Seide

tierischer Faserstoff aus den Kokons der Seidenraupe From Wikipedia, the free encyclopedia

Seide (Kurzzeichen nach Textilkennzeichnungsgesetz: SE), von mittellateinisch seta, ist ein tierischer Faserstoff. Sie wird aus den Kokons der Seidenraupe, der Larve des Maulbeer-Seidenspinners, gewonnen. Neben dieser Maulbeerseide werden auch Fasern aus den Kokons anderer Schmetterlingsarten, Muscheln und Spinnen als Seide bezeichnet. Von nennenswerter wirtschaftlicher Bedeutung ist dabei nur die Seide einiger Vertreter der Gattung Antheraea (Tussahseide, Kurzzeichen: ST)[8.1]. Maulbeerseide ist die einzige in der Natur vorkommende textile Endlosfaser und besteht hauptsächlich aus Protein. Sie kommt ursprünglich aus China und war eine wichtige Handelsware, die über die Seidenstraße nach Europa transportiert wurde. Neben China, wo heute noch der Hauptanteil produziert wird, sind Japan und Indien weitere wichtige Erzeugerländer, in denen der Seidenbau betrieben wird.

Schnelle Fakten Entbastete Seide, Eigenschaften ...
Entbastete Seide
Weiße Naturseide
Fasertyp

tierische Naturfaser

Herkunft

Seidenraupe
(Bombyx mori)

Farbe

weiß schimmernder Glanz

Eigenschaften
Faserlänge 800–3000 m/Kokon[1] (entbasteter Faden)
Faserdurchmesser 12–24 µm;[2] Wildeseide 40–70 µm[3]
Dichte 1,25 g/cm³ entbastet; 1,3–1,37 g/cm³ roh[4]
Zugfestigkeit 350–600 MPa[5]
Elastizitätsmodul 8,0–12,5 GPa;[6] 7–10 GPa[5]
Bruchdehnung 20–30 %[2]
Feuchtigkeitsaufnahme 9–11 % (21 ° C/65 % r.F.); 20–40 % (24 °C/95 % r.F.)[7]
Produkte Textilien
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Farbauswahl gefärbter Seide

Das zugehörige Adjektiv ist seiden (aus Seide bestehend) bzw. seidig (an Seide erinnernd, mit Seide vergleichbar).

Geschichte

Frauen „schlagen“ Seide (Huizong, China, 12. Jh.)
Foulard (Seidentuch) im klassischen Equipage-Stil
Wirtschaftsgebäude (1835) Seidenplantage Regensburg

Anfänge

Schon die alte Indus-Zivilisation (etwa 2800 bis 1800 v. Chr.)[9] und das alte China kannten die Seide. Durch genaue Untersuchungen der Seidenstruktur archäologischer Funde wurde festgestellt, dass zur Seidenproduktion im Indus-Gebiet der Seidenspinner der Gattung Antheraea eingesetzt wurde. Es handelt sich hier um eine sogenannte Wildseide.[10] Der Ursprung der Maulbeerseide liegt etwa im 3. Jahrtausend v. Chr. und ist eher von Legenden umrankt, als dass es genaue Jahreszahlen gäbe. Der Sage nach soll in China der legendäre Kaiser Fu Xi (etwa um 3000 v. Chr.) als erster auf den Gedanken gekommen sein, Seidenraupen zur Herstellung von Gewändern zu nutzen. Fu Xi gilt auch als Erfinder eines mit Seidenfäden bespannten Saiteninstruments. Die Sage nennt noch einen weiteren berühmten Kaiser: Shennong (Gott des Ackerbaus, etwa 3000 v. Chr.) soll das Volk gelehrt haben, Maulbeerbäume und Hanf anzubauen, um Seide und Hanfleinen zu gewinnen. Leizu von Xiling, die Gattin des Gelben Kaisers Huáng Dì, hat angeblich im 3. Jahrtausend v. Chr. dem Volk die Nutzung von Kokons und Seide zur Herstellung von Kleidungsstücken beigebracht.

