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Pryce’s Buoy

Kurzgeschichte von Alan Turing From Wikipedia, the free encyclopedia

Pryce’s Buoy ist die Bezeichnung für eine unbetitelte und ursprünglich unveröffentlichte autofiktionale Kurzgeschichte des britischen Informatikers Alan Turing, von der nur sechs Seiten auf drei Blättern erhalten sind. Er schrieb sie, nachdem er im Jahr 1952 wegen seiner Homosexualität verurteilt worden war.

Nach seinem Tod 1954 lag sie im Archiv des King’s College der University of Cambridge. 2026 wurde sie durch die Literaturprofessorin Sarah Dillon mit einem Aufsatz für The Review of English Studies erstmals vollständig transkribiert.

Inhalt

Die Geschichte ist eine fiktionalisierte Beschreibung des ersten Treffens zwischen Turing und Arnold Murray im Dezember 1951. Sie handelt von den zwei Männern Alec Pryce, der Turing repräsentiert, und Ron Miller, die sich beim Cruising begegnen. Literaturprofessorin Dillon beschreibt das Geschehen als „pick up“ (Abschleppen).

Zuerst wird Pryce vorgestellt, ein Forscher an der Universität, der aktuell eine wissenschaftliche Arbeit fertiggestellt hat, und in seinen Zwanzigern eine Idee, genannt „Pryce’s Buoy“, präsentiert hatte. Der Titel ist, wie in der Geschichte selbst von Pryce erklärt, ein Wortspiel zwischen buoy (Boje) und boy (Junge). Pryce zeigt seine Homosexualität offen („liked to parade his homosexuality“). An einem Dezembertag nach dem Weihnachtseinkauf begibt Pryce sich auf die Suche nach männlicher Gesellschaft in einen Park, in dem sich der arbeitslose Gelegenheitskriminelle Ron Miller als Stricher anbietet, um schnell an Geld zu kommen. Dieser beschreibt außerdem einen femininen Kollegen namens Eric, der Erfolg damit habe und es möge, wie ein Mädchen genommen zu werden. Mit Blicken und einem Lächeln signalisieren Alec und Ron sich Interesse und sie setzen sich auf eine Parkbank. In einer verschlüsselten Formulierung stellt Ron zunächst sicher, dass Alec tatsächlich homosexuell und interessiert ist und er nicht falsch liegt. Dann lädt Alec Ron zum Essen in ein Restaurant ein, zu dem sie sich daraufhin begeben, mit der Absicht, danach im Bett zu landen. Allerdings ist Ron sich nicht sicher, ob es nach dem Essen tatsächlich dazu kommen werde.

Hintergrund

Alan Turing (1951)

Entstehung und Datierung

Turing, im Zweiten Weltkrieg ein führender Kryptoanalytiker, begann im Januar 1952 eine Beziehung mit Arnold Murray, den er zuerst im Dezember 1951 getroffen hatte. Als Murray später im Januar in Turings Haus einbrach, meldete Turing dies der Polizei, wodurch auch ihre Beziehung und Homosexualität bekannt wurde. Turing wurde im März 1952 „grober Unzucht und sexueller Perversion“ verurteilt, aber kam unter der Bedingung, dass er sich behandeln ließe, nicht ins Gefängnis.

1936 als 24-jähriger Student schrieb Turing On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem., mit dieser Schrift führte er das heute Turingmaschine genannte Modell ein; im November 1951 reichte er die Schrift The Chemical Basis of Morphogenesis. zur Veröffentlichung ein, die so fundamental für die theoretische Biologie wurde wie On Computable Numbers für die Computerwissenschaft. Dillon interpretierte, dass in der Geschichte die Arbeit Pryce’s Buoy aus seinen Zwanzigern auf erstere und Pryces aktuelle wissenschaftliche Arbeit auf letztere verweist, deren Fertigstellung relativ kurz vor dem ersten Treffen mit Murray lag.[1]

