Müßiggang
Aufsuchen der Muße, das entspannte und von Pflichten freie Ausleben, nicht die Erholung von besonderen Stresssituationen oder körperlichen Belastungen
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Müßiggang (von mittelhochdeutsch müezec gân, müßig gehen, untätig sein, nichts tun, träge sein; von althochdeutsch muozîg, Muße habend)[1] ist zusammengesetzt aus Muße und gehen. In einem neutralen Verständnis bezeichnet es Freizeit, das Verbringen von Zeit, ohne Pflichten zu erfüllen oder für sich oder andere irgendeinen Nutzen anzustreben. Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert galt Müßiggang als unerwünscht, als Laster oder sogar als Gesetzesverstoß. Erst in späterer Zeit wurde er positiv dargestellt.

Müßiggang als Laster
In der Umgangssprache besitzt der Müßiggang – im Gegensatz zur Muße – eine negative Konnotation als Laster und wird in der Regel mit Faulheit in Verbindung gebracht.
Lateinisch Otium, die Muße, galt in der „amtsorientierten Leistungsethik“ der Römischen Republik als unangemessenes Verhalten für einen Angehörigen der Nobilität. Allenfalls als Erholung von den Anstrengungen im Dienst an der res publica war sie akzeptiert. Der römische Redner und Politiker Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) meinte seine politische und advokatorische Abstinenz in seiner Schrift De officiis (44 v. Chr.) lateinisch armis impiis, „mit den ruchlosen Waffen“ rechtfertigen zu müssen – gemeint war Caesars Diktatur.[2] Drastisch schilderte sein Zeitgenosse Catull die Folgen des Müßiggangs für sich selbst:
„Otium, Catulle, tibi molestum est:
otio exultas nimiumque gestis;
otium et reges prius et beastas
perdidit urbes.Müßiggang, Catull, ist für dich gefährlich,
Müßiggang verlockt dich zu wildem Schwärmen,
Müßiggang hat Könige einst und reiche
Städte vernichtet.“[3]
In der christlichen Theologie zählten Faulheit oder Trägheit (Acedia) zu den sieben Todsünden. Ausdruck dieser Einschätzung ist das Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, der auf dem Gedanken „Müßiggang ist der Feind der Seele“ aus der Regula Benedicti (6. Jahrhundert) beruht.[4] Im gleichen Sinne droht das englische Sprichwort: „The devil finds work for idle hands“ – „Der Teufel wird Arbeit finden für müßige Hände“. Damit soll ausgedrückt werden, dass Menschen, die nichts zu tun haben, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Ärger bekommen oder ein Verbrechen begehen.[5] Bernhard von Clairvaux (ca. 1090–1153) ermahnte die Geistlichen, den Müßiggang zu meiden, denn der sei „die Mutter des Scherzens und Stiefmutter der Tugendhaftigkeit“.[6]
In der Frühen Neuzeit wurde diese Verurteilung des Müßiggangs von den Protestanten zur Polemik gegen die Bettelorden der Franziskaner und der Dominikaner genutzt, deren mobile Lebensweise als Müßiggang denunziert wurde.[7] Der Müßiggang wurde zunehmend als Vorstufe zur Kriminalität angesehen und deshalb staatlicherseits verboten, so in der Reichspolizeiordnung von 1530 oder im englischen Gesetz zur Bestrafung von Vagabunden und anderen Müßiggängernvon 1550. Ihnen drohte Prügel, im Wiederholungsfall Brandmarkung oder die Todesstrafe, wenn diese Strafandrohungen auch nicht in allen Orten und zu allen Zeiten strikt umgesetzt wurden. Diese Beschränkung des Müßiggangs war ein Element der Sozialdisziplinierung, die sich in der Frühen Neuzeit verschiedentlich nachweisen lässt. Sie zielte darauf, die Arbeitsmoral der handarbeitenden Klassen und unterständischen Schichten zu heben. Neben der Unterdrückung durch die Obrigkeit wurde dieses Ziel auch durch bewusst niedrig angesetzte Löhne angestrebt, da man meinte, hohe Löhne würden zu unnötigem Feiern (Blauer Montag) führen.[8]
Müßiggang oder auch Freizeit war lange Zeit ein Privileg des Adels, der oberen Schichten und des Klerus. So spricht der Frühsozialist Henri de Saint-Simon (1760–1825) unter anderem von einem Gegensatz zwischen einer „Klasse der Müßiggänger“ (Adel, Klerus) und den Industriels, der „industriellen Klasse“ (die ganze arbeitende Nation, angeführt von Industriellen, Bankiers, Ingenieuren und Wissenschaftlern).[9] Filippo Buonarroti (1761–1837) dekretierte in seiner Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (deutsch. 1834):
„Arbeit ist eine Schuld, welche jeder arbeitskräftige Bürger der Gesellschaft abtragen muß; Müßiggang soll gebrandmarkt werden als ein Diebstahl und als eine unerschöpfliche Quelle schlechter Sitten.“[8]
Der Vorwurf, die oberen Klassen täten nichts und beuteten das Proletariat nur aus, scheint ebenfalls auf im deutschen Text der Internationale (1910): „Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein“.
