Mihri Müşfik Hanım
türkische Künstlerin
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Mihri Müşfik Hanım, auch Mihri Açba oder Mihri Rasim (* 26. Februar 1886[Anm. 1] in Istanbul; † 1954 in New York City), war eine türkische Künstlerin. Sie gilt als eine der bedeutendsten Malerinnen der spätosmanischen Zeit. Bekannt war sie vor allem für ihre Porträts berühmter Persönlichkeiten wie Mustafa Kemal Atatürk und Papst Benedikt XV. sowie ihre Frauenporträts. Als Initiatorin und Leiterin einer Kunsthochschule für Frauen setzte sie sich zudem für eine akademische Kunstausbildung von Frauen im späten Osmanischen Reich ein.[1]

Leben

Mihri Müşfik Hanım wurde 1886 als Tochter eines adligen Abchasen im Istanbuler Stadtteil Kadıköy geboren.[2] Wie auch ihre Cousine Leyla Açba entstammte sie dem abchasisch-georgischen Fürstenhaus Antschabadse bzw. Atschba/Açba, die im Mittelalter noch Könige des Königreichs Egrissi-Abchasien gewesen waren. Ihr Vater war Çerkez Ahmed Rasim Pascha,[2] ein Anatom und bedeutender Lehrer an der Militärmedizinischen Akademie. Er galt als sehr kunstinteressiert und förderte die Tochter früh. Mihri Hanıms abchasische Mutter war die Prinzessin Fatma Neşedil Hanım, eine von Rasim Paschas Frauen.[1] Ihre jüngere Schwester Enise Hanım war die Mutter der Malerin Hale Asaf. Wie viele Töchter der gehobenen osmanischen Gesellschaft erhielt auch Mihri Hanım eine westlich orientierte Bildung und interessierte sich für Literatur, Musik und Kunst. Ihre ersten Malstunden erhielt sie bei dem italienischen Maler Fausto Zonaro in dessen Atelier im Viertel Beşiktaş.[1]
Sie löste sich früh von den Erwartungen ihres Umfelds und verließ zur Verfolgung einer künstlerische Ausbildung in Europa das Elternhaus, die Frauen im Osmanischen Reich damals kaum offenstand.[1] Sie studierte um 1906 zunächst in Rom (u. a. an der Académie de France) und anschließend in Paris an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts.[1] Während ihrer Zeit in Europa arbeitete sie mit mehreren etablierten Malern zusammen, darunter John Singer Sargent und Léon Bonnat.[1]
Als sich Mihri Hanım in den italienischen Leiter einer Akrobatengruppe verliebte, den sie bei Zonaro kennengelernt hatte, ging sie mit ihm nach Rom. Doch die Beziehung hielt nicht lange: Nach einem Jahr zog sie nach Paris, um in die dortige Kunstszene einzutauchen und Künstlerin zu werden. Sie lebte in einer kleinen Wohnung in Montparnasse und verdiente Geld mit Porträts. Außerdem vermietete sie einen ihrer Räume an Studenten. Einer dieser Untermieter war der Politikstudent Müşfik Selami Bey, den sie später heiratete.[2] Müşfik Selami Bey war Sorbonne-Student, der später als Diplomat der jungen türkischen Republik tätig war.[1]

In Paris wurde Mihri Hanım bei einem Empfang dem osmanischen Finanzminister Cavid Bey vorgestellt, der in der französischen Hauptstadt weilte, um nach den Balkankriegen ein Abkommen mit der Regierung auszuhandeln. Der Politiker scheint von der jungen Künstlerin begeistert gewesen zu sein, denn er schlug sie in einem Telegramm an den osmanischen Bildungsminister als Kunstlehrerin für die Schule für die Lehrerinnenausbildung in Istanbul vor. Das Ehepaar ging 1912 nach Istanbul zurück.[1] Als im folgenden Jahr auf ihre Initiative hin die İnas Sanayi-i Nefise Mektebi, eine Kunsthochschule für Frauen, eröffnet wurde, wechselte sie als Lehrerin dorthin und wurde später deren Leiterin.[2][3] Die Hochschule wurde mit Mihri Hanım an der Spitze unter anderem gemeinsam mit dem Maler Ömer Adil Bey aufgebaut.[1] Ihre Arbeit gilt als revolutionär. Nicht nur, dass nun Frauen zu Künstlerinnen ausgebildet werden konnten, Mihri Hanıms Unterricht galt als besonders anschaulich. Sie besorgte nicht nur Frauen, die Modell saßen, sondern lieh sich auch aus dem Antikenmuseum der Stadt Skulpturen, die die Studentinnen abzeichnen sollten. Das brachte ihr aber auch Ärger ein: Als sie eine nackte männliche Skulptur mit in den Unterricht bringen wollte, protestierte die Museumsleitung. Mihri Hanım umging einen Skandal, in dem sie der Statue ein Handtuch um die Hüften schlang.[4] Unter ihrer Leitung konnten muslimische Studentinnen Landschaften unter freiem Himmel malen sowie nach weiblichen Aktmodellen und nach antiken Skulpturen zeichnen.[1] Für ihre Initiative warb sie auch ausdrücklich mit den im Land diskutierten Ideen von Freiheit und Gleichheit und fragte, warum davon nur Männer profitieren sollten.[1] Immer wieder ermunterte sie ihre Schülerinnen, den bekannten Malern in den Ateliers über die Schulter zu schauen und unter freiem Himmel zu malen.
