Michael Kast Schindele

deutscher Offizier und Geschäftsmann From Wikipedia, the free encyclopedia

Michael Martin Kast Schindele (* 2. April 1924 in Thalkirchdorf, Deutschland als Michael Martin Kast; † 9. Mai 2014 in Buin, Chile) war ein deutschstämmiger Unternehmer sowie der Stammvater der einflussreichen Politiker- und Unternehmensfamilie Kast in Chile. Nach seinem Wehrdienst (1942–1945) emigrierte er 1950 nach Chile[1.1], wo viele seiner Nachkommen wichtige Rollen in der chilenischen Politik einnahmen wie José Antonio Kast, Miguel Kast, Felipe Kast und Pablo Kast.

Michael Kast in der Uniform der Gebirgsjäger, ca. 1944

Leben und Wirken

Herkunft, Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit

Michael Martin Kast wurde am 2. April 1924 in Thalkirchdorf im bayrischen Bezirksamt Sonthofen geboren.[2][3] Sein Vater stammte aus Ulm und hatte 1893 in Oberstaufen-Wiedemannsdorf eine Milchpulverfabrik gegründet, die eine von drei in Deutschland war, die das neu erfundene Produkt herstellten.[4]

Laut dem deutschen Historiker Armin Nolzen war Kast wahrscheinlich von seinem 14. Lebensjahr bis zum 1. September 1942 (da war er 18 Jahre alt) Mitglied der Hitlerjugend, deren Mitgliedschaft ab 1936 gesetzlich verpflichtend war. Am 6. September 1942 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. September desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.271.831).[5][6][7][8] Gleich darauf wurde Kast in die Wehrmacht einberufen.[9] Von den acht 1924 geborenen Männern aus Thalkirchendorf, die im Zweiten Weltkrieg eingezogen wurden (darunter Kast), sollen nur drei überlebt haben.[10.1]

Während des Krieges wurde Kast 1942 zunächst im Garnisonsdienst in Frankreich eingesetzt. Im Sommer 1943 wurde er zur 4. Gebirgs-Division auf die Krim versetzt. Er nahm an der Schlacht um Cherson und der Kesselschlacht von Tscherkassy teil.[10.2] Er konnte sich rechtzeitig mit anderen Soldaten nach Westen durchschlagen. Ab März 1944 nahm er in Österreich an einem Lehrgang teil, den er als Leutnant abschloss.[11.1][12] Im Anschluss wurde er nach Norditalien zur Verteidigung der Gotenlinie im Apennin versetzt, wo er Anfang Mai 1945 die Teilkapitulation der deutschen Truppen in Italien erlebte. Diese Versetzung nach Italien bezeichnete Michael Kast 1995 in einem Interview als seine „Rettung“.[13.1] Laut seiner Frau Olga Rist entschied sich Michael Kast vor Ende des Krieges – einer Zeit der „Unsicherheit und Angst“ – auf das Angebot eines Freundes, eines „Herr Bers“, einzugehen, ihm neue Dokumente zu besorgen, die ihn als Mitglied des Roten Kreuzes auswiesen. Michael Kast verbrannte seinen Armeeausweis und nahm die gefälschten Dokumente an.[11.2]

Michael Kast wurde bald nach der Kapitulation in Rovereto südlich von Trient von einer amerikanischen Einheit gefangen genommen. Er entkam während eines Wachwechsels im folgenden Monat aus dem Gewahrsam, wurde jedoch kurz zum zweiten Mal gefangen genommen, entkam wieder und floh zu Fuß zurück nach Bayern in sein Oberallgäuer Heimatdorf.[11.2][14] Dort lernte Kast Olga Maria Crescenzia Rist (1924–2015) kennen, die in Chile entsprechend den dortigen Namensgepflogenheiten als Olga Rist Hagspiel bekannt ist. Die beiden heirateten am 26. Oktober 1946 in Thalkirchdorf.[14] Ein Jahr danach wurde ihnen der erste Sohn geboren, zwei weitere Jahre später die Tochter Barbara.[1.1]

Bei seiner Entnazifizierung im Jahr 1947 gab Michael Kast auf die Frage nach seinem Rang in der Wehrmacht an, im Krieg Praktikant des Roten Kreuzes gewesen zu sein, was ihm nicht geglaubt wurde. Es kam zu einer intensiven Befragung, bei der sich Michael Kast unwissend gab, so dass der „deutsch-jüdische Beamte“[11.2] schließlich wütend wurde und ihn an einen Richter verwies. Dieser war ein ehemaliger Offizier des Ersten Weltkriegs und hielt dessen gesamte Militärakte in den Händen. Da gestand Michael Kast ihm seine Lügen und gab seinen Rang in der Armee preis. Als Dank für seine Ehrlichkeit warf der Staatsanwalt die Akte ins Feuer.[11.3]

