Brüdern spielte. „Arturo, c’est moi“, äußerte Morante einmal. In den Figuren verhandelt Morante dementsprechend Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit. Auch wird die in den 1950er-Jahren in Italien noch weitgehend tabuisierte Thematik der Homosexualität von Morante aufgegriffen, die mit homosexuellen Künstlern wie Luchino Visconti oder Pier Paolo Pasolini eng befreundet war.[2]
Innerhalb von zehn Jahren nach Erscheinen wurde der Roman in 14 Sprachen übersetzt,[3] darunter die bis heute einzige deutsche Übersetzung von Susanne Hurni-Maehler aus dem Jahr 1959. Dagegen erfolgte 2019 eine Neuübersetzung ins Englische[4] sowie 2023 eine Erstübersetzung ins Kroatische. Der Roman hat sich inzwischen als ein Klassiker der italienischen Nachkriegsliteratur etabliert[5] und wird in Italien auch häufiger im Schulunterricht behandelt.
Kritiken
Florian Illies stufte den Roman 2019 in Die Welt als eines der zehn prägenden Bücher seines Lebens ein: Es sei der „klassische Coming-of-Age-Roman – an einem der Orte auf Erden, um den einen sicher sogar die Götter beneiden: Procida, die kleine Insel im Golf von Neapel“. Die Beschreibungen der italienischen Natur und der Sonne seien aber ohne romantische Verklärung; und beim Lesen spüre man „den warmen Wind, der vom Meer heraufblies und die Tapferkeit, den Mut, die Sanftheit des jungen Helden“. Der Roman habe in ihm Sehnsucht nach „dem Zauber Neapels und des unvergleichlichen Lichts des Südens“ gepflanzt.[6]
Ebenfalls 2019 bezeichnete Tim Parks im London Review of Books das Buch als „Meisterwerk“ und kommentierte, Morantes „charakteristische Leistung besteht darin, aus dem Elend der Umstände eine entrückte Fantasie zu zaubern“.[7]
Verfilmung
1962 erschien die Verfilmung Insel der verbotenen Liebe unter Regie von Damiano Damiani.
Ausgaben
- L’isola di Arturo. Einaudi, Turin 1957.
- deutsche Erstveröffentlichung: Arturos Insel. Roman. Aus dem Italienischen von Susanna Hurni-Maehler. Claassen, Hamburg 1959.
- DDR-Erstveröffentlichung: Arturos Insel. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Susanna Hurni-Maehler. Rütten & Loening, Berlin 1977.
- Neuauflage: Arturos Insel. Aus dem Ital. übers. von Susanne Hurni-Maehler. Mit einem biograf. Nachw. von Maja Pflug. Wagenbach, Berlin 2005, ISBN 978-3-8031-2514-9.
Weblinks
- Elsa Morante: »Arturos Insel«. In: Der Spiegel vom 29. September 1959 (40/1959).
- Istituto Italiano di Cultura di Amburgo: Elsa Morante: Arturos Insel auf YouTube