Aufbauend auf dieser Legende wurde anhand der Chronologie der chinesischen Kaiser eine Entstehungszeit der Seide von 2700 bis 2600 v. Chr. angenommen, da bei den Ausgrabungen von Qianshanyang Fragmente von Seidengeweben gefunden wurden, die mittels Radiocarbondatierung in die Zeit um 2750 v. Chr. datiert werden konnten. Neuere archäologische Funde von chemischen Relikten des Seidenproteins Fibroin in zwei 8500 Jahre alten Gräbern lassen vermuten, dass bereits jungsteinzeitliche Bewohner von Jianhu die Seidenfasern zu Stoffen gewebt haben.[11][12]

Römerzeit

Ein Fernhandel mit chinesischer Seide (lateinisch sericum[13]) existierte schon zu Beginn der christlichen Zeitrechnung. Laut dem Römer Plinius dem Älteren (etwa 23 bis 79 n. Chr.), der auch die Seidenraupen beschreibt, verdankt der antike Mittelmeerraum die Herstellung der Koischen Seide einer gewissen Pamphilia von Kos.[14] Diese Seide wurde jedoch zunehmend durch feinere und dünnere chinesische Seide verdrängt. Laut Publius Annius oder Lucius Annaeus Florus sollen die Römer bei der vernichtenden Niederlage, die ihnen 53 v. Chr. die Parther in der Schlacht bei Carrhae beibrachten, erstmals chinesische Seide kennengelernt haben.[15] Florus ist der einzige römische Historiograph, der im Zusammenhang mit Carrhae die Seidenlegende erwähnt.

Der römische Satiredichter Juvenal klagte im Jahre 110 n. Chr., dass die römischen Frauen so verwöhnt seien, dass sie mittlerweile sogar die feine Seide als zu rau empfänden. Die chinesische Seide gelangte über mehrere Handelsstationen nach Rom. Chinesische Händler brachten die Seide zu den Häfen von Sri Lanka, wo indische Händler sie aufkauften. Arabische und griechische Händler kauften Seide an der südwestlichen Küste des indischen Halbkontinents ein. Der nächste Umschlagsplatz war die Inselgruppe Sokotra im nordwestlichen Indischen Ozean. Von dort aus wurde die Seide in der Regel bis zu dem antiken ägyptischen Rotmeerhafen Berenike gebracht (Indienhandel).[16] Kamelkarawanen transportierten sie anschließend weiter bis zum Nil, wo die Fracht erneut mit Schiffen bis nach Alexandria gelangte. Hier kauften sie überwiegend römische Händler auf, die die Seide schließlich in das Gebiet des heutigen Italien importierten.[16]

Charakteristisch für diesen Fernhandel war, dass chinesische Händler selten westlich von Sri Lanka in Erscheinung traten, indische Händler nur den Zwischenhandel bis zum Roten Meer übernahmen und römische Händler sich auf den Handel zwischen Alexandria und dem römischen Reich begrenzten. Griechische Händler hatten dagegen den größten Anteil an diesen Transaktionen und handelten Seide von Indien bis an die italienische Küste. Es dauerte ungefähr 18 Monate, bis Seide vom Süden Chinas die Häfen entlang der italienischen Küste erreichte.[16] Ein Handel über die Seidenstraße setzte erst im 2. Jahrhundert n. Chr. verstärkt ein. Der Beginn der Seidenstraße wird oft mit ca. 100 v. Chr. angegeben. Man vermutet, dass hierfür der Offizier Zhang Qian, den Kaiser Wudi in die Königreiche von Zentralasien zum Anknüpfen von Handelsbeziehungen entsandt hatte, ausschlaggebend war. Diese Handelsroute war deutlich komplexer und der genaue Weg verschob sich entsprechend den jeweiligen politischen Verhältnissen. Typische Umschlagsplätze der Seide waren Herat (heute in Afghanistan), Samarkand (heute in Usbekistan) und Isfahan (in Iran). Während beim Seehandel griechische Händler eine große Rolle spielten, dominierten jüdische, armenische und syrische Zwischenhändler den Handel über den Landweg.[16]

