Entführungen von Cleveland

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Nach den Entführungen von Cleveland ab August 2002 wurden Michelle Knight, Amanda Berry und Georgina DeJesus rund zehn Jahre lang vermisst. Die Entführungen wurden in Cleveland, Ohio von Ariel Castro begangen, der seine Opfer bis Mai 2013 in seinem Haus in der 2207 Seymour Avenue gefangengehalten, misshandelt und vergewaltigt hatte. Er wurde auch des „Mordes an ungeborenem Leben“ für schuldig befunden, weil in Folge der Misshandlungen von Michelle Knight fünf ihrer ungeborenen Kinder gestorben waren. Im August 2013 wurde Castro in allen 937 Anklagepunkten für schuldig befunden und zu lebenslanger Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Einen Monat später beging er in seiner Zelle Suizid.

Opfer

Michelle Knight

Knight wurde am 22. August 2002 entführt, als sie das Haus einer Cousine verließ.[1] Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens war sie 21 Jahre alt.[2][3] Am Tag ihrer Entführung wollte sie die Erziehungsberechtigung für ihren Sohn zurückerlangen, die man ihr zuvor entzogen hatte.[1][4] Sie hatte während der Zeit ihrer Gefangenschaft mindestens fünf Fehlgeburten.[5] Während dieser Zeit erlitt sie einen Gehörschaden auf einem Ohr, der auf Schläge in ihr Gesicht zurückzuführen ist.[6]

Amanda Berry

Amanda Berry wurde seit dem 21. April 2003 vermisst und wurde einen Tag nach ihrer Entführung 17 Jahre alt.[7] Am Tag der Entführung rief Berry ihre Schwester an und teilte ihr mit, dass sie sich von der Arbeit auf dem Heimweg befinde und eine Mitfahrgelegenheit habe. Dabei traf sie auf Castro, der ihr anbot, sie nach Hause zu bringen, und sie stattdessen entführte.[8]

Berrys Kind

Im Verlauf der Entführung wurde Berry von Castro schwanger und brachte nach Zeugenaussagen am 25. Dezember 2006 eine Tochter in Castros Haus zur Welt.[9] Bei der Geburt assistierte Michelle Knight, wobei Castro ihr mit dem Tode drohte, wenn das Kind die Geburt nicht überleben würde. Knight musste das Baby reanimieren, weil es nicht mehr atmete.[10] Castro verließ mit seiner und Berrys Tochter gelegentlich das Haus und besuchte seine Mutter, die von dem Kind als Großmutter angesprochen wurde.[11]

2013 zeigte er seinen erwachsenen Kindern ein Foto des in Gefangenschaft gezeugten Kindes und gab es als Tochter seiner Freundin aus.[10][12] Mittels DNA-Test wurde festgestellt, dass das Kind die Tochter von Ariel Castro ist.[13] Er gab beim Verhör selbst an, der Vater zu sein und vom Kind „Daddy“ genannt worden zu sein.[14]

Georgina „Gina“ DeJesus

Gina DeJesus wurde seit dem 2. April 2004 vermisst. Zu diesem Zeitpunkt war sie 14 Jahre alt.[15] Sie wurde das letzte Mal an diesem Tag gesehen, als sie mit ihrer Freundin Arlene, Ariel Castros Tochter, von einem Münztelefon aus ihre Mutter anrief. Die Mädchen wollten zu DeJesus kommen, doch die Mutter war nicht einverstanden, sodass die beiden Mädchen sich trennten.[16] Danach verlor sich Ginas Spur.

Befreiung

Das Haus Castros in Cleveland. Am 7. August 2013 wurde das Haus abgerissen.

Am 6. Mai 2013 konnten die drei entführten Frauen und die in Gefangenschaft geborene Tochter befreit werden. Es stellte sich heraus, dass das Haus, in dem die drei jungen Frauen jahrelang gefangen gewesen waren, ungefähr acht Kilometer von den Entführungsorten der drei Opfer entfernt war.[17]

Als Castro an diesem Tag das Haus verließ, vergaß er, die innere Haustür zu verschließen.[18][19] Amanda Berry bemerkte dies, aber es gelang ihr nicht, die Tür von innen aufzubrechen. Daher rief sie um Hilfe.[18] Nachbarn, darunter Charles Ramsey, kamen zur Hilfe, und Berry erzählte ihnen, dass sie und ihre Tochter gegen ihren Willen in dem Haus festgehalten würden.[20][20] Die Polizei befreite danach Georgina DeJesus und Michelle Knight.[20] Alle Entführten wurden ins Krankenhaus gebracht.[21] Berry und DeJesus konnten die Klinik einen Tag später verlassen,[22] Knight am 10. Mai.[23] Der Täter Castro wurde kurz nach der Befreiung der Frauen festgenommen.[24]

Täter

FBI-Phantombild von 2004 des Verdächtigen im DeJesus-Fall

Ariel Castro wurde am 10. Juli 1960 als eines von neun Kindern geboren.[25] Sein Vater Pedro immigrierte 1954 von Puerto Rico in die Vereinigten Staaten, wohnte erst in Pennsylvania und zog später nach Cleveland. Seine Mutter lebte in der Nähe. Die Familien Castro und DeJesus waren Nachbarn.[26] Castro besuchte die High School, die er 1979 mit einem Abschluss verließ.[27] Er lernte seine spätere Frau Grimilda Figueroa in den 1980er Jahren kennen, als seine Eltern ein neues Haus in ihrer Nachbarschaft bezogen.[28]

Castro arbeitete von 1991 bis 2012 als Busfahrer für den Cleveland Metropolitan School District, fiel dort mehrfach negativ auf und wurde entlassen.[26][29] So war er unter anderem mit dem Bus zum Mittagessen gefahren oder nach Hause, um zu schlafen. Castro wurde vorgeworfen, seine Frau zu misshandeln, wobei sie Rippenbrüche, Nasenbein-, Arm- und Schädelbrüche erlitten hatte. 1993 wurde er wegen häuslicher Gewalt verhaftet, doch es kam nie zur Anklage.[30] Figueroa zog 1996 aus und erwirkte das alleinige Sorgerecht für die gemeinsamen vier Kinder.

Ermittlungen und Gerichtsverfahren

Castro wird vom FBI verhört.

Die Polizei von Cleveland suchte wegen Vorfällen, die nicht mit den entführten Frauen in Zusammenhang standen, zweimal Castros Haus auf. Da er nicht angetroffen wurde, gingen die Polizisten wieder und verhörten ihn zu einem späteren Zeitpunkt an einem anderen Ort. Die Polizei bestritt, Hinweise von Nachbarn erhalten zu haben, die ungewöhnliche Aktivitäten von Castro beobachtet hatten.[31]

Nach seiner Festnahme wurden auch zwei seiner Brüder verhaftet, die zunächst verdächtigt wurden, an den Taten beteiligt gewesen zu sein. Sie wurden drei Tage später wieder freigelassen, da sie nichts von den Verbrechen gewusst hatten.[31]

Knight sagte bei der Polizei aus, dass sie während der Gefangenschaft fünf Fehlgeburten gehabt habe, die darauf zurückzuführen gewesen seien, dass Castro sie in den Unterleib geschlagen und sie habe hungern lassen.[5] DeJesus gab im Polizeiprotokoll an, dass sie ebenfalls vergewaltigt worden sei.[5] Die DNA Castros wurde mit anderen, bis dahin ungeklärten Taten abgeglichen.[32]

Am 9. Mai 2013 hatte Castro seinen ersten Gerichtstermin vor dem Landgericht in Cleveland.[33] Die Kaution wurde pro Entführung bzw. Freiheitsberaubung auf zwei Millionen US-Dollar festgelegt und belief sich auf insgesamt acht Millionen US-Dollar.[34] Am 14. Mai 2013 plädierte Castro auf „nicht schuldig“ in allen Anklagepunkten.[35] Am 1. August 2013 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem er sich in allen 937 Anklagepunkten schuldig bekannt hatte.[36] Am 3. September 2013 wurde er nach Suizid in seiner Zelle aufgefunden.[37]

Rezeption

Die Geschichte der Cleveland-Entführungen wurde 2015 von der britischen Regisseurin Alex Kalymnios verfilmt. Die Hauptrollen in dem TV-Film Cleveland Abduction (Die Cleveland-Entführung) spielen Taryn Manning (Michelle Knight) und Raymond Cruz (Ariel Castro). Pam Grier ist in einer Nebenrolle zu sehen. Der Film wurde 2015 im Rahmen der OFTA Television Awards in der Kategorie „Bester Film“ nominiert.[38]

In Deutschland startete der Film im April 2024 auf der Online-Streaming-Plattform Netflix.[39] Der Film erhielt gemischte Kritiken. Auf Rotten Tomatoes erhielt er bei mehr als 250 Bewertungen einen Score von 55 %.[40] Oliver Armknecht urteilt in seiner Rezension auf film-rezensionen.de:

„Lässt man diesen True-Crime-Aspekt jedoch weg, bleibt kein übermäßig interessanter Film übrig. So unterscheiden sich die Szenen nicht merklich von den vielen anderen Geschichten rund um Männer, die Frauen entführen und als Gefangene halten. Die Cleveland-Entführung verpasst es auch, den Entführungsopfern nennenswerte Charaktereigenschaften zu geben. Wo beispielsweise das mit einem Oscar ausgezeichnete Raum maßgeblich auch das Porträt einer Frau war, die sich durch das Leben in Gefangenschaft änderte, bleibt das hier an der Oberfläche. Wenn beispielsweise Castro sagt, als Kind missbraucht worden zu sein, bleibt das im Raum stehen, ohne vertieft zu werden. Man kann in dem Moment nicht einmal sagen, ob es sich hierbei um einen Scherz handelt oder ernst gemeint ist.“[41]

Literatur

  • Michelle Knight: Die Unzerbrechliche: Elf Jahre in Gefangenschaft. Wie ich überlebte. Bastei Lübbe, 1. Aufl. Mai 2014, ISBN 978-3-7857-2518-4 (Titel der amerikanischen Originalausgabe (Mai 2014): Finding me. A Decade of Darkness, a Life Reclaimed: A Memoir of the Cleveland Kidnappings)
  • Hope von Amanda und Gina. Penguin 2015.

Siehe auch

Einzelnachweise

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