Mihri Hanım kam in Kontakt zu dem osmanisch-türkischen Literatenzirkel Edebiyat-ı Cedîde und freundete sich mit Tevfik Fikret an. Fikrets Haus im Stadtviertel Aşiyan wurde für die junge Künstlerin zum Atelier. Die Literaten der Edebiyat-ı-Cedîde-Bewegung waren beeinflusst von französischen Literaturströmungen wie dem Realismus, den Parnassiens und dem Symbolismus. Dies beeinflusste auch Mihri Hanıms Arbeit nachdrücklich. Ihre Arbeiten sind stark von der französischen Malerei inspiriert. Für Fikret fertigte sie Illustrationen zu dessen Gedichten an, immer wieder malte sie die Protagonisten der türkischen Literaturbewegung und wurde so zu ihrer Chronistin. Als Frau verkehrte sie in ansonsten männlich dominierten intellektuellen Kreisen Istanbuls und pflegte Kontakte bis in führende jungtürkische Milieus.[2]
Im Jahr 1919 flüchtete Mihri Hanım aus Istanbul. Ihre Nähe zum jungtürkischen Komitee für Einheit und Fortschritt wurde kritisiert und die Besetzung Istanbuls durch die Alliierten veränderte das Klima in der Stadt. In demselben Jahr organisierte sie zudem eine Ausstellung in ihrem Haus und äußerte in einem Interview, dass gesellschaftliche Restriktionen Frauen daran hinderten, zu besseren Malerinnen zu werden, etwa weil öffentliches Malen als anstößig gelten konnte.[1] Dabei beschrieb sie einen Teil ihrer Porträtmalerei ausdrücklich als Auftrags- und Brotarbeit.[1] Sie reiste nach Italien, kam aber innerhalb eines Jahres zurück und wurde wieder Lehrerin an ihrer alten Schule.
Ende des Jahres 1922 zerbrach ihre Ehe mit Müşfik Bey. Mihri Hanım reiste erneut nach Italien, das Paar ließ sich 1923 scheiden.[2] Sie hatte eine Affäre mit dem italienischen Dichter Gabriele D’Annunzio. Durch ihn erhielt sie die Möglichkeit, den Papst zu porträtieren und konnte bei der Restaurierung von Fresken in einer Kapelle etwas Geld verdienen. Diese Phase ist zudem mit Kontakten in das italienische Kulturmilieu der frühen faschistischen Zeit verbunden; so porträtierte sie über entsprechende Netzwerke auch Benito Mussolini.[1] Sie versuchte in Rom den Aufbau einer Kunstakademie für türkische Studierende anzustoßen.[1] Kurz nach der Gründung der Republik ging sie in die Türkei zurück. Ihre Nähe zu den Jungtürken zahlte sich aus: Sie durfte Atatürk malen und ihm das Porträt im Çankaya Köşkü in Ankara persönlich überreichen.
In den folgenden Jahren reiste Mihri Hanım nach Rom und Paris und später in die Vereinigten Staaten (New York City, Boston, Washington, D.C. und Chicago).[2] Ihre endgültige Übersiedlung in die USA erfolgte im Jahr 1927.[1] Dort arbeitete sie zunächst als Kunstlehrerin an einer High School im Bundesstaat Connecticut.[1] In New York hob sie in ihrer Selbstdarstellung ihre (teils als „Prinzessin Alciba“ bezeichnete) Herkunft hervor und pflegte in ihrer Wohnung Salons, um Kontakte zu knüpfen und Aufträge zu erhalten.[1] Am 25. November 1928 vermeldet die New York Times in einem kurzen Bericht, dass eine Sammlung von Werken der Türkin in der George Maziroff Gallery zu sehen sein werde.