Mittelalter

Den Chinesen war es bei Todesstrafe verboten, die Raupen oder ihre Eier außer Landes zu bringen. Um das Jahr 555 herum gelang es jedoch angeblich zwei persischen Mönchen, einige Eier zum oströmischen Kaiser Justinian I. nach Konstantinopel zu schmuggeln. Mit diesen Eiern und dem Wissen, welches sie bei ihrem Aufenthalt in China über die Aufzucht von Seidenspinnern erworben hatten, war jetzt auch außerhalb Chinas eine Produktion von Seide möglich. Es ist allerdings fraglich, ob die Eier des Seidenspinners diese lange Reise überstanden hätten. Fest steht aber, dass um 550 n. Chr. die Seidengewinnung im Byzantinischen Reich begann[17] und im mittelalterlichen Persien, etwa im Gebiet des iranischen Hochlands im 10. Jahrhundert, Seide hergestellt wurde.[18][19] In Europa etablierte sich eine Reihe Regionen als Zentren der Seidenproduktion und der Seidenfärberei. Ab dem 12. Jahrhundert wurde Italien in der Produktion europäischer Seide führend. Frühe Zentren der Herstellung und Verarbeitung waren Palermo und Messina auf Sizilien[20] sowie Catanzaro in Kalabrien. Die norditalienische Stadt Lucca verdankte ihren Einfluss und ihre Macht im 13. Jahrhundert beispielsweise ihrer Seidenindustrie mit ihren mechanischen, wasserkraftgetriebenen Seidenzwirnmühlen. Insbesondere die Farbenpracht, in der Luccaner Färber diese Seide färben konnten, galt in Europa als unübertroffen. Politische Unruhen zu Beginn des 14. Jahrhunderts führten dazu, dass sich Luccaer Textilhandwerker in Venedig niederließen und es dadurch zu einem Kenntnistransfer kam, der langfristig dazu beitrug, dass Lucca zu einer unbedeutenden Provinzstadt wurde.[21] Eine wichtige Handelsroute für die Seide führte von Italien über den Brennerpass nach Mitteleuropa, wobei Bozen seit 1200 ein zentraler Umschlagplatz für den Seidenhandel auf diesem Weg war.[22]

Neuzeit

Ab dem 15. Jahrhundert verbreitete sich die Seidenraupenzucht auch in den südfranzösischen Regionen Ardèche, Dauphiné sowie den Cevennen, wo sich auf vielen bäuerlichen Anwesen heute noch Gebäude befinden, die ehemals der Seidenraupenzucht dienten und die Magnanerie genannt werden.

Vom 17. bis 19. Jahrhundert hatte neben Zürich und Lyon auch Krefeld eine bedeutende Seidenindustrie, die von der Familie von der Leyen dominiert wurde. Zu den berühmtesten Kunden gehörten der französische Kaiser Napoleon und der preußische König Friedrich II. Im Jahr 1828 kam es im Rahmen der wachsenden Unzufriedenheit der deutschen Weber auch in Krefeld zu Aufständen der Seidenweber. Sie protestierten gegen die Lohnkürzungen der Firma Von der Leyen.[23] Am Beginn des 19. Jahrhunderts wurde in Bayern mit König Ludwig I. als Hauptaktionär einer Aktiengesellschaft in Regensburg auf den Winzerer Höhen Maulbeerpflanzungen mit Seidenraupenzucht und die Herstellung von Seide betrieben. Die Aktiengesellschaft wurde 1861 mit hohen Verlusten für die Aktionäre aufgelöst. Das ehemalige Wirtschaftsgebäude der Seidenplantage wird heute als Spa genutzt.[24]

Aufgrund von grassierenden Tierseuchen wurde die Seidenraupenzucht um 1860 in Südfrankreich, Italien und im Mittelmeerraum weitgehend eingestellt.

