Naum Iljitsch Achijeser

russischer Mathematiker From Wikipedia, the free encyclopedia

Naum Iljitsch Achieser (ukrainisch Нау́м Іллі́ч Ахіє́зер, russisch Нау́м Ильи́ч Ахие́зер; 6. März 1901 – 3. Juni 1980) war ein sowjetischer und ukrainischer Mathematiker, bekannt für seine Arbeiten in der Approximationstheorie sowie in der Theorie der Differentialoperatoren und Integraloperatoren. Er ist außerdem als Autor klassischer Bücher zu verschiedenen Themen der Analysis sowie für seine Arbeiten zur Geschichte der Mathematik bekannt. Er ist der Bruder des theoretischen Physikers Alexander Iljitsch Achijeser.

Naum Iljitsch Achijeser

Biografie

Naum Iljitsch Achieser wurde am 6. März 1901 in der Stadt Tscherikow in der Provinz Mogiljow in eine Familie eines Landarztes geboren. Sein jüngerer Bruder, Alexander Iljitsch Achieser, wurde später ein bekannter theoretischer Physiker und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine.

1918 schloss Achieser das klassische Gymnasium in Mstislawl ab und immatrikulierte sich an der physikalisch-mathematischen Fakultät der Universität Petrograd. Er kehrte jedoch bald nach Tscherikow zurück, wo er als Lehrer für Mathematik und Physik tätig war.

1922 nahm er das Studium am Kiewer Institut für Volksbildung auf, das er bereits 1923 abschloss. Zeitgleich unterrichtete er Mathematik an Kiewer Schulen.

1925 begann er seine Promotion unter der Leitung von D. O. Grave. Drei Jahre später verteidigte er seine Dissertation „Aerodynamische Experimente“, die neben ihrem praktischen Charakter auch bedeutende mathematische Ergebnisse enthielt.

1933 folgte er einer Einladung von S. N. Bernstein nach Charkiw.

Im Folgejahr wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Allukrainischen Akademie der Wissenschaften gewählt – der damaligen Bezeichnung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. 1935 übernahm Achieser die Leitung (Direktor) des Ukrainischen Forschungsinstituts für Mathematik und Mechanik, das auf Initiative von S. N. Bernstein gegründet worden war. Mit Unterbrechungen durch den Zweiten Weltkrieg und die frühen Nachkriegsjahre bekleidete er diese Position bis zur Auflösung des Instituts im Jahr 1950. Es gelang ihm, bekannte Mathematiker wie N. G. Tschebotarjow und M. G. Krejn für die Institutsarbeit zu gewinnen. Zusammen mit Krejn veröffentlichte er zwischen 1934 und 1940 eine bedeutende Reihe von Arbeiten zur Approximationslehre und zum Markow-Momentproblem.

In den Nachkriegsjahren leitete er den Lehrstuhl für Funktionentheorie und später den Lehrstuhl für Mathematische Physik an der Universität Charkiw sowie den Lehrstuhl für Mathematische Physik am Charkiwer Polytechnischen Institut. Von 1947 bis zu seinem Lebensende stand Achieser der Charkiwer Mathematischen Gesellschaft vor und war Herausgeber ihrer wissenschaftlichen Zeitschrift.

1958 wurde er als Plenarredner zum Internationalen Mathematikerkongress in Edinburgh eingeladen (der Vortrag fand nicht statt). In den 1960er Jahren wurde auf Initiative von B. I. Werkin das Physikalisch-Technische Institut für Tieftemperaturen der Akademie der Wissenschaften der Ukrainischen SSR gegründet. Dort leitete Achieser von 1961 bis 1963 die Abteilung für Funktionentheorie, während er gleichzeitig seine Lehrtätigkeit an der Universität fortsetzte.

1963 wurde auf seine Initiative in Charkiw die physikalisch-mathematische Schule Nr. 27 gegründet (heute Charkiwer Physikalisch-Mathematisches Lyzeum Nr. 27).

Beiträge

N.I. Achieser erzielte wegweisende Ergebnisse in der Approximationstheorie, insbesondere bei Extremalproblemen, wobei er meisterhaft Methoden der geometrischen Funktionentheorie der komplexen Variablen anwandte. Sein wesentlicher Beitrag bestand darin, konforme Abbildungen in Kombination mit klassischen Tschebyscheff-Methoden einzusetzen. Dieser Ansatz eröffnete eine völlig neue Perspektive auf die Untersuchung von Funktionen, die minimal von Null abweichen.

Er stellte eine fundamentale Verbindung zwischen dem inversen Problem für wichtige Klassen von Differential- und Differenzoperatoren zweiter Ordnung mit endlich vielen Spektrallücken und dem Jacobischen Umkehrproblem für abelsche Integrale her. Diese Verbindung ermöglichte explizite Lösungen des inversen Problems für diese sogenannten Finite-Gap-Operatoren (eine endlichen Anzahl von Lücken im Spektrum).

Anfang der 1960er Jahre führte er im Rahmen der Untersuchungen des inversen Spektralproblems für Schrödinger-Operatoren mit endlich vielen Spektrallücken eine spezielle Klasse von Funktionen ein. Diese heute als Baker-Achieser-Funktionen bekannten Funktionen spielen seit über 50 Jahren eine Schlüsselrolle in der Theorie der nichtlinearen integrierbaren Systeme.

