Luis Barragán Morfín
mexikanischer Architekt
From Wikipedia, the free encyclopedia
Luis Ramiro Barragán Morfín (* 9. März 1902 in Guadalajara; † 22. November 1988 in Mexiko-Stadt), meist als Luis Barragán bekannt, war ein mexikanischer Architekt, dessen Lebenswerk 1980 mit dem Pritzker-Preis für Baukunst, einem der weltweit renommiertesten Architekturpreise, gewürdigt wurde. Barragán gilt als einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, insbesondere für die Verbindung von moderner Architektur, Landschaft, Farbe und spiritueller Raumwirkung.[1]


Leben
Luis Barragán wurde als drittes von neun Kindern auf der Hacienda des Corrales in Guadalajara geboren. Seine Eltern waren wohlhabende Großgrundbesitzer, die 1935 unter Lázaro Cárdenas enteignet wurden. Er wurde auf katholischen Schulen erzogen und war zeitlebens ein gläubiger Katholik.[2] Er studierte von 1919 bis 1923 Ingenieurwissenschaften an der Escuela Libre de Ingenieros in Guadalajara.
1925–1927 unternahm er eine ausgedehnte Studienreise durch Europa. Er beschäftigte sich intensiv mit der maurischen Architektur Andalusiens, mediterranen Bautraditionen, den Gartenentwürfen von Ferdinand Bac sowie den theoretischen Schriften von Le Corbusier. 1931 folgte eine zweite Europareise, bei der er Le Corbusier und Friedrich Kiesler persönlich begegnete.
1935 zog Barragán nach Mexiko-Stadt. In den folgenden Jahren entwickelte er schrittweise eine eigenständige architektonische Haltung, die sich zunehmend von der internationalen Moderne entfernte und stattdessen auf Atmosphäre, Materialität, Farbe, Lichtführung und räumliche Stille konzentrierte.
Werk
Wohnarchitektur
Barragáns Wohnarchitektur ist durch introvertierte Grundrisse, geschlossene Straßenfassaden und eine starke Orientierung zum Garten geprägt. Die räumliche Wirkung entsteht weniger durch formale Komplexität als durch Proportion, Licht, Farbe und Material.
Zu seinen wichtigsten Wohnbauten zählen die Casa Barragán (1947–1948) in Tacubaya, die Casa Prieto López (Casa Pedregal, 1947) sowie die Casa Gilardi (1975–1977). Viele dieser Gebäude wurden international publiziert und ausgestellt.
Religiöse Architektur
Ein zentraler Bestandteil seines Werks ist die Sakralarchitektur. Besonders hervorzuheben ist das Kloster und die Kapelle der Capuchinas Sacramentarias del Purísimo Corazón de María in Tlalpan (1953–1960), realisiert mit Mathias Goeritz. Die Anlage gilt als ein Hauptwerk moderner Sakralarchitektur in Lateinamerika.
Kennzeichnend sind massive Wände, gefiltertes Tageslicht, reduzierte Materialien und eine bewusst asketische Raumgestaltung, die religiöse Sammlung und Stille unterstützt.
Städtebau und Siedlungsprojekte
Barragán war auch als Stadtplaner tätig. Sein bedeutendstes städtebauliches Projekt ist die Entwicklung der Wohnsiedlung Jardines del Pedregal de San Ángel ab den 1940er Jahren auf einem Lavafeld des Vulkans Xitle. Barragán definierte dort Grundstückszuschnitte, Bauvorgaben, Mauern, Gärten, Brunnen und Wege.
Weitere großmaßstäbliche Projekte sind Las Arboledas und Los Clubes (1961–1972), in denen Wohnen, Landschaft und Reitanlagen miteinander kombiniert wurden. Charakteristisch sind Pferdeställe, Tränken, flache Wasserbecken, Brunnen und Reitwege als integrale Bestandteile der Architektur.
Skulpturale Arbeiten
Zusammen mit Mathias Goeritz realisierte Barragán die Torres Satélite (1957–1958), eine monumentale städtebauliche Skulptur am Stadtrand von Mexiko-Stadt. Die farbigen Türme fungieren als Landmarke und verbinden Architektur, Kunst und Städtebau.
Garten- und Landschaftsarchitektur
Barragán betrachtete Garten und Architektur als untrennbare Einheit. Seine Gärten sind durch Mauern, Wasserflächen, kontrollierte Bepflanzung und eine klare Geometrie geprägt. Wasserbecken, lineare Kanäle und Brunnen sind wiederkehrende Elemente.
Einige Garten- und Brunnenanlagen wurden posthum realisiert, darunter der Campbell Divertimento Fountain in Beverly Hills, Los Angeles.
Möbel und Innenraumgestaltung
Barragán entwarf Möbel, Leuchten und Einbauten speziell für seine Gebäude. Diese Entwürfe sind formal reduziert, meist aus Holz gefertigt und nicht für serielle Produktion vorgesehen. Mehrere Möbelstücke befinden sich heute in Museums- und Archivsammlungen.