Im Jahr 1950 lernte die Familie Kast einen gewissen „Herr Conrad“[11] kennen, einen Weltreisenden aus Chile, der ihnen von Chile erzählte. Da sich damals ein neuer Krieg in Korea abzeichnete, entschlossen sich Michael und Olga Kast nach Chile „ans Ende der Welt“ aufzubrechen.[11] „Herr Conrad“ stellte einen Kontakt zu Erik Wünsch her, einem Ex-Offizier der Wehrmacht, der nach dem Ende des Krieges emigrierte. Erik Wünsch könne ihnen helfen, sich in Chile niederzulassen. Michael Kast nahm schließlich im November des Jahres den Orientexpress nach Frankreich, von wo er auf dem Altantikliner Lavoisier nach Buenos Aires und von dort mit dem Zug nach Santiago de Chile fuhr.[10.3][1.1] Auf dem Schiff lernte er María Theresa García Burr, die Schwester eines chilenischen Abgeordneten, und Auris Schepeler, die Tochter des damaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs von Chile, Gregorio Schepeler Pinochet, kennen.[11] Daraus wurde eine lebenslange Freundschaft.[13.2]

Leben in Chile

Nach der Ankunft in Chile logierte Michael Kast die erste Zeit bei der Familie Schepeler in Constitución.[1.2] Olga Kast schreibt, dass Michael Kast in der Hauptstadt als erstes von Erik Wünsch begrüßt wurde.[11] Michael Kast selber erklärte in seinem Interview 1995, dass ihm anfangs zwei bekannte Deutsche, deren Namen er nicht nennt, halfen, sich in Chile zurechtzufinden. Einer riet ihm, sich nicht weiter als eine Stunde von der Hauptstadt niederzulassen.[13] Daher kaufte er sich vier Hektar Land in Linderos, Gemeinde Buin, einer Stadt an der Panamericana im Süden der heutigen Metropolregion Santiago. Ein Jahr später im April 1951 holte er seine Frau mit den beiden Kindern Michael (später Miguel) und Barbara (Bárbara) aus Deutschland nach.[1.3][14][15] Wie alle Deutschchilenen erhielten sie in Chile einen Doppelnamen, wobei der Mädchenname der Mutter als zweiter Nachname (Muttersname) an den Geburtsnamen (Vatersname) angehängt wird.

Anfangs lebte die Familie in einem ärmlichen, kleinen Haus und probierte – anfangs erfolglos – Verschiedenes aus. Dennoch verkauften sie ihr Haus in Thalkirchdorf nicht, sondern vermieteten es. Als sie mit der Hühnerzucht Erfolg hatten, verlegten sie sich auf die Schweinezucht, gründeten Ende der 50er Jahre eine Wurstfabrik und eröffneten 1962 einen Imbiss bei Kilometer 42 der Nord-Süd Autobahn.[1.3] Daraus wurde Cecinas Bavaria,[14] das heute seinem Sohn Christian Kast Rist gehört.[16] Um 1970 hatte sich die Familie etabliert, ihre Fleischwarenfabrik wuchs, das Restaurant war bekannt und sie hatten sich ein neues zweistöckiges Haus gebaut. Das Paar hatte im Laufe der Jahre zehn Kinder, von denen zwei früh tragisch ums Leben kamen.[1.4] Die Familie machte sich durch ihren Unternehmergeist, ihre tiefe Religiosität als Mitglieder in der Schönstattbewegung und ihre politisch extrem rechte Einstellung einen Namen in der Region.[15][11.4][1.3]

Ab dem Jahr 1973 begann schließlich der große Aufschwung. Das Unternehmen Cecinas Bavaria wurde in ganz Chile durch ihre Geschäfte und Restaurants bekannt.[11.5] Kast wurde von der Gemeinde Buin (1985), der Handelskammer von Buin (1989) und den Carabineros von Buin (1992) öffentlich ausgezeichnet. Er half auch beim Bau von sechs Kirchen in Buin. Eine Feuerwehrgruppe in Buin trägt seinen Namen und nennt sich „Brigada Juvenil Miguel Kast“ („Jugendbrigade Miguel Kast“). Im Jahr 1995 erhielt er die chilenische Staatsbürgerschaft.[2]

Tod

Kast starb am 9. Mai 2014 im Alter von 90 Jahren.[17] Seine Totenwache fand am folgenden Tag in der Kirche Santos Ángeles Custodios in Buin statt.[18]

Kontroverse

Die genaue Verwicklung von Kast in den Zweiten Weltkrieg und in die Militärdiktatur von Augusto Pinochet ist umstritten.

