Quagga-Dreikantmuschel

Art der Gattung Dreissena From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Quagga-Dreikantmuschel (Dreissena rostriformis bugensis) ist eine Unterart der Dreikantmuscheln – teilweise wird sie auch als eigenständige Art (Dreissena bugensis) angesehen. Ursprünglich in Zuflüssen des Schwarzen Meeres verbreitet, tritt sie in Europa und Nordamerika als Neozoon auf. Der Name geht vermutlich auf die hell-dunklen Streifen der Schalen zurück, die an das Fellmuster der Zebraart Quagga erinnern.

Schnelle Fakten Systematik, Wissenschaftlicher Name ...
Quagga-Dreikantmuschel

Quagga-Dreikantmuschel (Dreissena rostriformis bugensis)

Systematik
Ordnung: Myida
Überfamilie: Dreissenoidea
Familie: Dreikantmuscheln (Dreissenidae)
Gattung: Dreissena
Art: Dreissena rostriformis
Unterart: Quagga-Dreikantmuschel
Wissenschaftlicher Name
Dreissena rostriformis bugensis
Andrusov, 1897
Schließen

Merkmale

Form und Größe der Schale ähneln jener der Wandermuschel. Die Quagga-Dreikantmuschel zeichnet sich jedoch, im Gegensatz zur Wandermuschel, durch die Abwesenheit eines scharfen Kiels sowie durch eine stark abgerundete ventrale Seite aus. Die Färbung ist sehr variabel. Es kommen dunkelbraune Individuen vor, die zum Teil hellbraun gestreift sind, aber auch sehr dunkle und fast weiße Exemplare. Die mittlere Schalenlänge, die bei Exemplaren am Main gemessen wurde, lag bei 17,2 mm, die größten Individuen (aus der Donau) hatten eine Schalenlänge von 32,3 mm.[1]

Lebensweise

Die Quagga-Dreikantmuschel ist eine Süßwassermuschel, die auch Brackwasser mit niedrigem Salzgehalt toleriert.[2] Die Muscheln heften sich mit ihren Byssusfäden auf Hartsubstrat, meist an der Unterseite von Steinen, Betonwänden, Schiffsrümpfen fest. Die Tiere sind getrenntgeschlechtlich und besitzen planktonische Larven. Sie wachsen rund einen Zentimeter pro Jahr, können bis zu vier Zentimeter groß und drei bis fünf Jahre alt werden. Sie leben bevorzugt in Gewässern mit einem durchschnittlichen Temperaturbereich zwischen acht und 15 Grad Celsius und produzieren fast ganzjährig Nachwuchs.[3]

Verbreitung

Herkunft

Als ursprüngliches Verbreitungsgebiet der Quagga-Dreikantmuschel werden die Mündungsgebiete der Flüsse Südlicher Bug, Dnepr und Inhulez am Schwarzen Meer (Ukraine) angenommen.[4] Von dort hat sie sich wahrscheinlich ab den 1940er-Jahren zunächst nach Osteuropa (Russland) ausgebreitet.[5]

Eroberung neuer Lebensräume

In den 1990er-Jahren wurde sie vermutlich über die Schifffahrt nach Nordamerika (vor allem im Bereich der Großen Seen, – im Michigansee machen diese Muscheln fast 90 Prozent der dortigen Biomasse aus (Stand Ende 2025)[3] – aber auch westlich der Rocky Mountains) eingeschleppt. Über das europäische Flusssystem wanderte sie auch ostwärts. So war sie zu Beginn der 2010er-Jahre in verschiedenen Regionen Europas bereits weit verbreitet: Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Niederlande, Österreich, Rumänien, Ungarn.[6][7]

Deutschland

In Deutschland wurde die Quagga-Dreikantmuschel erstmals 2005 nachgewiesen. In den 2020er Jahren hat sie folgende Fließgewässer besiedelt: Donau, Main und Rhein, darüber hinaus den Main-Donau- und den Mittellandkanal sowie weitere angeschlossene Kanäle wie den Datteln-Hamm-, Dortmund-Ems-, Elbe-Lübeck-, Rhein-Herne- und Wesel-Datteln-Kanal.