Turing schrieb vor seinem Prozess über die Bekanntwerdung seiner Homosexualität in einem Brief an seinen Freund Norman Routledge, dass er die Geschichte, wie alles herausgefunden wurde, für lang und faszinierend befinde und er selbst sie eines Tages zu einer Kurzgeschichte machen solle. Abgesehen davon gebe es außerhalb der Geschichte selbst keinen weiteren Hinweis darauf, dass sie autofiktional auf dem echten Ereignis basiere.[2]

Die Geschichte ist zwar undatiert, aber Dillon zeigt auf, dass Turing Angus Wilsons Roman Hemlock and After als Vorlage für die Szene des Cruisings im Park benutzt habe, der im Juli 1952 erschienen war,[3][4] sodass die Niederschrift zwischen diesem Monat und seinem Tod im Juni 1954 zu datieren sei. Genauer schätzt Dillon sie auf einen Zeitraum zwischen dem späten 1952 und frühen 1953, allerdings nach Beginn seiner Psychotherapie mit Franz Greenbaum.[5]

Archivierung und Transkribierung

Turing hat seine Geschichte nicht veröffentlicht; „wir können nicht sagen, ob durch seine eigene Entscheidung oder aufgrund des abrupten Endes seines Lebens.“[6] Nach seinem Tod kam das Manuskript in die Turing-Sammlung des Archivs im King’s College der University of Cambridge. In einem Umschlag erhalten sind nur sechs Seiten, die auch Durchstreichungen und Hinzufügungen durch Turing aufweisen. Seine Handschrift gilt als schwer zu lesen.[7] Die sechste Seite endet mit dem angefangenen Satz „Ron wouldn’t“ (Ron würde nicht), was darauf hinweist, dass mehr vorhanden war. „Es gab offensichtlich mehr. Wir wissen nicht, ob Turings Mutter sie zensiert hat,“ kommentierte Dillon. Es könnte daran gelegen haben, dass die Geschichte im Folgenden sexuell explizit geworden wäre.[8]

Verschiedene Biografien enthielten partielle Transkriptionen der Geschichte, darunter laut Dillons Aufzählung Andrew Hodges 1983 und Dermot Turing 2017; sowie die bislang weitgehendste Transkription in David Leavitt 2007.[9] Erst die Cambridger Literaturprofessorin Sarah Dillon lieferte 2026 eine vollständige Transkription und literarische Untersuchung der Geschichte als Autofiktion, die in The Review of English Studies erschien.

Wertung

Dillon befindet, dass die Geschichte das Bild von Turings Persönlichkeit ändere, der als in Gesellschaft unbeholfen, isoliert und nur mit Logik und Zahlen beschäftigt gesehen werde. Das aktuelle Verständnis von Turing sei durch den Film The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben von 2014 geformt, in dem Turing von Benedict Cumberbatch als humorlos, individualistisch, unwillig zur Kooperation und antagonistisch gegenüber anderen dargestellt wird. Hingegen zeige die Geschichte, dass Turing verspielt, witzig und literarisch gewesen sei und Sex sehr gemocht habe. Auch ein Sommerurlaub 1952 im toleranten Norwegen zeigt, dass seine Verurteilung seine sexuelle Energie nicht gesenkt habe.[7]

Literarisch lobt Dillon die Kurzgeschichte für die Kombination psychologischer Einblicke mit sozialem Realismus. Turing webe wie Angus Wilson die inneren Gedanken seiner Figuren in ihre soziale Landschaft ein. Er mache aber mehr damit, als Wilson nur zu kopieren, sondern füge weitere Ebenen um ihr Berufsleben und soziale Netzwerke hinzu. Mit Ron Millers Gedanken fordere er dominante Narrative darüber, wie solche Abschlepp-Szenarien zwischen zwei Gesellschaftsklassen ablaufen.[10]

Einzelnachweise

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