Mitglied der NSDAP

Kasts NSDAP-Karteikarte

Der Journalist Javier Rebolledo gibt in seinem Buch A la sombra de los cuervos Michael Kasts Leben von seiner Zeit im Krieg bis zu seiner Niederlassung in Chile anhand der Biografie Misión de amor seiner Frau Olga Kast wieder. Olga Kast nennt darin Erik Wünsch – Rebolledo nennt ihn einen Nazi – den ersten Kontakt ihres Mannes in Chile, der ihm auch die Visa besorgte. Javier Rebolledo konnte zu diesem Namen in Chile nichts weiteres herausfinden.[1.2] Rebolledo ergänzt die Erzählungen von Olga Kast durch eingeschobene historische Verweise, wobei er ausführlich auf die Kriegsverbrechen und das Leben des SS-Offiziers Walther Rauff eingeht, der wie „Adolf Eichmann und Josef Mengele“[1.5] mit Hilfe des Bischofs Alois Hudal über die Rattenlinie des Vatikans floh[1.6]. Walther Rauff war für die Entwicklung der Gaswagen verantwortlich, mit denen auf der Krim ab 1942 Menschen ermordet wurden, und von 1943 bis Kriegsende in Norditalien Chef eines Spezialkommandos zur Partisanenbekämpfung.[19] Walther Rauff wurde in Rimini interniert, von wo er 1946 entkam und schließlich wie andere gesuchte Nazis mit Ausweisen des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes Visa für seine Flucht erhielt. Ebenso stellt Javier Rebolledo den NS-freundlichen chilenischen Anwalt Gregorio Schepeler vor, dessen Tochter Auris Schepeler Michael Kast auf seiner Schiffsreise nach Chile kennenlernte und bei dessen Familie er die ersten Wochen in Chile wohnte[1.2]. Der Bruder von Auris, Enrique Schepeler Vásquez, erreichte 1963 als Anwalt Walther Rauffs, dass der Oberste Gerichtshof von Chile dessen Auslieferung nach Deutschland ablehnte. Walther Rauff starb 1984 in Chile.[1.2] Auf Seite 212 macht Javier Rebolledo seine Einschätzung klar: Unter Fotos von Rauff und Kast in Uniformen der Wehrmacht schreibt er „Walter Rauff, der NS-Kriegsverbrecher, entkam wie Michael Kast nach Chile.“[1.7] und „Michael Kast, der NS-Offizier, der seine Papiere fälschte, um der Verurteilung der Alliierten am Ende des Zweiten Weltkriegs zu entkommen.“[1.8].

Der Sohn Michael Kasts, der Politiker José Antonio Kast, hat das Buch von Javier Rebolledo nach seinem Erscheinen in einem Artikel für The Clinic vehement kritisiert. Sein Vater, „ein beispielhafter Mann“, werde durch die Hinzufügung von Biografien und Geschichten, die nichts mit seinem Vater zu tun hätten, in ein schlechtes Licht gerückt.[20] José Antonio Kast betont, dass sein Vater wie Millionen anderer Deutscher seinen obligatorischen Militärdienst ableisten musste und bei Kriegsende das Militär mit dem festen Vorsatz verlassen habe, nie mehr an einem Krieg teilzunehmen. Sein Vater sei nicht als Flüchtling, sondern als „freier Mann“ mit korrekten Dokumenten nach Chile gekommen. Er habe von 1965 bis 2007 regelmäßig sein Heimatdorf in Süddeutschland besucht. Sein Vater habe nichts zu verheimlichen gehabt und in seinen Dokumenten sei nichts gefälscht gewesen.[20] Jedoch wurde 2021 bekannt, dass Michael Kast im September 1942, fünf Monate nach seinem 18. Geburtstag, in die NSDAP eingetreten war. Dies steht im Widerspruch zu früheren Aussagen von José Antonio Kast, dass sein Vater kein Unterstützer des NS-Regimes war.[7]