Internationale Rezeption und MoMA
Luis Barragáns Werk wurde international bereits früh wahrgenommen. In der Überblicksausstellung Latin American Architecture since 1945 (1955–1956) im Museum of Modern Art (MoMA) in New York war er mit mehreren Projekten vertreten, darunter seinem eigenen Wohnhaus sowie weiteren Arbeiten aus dem Umfeld der Jardines del Pedregal. Der von Henry-Russell Hitchcock verfasste Ausstellungskatalog hob Barragáns Architektur als eigenständige Position hervor, die sich bewusst von der internationalen Moderne unterschied.
Eine vertiefte internationale Anerkennung erfuhr Barragán mit der monografischen Ausstellung The Architecture of Luis Barragán (4. Juni bis 7. September 1976) im MoMA. Die von Emilio Ambasz kuratierte Präsentation war Barragáns erste Einzelausstellung in den Vereinigten Staaten und wurde als farbige Dia-Ausstellung konzipiert. Parallel zur Ausstellung veröffentlichte das Museum die gleichnamige, reich illustrierte Publikation von Ambasz, die in der MoMA-Pressemitteilung ausdrücklich als „das erste Buch über Barragáns Werk“ bezeichnet wird.
Im Mittelpunkt der Ausstellung und der begleitenden Publikation standen detaillierte Analysen von sieben zentralen Projekten aus unterschiedlichen Werkphasen. Dazu zählten das Landschafts- und Siedlungsprojekt El Pedregal (1945–1950), Barragáns eigenes Wohnhaus in Tacubaya (1947), die Towers of Satellite City (1957, mit Mathias Goeritz), die Wohnsiedlungen Las Arboledas (1958–1961) und Los Clubes (1963–1964) sowie das Ensemble San Cristóbal (1967–1968). Ergänzt wurde diese Auswahl durch die Kapelle und das Konventensemble der Capuchinas Sacramentarias in Tlalpan (1952–1955), eines der spirituellen Hauptwerke Barragáns.
Die MoMA-Ausstellung trug wesentlich dazu bei, Barragán international als eigenständige architektonische Position zwischen Moderne, Landschaftsgestaltung und spiritueller Raumauffassung zu etablieren. Darüber hinaus hatte sie nachhaltigen Einfluss auf die Rezeption seines Werks in der Architekturtheorie und -lehre, da die Ausstellung und ihre Bildmaterialien im Rahmen eines vom Museum initiierten Programms an zahlreiche Architekturschulen in den Vereinigten Staaten weitergegeben wurden.
In jüngerer Zeit wurde Barragáns Werk erneut im thematischen Kontext moderner Gestaltung rezipiert, unter anderem in der Ausstellung Crafting Modernity: Design in Latin America, 1940–1980 (2024) im MoMA, in der Fotografien von Armando Salas Portugal zu Barragáns Haus (1947) und den Jardines del Pedregal (1949–1951) gezeigt wurden.[3][4]
Bedeutung
Barragán gilt als einer der wichtigsten Vertreter einer emotionalen und spirituell geprägten Moderne. Sein Werk beeinflusste Architektur und Gartengestaltung international. Typische Stilmittel sind massive Wände, intensive Farbflächen, Wasser, Lichtführung, Treppen ohne Geländer sowie die bewusste Steuerung von Geräuschen und Stille.
Auszeichnungen
- 1980 Pritzker-Preis
- 1984 Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters
- 1987 American Prize for Architecture
- 2004 UNESCO-Weltkulturerbe (Casa Barragán)
Nachlass
Der Nachlass Barragáns wird von der Barragan Foundation mit Sitz in Birsfelden (Schweiz) verwaltet. Teile des Archivs befinden sich seit 2022 im Besitz des Vitra Design Museum in Weil am Rhein.[5]
Bauten (Auswahl)
- 1947–1948 Casa Barragán, Tacubaya
- 1947 Casa Prieto López (Casa Pedregal)
- 1953–1960 Capuchinas Sacramentarias, Tlalpan
- 1957–1958 Torres Satélite
- 1961–1972 Los Clubes
- 1975–1977 Casa Gilardi
Literatur (Auswahl)
- Henry-Russell Hitchcock: Latin American Architecture Since 1945. The Museum of Modern Art, New York 1955.[6]
- Emilio Ambasz: The Architecture of Luis Barragán. The Museum of Modern Art, New York 1976.[7]
- José María Buendía Júlbez u. a.: The Life and Work of Luis Barragán 1902–1988. Rizzoli, New York 1997.
- Federica Zanco (Hrsg.): Luis Barragán – Die stille Revolution. Skira, Mailand 2001.
- Danièle Pauly: Barragán: Raum und Schatten, Mauer und Farbe. Birkhäuser, Basel 2002.
- Raul Rispa (Hrsg.): Barragán – The Complete Works. Princeton Architectural Press, New York 2003.
- Keith L. Eggener: Luis Barragán’s Gardens of El Pedregal. Princeton Architectural Press, New York 2011.