Im Jahr 1931 heiratete sie den Sänger Salvatore Virzi von der Metropolitan Opera.[1] 1932 arbeitete sie an einem Porträt des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt; das Bild wurde später zur Begleichung von Schulden in New York zwangsversteigert.[1] Ebenfalls 1932 überreichte sie bei einer Veranstaltung in der Carnegie Hall dem Dichter Edwin Markham zu dessen 80. Geburtstag ein Porträt als öffentlich inszeniertes Geschenk.[1] 1938 und 1939 arbeitete Mihri Hanım als Hostess bei der Weltausstellung in New York. In dieser Zeit malte sie auch ein Porträt von Rezzan Yelman, der Ehefrau des Journalisten Ahmet Emin Yalman, der in New York lebte. Während des Zweiten Weltkriegs lebte sie von den Illustrationen, die sie für New Yorker Zeitschriften zeichnete. Auch mehrere Titelbilder des in den Kriegsjahren erschienenen „War Magazine“ stammen von ihr.[2] Sie wurde 1943 US-amerikanische Staatsbürgerin.[1]
Über ihre letzten Lebensjahre und die Umstände ihres Todes existieren widersprüchliche Angaben.[1][2] Eine Darstellung betont wirtschaftliche Unsicherheiten insbesondere in der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise sowie den Umstand, dass zahlreiche in den USA entstandene Werke als verschollen gelten, etwa wegen lückenhafter Dokumentation und eines gemeldeten Atelierdiebstahls.[1] Nach einer anderen, auf späteren Erinnerungen aus ihrem New Yorker Bekanntenkreis beruhenden Schilderung habe sie dagegen dauerhaft Anerkennung gefunden, gut verdient und eine große Wohnung an der Fifth Avenue unterhalten, in der sie aufwendige Gesellschaften ausrichtete.[2] In derselben Darstellung heißt es, sie habe während des Zweiten Weltkriegs einen wohlhabenden Amerikaner geheiratet und ihre letzten Jahre zwischen New York und dem Bundesstaat Maine verbracht; ihr Tod sei dem Freundeskreis erst nach der Beisetzung auf ihren Wunsch hin mitgeteilt worden.[2]
Bedeutung
Neben der herausragenden Rolle als Lehrerin für eine junge Generation von türkischen Künstlerinnen prägte Mihri Hanım auch das Bild der osmanischen Frauen ihrer Zeit. Sie stellte die Frauen nicht mehr als orientalische Schönheiten oder Odalisken dar, sondern als emanzipierte Frauen der gehobenen Gesellschaft. Gleichzeitig spiegeln ihre Arbeiten die gesellschaftlichen Umstände der Zeit, die stark von der von Atatürk verordneten Orientierung am Westen geprägt war.[5] Sie gilt zudem als eine Künstlerin, die künstlerische Freiheiten für Frauen aktiv einforderte und ihre eigene Biografie als Teil einer bewusst modernen, teils provokanten Selbstinszenierung nutzte.[1] Die schwierige Quellenlage zu Werkbestand und Lebensstationen hat dazu beigetragen, dass ihr Werk lange nur fragmentarisch bekannt war und erst in jüngerer Zeit verstärkt rekonstruiert wird.[1] 2019 wurde eine Ausstellung mit Arbeiten Mihri Hanıms in der Istanbuler Kunstinstitution SALT Galata gezeigt; außerdem wurde ein Dokumentarfilmprojekt über sie (Kim Mihri – „Wer ist Mihri?“) angekündigt.[1]
Literatur
- Mahinur Tuna: İlk Türk Kadın Ressam Mihri Rasim (Müşfik) Açba. Istanbul 2007
- Wendy M.K. Shaw: Ottoman Painting. Reflections of Western Art from the Ottoman Empire to the Turkish Republic. Tauris, London/New York 2011, S. XIII, 116f, 138f, 153, 161
- Burcu Pelvanoğlu: Painting the late ottoman woman: Portrait of Mihri Müşfik Hanım. In: Duygu Köksal, Anastasia Falierou (Hrsg.): A Social History of Late Ottoman Women: New Perspectives. Brill, Leiden/Boston 2013, S. 155–170
- Nilgün Sarp: Bir Osmanlı Prensesi Ressam Mihri Müşfik. İstanbul Kadın Ressamlar Derneği, Istanbul 2013
Weblinks
- Biographie, sanalmuze.org
- Werkauswahl, turkishpaintings.com
Anmerkungen
- Die New York Times nennt als Geburtsdatum auch den 13. Dezember 1885.