Entstehung und Gewinnung

Seidenraupen werden mit Blättern des Maulbeerbaums gefüttert. Suzhou (Jiangsu), Juni, 1987
Der Kokon wird gekocht (degummiert) und das Ende des Filaments fixiert
Die Filamente werden von jeweils sieben Kokons abgewickelt und bilden zusammen einen Seidenfaden. Seidenfabrik in Suzhou
Die einst vier wichtigsten Schmetterlinge für die Seidenerzeugung, aus Meyers Konversations-Lexikon (1885–1892)
Seidenproduktion in Italien: Frauen in der Webstube, Gemälde von Annie Renouf Whelpley (1893)

Da die Raupen des Seidenspinners sich von den Blättern des Maulbeerbaumes ernähren, wird oft von Maulbeerseide gesprochen. Um hochwertige Seide zu erhalten, müssen Seidenraupen unter besonderen Bedingungen aufgezogen werden.

Die Raupen verpuppen sich, wobei sie die Seide in speziellen Drüsen im Maul produzieren und in großen Schlaufen in bis zu 300.000 Windungen um sich herum legen. Sie werden mithilfe von Heißwasser oder Wasserdampf vor dem Schlüpfen getötet, um zu verhindern, dass die Kokons zerbissen werden. Jeder Kokon enthält ein ununterbrochenes, sehr langes und feines Filament. Drei bis acht Kokons bzw. Filamente werden zusammen abgewickelt oder gehaspelt (sogenannte Haspelseide), kleben aufgrund des Seidenleims zusammen und bilden eine Grège, einen Seidenfaden.[25] Dieser Faden lässt sich zu glatten Textiloberflächen verarbeiten. Um 250 g Seidenfaden zu erhalten, werden um die 3000 Kokons benötigt, das entspricht etwa 1 kg.

Um die Seide vom Seidenleim (Sericin, auch Seidenbast) zu befreien, der auch Träger der gelben und anderen Färbungen ist, wird sie in Seifenwasser gekocht und erscheint rein weiß. Diesen Vorgang nennt man Entschälen oder Degummieren. Die Seidenfäden werden durch das Kochen dünner, geschmeidiger und glänzender. Anschließend wird die Seide häufig noch chemisch weiter veredelt. Durch das Entfernen des Seidenleims wird der Faden leichter, das wird teilweise durch das Hinzufügen von Metallsalzen (meist Zinnverbindungen) ausgeglichen. Durch Schwefeldioxid wird die Seide gebleicht.

Im Gegensatz zum Maulbeerseidenspinner wurden die meisten anderen Seide spinnenden Schmetterlingsarten nicht domestiziert. Daher nennt man die von ihnen gewonnene Seide Wildseide. Die Imagines schlüpfen meist schon bevor die Kokons eingesammelt werden und zerstören damit den Endlosfaden. Die Fasern dieser Kokons sind so kurz, dass sie versponnen werden müssen, um Fäden zu bilden.[8.2]


Anwendungen

Seidengarne

Die abgehaspelte Grège kann leicht gedreht werden, um besser zusammenzuhalten. Mehrere Grègen werden zu Garnen verzwirnt. Durch unterschiedliche Zwirntechniken entstehen funktionsangepasste Schuss- und Kettfäden. Dabei wird nach der DIN 60550 („Webgarne aus Seide“) als Organzin ein Zwirn mit mittlerer bis starker S-Drehung bezeichnet, der aus zwei oder drei Grègen hergestellt wird, die ihrerseits bereits Z-gezwirnt sind; diese Garnqualität kann für Webketten eingesetzt werden. Trame-Garn dagegen wird aus zwei oder mehr ungedrehten Grègen S-verzwirnt und eignet sich nur als Schussmaterial.[25] Krepp ist stärker gedreht, Grenadine besonders stark.[8.3]

Schappeseide, auch Florettseide genannt, entsteht aus relativ kurzen (120–200 mm) Fasern, die zu einem Faden versponnen werden. Das Rohmaterial sind Abfälle des Haspelns, so z. B. die äußersten und innersten Schichten der Kokons oder fehlerhafte Kokons. Schappeseiden-Garne sind glatt, glänzend und gleichmäßig.[8.4]