Verstrickung in die Pinochet-Diktatur

Rebolledo schrieb auch, dass Kast (ebenso wie sein Sohn Miguel) während der Pinochet-Diktatur mit der chilenischen Geheimpolizei DINA bzw. (ab 1977) deren Nachfolgeorganisation Centro Nacional de Informaciones (CNI) in Verbindung gestanden habe. Dabei soll er nach dem Militärputsch an der Verfolgung des 23-jährigen MIR-Mitglieds Pedro Vargas Barrientos mitgewirkt haben, der in Kasts Unternehmen gewerkschaftlich tätig war und nach seiner Festnahme durch die Carabineros im September 1973 verschwand.[17][21] José Antonio Kast behauptet demgegenüber, dass es unmöglich sei, dass sein Vater in das Verschwinden von Pedro Vargas verwickelt gewesen sei, da dessen Vater und Bruder (Bernabé und Jorge Vargas) nach dem Verschwinden von Pedro Vargas weiter in der Wurstfabrik der Familie Kast gearbeitet hätten.[20]

Vom Tag des Militärputsches am 11. September 1973 bis Ende Oktober wurden in Paine und anderen Orten der Gemeinde 70 Einwohner ermordet oder blieben verschwunden. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist das die höchste Zahl an Opfern der Diktatur in ganz Chile.[1.9]

Persönliches Leben

Michael Kast hatte zehn Kinder (davon sind zwei in Deutschland und acht in Chile geboren),[1.3][14] 50 Enkelkinder und (zum Zeitpunkt seines Todes) etwa 20 Urenkel.[22] Zwei seiner Kinder starben in ihrer Jugend eines tragischen Todes.[1.4] Mehrere Kinder und Enkelkinder erlangten bedeutende Funktionen in der chilenischen Wirtschaft und Politik, zum Teil als Abgeordnete und Senatoren.[23]

  • Miguel Kast Rist (1948–1983), Wirtschaftswissenschaftler, Mitglied der Chicago Boys, Staatsminister und Präsident der Zentralbank unter der Diktatur von Augusto Pinochet; verheiratet mit Cecilia Sommerhoff Hyde (geb. 1951); 5 Kinder
    • Bárbara Kast Sommerhoff (geb. 1968), Soziologin[22]
    • Michael Kast Sommerhoff (geb. 1968), Priester[22]
    • Pablo Kast Sommerhoff (geb. 1973), Architekt und Abgeordneter (2018–2022); verheiratet mit Juana Edwards Urrejola; 4 Kinder
    • Felipe Kast Sommerhoff (geb. 1977), Architekt, Wirtschaftswissenschaftler, Abgeordneter (2014–2018), Senator (2018–2026); verheiratet mit Emelia Puga Bermúdez (geb. 1980); 3 Kinder
    • Tomás Kast Sommerhoff (geb. 1979), Ingenieur und Stadtrat von Vitacura (2021–2025)
  • Hans Kast Rist (geb. 1951), war 25 Jahre lang römisch-katholischer Priester bis zu seinem Ausscheiden aus dem Priesteramt im Jahr 2020[24]
  • Erika Kast Rist (geb. 1954), verheiratet mit dem Geschäftsmann Alfonso Maira Carlini (geb. 1948); 8 Kinder, darunter
    • Cristóbal Maira Kast (geb. 1974), Eigentümer von Agricola Rayenco[22]
    • Consuelo Maira Kast (geb. 1978), Geschäftsfrau[22]
    • Catalina Maira Kast (geb. 1984), Investorin[22]
    • Esteban Maira Kast (geb. 1986), Rechtsanwalt[22]
  • Christian Kast Rist (geb. 1957), Geschäftsmann und Eigentümer von Cecinas Bavaria;[16] verheiratet mit Pamela Prett Weber (geb. 1960); 4 Kinder, darunter[25]
    • Mónica Kast Prett (geb. 1980), Historikerin[22]
    • Andrea Kast Prett (geb. 1984), Unternehmerin, Geschäftsführerin von Cecinas Bavaria[22]
    • Cristian Kast Prett (geb. 1986), Geschäftsmann[22]
  • Verónica Kast Rist (geb. 1960), verheiratet mit Andrés Tocornal Vial (geb. 1955); 3 Kinder
  • Rita Kast Rist (geb. 1962), Geschäftsfrau;[16] verheiratet mit Gonzalo Urcelay Montecinos (geb. 1959); 7 Kinder,[26] darunter
    • Gonzalo Urcelay Kast (geboren 1986), Rechtsanwalt[22]
    • María Fernanda Urcelay Kast, Rechtsanwältin[22]
  • José Antonio Kast Rist (geb. 1966), Rechtsanwalt, Politiker, Abgeordneter (2014–2018), Präsidentschaftskandidat bei den Wahlen 2017, 2021 und Sieger der Präsidentschaftswahl 2025, Gründer der Republikanischen Partei Chiles; verheiratet mit María Pía Adriasola Barroilhet (geb. 1966); 9 Kinder.
  • Gabriela Kast Rist, Schriftstellerin[27]

Einzelnachweise

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