Fleißiger Biber

Turingmaschine für eine endliche, aber nicht berechenbar Zahl From Wikipedia, the free encyclopedia

Fleißige Biber (auch englisch busy beaver) sind spezielle Turingmaschinen, die möglichst viele Einsen auf das Band schreiben und die nach einer endlichen Anzahl Rechenschritte den Halt-Zustand einnehmen (also anhalten). Die Radó-Funktion (auch Fleißiger-Biber-Funktion) gibt die maximale Anzahl der Einsen an, die ein fleißiger Biber mit einer gegebenen Anzahl von Zuständen schreiben kann. Beides wurde erstmals 1962[1] vom ungarischen Mathematiker Tibor Radó betrachtet.

Die Fleißiger-Biber-Funktion ist in der theoretischen Informatik ein Standardbeispiel für eine wohldefinierte, aber im Allgemeinen nicht berechenbare Funktion.[2]

Formelle Betrachtung

Definition

Nach Radó ist ein fleißiger Biber eine Turingmaschine, die Zustände und einen Halt-Zustand einnehmen kann. Im Gegensatz zur allgemeinen Definition einer Turingmaschine unterliegt er jedoch speziellen Regeln.[1] So muss ein fleißiger Biber als Bewegungsschritt immer entweder nach links oder rechts auf dem Band gehen. Es gibt hier also keine Anweisung zum Verharren auf einem Feld. Ein fleißiger Biber erwartet auch keine leeren Felder, sondern nur welche, die bereits einen Wert aus dem ihm bekannten zweielementigen Alphabet enthalten. Das Band, auf das der fleißige Biber aufgesetzt wird, ist zuvor vollständig mit Nullen gefüllt. Ein fleißiger Biber muss nach einer endlichen Anzahl Schritte den Halt-Zustand einnehmen, darf also nicht in eine Endlosschleife geraten. Er muss nach dem Anhalten die maximale Anzahl von Einsen geschrieben haben, verglichen mit allen anderen Turingmaschinen mit ebenfalls Zuständen, die nach den gleichen Regeln arbeiten. Nur Turingmaschinen, die nicht halten, könnten mehr Einsen schreiben, wären dann aber keine fleißigen Biber.

Fleißiger-Biber-Funktion

Über die maximale Anzahl von Einsen, die ein fleißiger Biber mit Zuständen schreibt, ist der Wert der Fleißiger-Biber-Funktion (auch Radó-Funktion) an der Stelle definiert:

.

Verwandte Funktionen

S(n): maximale Anzahl an Schritten

Radó definierte zusätzlich eine Funktion , deren Wert die maximale Anzahl an Schritten einer haltenden Turingmaschine mit zweielementigem Alphabet und Zuständen ist. Auch diese Funktion ist nicht berechenbar. Wäre sie es, so wäre das Halteproblem mit leerem Eingabeband entscheidbar, denn eine Turingmaschine mit Zuständen, die mehr als Schritte macht, hält nie.

Da in jedem Schritt maximal eine Eins geschrieben werden kann, gilt

.

Zwischen den Funktionen und besteht weiterhin die folgende Beziehung.

.[3]

σ(n): Zusammenhängende Kette von Einsen

Eine ebenfalls nicht berechenbare Funktion ergibt sich, wenn die zusätzliche Beschränkung eingeführt wird, dass alle Einsen eine zusammenhängende Kette bilden müssen.

Bildliche Beschreibung eines fleißigen Kleinbibers

Als Bezeichnung dafür hat sich eingebürgert.

D(n)

1965 hat C. Dunham eine weitere Variante der Funktion des fleißigen Bibers angegeben.[4] ist definiert als die maximale Anzahl Einsen, die eine Turingmaschine mit zweielementigem Alphabet und Zuständen schreiben kann, wenn sie auf ein Band mit einem Block von Einsen angesetzt wird und dabei hält. Wäre diese Funktion berechenbar, so gäbe es auch eine Turingmaschine M mit zweielementigem Alphabet, die berechnet. Diese Turingmaschine habe Zustände. Dann wäre , wobei das Gleichheitszeichen gerade die Definition von M ist, und das -Zeichen daher rührt, dass M ja eine Maschine mit Zuständen ist und angesetzt auf (d. h. auf einen Block aus Einsen) hält und daher nach Definition von die Ungleichung erfüllen muss. Dieser Widerspruch zeigt die Nicht-Berechenbarkeit von .

Nicht lösbares Problem

Die Bestimmung der fleißigen Biber ist ein Problem, das nicht allgemein (für alle ) algorithmisch lösbar ist. So ist nicht generell entscheidbar, ob eine gegebene Turingmaschine mit Zuständen tatsächlich eine maximale Anzahl von Einsen auf das Band schreibt. Für einzelne Turingmaschinen geringer Komplexität ist das allerdings möglich. Also ist die Menge der Werte von weder entscheidbar noch rekursiv aufzählbar, obwohl wohldefiniert ist. Da auch das Komplement dieser Menge nicht rekursiv aufzählbar ist, wird diese Menge gerne als Beispiel für eine Sprache gewählt, die nicht in der ersten Stufe der arithmetischen Hierarchie liegt.

Wegen dieser Eigenschaften der Wertemenge ist die Funktion nicht berechenbar. Man kann außerdem zeigen, dass ihr asymptotisches Wachstum stärker ist als das jeder berechenbaren Funktion.

