Mohammed Abdullah Hassan

Dichter und Scheich von Diiriye Guure From Wikipedia, the free encyclopedia

Mohammed Abdullah Hassan, bzw. Sayyid Muhammad ibn `Abd Allāh Hassān (Somali Sayid Maxamed Cabdule Xasan, arabisch السيد محمد بن عبد الله حسان, DMG as-Sayyid Muḥammad b.ʿAbd Allāh Ḥassān, * 1856 in Buuhoodle, Nordost-Somalia; † Dezember 1920 in Imi, Ogaden im heutigen Äthiopien), war ein Sufi-Scheich und ein zentraler somalischer Poet seiner Zeit. Er und seine Unterstützer führten einen jahrzehntelangen Aufstand gegen die Aufteilung der Somali-Gebiete unter den Kolonialmächten Italien und Großbritannien bzw. gegen die Angliederung der Region Ogaden an Äthiopien.

Mit Hilfe seiner Derwisch-Bewegung, als verbindender Ordnungsfaktor unter den zerstrittenen somalischen Clans und durch diplomatische Ausnutzung des politischen Wettstreits der Kolonialmächte, konnte er für einige Jahre eine unabhängige staatliche Struktur im somalischen Hinterland errichten. Nach Ende des Ersten Weltkriegs gelang es jedoch 1920 der britischen Luftwaffe in relativ kurzer Zeit, den Widerstand der Derwische zu zerschlagen.

Mohammed Abdullah Hassan wird häufig mit Muhammad Ahmad, dem sudanesischen Mahdi verglichen, weshalb man gelegentlich auch ihn als Mahdi bezeichnet, obwohl er selbst diesen Titel nie beansprucht hat. Die Briten nannten ihn meist pejorativ den Mad Mullah. Mohammed Abdullah Hassan führte militärische Operationen gegen die britische Kolonialverwaltung und verbündete Clans durch.

Somalia: Briten, Italiener und Franzosen spielten im 19. Jahrhundert eine aktive Rolle in der Region. Auf der Berliner Konferenz von 1884/85 regelten die europäischen Mächte die kolonialen Einflusszonen in Afrika, was zur formalen Anerkennung von Einflussbereichen in Somalia führte. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich in der Region zudem ein unabhängiges DarawiishSultanat unter Diiriye Guure.

Politische Karriere

Reisen und Studium des Islam

Im Alter von sieben Jahren begann er sein Studium des Korans und erwarb mit neunzehn Jahren den Titel Sheikh aufgrund seiner Kenntnisse und seines Engagements. Anschließend reiste er zum Studium nach Harar in Äthiopien, weiter nach Mogadischu, Nairobi und in den Sudan, wo er auf Osman Digna, einen ehemaligen General des Mahdi-Aufstandes, traf. Ob Mohammed sich dort die Inspiration für seinen Derwischaufstand holte, wird von Said Sheikh Samatar jedoch angezweifelt. Legendär wurde sein Ruf als unnachgiebiger Lernender: Auf seinen Reisen akzeptierte er nur Lehrer, von denen er wirklich lernen konnte, und studierte bei insgesamt 72 Sheikhs. Nach neun Jahren kehrte er zu den Dulbahante-Darod, dem Clan seiner Mutter, zurück und heiratete eine Frau aus seinem Clan, den Ogadeni-Darod.

Pilgerfahrt und Rückkehr

Im Jahr 1894 trat er mit einigen Dhulbahante[1] den Haddsch nach Mekka an, wo er eineinhalb Jahre blieb. Dort studierte er bei Sayyid Mohammed Salih (1854–1919), dem Begründer der Salihiyya-Tariqa, und kehrte schließlich nach Somaliland zurück, nachdem er zum Führer der Tariqa in der Region ernannt worden war.

Er machte Station in Berbera, wo er seine zweite Frau heiratete und gegen Rauschmittel, Luxus und die in Afrika weit verbreitete Heiligenverehrung predigte. Aufgrund seiner strikten Haltung geriet er dabei in Konflikt mit der britischen Konsularverwaltung und vor allem mit der Qadiriyya-Tariqa. Berbera hatte sich im Schatten der engeren Kooperation mit den Briten zu einer säkulareren Stadt entwickelt, in der sich auch die vorherrschende Qadiriyya liberalisierte.