Monographien

  • Akhiezer, N. I. The Classical Moment Problem. Charkiw: Gostechisdat der Ukrainischen SSR, 1938. 84 S. (Original russisch: Klassitscheskaja problema momentow. Erweiterte Ausgabe: Moskau: Fizmatlit, 1961.)
  • Akhiezer, N. I.; Krein, M. G. Some Questions in the Theory of Moments. Charkiw: GONTI der Ukrainischen SSR, 1938. 256 S.(Original russisch: O nekotorych woprosach teorii momentow; englische Ausgabe: American Mathematical Society, 1962.)
  • Akhiezer, N. I. Lectures on the Theory of Approximation. Moskau; Leningrad: Gostechisdat, 1947. 323 S. (2., überarb. Aufl.: Moskau: Nauka, 1956; englische Ausgaben: Frederick Ungar Publishing Co., 1956; Dover Publications, 1992.)
  • Akhiezer, N. I. Elements of the Theory of Elliptic Functions. Moskau; Leningrad: Gostechisdat, 1948. 291 S. (2., überarb. Aufl.: Moskau: Nauka, 1970; englische Ausgabe: American Mathematical Society, 1990.)
  • Akhiezer, N. I.; Glazman, I. M. Theory of Linear Operators in Hilbert Space. Moskau: Nauka, 1966. 544 S. (3., überarb. Aufl.: Verlag der Universität Charkiw, 1977; englische Ausgabe: Frederick Ungar Publishing Co., 1961; Dover Publications, 1993.)
  • Akhiezer, N. I. Theory of Approximation. Moskau: Nauka, 1956. 472 S.

Vorlesungen und Lehrbücher

  • Akhiezer, N. I. Lectures on the Calculus of Variations. Charkiw: Gostechisdat, 1955.
  • Akhiezer, N. I. Lectures on Integral Transforms. Charkiw: Wyschtscha Schkola, 1984.

Weitere Arbeiten

  • Akhiezer, N. I. Academician S. N. Bernstein and His Work on the Constructive Theory of Functions. Charkiw: Staatliche Universität Charkiw, 1955.

Gesammelte Werke

  • Akhiezer, N. I. Selected Works on Function Theory and Mathematical Physics. Charkiw: Acta, 2001. Bde. 1–2.

Nachwirkung

  • Zur Erinnerung an den Wissenschaftler wurde die N. I. Achieser-Stiftung gegründet, deren Ziel die Unterstützung junger Mathematiker in Charkiw ist.
  • Im Oktober 2001 wurde an dem Gebäude des Charkiwer Physikalisch-Mathematischen Lyzeums Nr. 27, Marjinskaja-Straße 12/14, eine Gedenktafel zu Ehren von N. I. Achieser enthüllt.
  • Am 24. Mai 2018 wurde in Charkiw an dem Haus in der Bagalija-Straße 17, in dem der Wissenschaftler lebte, eine weitere Gedenktafel zu seinen Ehren angebracht.
  • Zu Ehren von N. I. Achieser wurde die Achieser–Krejn–Favier-Konstante benannt.
  • Seine Arbeiten sind außerdem in den Baker–Achieser-Funktionen verewigt.
  • Die Achieser-Straße in Charkiw wurde nach den Brüdern N. I. Achieser und A. I. Achieser benannt.

Literatur

  • Baltaga, V.; Drinfeld, G.; Levin, B. „Naum Iljitsch Achieser (zum 50. Geburtstag)“. Uspechi Matematitscheskich Nauk. 1951. Bd. 6, Nr. 2 (42).
  • Krein, M. G.; Levin, B. Ja. „Naum Iljitsch Achieser (zum 60. Geburtstag)“. Uspechi Matematitscheskich Nauk. 1961. Bd. 16, Nr. 4 (100).
  • Mathematics in the USSR over Forty Years: Survey Articles 1917–1957. Bd. 1. Moskau, 1959.
  • Mathematics in the USSR: Biobibliography 1958–1967. Bd. 2, Heft 1. Moskau, 1969.
  • History of Soviet Mathematics: In 4 vols. Kiew, 1970.
  • Berezansky, Ju. M. et al. „Naum Iljitsch Achieser“. Uspechi Matematitscheskich Nauk. 1971. Bd. 26, Heft 6 (162).
  • Kolmogorow, A. N. et al. „Naum Iljitsch Achieser (Nachruf)“. Uspechi Matematitscheskich Nauk. 1981. Bd. 36, Nr. 4 (220).
  • Lyubich, Yu. I. „Naum Ilʹich Akhiezer“. Journal of Mathematical Sciences. 1995. Bd. 76(4), S. 2441–2451.
  • Akhiezer, O. N.; Ushakova, I. V.; Khomenko, K. D. „Naum Il'ich Akhiezer“. Encyclopedia of Modern Ukraine. Bd. 1. Kiew, 2001. S. 815–816.
  • Marchenko, V. A. et al. „Naum Il'ich Akhiezer (On the 100th Anniversary of His Birth)“. Ukrainian Mathematical Journal. 2001. Bd. 53(3), S. 333–335.
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