Bouretteseide wird aus den Abfällen der Schappespinnerei hergestellt. Die Fasern sind nur bis 50 mm lang, so dass die entstehenden Fäden dicker sind und häufig Noppen aufweisen.[8.5]

Seidengewebe

Durch unterschiedliche Bindungen, Webmuster oder Nachbehandlungen entstehen verschiedene Stoffqualitäten. Typische Seidenstoffe sind:

  • Brokat
  • Charmeuse, ein leichter, fließender Satin
  • Chiffon
  • Crêpe de Chine – Bevorzugte Qualität unter Designern für ihren weichen, knitterarmen Fall, und Ausgangsstoff für handbemalte Kimono, besonders im Yûzen-Verfahren.
  • Crêpe Satin
  • Damast
  • Duchesse, ein schwerer Satin
  • Dupionseide – leinwandbindig mit feiner Kette und dickerem Schuss aus schwach gedrehtem, noppigem Garn
  • Faille – Rips mit einer Kette aus Organsin, Schuss aus Schappseide, die leichte Qualität heißt Failletine.[26]
  • Georgette – leinwandbindig aus stark gedrehten Fäden gewebt
  • Habotai, auch Japon oder Pongé, ein leichtes, dichtes, leinwandbindiges Gewebe mit sehr glatter Oberfläche, das sich besonders gut für Seidenmalerei eignet. Es neigt stark zum Knittern und wird dementsprechend für Plissee bevorzugt.
  • Honanseide – stammt aus der Provinz Henan in China. Sie besteht aus Wildseide und wird in Leinwandbindung gewebt.
  • Organza, ein sehr leichtes, transparentes Gewebe aus Filamentgarn in Leinwandbindung
  • Shantungseide – leinwandbindig aus Garnen mit Verdickungen gewebt[27]
  • Taft
  • Seidentwill – in Köperbindung gewebt
  • Waschseide

Weitere Seidengewebe sind Assemblée, Attaline, Ballon- oder Fallschirmseide, Barege, Batavia[25], Bengaline[25], Bobinet, Bockerstoff, Bombasin[25], Burat[28], Ciré, Cisélé, Eolienne, Floche[25]Foulard, Helvetia-Seide[25], Lumineux[25], Louisine[29], Pariseide[30], Ramagé[25], Radium, Rips-barré, Samit, Soie Ondé[31], Surah, Merveilleux, Onduleuse,[25] Diobiris, Astarté,[32] Glacé[25], Alepine,[33] Trikotine, Toile, Matelassé, Boyeau,[34] Avignon,[28] Armuré,[35] Régence.[36]

Seidenpulver

Seidenpulver wird in Kosmetikprodukten als Zusatzstoff eingesetzt, z. B. in Lippenstiften, Hautcremes und Seifen. Auf der Liste der Inhaltsstoffe wird es als SILK (INCI)[37] aufgeführt.

Eigenschaften und Bezeichnungen

Seide zeichnet sich durch ihren Glanz und ihre hohe Festigkeit aus und wirkt isolierend gegen Kälte und Wärme. Sie kann bis zu ein Drittel ihres Gewichtes an Wasser einlagern und neigt wenig zum Knittern. Auf Seidenstoffen werden besonders brillante Farben erzielt. Empfindlich ist Seide gegenüber hohen Temperaturen, Abrieb und Wasserflecken.