Kontakt mit Europäern

Ein in den Vordergrund gehobenes Ereignis in Berbera gilt als wichtiger Punkt in seiner Entwicklung: Vor einer französisch-katholischen Mission traf er auf einige somalische Missionsschüler, die auf seine Nachfrage nicht ihre somalischen Namen und die Namen ihrer Väter und Clans angaben, sondern christliche Namen. Daraus schloss er, dass die Europäer eine Bedrohung für den Islam darstellten; von da an predigte er auch offen gegen die britische Administration.

Entwicklung des Widerstands: die Derwischbewegung

Er kehrte zurück in das Gebiet der Dulbahante (welche keine Verträge mit den Briten hatten wie die Clans im Norden) und baute sich dort eine militärische Anhängerschaft auf. Dies wurde von den Briten mit wachsender Sorge verfolgt. 1899 kam es zu einem Zwischenfall, auf welchen letztlich die Erklärung des Dschihad folgte: Einige Somali, die mit den Briten verbündet waren, übergaben Mohammed ein Gewehr im Tausch gegen vier Kamele, meldeten der Konsularverwaltung in Berbera jedoch, er habe das Gewehr widerrechtlich behalten. Daraufhin forderten die Briten das Gewehr in einer offiziellen Mitteilung zurück. In der Folge begann Mohammed, gezielt Unterstützung für militärische Zwecke zu gewinnen.

Nach Schlichtungen zwischen Isaaq-Clans und den Dhulbahante zählte Mohammeds Gefolgschaft etwa 5.000 Mann und wurde unter dem Namen ‚Derwische‘ (Darawiish) bekannt. Am 1. September 1899 übermittelte er den Briten eine Klageschrift, in der er sich selbst als Sayyid bezeichnete, die Briten als Ungläubige (englisch infidels) anschrieb und deren Abzug forderte, sofern sie sich nicht zur Zahlung der Dschizya bereit erklärten. Die britische Verwaltung reagierte auf das Schreiben, indem sie ihn und seine Gefolgschaft offiziell als Rebellen einstufte und erste militärische Operationen gegen die Derwische plante, um die Kontrolle über das strategisch wichtige Hinterland zu sichern (siehe britische Kolonialpräsenz in Aden).

Verlauf und Ende des bewaffneten Aufstands

1899 erklärte Mohammed Abdullah den Dschihad gegen die christlichen Äthiopier, Briten und Italiener, der mit einem Angriff seiner Derwische auf die britische Garnison Jijiga begann. Die Derwische kämpften, gewaltsam mit Guerilla-Taktiken, zum einen weil sie Briten und Äthiopiern technisch unterlegen waren und zum andern weil die wenigen großen Schlachten, die Mohammed plante, aufgrund seiner strategischen Unfähigkeit desaströs endeten. Nach einer Niederlage der Derwische wurde der Aufstand von 1904 bis 1908 durch eine Friedensvereinbarung mit Italien unterbrochen. Der Dschihad wurde im Ersten Weltkrieg jedoch mit steigender Intensität fortgesetzt. Im Ersten Weltkrieg wurde der Aufstand vom Deutschen Kaiserreich, dem Osmanischen Reich und dem äthiopischen Herrscher Jesus V. unterstützt. Erst 1920 konnte der Derwisch-Aufstand durch eine konzertierte Aktion britischer See-, Land- und Luftstreitkräfte beendet werden. Mohammed floh mit wenigen Gefolgsleuten in den Ogaden, wo er kurz darauf, im Dezember 1920, vermutlich an den Folgen einer Grippe- oder Malariainfektion verstarb.

Nachwirkung

Mohammed Abdullah konnte seine Hauptziele nicht verwirklichen: Er scheiterte daran, das somalische Volk politisch zu vereinen, die Dervish-Bewegung als überclanische Kraft zu etablieren und die Bruderschaften des Islam zu einer stabilen, gemeinsamen Basis zu machen. Sein Vorhaben scheiterte sowohl am erbitterten Widerstand der Qadiriyya als auch an der fehlenden Fähigkeit, dauerhafte clan-übergreifende Strukturen aufzubauen – selbst innerhalb seines eigenen Stammes war die Unterstützung geteilt.

