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Nostalgie

Sehnsucht nach Vergangenem From Wikipedia, the free encyclopedia

Nostalgie bezeichnet eine Sehnsucht, eine lustvolle oder pathologisch erlittene Hinwendung und Fixierung auf Vergangenes, die individuell oder kollektiv verfolgt und erfahren werden kann. Der Begriff geht auf einen schweizerdeutschen Neologismus aus dem 17. Jahrhundert zurück, der sich von dem griechisch-lateinisch nostalgia (Heimweh) ableitet – ein Kompositum, das gebildet wurde aus den griechischen Wörtern νόστος nóstos für "Rückkehr","Heimkehr", und ἄλγος álgos, "Schmerz", "Not", "Trauer". Nostalgia meint zunächst, wörtlich übersetzt, das "schmerzhafte Verlangen nach Heimkehr".[1]

Ursprünge und Bedeutung

Erstmals genannt im Umfeld des Militärs benennt Nostalgia im 17. Jahrhundert eine Krankheit. Mit dem Neologismus bezeichnete der Schweizer Arzt Johann Jakob Harder (1656–1711) ein Heimweh, das die Schweizer Söldner von Ludwig XIV. in der Fremde befalle.[2] Synonym verwendete Harder die Wörter »philopatridomania ("wahnsinnige Liebe zur Heimat") und pothopatridalgia (»Schmerz, die Heimat leidenschaftlich zu begehren«). Ein Schüler Harders, der elsässische Arzt Johannes Hofer (1669–1752), widmete dem Basler Arzt seine Dissertatio cvrioso-medica, de Nostalgia, vulgo Heimwehe oder Heimsehnsucht (Basel 1688). Hofer stellte das Phänomen mit "kuriosen" Fallgeschichten dar und popularisierte so Harders Neologismus.[3] Als Diagnose hatte sich Nostalgie in der Militärmedizin so sehr durchgesetzt, dass es noch im 18. und 19. Jahrhundert in den französischen Regimentern verboten war, den Kuhreigen zu singen, weil er die Schweizer Söldner zur Fahnenflucht oder zum Suizid dränge.[4][5][6] Noch bis ins späte 19. Jahrhundert wurde Nostalgie als räumliches Phänomen, Heimweh, aufgefasst. Nostalgie wurden bis zum Ersten Weltkrieg in den Lazaretten diagnostiziert. Erst im 20. Jahrhundert wurde aus der Diagnose Nostalgie, der Melancholie und Krankheit zum Tode, ein Gefühl, eine Sehnsucht, ein Stil, eine Lebensweise, eine ästhetische, kulturelle oder politische Haltung.

Svetlana Boym unterscheidet zwischen zwei nostalgischen Perspektiven und "Tendenzen": eine restaurative Nostalgie, die den Schmerz überwinden will und an eine Heimkehr (nostos) glaubt, und eine reflexive Nostalgie, die sich auf die Trauer und Sehnsucht, ἄλγος álgos, beschränkt.[7] In der reflexiven Nostalgie kann die idealisierende Erinnerung vergangene Zeiten herbeisehnen, aber nie wiederherstellen.[8][9] Die reflexive Nostalgie eignet sich die Vergangenheit mit der Imagination an. Sie kann eine imaginäre Heimat durch Aufofiktion und falsche Erinnerung erfinden und "neu gegründen".[10] Den Nostalgie-Konzepten liegt häufig ein geschlossener Zeithorizont zugrunde,[11] der als Absage an die Forschritts- und Zukunftsgläubigkeit der Moderne interpretiert wird.[12] Sie fungieren in dieser Hinsicht auch als Gegenentwurf zu den zukunftszugewandten Utopien.[13] Restaurative Formen der Nostalgie reagieren dagegen auf die Zukunftslosigkeit mit apokalyptischen Weltbildern und fordern eine sofortige Um- und Heimkehr mit den Mitteln von Isolationismus, Nationalismus, Antisemitismus oder Rassismus. In politischen Kontexten taucht Nostalgie vor allem nach dem Ende des Kalten Kriegs in der alten Bedeutung von Heimweh auf, dem Ziel, die alte Macht wiederherzustellen. Während die politischen Akteure ihre nostalgischen Anteile mit eigenen Begriffen aufrufen (vgl. etwa MAGA, Remigration), setzen die soziologischen, historischen oder politologischen Analysen extremistischer Strömungen in kritischer Absicht verstärkt auf die Beschreibungskategorie Nostalgie.[14][15][16][17]

