Ottilie Schäfer
deutsche Krankenschwester und Bildhauerin
From Wikipedia, the free encyclopedia
Ottilie Elisabeth Schäfer (* 24. Juni 1889 in Kassel; † 28. Oktober 1971 in Köppern[1]) war eine deutsche Bildhauerin und Krankenschwester. Von 1926 bis zu ihrer Entlassung 1933 war sie Oberin der Frankfurter Schwesternschaft und von 1934 bis 1946 der Rot-Kreuz-Schwesternschaft in Lübeck.
Leben
Ottilie (Otti) Schäfer war eine Tochter des Kaufmanns Georg Schäfer (1854–1940) und dessen Frau Caroline Louise Julie, geb. Dieterichs (1861–1942).[2] Ab den 1890er Jahren lebte die Familie in Frankfurt am Main, wo ihr Vater Inhaber einer Glasgroßhandlung war.[3]
Vermutlich erhielt sie ihre erste künstlerische Ausbildung in Kassel. 1911 und 1913 nahm sie an Ausstellungen des Ortsvereins Kassel der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft und des Kasseler Kunstvereins teil.[4]
Von 1911 bis 1913 betrieb sie ein eigenes kunstgewerbliches Atelier im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen.[5] 1913/14 studierte sie bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Bildhauerei im Atelier von Antoine Bourdelle in Paris. 1916/17 war sie Hospitantin in der Naturschule der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule Weimar.[4]
1920 zeigte die Galerie von Ludwig Schames in Frankfurt am Main ihre Plastik neben Gemälden von Lyonel Feininger.[6] Ungefähr zu dieser Zeit, vielleicht aber auch schon während des Weltkrieges,[4] ließ sie sich zur Krankenschwester ausbilden. Im Januar 1921 schrieb sie an Ernst Barlach, erbat sich eine Kopie seiner Lithographie Wem Zeit und Ewigkeit (1916)[7] und schickte ihm Fotografien einiger Plastiken von ihr mit der Bitte um Begutachtung. Barlach machte ihr klar, dass man seiner Meinung nach nur ganz Künstler sein könne: „wenn man überhaupt etwas anderes sein kann als Künstler, soll man kein Künstler sein.“ Ihr „Entschluss zu werden, was Sie nun sind“, sei jedoch „verehrungswürdig“.[8] Im April 1921 begann Otillie Schäfer ein Studium am Bauhaus Weimar, brach es jedoch nach einem Semester ab.[9]
Sie arbeitete nun ganz als Krankenschwester am Städtischen Krankenhaus in Sachsenhausen. 1926 wurde sie hier Oberin des städtischen Frankfurter Schwesternverbandes in Nachfolge von Wilhelmine von Mässenhausen.[5][10][11]

Für die Schwesternschaft organisierte sie eine Reihe von künstlerischen und frauen- und sozialpolitischen Vorträgen, unter anderem mit Gertrud Bäumer, Rosa Kempf und Emma Neisser, der Frau von Max Neisser.[12][4] Gut bekannt mit dem zu dieser Zeit in Frankfurt paraktizierenden Psychotherapeuten Hans Prinzhorn, machte sie die Schwestern mit dessen Ansatz in der psychiatrischen Pflege bekannt.[4] Sie konnte auch die Bildhauerei nicht ganz aufgeben. Der Bildhauer Georg Kolbe, mit dem sie eine intensive Korrespondenz pflegte, schrieb 1932 in einem Brief an Julia Hauff, dass Ottilie „Alles wegwarf, um die Kranken zu pflegen. Sie ist nun schon Oberin, aber wieder und wieder will sie modellieren und möchte zurück.“[13] Auch mit Richard Scheibe pflegte sie eine intensive Korrepondenz. 1930 nahm sie mit zwei Bronzebüsten an einer GEDOK-Ausstellung Frauen von Frauen dargestellt im Frankfurter Kunstverein teil.[14]
1933 führten ihre gesellschaftlichen und künstlerischen Aktivitäten zu einer Beschwerde nationalsozialistisch gesinnter Mitglieder des Schwesternverbandes. Schäfer habe „Nähe zu jüdischen bzw. politisch verfemten Intellektuellen und Künstlern“ gezeigt;[5][10] ihre Kunst sei „unmoralisch und ungesund“.[12] Daraufhin wurde sie „in Ausführung der Bestimmungen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen.[5]