Nicht nur, dass sich sowohl die Salihiyya wie auch die Qadiriyya grob bestimmten Clans zuordnen ließen (die Salihiyya-Mitglieder stammten allgemein aus Darod-Clans, während die Qadiriyya vor allem unter den Isaaq- und Dir-Clans des Nordens vertreten war), sie bezogen auch vor allem gegenüber der Briten konträre Positionen.

Zudem hatten die Kolonialmächte nach dem Dschihad ihre militärische und administrative Kontrolle in der Region deutlich gestärkt, da sie durch die gemeinsame Bekämpfung der Derwische enger zusammenarbeiteten.

Dennoch ist Mohammed Abdullah Hassan heute eine Symbolfigur des somalischen Nationalismus. Dies ist u. a. auf drei Gründe zurückzuführen: Zunächst war er der erste, wenn auch erfolglose Widerstandskämpfer der Somali. Durch die Führerschaft der Salihiyya war er außerdem ein islamischer Gegenpol zu den christlichen Mächten Äthiopien, Großbritannien und Italien. Da auch heute der Islam die bei weitem meistverbreitete Religion in Somalia ist, bildet er in der Retrospektive einen attraktiven Abgrenzungspunkt im Sinne des Nation-Building. Nicht zuletzt hat auch seine Dichtkunst dazu beigetragen, dass er heute ein integraler Bestandteil des somalischen Nationalbewusstseins ist.

Die Entstehung des ‚Mad Mullah‘-Bildes in britischen Quellen

Viele britische Quellen aus der Zeit wiesen auf die „religiösen Motive“ Mohammed Abdullah Hassans in den militärischen Auseinandersetzungen mit der Kolonialverwaltung hin, ohne dass dies, die gegenseitige, kriegerische Gewalt legitimierte. Zugleich wurde er als ‚Mad Mullah‘ bezeichnet – eine Darstellung, die ihn dem ‚kolonialen Stereotyp des fanatischen Muslims‘ folgend als Gegner britischer Zivilisationsbestrebungen einordnete.[2] Bücher wie The Mad Mullah of Somaliland von Douglas Jardines trugen zur Verbreitung des pejorativen Namens bei.[3] Die militärischen Konflikte waren wechselseitig: Mohammed Abdullah Hassan führte Angriffe gegen britische Stützpunkte und deren lokale Verbündete, während die Briten als koloniale Invasoren in das Gebiet einrückten, umfangreiche militärische Operationen durchführten und zur Sicherung ihrer Kontrolle unter anderem Dörfer zerstörten und Strafexpeditionen unternahmen.

Gedichte

Einige Gedichte des Sayyid:[4]

  • Haddaan waayey
  • Maqashiiya uunka ist ein religiöser und nationalistischer Appell
  • Afbakayle, thematisiert behandelt Verrat und Etikette
  • Mariyama Shiikh, nimmt die Milde zum Thema
  • Dardaaran, behauptet, dass hinter den von Kolonialisten gezahlten Stipendien eine versteckte böswillige Absicht steckt.

Siehe auch

Literatur

  • R. L. Hess: The Poor Man of God – Muhammad Abdullah Hassan. In: Norman Robert Bennett (Hrsg.): Leadership in Eastern Africa – Six Political Biographies. Boston 1968
  • R.S. O’Fahey: Sāliḥiyya. In: Encyclopaedia of Islam, 2. Ausg., Bd. VIII, Leiden, 2003, S. 990, ISBN 90-04-11040-2.
  • Douglas Jardine: The Mad Mullah of Somaliland, London 1923, ISBN 0-8371-1762-3
  • Ioan M. Lewis: „Muḥammad ibn ʿAbd Allāh Ḥassān“, in: Encyclopaedia of Islam, 2. Ausg., Bd. VIII, Leiden 2003, 389–390, ISBN 90-04-11040-2.
  • Ioan M. Lewis: A Modern History of Somalia: Nation and State in the Horn of Africa. 3. Ausg., Boulder 1988, ISBN 0-8133-7402-2.
  • Said S. Samatar: Oral Poetry and Somali Nationalism: The Case of Sayyid Mahammad ʿAbdille Hasan, Cambridge 1982, ISBN 0-521-23833-1.
  • ʿAbdi Sheik-ʿAbdi: Divine Madness – Mohammed ʿAbdulle Hassan (1856-1920). London & New Jersey 1993, ISBN 0-86232-444-0
Commons: Mohammed Abdullah Hassan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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