Im Jahr 2016 wurde sie erstmals im Bodensee in den Gebieten Langenargen und Schussenmündung beobachtet.[8] Im Juni 2021 wurden Quaggamuscheln in zwei Seen in Irland nachgewiesen.[9]

Nach einer Studie der Universität Konstanz am Bodensee von Anfang 2024 wird die Quagga-Muschel-Masse pro Quadratmeter in Bodensee, Genfer See und Bielersee bis 2045 voraussichtlich um das Neun- bis Zwanzigfache zunehmen, vor allem durch eine stärkere Besiedlung der tieferen See-Bereiche, was zu großen Veränderungen im Ökosystem führen könne. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) wiederum nahm dort an, dass am Bodensee ca. 2040 der gleiche Status wie im US-amerikanischen Lake Michigan erreichetn werde, wo die Muschel mittlerweile 90 % der Biomasse ausmache – der Verlauf der Ausbreitung sei bislang in beiden Seen ähnlich.[10]

In Berlin mit seinen zahlreichen Seen und Flüssen wurde inzwischen auch eine Unzahl dieser Muscheln nachgewiesen. Sie befinden sich vor allem im Großen Müggelsee, in der Spree, in der Havel und in kleineren Gewässern wie dem Tegeler See. Im Müggelsee hat der Biologe Benjamin Wegner eine grobe Zählung vorgenommen und kommt auf 46.000 Muscheln auf einen Quadratmeter. Infolge des großen Filtervolumens ergibt sich daraus, dass der ganze See bis zu zweimal täglich komplett gefiltert wird und eine extrem klare Sicht entsteht. Damit wachsen wieder mehr Pflanzen und Algen, erstmals seit Jahrzehnten konnten auch wieder Armleuchteralgen gesichtet werden. – Die Haftfäden der Quaggamuscheln können sich auch andere Organismen besiedeln, so dass sie sogar einheimische Flussmuscheln überwuchern und diese damit vernichten. Auch sind sie für Badegäste beim Betreten der Seen über am Grund liegende muschelbewachsene Steine sehr unangenehm.[5][3]

Schweiz

In der Schweiz wurde das Neozoon erstmals 2014 oder 2015 im Rhein bei Basel nachgewiesen.[11][12] 2015 folgten erste Funde im Genfersee.[13] 2016 wurde die Muschel im schweizerischen Teil des Bodensees angetroffen,[14] wo sie sich seither massenhaft verbreitet[15][16] und die bereits in den 1960er-Jahren hier eingeschleppte Wandermuschel langsam verdrängt.[17][18] Auch in Genfer-, Bieler-, Neuenburger- und Murtensee hat sie sich ab 2018 massiv ausgebreitet, ebenso in der Aare unterhalb des Bielersees.[19] 2024 wurde die Muschel, durch die Einwasserung von Booten in verschiedenen Seen, auch im Zürichsee gefunden.[20] Als großes Problem hat sich erwiesen, dass die Vorschriften zur Einwasserung von gebietsfremden Booten trotz der geringen Größe des Landes nicht einheitlich sind und dass die Mehrheit der Kantone keinerlei Maßnahmen vorgeschrieben hat.[21] Die Wasserversorger am Zürichsee machten darum den Kanton verantwortlich für die wegen der Muscheln anstehenden Millionen-Investitionen und verlangten eine Beteiligung des Kantons.[22] Einen hohen Schaden hatte 2025 auch die Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein zu beklagen, weil sie 27 Tage wegen der Ablagerung toter Muscheln im Rhein nicht fahren konnte. Schon im Jahr 2024 musste die Fahrrinne freigelegt werden.[23] Die Ämter stellten prinzipiell eine Ausnahmebewilligung für die Entfernung von rund 10'000 Kubikmetern Muschelschalen im Frühjahr 2026 in Aussicht. Eine solche müsste aber alle paar Jahre wiederholt werden, weshalb sie umstritten war. Eine solche Ablagerung von Muschelschalen war schweizweit einmalig.[24]