Die Qualität der Seide hängt u. a. ab von:

Bezeichnungen aufgrund der Herkunft

  • Maulbeerseide wird aus dem Kokon der Seidenraupe des Maulbeerspinners Bombyx mori gewonnen.
  • Eriseide, auch Eria- oder Meghalayaseide vom indischen Götterbaum-Spinner (Samia cynthia ricini, frisst Ricinusblätter), ist neben Maulbeerseide die einzige Zuchtseide. Da der Götterbaum-Spinner keinen Endlosfaden spinnt, muss Eriseide aber, ähnlich wie Wildseide, gesponnen werden.[38]
  • Wildseide ist der Oberbegriff für Seidenfasern wildlebender Schmetterlingsarten.
  • Tussahseide wird aus den von Bäumen und Sträuchern gesammelten Kokons von wild lebenden Schmetterlingen der Gattung Antheraea gewonnen, darunter der Japanische (Antheraea yamamai) und Chinesische Eichenseidenspinner (Antheraea pernyi), der Mugaseidenspinner (Antheraea assamensis), Antheraea mylitta, A. roylei, A. proyeli und A. paphia.[39][40] Da hier der Schmetterling meist ausgeschlüpft ist, sind die Fasern kürzer und nicht abhaspelbar. Eine Zucht der Tussahspinner ist bisher nicht gelungen.
  • Mugaseide oder Assamseide[41] ist eine goldfarbene Tussahseide aus Indien vom Mugaseidenspinner (Antheraea assama).
  • Yamamaiseide oder Tensanseide[4] ist die Tussahseide des japanischen Eichenseidenspinners Antheraea yamamai.
  • Anapheseide oder Nesterseide der afrikanischen Falter Anaphe panda (Syn.: A. infracta), Anaphe moloneyi (Syn.: Epanaphe moloneyi),[42]
  • Afrikanische Wildseide der afrikanischen Falter (Gonometa postica, Gonometa rufobrunnea)[43]

Bezeichnungen aufgrund des Herstellungsverfahrens

  • Chappe- oder Schappeseide, auch Floretteseide, siehe Abschnitt Seidengarne
  • Wattseide sind die Fäden, die der Spinner als Halterung für den Kokon produziert, minderwertige, kurze Fasern.
  • Bouretteseide (Grobspinnverfahren aus kurzen Faserstücken)
  • Flockseide[45] als Flockseide werden die Seidenfasern bezeichnet, die beim Reinigen der Seidenspinnerkokons noch vor dem Abhaspeln abgebürstet werden. Flockseide besteht daher nur aus vergleichsweise kurzen Fasern
  • Pelseide Rohseidefäden aus qualitativ minderwertigen Kokons[46]
  • Rohseide, der frisch abgehaspelte und noch nicht weiterverarbeitete Seidenfaden[8.6]
  • Grège, gehaspelter Faden der Seidenraupe, siehe Abschnitt Seidengarne
  • Ecruseide, nicht vollständig entbastete Seide[47]
  • Cuitseide, auch als „Glanzseide“ bezeichnet, sehr weich und glänzend, zu 100 % entbastet, durch den Verlust des Seidenleims entsteht ein Festigkeitsverlust.
  • Soupleseide[31] – Naturseide, die durch Seifenlauge teilweise entbastet wurde, Gewichtsverlust durch den Entbastvorgang: ca. 8–12 %
  • Haspelseide, abgehaspelte Endlosfäden im Gegensatz zu Schappe- oder Bouretteside, siehe Abschnitt Seidengarne
  • Kammzugseide – Schappeseide, die als Vorbereitung zum Spinnvorgang zu Kammzügen verarbeitet wurde.[8.4]

Zusammensetzung und Aufbau

Die Seide von Insekten besteht wie die Seide der Spinnen aus den langkettigen Proteinen Fibroin (70–80 %) und Sericin (20–30 %). Fibroin ist ein β-Keratin mit einer Molekularmasse von 365.000 kDa.

Die sich wiederholende Folge der Aminosäuren im Fibroin lautet Gly-Ser-Gly-Ala-Gly-Ala.

Primärstruktur des Seidenproteins Fibroin, (Gly-Ser-Gly-Ala-Gly-Ala)n

Die im Seidenfaden vorherrschende Sekundärstruktur ist das antiparallele β-Faltblatt.[48] Die Quartärstruktur des Fibroins besteht aus zwei identischen Untereinheiten, welche sich parallel aneinander lagern, aber gegengerichtet. Diese Anordnung wird durch Wasserstoffbrückenbindungen und hydrophobe Wechselwirkungen zwischen den Untereinheiten stabilisiert.