Der deutsche Kulturkritiker Walter Benjamin (1892–1940) setzte sich mehrfach mit dem (von ihm ebenfalls negativ beurteilten) Müßiggang im Unterschied zur (positiv bewerteten) Muße auseinander. Beides können etwa beim Spazierengehen, aber auch im Haschischrausch gefunden werden, wobei der Müßiggang passiv „erlebt“ werde, die Muße dagegen aktiv „erfahren“. Der Unterschied zwischen beiden liege in der „Sammlung“, das heißt, dass der Müßige das, was er erfuhr, aufbewahrt, ordnet und reflektiert. Ausschlaggebend sei dabei die ökonomische Situation:
„Der Mann, der von der Notdurft des Lebens bei seinen Studien nicht gestört wird, hängt einer Liebhaberei nach; man ist berechtigt, zu rühmen, welchen Gebrauch er von seiner Muße macht. Der arme Schlucker, der mit leerem Magen über den Büchern sitzt, wird erst durch ein Werk, das die Menschen aufsehen läßt, zu erweisen haben, daß er etwas anderes ist als ein Müßiggänger.“[10]
Auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums stand der amerikanische Industrielle Henry Ford (1863–1947), auch er ein entschiedener Gegner des Müßiggangs. In seinen Memoiren (1922, deutsch 1923) bekannte er:
„Für mein Gefühl gibt es nichts abscheulicheres als ein müßiges Leben. Keiner von uns hat ein Recht darauf. Die Zivilisation hat keinen Platz für Müßiggänger.“
Der Sozialphilosoph Nikolas Lelle zieht von hier eine Kontinuitättslinie zum Fordismus der Nationalsozialisten, die versucht hätten, Nicht-Arbeit, Arbeitslosigkeit und Müßiggang abzuwerten und abzuschaffen.[11]
Beim Politischen Aschermittwoch 2026 rief der Vorsitzende der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, dazu auf, von Arbeitslosen und Bürgergeldempfängern mehr Arbeitsbereitschaft zu fordern. Man müsse denen, „die Müßiggang betreiben, obwohl sie arbeiten könnten, den Hahn etwas zudrehen […] Wir sparen nicht an den Feuerwehrhäusern, um noch mehr Geld an die Bürgergeldempfänger zu überweisen.“[12]
Lob des Müßiggangs
Müßiggang war allerdings oft mit der Beschäftigung mit freien Künsten und der Bildung verknüpft und galt als unverzichtbare Grundlage für Kunst und Kultur.[13] In der deutschen Romantik wurde der Müßiggang deshalb positiv gesehen. Bereits 1795 entwarf Friedrich Schiller (1759–1805) in seiner Abhandlung Über die ästhetische Erziehung des Menschen die Utopie eines „seligen Müßigganges“, in dem „ein späteres Geschlecht […] seiner moralischen Gesundheit warten und den freien Wuchs seiner Menschheit entwickeln könnte!“[14] Müßiggang war für ihn also nicht mehr lasterhaftes Nichtsstun, sondern Bedingung freier Kreativität und Selbstentfaltung des Menschen.[15] In seinem Romanfragment Lucinde (1799) erhob ihn Friedrich Schlegel (1772–1829) regelrecht zum Kern seiner Weltanschauung und zum poetologischen Formprinzip.[16] Ebenfalls positiv bewertete Søren Kierkegaard (1813–1855) den Müßiggang:
„Müßiggang als solcher ist keineswegs eine Wurzel des Übels, im Gegenteil, er ist ein wahrhaft göttliches Leben, wenn man sich nur nicht langweilt.“[17]
Der britische Philosoph Bertrand Russell (1872–1970) schlug in seinem Essay Lob des Müßiggangs (Originaltitel: In Praise of Idleness) von 1935 vor, die tägliche Arbeitszeit auf vier Stunden zu senken, was durch den technischen Fortschritt möglich sei. Dadurch würden nicht nur die privilegierten Klassen Freizeit genießen können und man könne die Moral der Arbeit, die in Wahrheit eine auf Ausbeutung basierende internalisierte „Sklavenmoral“ sei, verabschieden.[18] Im englischen Sprachraum erschienen verschiedene Zeitschriften namens The Idler (der Müßiggänger), die jüngste seit 1993.[19][20][21][22]
In den 1990er Jahren wurden auch mehrere Filme erfolgreich, die das Leben des Slackers feierten. Ein Beispiel hier für ist The Big Lebowski (1998), dessen Protagonist sich nahezu ausschließlich mit Alkohol, Drogen und Bowling beschäftigt. Der „Müßiggang als Lebensstil“ breitete sich auch in weitere Medien bis in die Werbung aus.[23]
Literatur
- Robert Krause: Muße und Müßiggang im Zeitalter der Arbeit. Zu einer Problemkonstellation der deutschen und französischen Literatur, Kultur und Gesellschaft im ‚langen‘ 19. Jahrhundert. J.B. Metzler, Berlin 2021, ISBN 978-3-662-62249-0.
- Bertrand Russell: In Praise of Idleness. George Allen & Unwin, London 1935.
- Lob des Müßiggangs. dtv, München 2019, ISBN 978-3-423-34955-0.
- Christian Reidenbach: Müßiggang als Evolutionsvorteil. In: Forum für Politik, Gesellschaft und Kultur. Nr. 439, September 2024, S. 45–47. (Digitalisat).
- Thomas Sokoll: Müßiggang. In: Enzyklopädie der Neuzeit, Band 8. J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2008, ISBN 978-3-476-01998-1, online.