Systematik

Innerhalb der Gattung Dreissena gehört die Quagga-Dreikantmuschel zusammen mit ihrem Schwestertaxon Dreissena rostriformis rostriformis zur Untergattung Pontodreissena. Sie bilden die Schwestergruppe zu den Untergattungen Carinodreissena und Dreissena.[25]

Problematik

Erklärvideo: So gefährdet die Quaggamuschel unser Ökosystem (40 Sekunden)

Während die nah verwandte Dreissena rostriformis rostriformis ein eher eingeschränktes Verbreitungsgebiet im Kaspischen Meer besitzt, breitet sich die Quagga-Dreikantmuschel derzeit immer weiter aus. In den neu besiedelten Regionen kann sie einen erheblichen Teil der Biomasse ausmachen und scheint die ökologisch ähnliche Wandermuschel dort zu verdrängen. Mit Hilfe ihrer Byssusfäden kann sie Großmuscheln und andere Weichtiere überwachsen und stellt somit ein Problem für diese Organismen dar. Die überwachsenen Tiere werden in ihrer Bewegung eingeschränkt und können zum Beispiel ihre Schalen nicht mehr schließen.[5][3]

Die Muschel setzt sich an Bauwerken, Booten und anderen harten Materialien fest wie in technischen Anlagen mit Mikrosieben und Rohren von Wasserwerken. Die entsprechende Beseitigung der Schalentiere und Reinigung der Anlagen erfordert z. B. seit 2016 bei der Bodensee-Wasserversorgung einen hohen Personal- und Kostenaufwand,[15] Reinigungsaufwand wurde Anfang 2023 bereits mit fast sechs Millionen Euro beziffert.[26] Teils müssen Rohre mit größerem Durchmesser installiert werden, ihre Reinigung erfolgt aufwändig mit Rohrmolchen.[10]

Die Muschel filtert so viel Plankton aus dem Wasser, dass Fische nun zu wenig davon als Nahrung finden und ihre Populationen sinken. Rotaugen fressen Quaggamuscheln, doch diese Fischart wird ihrerseits von Kormoranen dezimiert.[27]

Bekämpfung

Im mittelfränkischen Rothsee wird zur Populationskontrolle der Wasserstand jedes Jahr zu Beginn des Winters um mehrere Meter abgesenkt, um die freigesetzten Dreikantmuscheln kältebedingt absterben zu lassen.[28]

Laut Experten kann die Ausbreitungs-Dynamik aufgrund der Invasivität der Muscheln in bereits betroffenen Seen nicht mehr aufgehalten werden.[10]

Zur Eindämmung der Verbreitung raten Experten, Schlauchboote, Surfbretter, Paddelboote und ähnliche leichte Fortbewegungsmittel nach Gebrauch immer aus dem Wasser zu holen und ihre Böden gut trocknen zu lassen. Dadurch werden eventuell anhaftende Muschellarven vernichtet. Da die Muscheln auch essbar sind, könne auch versucht werden, sie in der Gastronomie zu verwenden. Zudem hoffen Experten, dass einheimische Tiere, die sowieso zu den Muschelfeinden zählen, auch die Quagga-Dreikantmuschel bald für sich entdecken und damit das Naturgleichgewicht wieder herstellen.[5][3]

Literatur

  • Katharina C. M. Heiler, Sascha Brandt, Parm V. von Oheimb: Introduction into Dreissena rostriformis bugensis and observations of attachment on native molluscs in the Main River (Bivalvia: Veneroida: Dreissenidae). In: Mitteilungen der Deutschen Malakozoologischen Gesellschaft. Band 84, 2011, S. 53–58. PDF
  • Gerard van der Velde, Sanjeevi Rajagopal, Abraham bij de Vaate: From zebra mussels to quagga mussels: an introduction to the Dreissenidae. In: Gerard van der Velde, Sanjeevi Rajagopal, Abraham bij de Vaate (Hrsg.): The zebra mussel in Europe. Weikersheim 2010, S. 1–10.
  • Carola Fuchs: Kampf gegen Muscheln kostet Millionen – Die Bodensee-Wasserversorgung muss riesige Summen aufwenden, um die Quaggamuschel aus ihren Leitungen fernzuhalten. In Stuttgarter Zeitung, 13. November 2019, S. 7.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI