Matthias Jacob Schleiden

deutscher Botaniker und Philosoph (1804-1881) From Wikipedia, the free encyclopedia

Matthias Jacob Schleiden (* 5. April 1804 in Hamburg; † 23. Juni 1881 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Botaniker und Mitbegründer der Zelltheorie. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „Schleid.

Matthias Jacob Schleiden, um 1871
Matthias Jacob Schleiden

Leben und Wirken

Matthias Schleiden war das erste Kind des Arztes Andreas Benedict Schleiden (1775–1853[1]) und seiner Ehefrau Sophie Eleonore Schleiden geb. Bergeest (1776–1856[2]). Er behielt zeitlebens engen Kontakt zu seinem jüngeren Bruder, dem Theologen und Schulgründer Heinrich Schleiden (1809–1890) in Hamburg. Matthias studierte zunächst Rechtswissenschaft an der Universität Heidelberg und wurde 1826 zum Doktor beider Rechte promoviert. Anschließend ging er zurück in seine Heimatstadt Hamburg; dort wurde er am 26. Oktober 1827 als Advokat zugelassen und war bis 1831 als solcher eingeschrieben.[3] Nach einem Suizidversuch während einer depressiven Phase im Sommer 1832[4] nahm er Ende des Jahres an der Universität Göttingen ein Medizin-Studium auf,[5] in dessen Verlauf sein Interesse für die Naturwissenschaften, speziell zur Botanik, immer mehr zunahm. Hier war er meistenteils Schüler von Friedrich Gottlieb Bartling. Er ging 1835 nach Berlin, studierte bei Johann Horkel und beschäftigte sich hauptsächlich mit Botanik, Pflanzenphysiologie und vor allem Pflanzenembryologie. 1838 hatte er die Zelle als Formelement der Pflanze und die Entwicklung der Pflanze aus der Zelle erkannt.[6]

Im Jahr 1839 wurde er zum Dr. phil. promoviert und bekam im Januar 1840 einen Ruf als außerordentlicher Professor an der Universität Jena.[7] 1850 avancierte er zum Ordinarius und man betraute ihn mit der Leitung des Botanischen Gartens der Universität. In Jena hielt Schleiden nicht nur Vorlesungen naturwissenschaftlich-botanischen Inhalts; er sprach auch über anthropologische, philosophische und kulturhistorische Themen. Genau wie Alexander von Humboldt wollte Schleiden beim gebildeten Bürger das Interesse an Naturwissenschaften wecken und fördern.

Er schrieb Beiträge zur Phytogenese und wies als erster Botaniker nach, dass die verschiedenen Teile der Pflanzen aus Zellen bestehen. Er erkannte auch die Bedeutung des Zellkerns, der 1831 von dem schottischen Botaniker Robert Brown entdeckt worden war. Schleiden war einer der ersten deutschen Botaniker, die Charles Darwins Evolutionstheorie akzeptierten.

1863 nahm Schleiden einen Ruf an die Kaiserliche Universität Dorpat an, wo man ihm einen Lehrstuhl für Pflanzenchemie anbot. Auch hier hielt er Vorträge für das Bildungsbürgertum. Missverständnisse und Streitereien mit der Kirche ließen ihn 1864 resigniert nach Dresden zurückkehren. Als Privatgelehrter wirkte er bis an sein Lebensende nacheinander in Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt am Main.

Professor der Naturgeschichte in Jena

In seinem wissenschaftlichen Werk stand Schleiden dem Philosophen Jakob Friedrich Fries nahe in seinem Kampf gegen jedwede Art von Spekulationen, welche Medizin und Naturwissenschaften der Romantik beeinflussten. Schleiden gehörte auch zu den bedeutendsten Pharmakognosten[8] seiner Zeit. Zusammen mit Theodor Schwann, der 1839 die tierische Zellenlehre[9] begründete, schuf Schleiden mit der Zelltheorie die Grundlagen der Zellularpathologie von Rudolf Virchow.

Schleiden erwarb sich Verdienste durch sein Eintreten gegen den erstarkenden Antisemitismus der 1870er Jahre.

Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof

Im Alter von 77 Jahren starb Matthias Jacob Schleiden am 23. Juni 1881 in Frankfurt am Main.

Familie

Schleiden verehelichte sich nach mehrjähriger Verlobungszeit am 27. Februar 1844 mit Sophia Milhelmine Bertha Mirus (* 8. Dezember 1814;[10] † 21. Januar 1854), einer Tochter des Rats und Regiments-Arztes Johann Aldolph Lebrecht Ehrenfried Mirus[11] in Weimar (* 1772; † 1. November 1847[12]) und seiner Ehefrau Wilhelmine Johanna Juliana Mirus geb. Thon (* 28. Februar 1777; † 7. Juni 1843[13]), Schwester des Sachbuchautors Christian Friedrich Gottlieb Thon.[14] Der Ehe entstammten drei Töchter:

  • Christiane Eleonore Bertha (* 6. Dezember 1844; † 12. Dezember 1936[15]) lebte lange im elterlichen Haushalt; nach einer Musikausbildung zog sie 1880 zu ihrer (geschiedenen) Klavierlehrerin Luise Langhans-Japha (1826–1910) in Wiesbaden.
  • Marie Sophie Benedicta (* 2. April 1847; † 16. Februar 1863[16]) litt seit der Kindheit an einer unheilbaren Nierenkrankheit.
  • Wilhelmine („Minchen“) Louise Melanie (* 20. Oktober 1849; † 22. August 1926[17]) verehelichte sich am 25. Januar 1876 in Wiesbaden mit Philipp Freytag (1840–1905), Stadtrichter in Breslau, ab etwa 1885 Oberverwaltungsgerichtsrat in Berlin. Sie schrieb jahrelang (bis zur Eheschließung) die Manuskripte ihres Vaters ins Reine. Ihre Töchter:[18]
    • Thekla (1877–1933) ⚭ 1910 Mediziner Hermann Loeschcke (1882–1958).
    • Hedwig (1878–1952) ⚭ 1909 Kaufmann Paul Bondy (1881–1943), Bruder des Regisseurs Fritz Bondy (1888–1980).

Nach Berthas Tod im Januar 1854[19] verehelichte Schleiden sich am 29. Mai 1855 mit Therese Johanna Justina Amalia Marezoll[20] (* 4. August 1820 in Gießen; † 19. August 1896 in Charlottenburg[21]), dem ersten Kind des Universitätsjuristen Theodor Marezoll in Leipzig. Dadurch wurden Teile der verzweigten Familie Marezoll auch Teil der Familie Schleiden. So lebte Eleonore ab August 1858 für ein Jahr und erneut im Frühjahr 1860 bei Thereses Schwager Karl Broschmann, damals Schuldirektor in Colditz;[22] Schleiden traf 1864 bei seiner Reise nach St. Petersburg mit ihrem Schwager Richard Voigt zusammen, Lehrer an der St. Annen-Schule dort.[23] Therese unterhielt in allen Wohnorten, die die Familie im Lauf der Jahre hatte, lebhafte gesellschaftliche Kontakte.

Ehrungen

Am 1. Januar 1838 wurde Schleiden mit dem akademischen BeinamenMalpighi II“ als Mitglied in die Kaiserliche Leopoldino-Carolinische Akademie der Naturforscher aufgenommen.[24] Seit 1849 war er Mitglied der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. 1854 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Die Russische Akademie der Wissenschaften nahm ihn 1850 als korrespondierendes Mitglied auf.[25] Am 1. Mai 1860 wurde er auch als Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt aufgenommen. Ihm zu Ehren wurde die Gattung Schleidenia Endl. der Pflanzenfamilie der Raublattgewächse (Boraginaceae) benannt.[26]

Nach Matthias Jacob Schleiden sind folgende Orte und Einrichtungen benannt:

Der Asteroid (37584) Schleiden wurde am 26. Mai 2002 nach ihm benannt. Ihm zu Ehren vergibt die Leopoldina die Schleiden-Medaille.

