Potenzmengenkonstruktion
Verfahren der Automatentheorie
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Die Potenzmengenkonstruktion (Myhill-Konstruktion oder auch Teilmengenkonstruktion) ist ein Verfahren, das einen nichtdeterministischen endlichen Automaten (NEA) in einen äquivalenten deterministischen endlichen Automaten (DEA) umwandelt. Das Verfahren dient als konstruktiver Beweis für die Äquivalenz der beiden Automatenmodelle.
Grundidee
Um für einen NEA einen äquivalenten DEA zu konstruieren, werden alle Mengen von Zuständen des NEA als potentielle Zustände für DEA betrachtet. Ein Zustand vom DEA kodiert dabei all diejenigen Zustände, in denen sich der NEA zu einem bestimmten Zeitpunkt befinden könnte. Ein Zustandsübergang im DEA ist deterministisch, da sein Folgezustand aus der Menge aller möglichen Folgezustände besteht, in die der NEA unter einer bestimmten Eingabe gelangen kann. Das Verfahren heißt Potenzmengenkonstruktion, weil die Zustände des konstruierten Automaten Mengen von Zuständen des Ausgangsautomaten sind und daher die konstruierte Zustandsmenge Teil der Potenzmenge der Zustandsmenge des Ausgangsautomaten ist. Die Potenzmengenkonstruktion ergibt nicht notwendigerweise einen minimalen DEA.
Theoretischer Rahmen
Die Wissenschaftler Michael O. Rabin und Dana Scott wurden 1976 für ihre Arbeiten im Bereich der Automatentheorie mit dem Turing Award ausgezeichnet. Um den nach ihnen benannten Satz
- Jede von einem NEA akzeptierte Sprache ist auch durch einen DEA akzeptierbar.
beweisen zu können, wird ein Algorithmus konstruiert, der jedem NEA einen äquivalenten DEA zuweist.
Konstruktion
Zu einem nichtdeterministischen Automaten mit der Übergangsfunktion , konstruiere einen äquivalenten deterministischen Automaten folgendermaßen:
- Starte mit leeren Zustandsmengen und .
- Wähle den Startzustand von als einelementige Menge des Startzustandes von . Füge zur Menge der Zustände hinzu.
- Für alle Zustände , die bereits in enthalten sind:
- Für jedes Eingabezeichen :
- Konstruiere einen Folgezustand als Menge aller Zustände, die ausgehend von einem Zustand aus unter Eingabe von erreichen kann. Also .
- Füge den Zustand zu hinzu, falls er noch nicht in der Menge der Zustände von enthalten ist.
- Ergänze die Übergangsfunktion um den Übergang .
- Für jedes Eingabezeichen :
- Wiederhole Schritt 3. so lange, bis sich und nicht mehr ändern.
- Wähle die Menge der Finalzustände von als diejenige Teilmenge von , deren Zustände einen Finalzustand aus enthalten.
Bemerkung: Der DEA kann am Ende bis zu Zustände haben. Dies ist aber unvermeidlich, weil Sprachen existieren (z. B. ), die von einem NEA mit Zuständen akzeptiert werden, die aber Myhill-Nerode-Äquivalenzklassen haben, womit ein äquivalenter DEA mindestens Zustände haben muss.
Konstruktion für NEAs mit Epsilon-Übergängen und mehreren Startzuständen
Wir betrachten einen nichtdeterministischen Automaten mit der Übergangsfunktion die Epsilon-Übergänge erlaubt und einer Menge von Startzuständen. Eine Möglichkeit einen äquivalenten DEA zu konstruieren ist es, den gegebenen Automaten zunächst in einen NEA ohne Epsilon-Übergänge mit einem einzelnen Startzustand umzuwandeln und dann das schon vorgestellte Verfahren für solche Automaten anzuwenden. Es ist aber meistens effizienter den gegebenen NEA direkt in einen DEA umzuwandeln. Hierzu definiert man den -Abschluss (manchmal auch die -Hülle) eines Zustands unter als die Menge aller Zustände die von mit Epsilon-Übergänge erreicht werden können. Die Konstruktion wird jetzt so modifiziert, dass nur -abgeschlossene Mengen als Zustände im Automaten fungieren können, d. h., jeder neue Zustand wird unter -Übergängen abgeschlossen und der -Abschluss der Menge aller Startzustände fungiert als Startzustand des DEA.
Konstruktion
Konstruiere einen äquivalenten deterministischen Automaten folgendermaßen:
- Starte mit leeren Zustandsmengen und .
- Wähle den Startzustand von . Füge zur Menge der Zustände hinzu.
- Für alle Zustände , die bereits in enthalten sind:
- Für jedes Eingabezeichen :
- Konstruiere einen Folgezustand als Menge aller Zustände, die ausgehend von einem Zustand aus unter Eingabe von erreichen kann. Also .
- Füge den Zustand zu hinzu, falls er noch nicht in der Menge der Zustände von enthalten ist.
- Ergänze die Übergangsfunktion um den Übergang .
- Für jedes Eingabezeichen :
- Wiederhole Schritt 3. so lange, bis sich und nicht mehr ändern.
- Wähle die Menge der Finalzustände von als diejenige Teilmenge von , deren Zustände einen Finalzustand aus enthalten.
Formales
Sei ein nichtdeterministischer endlicher Automat mit der Zustandsmenge , dem Eingabealphabet , der Übergangsfunktion , dem Startzuständen und der Menge der Finalzustände .
Der -Abschluss (manchmal auch die -Hülle) eines Zustands unter ist definiert als
- , so dass und .
Der -Abschluss einer Menge von Zuständen ergibt sich dann als .
Der zu äquivalente Potenzautomat ergibt sich wie folgt:
- , der -Abschluss von unter
- , mit
Dieser Potenzautomat ist bereits ein zu äquivalenter DEA aber immer von exponentieller Größe. Durch das Eliminieren von Zuständen die vom Startzustand nicht erreicht werden können ergibt sich der in unserer Konstruktion beschriebene äquivalente DEA mit:
- , so dass die kleinste Menge ist mit und
Beispiele
Automat zum regulären Ausdruck (a|b)*aba
Gegeben sei der nichtdeterministische Automat über dem Alphabet mit der tabellarisch gegebenen Übergangsrelation :
Eine graphische Darstellung des Ausgangsautomaten sieht folgendermaßen aus:
Nach obiger Konstruktion ergeben sich die Zustandsmenge und die Übergangsfunktion des äquivalenten deterministischen Automaten wie folgt:
Daraus leitet sich die Menge der Finalzustände ab, da nur den Finalzustand des Ausgangsautomaten enthält. Insgesamt ergibt sich der deterministische Automat , der folgende graphische Darstellung besitzt:
Automat zum regulären Ausdruck a(a|b)*b
| NEA für den regulären Ausdruck |
![]() |
| DEA für den regulären Ausdruck |
Literatur
- Ingo Wegener: Theoretische Informatik. Eine algorithmenorientierte Einführung. B.G. Teubner, Stuttgart, ISBN 3-519-02123-4, 4.4 Nichtdeterministische endliche Automaten, S. 105–108.
- Juraj Hromkovič: Theoretische Informatik. Formale Sprachen, Berechenbarkeit, Komplexitätstheorie, Algorithmik, Kommunikation und Kryptographie. 3. Auflage. B.G. Teubner Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-8351-0043-5, 3.5 Nichtdeterminismus, S. 115–116.
- John E. Hopcroft, Rajeev Motwani, Jeffrey D. Ullman: Einführung in die Automatentheorie, formale Sprachen und Komplexitätstheorie. 3., aktualisierte Auflage. Pearson Studium, München 2011, ISBN 978-3-86894-082-4, S. 88,107 (englisch: Introduction to Automata Theory, Languages, and Computation. 2007. Übersetzt von Sigrid Richter und Ingrid Tokar).
- Uwe Schöning: Theoretische Informatik – kurz gefasst. 5. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8274-1824-1, 1.2.2 Nichtdeterministische Automaten, S. 24.