Nachdem sie einige Monate arbeitslos war, begann Ottilie Schäfer als Lernschwester eine Umschulung zur Rotkreuz-Schwester im Mutterhaus Märkisches Haus für Krankenpflege in Berlin, einem der Vorläufer der heutigen DRK-Schwesternschaft Berlin. Im November 1933 entsandte die Schwesternschaft sie als Oberschwester in das Kreiskrankenhaus Liebenwalde.[12]



1934 wurde Ottilie Schäfer in Lübeck Oberin des lübeckischen Mutterhauses – Schwesternschaft Katharinenhaus vom Deutschen Roten Kreuz – in der Moltkestraße 13a in St. Jürgen. Schon das erste Jahr ihrer Amtszeit war von Umstellung und Expansion geprägt. Die Schwesternschaft hatte schon unter der Oberin Katharina Braunschmidt den Bau eines neuen Mutterhauses angestrebt, was aber durch den ersten Weltkrieg gescheitert war.[15] Nun ergab sich die Möglichkeit, die Villa Horn in der Marlistraße 10 im zu St. Gertrud gehörenden Bezirk Marli zu erwerben, die vorher kurzzeitg von den Guttemplern als Kaffee Wakenitzblick betrieben worden war.[16] Die Villa wurde 1935 zum neuen Mutterhaus. Auf dem angrenzenden Grundstück entstand eine moderne Klinik mit eigener Vorschule, die 1938 bezogen wurde, das heutige Krankenhaus Rotes Kreuz. Damit konnte das alte Gebäude in Moltkestraße ganz aufgegeben werden. Die Schwesternschaft übernahm 1936 die Kinderkrankenpflegeschule am Städtischen Krankenhaus Süd (heute Sana Kliniken); die Krankenpflegeschule wurde 1938 durch das Gesetz zur Ordnung der Krankenpflege staatlich anerkannt.[17]
Am 4. Juni 1937 beantragte Ottilie Schäfer die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.423.393).[18][12] Mit dieser Anpassung an das Regime wollte sie, wie sie 1945 aussagte, „ständigen Schwierigkeiten, Angriffen und Verleumdungen“ aufgrund ihrer „politischen Unzuverlässigkeit“ entgehen.[4]
Sie schuf weiterhin Plastiken, vor allem Büsten. Die größte Nachwirkung hatte ihr Bildnis einer jungen Schwester. Die Büste einer ungenannten Schwester, für die die Schwester Herta tom Suden (* 1913) Modell stand,[19] wurde 1937 in der Zeitschrift Die Frau vorgestellt und war, zusammen mit der Büste Hugo Distlers, Schäfers Beitrag zur Weihnachtsausstellung Lübecker Künstler 1937.[20] Das Original in Bronze befindet sich heute auf dem Gedenkstein für die Generaloberin Elisabeth Tomitius (1889–1945) auf dem Schwesternfeld der Düsseldorfer Schwesternschaft auf dem Stoffeler Friedhof. Durch zahlreiche Terrakotta-Kopien, die seit den 1950er Jahren Foyers von Mutterhäusern sowie der Fortbildungsakademie Werner-Schule in Göttingen schmückten, wurde der Schwesternkopf als Bild einer idealisierten DRK-Schwester weithin bekannt. Ein solches Exemplar aus dem Besitz der DRK-Schwesternschaft Märkisches Haus für Krankenpflege wird seit Dezember 2010 in der Dauerausstellung „SchwesternschaftsJahre 1875 bis heute – Die Ausstellung der DRK-Schwesternschaft Berlin“ im Haus S der DRK Kliniken Berlin Westend gezeigt.[21] Eine private Website über das Rote Kreuz empfiehlt hingegen, dass wegen der Nähe Schäfers zum Nationalsozialismus „die ausgestellten Kopien ihres Werks mit einem entsprechenden Hinweis versehen oder nicht mehr gezeigt werden“.[22]

1939 gestaltete Ottilie Schäfer die Grabanlage der Lübecker Schwesternschaft auf dem Vorwerker Friedhof. Zentraler Schmuck war eine Bronzekopie der Plastik Frauenhände von Georg Kolbe. Die Frauenhände gehören zu den Gedächtnisplastiken Georg Kolbes für seine 1927 verstorbene Frau Benjamine. Gemeinsam mit Kolbe entwarf Ottilie Schäfer den hohen Steinsockel für die Bronze mit dem Emblem des Roten Kreuzes.[23] Diese Grabgestaltung war für Lübeck ungewöhnlich und ausgesprochen modern. Stadtbaudirektor Hans Pieper lobte sie in den Lübeckische Blättern als „trotz größter Einfachheit höchst eindrucksvoll“. Die Hände seien „der Ausdruck für das Lebenswerk der Schwestern vom Roten Kreuz, sanfte, helfende und pflegende Hände, nie ermüdende mütterliche Hände, Hände, die ohne Worte Trost und Linderung verschaffen, Hände, auf denen der Segen der Allmacht ruht – Hände, denen wir ewigen Dank schulden.“ So gesehen sei „das Grabsymbol nichts Fremdes, sondern Selbstverständliches“. Lübeck könne „glücklich sein, diese vielleicht persönlichste Arbeit Georg Kolbes in seinen Mauern zu besitzen“.[24]
Im Juni 1941 unternahm Ottilie Schäfer eine Reise zu Rot-Kreuz-Schwestern im besetzten Frankreich.[25]
1943 war sie zum ersten und einzigen Mal in der Großen Deutschen Kunstausstellung mit vier Plastiken vertreten.[26]
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste Ottilie Schäfer 1946 im Zuge der Entnazifizierung ihr Oberin-Amt abgeben. Sie wurde als Ruhestandsoberin in der Liste des Verbandes der DRK-Schwesternschaften geführt.[12] Anfang der 1950er Jahre, zumindest von 1951 bis Sommer 1954, lebte sie in Marburg; hier entstanden weitere Werke, die sie auch auf Ausstellungen in Marburg zeigte.[4] Später zog sie zurück nach Frankfurt. Von Zeit zu Zeit nahm sie auch hier noch an Ausstellungen teil.[27]
Nachlass
Ein Teilnachlass von Ottilie Schäfer befindet sich seit 1986 im Georg-Kolbe-Museum in Berlin. Er enthält einige Briefe von und an Ottilie Schäfer, Zeitungsausschnitte, ein Ausstellungsprogramm sowie eine Partitur. Der fotografische Nachlass enthält zwei Fotoalben und über 100 Fotografien und Bildpostkarten ihrer Plastiken.[28]
1997 erwarb die Staatsbibliothek Berlin zwei weitere Kästen mit Korrepondenz, darunter 129 Briefe von Georg Kolbe und 70 Briefe von Richard Scheibe.[29]
Werke
- Tanzendes Mädchen, Bronzestatuette (1911)[30]
- Bildnisbüste des Herrn E.R. Bronze auf Muschelkalkstein (1913)[4]
- Bildnis E.G., Bronze und Bildnisstudie Bronze (1930)[31]
- Bildnis einer jungen Schwester, auch bekannt als Anonyme Rotkreuzschwester oder Schwesternkopf, Bronzebüste (1937)[32]
- zahlreiche Terrakotta-Kopien in Mutterhäusern etc.
- Hugo Distler, Bronzebüste (1937)[33]
- Hans Pieper, Büste (1940)[34]
- Huldigung an Georg Kolbe, Bronze, Statuettengruppe, 47 cm hoch[35]
- Bildnis Prof. Meyer-Burgdorff, Große Deutsche Kunstausstellung 1943[36]
- Mädchenbüste, Terrakotta Große Deutsche Kunstausstellung 1943[37]
- Deutscher Knabe, Statue Große Deutsche Kunstausstellung 1943[38]
- Deutsches Mädchen, Statue Große Deutsche Kunstausstellung 1943[39]
- Gedächtnisbild Edith Stein (1952/53)[4]
- Georg Wünsch, Büste (1953)[4]
- Korea (1953)[4]
Literatur
- Horst-Peter Wolff: Schäfer, Ottilie, in: Horst-Peter Wolff (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. WHO was WHO in Nursing History. Band 1. Berlin/Wiesbaden: Ullstein Mosby 1997, ISBN 3-86126-628-8, S. 177f
- Ulrike Wolff-Thomsen: Lexikon schleswig-holsteinischer Künstlerinnen. Heide: Boyens 1994, ISBN 978-3-8042-0664-9, S. 283
- Irene Ewinkel (Hrsg.): Das andere Leben: Rückblick auf Marburger Künstlerinnen. (= Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur 105), Marburg: Rathaus-Verlag der Universitätsstadt Marburg 2015, ISBN 978-3-942487-06-1, S. 163–167.
Weblinks
- DRK-Schwesternschaft Lübeck e. V.
- Eintrag zu Ottilie Schäfer in Kalliope
- Eintrag Datenbank Große Deutsche Kunstausstellung
- Schäfer, Ottilie, Eintrag in der Datenbank der Forschungsstelle für Biografien ehemaliger Bauhaus-Angehöriger
- Ottilie Schäfer im Georg-Kolbe-Museum online