Schriften

  • Beiträge zur Phytogenesis. In: Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin. 1838, S. 137–176.
  • Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik nebst einer methodologischen Einleitung als Anleitung zum Studium der Pflanze. 2 Teile. Leipzig 1842, 1843, 1850, spätere Auflagen unter dem Titel Die Botanik als inductive Wissenschaft bearbeitet; Nachdruck: Olms, Hildesheim / Zürich / New York 1998, ISBN 3-487-10530-6.
  • Schellingʼs und Hegelʼs Verhältniss zur Naturwissenschaft. (Als Antwort auf die Angriffe des Herrn Nees von Esenbeck in der Neuen Jenaer Lit.-Zeitung, Mai 1843, insbesondere für die Leser dieser Zeitschrift.) Wilh. Engelmann, Leipzig 1844. (Digitalisat)
    • Schellings und Hegels Verhältnis zur Naturwissenschaft: Zum Verhältnis der physikalistischen Naturwissenschaft zur spekulativen Naturphilosophie. Nachdruck von 1844, Severus-Verlag 2012, ISBN 978-3-86347-298-6.
  • Über die fossilen Pflanzenreste des Jenaischen Muschelkalks. In: E.E. Schmid & M.J. Schleiden: Die geognostischen Verhältnisse des Saalthales bei Jena. Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1846, S. 66–72, 74, Taf. V.
  • Die Pflanze und ihr Leben. Engelmann, Leipzig 1848 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
  • Ueber den Materialismus unserer Zeit. Zerstreute Gedanken. In: Westermannʼs Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte. 1. Band, Oktober 1856 – März 1857, S. 37–45.
  • Jacob Friedrich Fries, der Philosoph der Naturforscher. Eine biographische Skizze. In: Westermannʼs Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte. 2. Band, April – September 1857, S. 264–278.
  • Handbuch der botanischen Pharmakognosie, für Aerzte, Apotheker und Botaniker zum Gebrauche bei Vorlesungen und zum Selbststudium. Verlag von W. Engelmann, Leipzig 1857.
  • Studien. Populäre Vorträge. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1857. (Digitalisat)
  • Ueber die Einheit des Menschengeschlechts. In: Westermannʼs Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte. 8. Band, April–September 1860, S. 68–83.
  • Zur Theorie des Erkennens durch den Gesichtssinn. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1861. (Digitalisat)
  • Ueber die Anthropologie als Grundlage für alle übrigen Wissenschaften, wie überhaupt für alle Menschenbildung. In: Westermannʼs Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte. 11. Band, Oktober 1861 – März 1862, S. 49–58.
  • Das Alter des Menschengeschlechts, die Entstehung der Arten und die Stellung des Menschen in der Natur. Engelmann, Leipzig 1863. (Digitalisat MDZ) (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
  • Unsere Urväter. In: Westermannʼs Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte. 20. Band (N. F. 4. Band.), April–September 1866, S. 387–400.
  • Das Meer. Verlag und Druck A. Sacco Nachf., Berlin 1867 (Digitalisat); Nachdruck: Severus, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86347-291-7.
    • Zweite umgearbeitete und bedeutend vermehrte Auflage. Wohlfeile Ausgabe. Fr. Eugen Köhler, Gera 1878. (Digitalisat)
  • Ueber den Darwinismus und die damit zusammenhängenden Lehren. In: Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. Monatsschrift zum Conversations-Lexikon. N. F. 5. Jg., 1869, S. 50–71, 258–277 und 606–630.
  • Für Baum und Wald. Eine Schutzschrift an Fachmänner und Laien gerichtet. Leipzig 1870. (Digitalisat)
  • Die Rose. Geschichte und Symbolik in ethnographischer und kulturhistorischer Beziehung. Verlag und Druck Wilhelm Engelmann, Leipzig 1873 (Digitalisat). Nachdruck: Sändig, Wiesbaden 1973, ISBN 3-500-26940-0.
  • Das Salz. Seine Geschichte, seine Symbolik und seine Bedeutung im Menschenleben. Eine monographische Skizze. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1875. (Digitalisat)
  • Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter. In: Westermannʼs Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte. 41. Band (3. F. 9. Band), Oktober 1876 – März 1877, S. 52–169. Separatdruck: Commissionsverlag von Baumgaertner’s Buchhandlung, Leipzig 1877; 5. Aufl. Gustav Engel, Leipzig 1912 (Digitalisat). Nachdruck: Nabu Press 2010, ISBN 978-1-149-67731-5.
  • Die Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalter. In: Westermannʼs Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte. 44. Band (3. F. 12. Band), April bis September 1878, S. 62–73 und 166–178. Separatdruck: Verlag und Druck W. Engelmann, Leipzig 1878 (Digitalisat). Nachdruck: Kessinger Pub Co 2010, ISBN 978-1-162-51552-6.

Literatur

zeitlich geordnet

  • Ernst Wunschmann: Schleiden, Matthias Jacob. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 31, Duncker & Humblot, Leipzig 1890, S. 417–421.
  • Martin Möbius: Matthias Jacob Schleiden zu seinem 100. Geburtstage. Mit einem Bildnis Schleidens. Engelmann, Leipzig 1904. (Digitalisat)
  • [Abiturienten:] 116. Schleiden, Mathias Jacob. In: Wolfgang Meyer: Aus der Abiturienten-Matrikel des Johanneums 1804–27. Hamburg 1906, S. 34–36.
  • [Geschlechterbuch:] Schleiden, aus Friedrichstadt in Schleswig. In: Deutsches Geschlechterbuch. (Genealogisches Handbuch Bürgerlicher Familien). 21. Band. 1912. S. 397–400; hier: S. 398f.[29]
  • A. P.: Matthias Jacob Schleiden. In: Der Israelit. Nr. 34, 20. August 1931, S. 11.
  • Ulrich Charpa: Methodologie der Verzeitlichung: Schleiden, Whewell und das entwicklungsgeschichtliche Projekt. In: Philosophia naturalis. Band 25, 1988, S. 75–109.
  • Marianne Scholz: Letzte Lebensstationen. Zum postakademischen Wirken des deutschen Botanikers Matthias Jacob Schleiden (1804–1881). Berlin 2001, ISBN 3-929134-36-5. (Inhaltsverzeichnis)
  • Marianne Scholz: Mathias Jacob Schleiden in Tartu (Dorpat) 1863–1864. Streitigkeiten, Intrigen, Hintergründe. Verlag Die Blaue Eule, Essen 2003. (Inhaltsverzeichnis)
  • Ulrich Charpa: Matthias Jakob Schleiden (1804–1881): The History of Jewish Interest in Science and the Methodology of Microscopic Botany. In: Aleph. Historical Studies in Science and Judaism. Band 3, 2003, S. 213–245.
  • Olaf Breidbach, Uwe Hoßfeld, Ilse Jahn, Andrea Schmidt (Hrsg.): Matthias Jacob Schleiden (1804–1881). Schriften und Vorlesungen zur Anthropologie. Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08542-4. (Inhaltsverzeichnis)
  • Ulrich Charpa: Matthias Jakob Schleiden. In: Thomas Bach, Olaf Breidbach (Hrsg.): Naturphilosophie nach Schelling. Frommann-Holzboog, Stuttgart 2005, S. 627–653.
  • Ilse Jahn, Isolde Schmidt: Matthias Jacob Schleiden (1804–1881). Sein Leben in Selbstzeugnissen. (Reihe Acta Historica Leopoldina. Nr. 44.) Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle (Saale) 2005, ISBN 3-8047-2258-X. (Inhaltsverzeichnis)
  • Ilse Jahn: Schleiden, Matthias Jacob. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 23. Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 52–54 (deutsche-biographie.de).
  • Ulrich Charpa: Darwin, Schleiden, Whewell and the “London Doctors”. Evolutionism and Microscopical Research in the Nineteenth Century. In: Journal for General Philosophy of Science. Band 41, 2010, S. 61–84.

Anmerkungen

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