Die kompletten Moleküle ordnen sich im Seidenfaden wiederum parallel an. Der Glanz der Seide beruht auf Reflexion des Lichtes an diesen mehrfachen Schichtungen.

Fibroin des Seidenspinners kann in mindestens drei Konformationen vorkommen, woraus unterschiedliche Qualitäten des Seidenfadens resultieren: Seide I, II und III. Seide I ist der natürliche Zustand des Fadens, Seide II findet sich im gespulten Seidenfaden.[49] Seide III bildet sich in wässrigem Zustand an Grenzflächen.

Da Proteine auch Polyamide sind, ist der Seidenfaden eine natürliche Polyamidfaser. Aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung und des besonderen, nahezu dreieckigen Querschnitts der Faser unterscheiden sich ihre Eigenschaften der Seide spezifisch von denen synthetischer Polyamidfasern.

Neben Faserproteinen sind in der Seide auch lösliche (löslich in Propylenglycol oder Glycerin) Skleroproteine sowie weitere Anteile enthalten:[50]

Weitere Informationen Bestandteil, Anteil ...
BestandteilAnteil
Seidenfilamente (schwefelfreies, hochpolymeres Protein)70–80 %
Seidenbast20–30 %
Wachsbestandteile0,4–0,8 %
Kohlenhydrate1,2–1,6 %
Naturfarbstoffe0,2 %
weitere organische Bestandteile0,7 %
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Pflege

Aufgrund von Wasserempfindlichkeit müssen viele Seidenstoffe vorsichtig mit der Hand (unter Verwendung spezieller Seidenreinigungsmittel oder milder Seifen) gewaschen werden. Eine chemische Reinigung ist möglich. Seide darf nicht ausgewrungen werden, da sie gerade im nassen Zustand formempfindlich ist. Gebügelt wird von links bei mittlerer Temperatur von 130–160 °C, wobei die Seide noch leicht feucht sein sollte. Chlorbleiche und Tumblertrocknung sind nicht möglich. Seide ist sonnenempfindlich, die Farben verblassen und die Seide vergilbt. Daher ist direkte und starke Sonneneinstrahlung zu vermeiden.

Sprachgebrauch

Reine Seide war ein teurer und nur in höheren Ständen gebräuchlicher Kleidungsstoff: „in Samt und Seide“ – wobei Samt eigentlich ein ursprünglich aus Seide bestehendes Gewebe bezeichnet, Seide aber eine Faser. Halbseiden sind Stoffe, die nur zur Hälfte aus Seide und sonst aus Kammgarn oder Baumwolle bestehen. Durch die Atlasbindung sieht man nur die Seide. Als halbseiden wird etwas bezeichnet, das nicht ganz echt und deswegen nur bedingt vertrauenswürdig ist: mehr Schein als Sein.

Halbseidene Klöße oder Knödel sind Kartoffelklöße mit einem Gehalt an Kartoffelstärke von bis zu einem Drittel. Bei einem höheren Stärkegehalt sehen sie seidenglänzend aus und werden auch als seidene Klöße bzw. Knödel bezeichnet.

Mongolische Bogenschützen mit gesteppter Schutzkleidung aus Seide, um 1300

Beschusshemmende Westen mittels Seidenwattierung

Einer der Gründe für den militärischen Erfolg der Mongolen war das Tragen von Seidenkleidung als Schutz. Diese konnte im Zusammenspiel mit Leder und leichten Eisenelementen von Pfeilen nur schwer durchdrungen werden und bildete somit eine leichte und funktionelle Rüstung.[51][52]

Casimir Zeglen entwickelte im 19. Jahrhundert eine beschusshemmende Weste, die mit Seide wattiert war. Einer seiner Kunden war Franz Ferdinand von Österreich-Este.[53]

Andere Seide produzierende Tiere

Nicht nur alle Schmetterlingsraupen produzieren Seide, sondern die meisten Insektenlarven, Spinnen und Muscheln. Die sogenannte Muschelseide wird ebenfalls zu Textilien verarbeitet und galt früher als ausgesprochenes Statussymbol.

Die Larven einiger Arten von Pilzmücken erzeugen Seidenfäden, um damit Beute zu fangen.

Siehe auch

Literatur

  • Heide-Renate Döringer: Seide: Mythen – Märchen – Legenden. Gesponnene Geschichten entlang der Seidenstraße. Books on Demand, Norderstedt 2013, ISBN 978-3-7322-5402-6.
  • Peter Kriedte: Eine Stadt am seidenen Faden. Haushalt, Hausindustrie und soziale Bewegung in Krefeld in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, ISBN 3-525-35633-1.
  • M. T. Lucidi (Hrsg.): La seta et la sua via. [Ausstellungskatalog] Palazzo delle Exposizioni, Rom 1994.
  • Andreas Mink: Seide: Stabilität durch Handel. Staatsgeheimnis und Exportschlager. 6000 Jahre alte chinesische Hochkultur. In: Aufbau. Das jüdische Monatsmagazin (= Mythos Seidenstrasse. Spurensuche: Der Beginn der Globalisierung.) 10. Jahrgang, Nr. 7 / 8, Zürich 12. Juli 2010, S. 25–27 (Mit weiteren Artikeln über Benjamin von Tudela, die Sassoons u. a. In Deutsch, Abstract in Englisch).
  • Anna Muthesius: Byzantine Silk Weaving: AD400 to AD1200. Fassbaender, Wien 1997, ISBN 3-900538-50-6.
  • Xia Nai: Jade and Silk of Han China (= The Franklin D. Murphy lectures. Nr. 3). Helen Foresman Spencer Museum of Art, University of Kansas 1983, ISBN 0-913689-10-6.
  • Andrea Schneider: Die Handelsgeschichte der Seide. Historische und kulturgeschichtliche Aspekte. GRIN Verlag, München 2007, ISBN 978-3-638-68856-7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Daniel Suter: Schweiz: Seidenweberei als Wirtschaftsfaktor. Wohlstand am seidenen Faden. In: Aufbau. Das jüdische Monatsmagazin. (= Mythos Seidenstrasse. Spurensuche: Der Beginn der Globalisierung.). 10. Jahrgang, Nr. 7 / 8, Zürich 12. Juli 2010, S. 22–24 (insbes. über Zürich, Basel).
  • Helmut Uhlig: Die Seidenstraße. Lübbe, Bergisch Gladbach 1986, ISBN 3-404-60267-6.
  • Herbert Vogler: Die Seide – Legenden und Fakten zur Geschichte eines exklusiven Fasermaterials. In: Textilveredlung. Nr. 35, H. 5/6, 2000, S. 28–35.
  • Hiroshi Wada: Prokops Rätselwort Serinda und die Verpflanzung des Seidenbaus von China nach dem oströmischen Reich. Dissertation. Universität zu Köln, 1971, DNB 720347998.
  • Hiroshi Wada: ΣΗΡΙΝΔΑ. Ein Abschnitt aus der Byzantinischen Seidenkultur. In: Orient. Band 14, 1978, ISSN 1884-1392, S. 53–69 (The Society for Near Eastern Studies in Japan), doi:10.5356/orient1960.14.53 (Volltext als PDF).
  • Feng Zhao: Treasures in Silk. An Illustrated History of Chinese Textiles. ISAT / Costume Squad, Hangzhou 1999, ISBN 962-85691-1-2.
  • Baier, Otto: Textilwarenkunde für Verkäufer. Fachbuchverlag, Leipzig 1959, DNB 450211630.
  • Otto von Falke: Kunstgeschichte der Seidenweberei. Berlin 1936, DNB 579370674.
Wiktionary: Seide – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Seide – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Seide – Quellen und Volltexte
Wikiquote: Seide – Zitate

Einzelnachweise

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