Historische Kontexte und mögliche Ursachen

Nostalgie wird häufig als Sehnsucht nach Kontinuität in einer zunehmend fragmentarisierten Welt beschrieben.[18] Sie bezeichne eine Asynchronie. Das Wissen der Vergangenheit sei entwertet, die Nostalgie reagiere auf einen Bedeutungs- und Orientierungsverlust.[19] Nostalgie-Wellen werden häufig nach größeren Umbrüchen wahrgenommen, etwa nach der Französischen Revolution, der Oktoberrevolution, dem Zerfall der DDR und UDSSR.[20] Der französische Arzt Jourdan Le Cointe erklärte während der französischen Revolution, man müsse Nostalgie mit Schmerz und Terror kurieren. In postkommunistischen Ländern wird dagegen in Zeiten des Umbruchs mit Nostalgie das kollektive Gedächtnis – wer darf was erinnern? wie wird Geschichte geschrieben? – neu bewertet und austariert. In Bosnien, Serbien und Kroatien etablierte sich die Bezeichnung Jugonostalgija (Jugo-Nostalgie), die positive Erinnerung an Jugoslawien wurde mit dieser Bezeichnung abgewertet,[21] aber zugleich wurden ebenso die Setzungen der Erinnerungskulturen mitdiskutiert.[22] In ähnlicher Weise reagiert der Begriff Ostalgie auf westdeutsche Geschichtsschreibungen der DDR. Ostalgie, ein Kofferwort aus Osten und Nostalgie, das 1995 dem Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle zugeschrieben wurde,[23] hat eine ähnlich pejorative Bedeutung. Die Bezeichnung wurde von manchen Ostdeutschen abgelehnt und von anderen als Provokation und Denkanstoß begrüßt, der anregt, Fragen nach der Kollektivität von Erinnerung und Gedächtnis zu stellen.

Nostalgie kann als ein Korrektiv betrachtet werden, das zwischen kollektiver und subjektiver Erinnerung oszilliert und vermittelt. In therapeutischen Kontexten sucht sie, eine verlorene Kontinuität wiederherzustellen. Psychologische Studien zur Nostalgie beziehen meist auf absichtlich herbeigeführte nostalgische Momente.[24] Nostalgie kann somit als therapeutisches Mittel verstanden werden, das hilft, Umbrüche und Zäsuren zu verarbeiten, depressive Stimmungen aufzulösen.[25]

Besonderes

Der Asteroid des äußeren Hauptgürtels (3162) Nostalgia ist nach der Nostalgie benannt.[26]

Nostalgie in den postdiktiven Wissenschaften

Auf dem Gebiet einiger Naturwissenschaften können nostalgische Merkmale gezeigt werden. Im Gegensatz zu prädiktiven Wissenschaften wie Chemie oder Molekularbiologie haben postdiktive Wissenschaften (Paläontologie, Urgeschichte usw.) einen Bestandteil der Nostalgie für die ferne Vergangenheit.[27][28][29]

Siehe auch

Literatur

  • Tobias Becker, Sabine Stach (Hrsg.): Zeithistorische Forschungen 18 (2021), Heft 1: Nostalgie.
  • Tobias Becker: Yesterday. A new history of nostalgia, Cambridge, MA/London (Harvard University Press) 2023. ISBN 0-674-25175-X. ISBN 978-0-674-25175-5.
  • Barbara Cassin: Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause? Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-518-58770-6.
  • Agnes Arnold-Forster: Nostalgia: A History of a Dangerous Emotion. Picador UK 2025, ISBN 978-1529091397 (Taschenbuch). Deutsche Übersetzung: „Nostalgie“. Geschichte eines gefährlichen Gefühls. Reclam 2025.
  • Daniel Rettig: Die guten alten Zeiten: Warum Nostalgie uns glücklich macht. dtv, München 2013, ISBN 978-3-423-26013-8.
  • Simon Reynolds: Retromania. Warum Pop nicht von der Vergangenheit lassen kann. Ventil Verlag, Mainz 2012, ISBN 978-3931555290.
  • Stefan W. Schmidt: Der Verlust des Ortes für das geographische Subjekt. Topophänomenologische Analysen des nostalgischen Gedächtnisses. In: Phänomenologische Forschungen 2019.1, S. 157–171. doi:10.28937/1000108310.
  • Stefan W. Schmidt: Nostalgie oder der flüchtige Duft der Heimat. Passagen Verlag, Wien 2023, ISBN 978-3-7092-0546-4.
  • Dominik Schrey: Analoge Nostalgie in der digitalen Medienkultur. Kadmos, Berlin 2017, ISBN 978-3-86599-345-8.
  • Jutta Steiner: Nostalgie im Upside Down. Das progressive Potenzial von Nostalgie in der Retro-Serie »Stranger Things«. Büchner-Verlag, Marburg 2019, ISBN 978-3-96317-177-2.
Wiktionary: Nostalgie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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