Praktische Betrachtung

In der Praxis hat sich gezeigt, dass schon für eine Erkenntnis über den Wert realistisch gesehen nicht mehr möglich zu sein scheint. Dazu müsste man für jede einzelne Turingmaschine mit Zuständen jeweils herausfinden, nach wie vielen Schritten sie hält, oder anderenfalls beweisen, dass sie das nicht tut. Für eine gegebene Anzahl von Zuständen (plus einem Haltezustand) gibt es bei einem Alphabet mit zwei Zeichen verschiedene Turingmaschinen, denn für jeden der Eingangszustände muss jeweils für jedes der beiden möglichen gelesenen Symbole festgelegt werden, welches der beiden Symbole auf das Band geschrieben werden soll und in welche Richtung der Lesekopf bewegt werden soll und welchen der möglichen Zustände die Turingmaschine danach annehmen soll. Schon bei möglichen Eingangszuständen müssen somit verschiedene Turingmaschinen betrachtet werden. Für ist die aktuell bekannte Untergrenze von Schritten bereits weit größer als die Anzahl der Atome im beobachtbaren Universum, außerdem müssen für den Nachweis Collatz-ähnliche Probleme gelöst werden.[5]

Anfang 1983 fand in der Universität Dortmund – heute TU Dortmund – eine Tagung der Gesellschaft für Informatik statt. Sie widmete sich der theoretischen Informatik und lobte einen Wettbewerb für fleißige Biber mit fünf Zuständen aus. Es trafen 133 Programme ein, die ein Siemens-7.748-Computer überprüfte. Die siegreiche Befehlsliste schickte Uwe Schult aus Hamburg; sie zeichnete 501 Einsen auf das Turing-Band.[6]

Der Bulgare Georgi Georgiev veröffentlichte 2003 eine Untersuchung, in der er fleißige Biber daraufhin analysierte, ob sie anhalten würden oder nicht.[7] Für entzogen sich lediglich knapp über 40 fleißige Biber einem gesicherten Ergebnis, da sie aufgrund besonderer Verhaltensweisen nicht mit den von Georgiev angewandten Methoden abschließend zu analysieren waren. Von denen, die als terminierend (anhaltend) bestimmt wurden, schreibt keiner mehr als 4098 Einsen auf das Band.

In internationaler Zusammenarbeit via The Busy Beaver Challenge wurden ab 2022 verbleibende Maschinen für mit irregulärem Verhalten untersucht und schließlich durch mxdys (Pseudonym) ein algorithmischer Beweis in Rocq zusammengestellt, der den bereits 1989 von Jürgen Buntrock und Heiner Marxen gefundenen Rekordhalter für BB(5) final bestätigt hat.[8]

Weitere Informationen ...
Zustände
Turing-
maschinen[9]
JahrAutor(en)
Quelle
164111962Radó
220736461962Radó
3167772166211965Lin, Radó
425600000000 131071972Weimann, Casper, Fenzel
5 63403380965376 501 134 467 1983 Ludewig, Schult, Wankmüller
4098471768702024Kooperation
62,3221017 (siehe Pfeilschreibweise)2025mxdys[10]
71,18110212025Pavel Kropitz[11]
Schließen

Beispiele

Fleißiger Biber mit 1 Zustand

Fleißiger Biber mit 1 Zustand

Der Automat ist definiert durch :

,

wobei

die möglichen Zustände beschreibt,
die Menge der Eingabesymbole auf dem Band ist (hier leer),
die möglichen Symbole auf dem Band beschreibt (hier binär),
die partielle Überführungsfunktion darstellt,
die Startbedingungen sind,
den Zustand der Haltebedingung darstellt.

Die partielle Überführungsfunktion ist wie folgt definiert (Der Zustand mit gelesenem Symbol braucht hier nicht definiert werden, da er nie eingenommen wird):

Weitere Informationen , ...
aktueller
Zustand
Symbol neuer
Zustand
Kopf-
richtung
geles. schr.
01Halt
Schließen

durchläuft folgende Zustände, wobei die aktuelle Kopfposition fett gedruckt ist:

Weitere Informationen , ...
SchrittZust.Band
100
Halt10
Schließen

Fleißiger Biber mit 2 Zuständen

Fleißiger Biber mit 2 Zuständen

Die Überführungsfunktion ist wie folgt definiert:

Weitere Informationen , ...
aktueller
Zustand
Symbol neuer
Zustand
Kopf-
richtung
geles. schr.
01R
11L
01L
11Halt
Schließen

durchläuft folgende Zustände, wobei die aktuelle Kopfposition fett gedruckt ist:

Weitere Informationen , ...
SchrittZust.BandSchrittZust.Band
1…0000000…5…0011100…
2…0001000…6…0111100…
3…0001100…Halt…0111100…
4…0001100…
Schließen

Fleißiger Biber mit 3 Zuständen

Fleißiger Biber mit 3 Zuständen

Die Überführungsfunktion ist wie folgt definiert:

Weitere Informationen , ...
aktueller
Zustand
Symbol neuer
Zustand
Kopf-
richtung
geles. schr.
01R
11Halt
00R
11R
01L
11L
Schließen

durchläuft folgende Zustände, wobei die aktuelle Kopfposition fett gedruckt ist:

Weitere Informationen , ...
SchrittZust.Band SchrittZust.Band SchrittZust.Band
1000000601110011111100
2010000711110012111101
3010000811110013111111
4010100911110014111111
501110010111100Halt111111
Schließen

Fleißiger Biber mit 4 Zuständen

Fleißiger Biber mit 4 Zuständen

Die Überführungsfunktion ist wie folgt definiert:[12]

Weitere Informationen , ...
aktueller
Zustand
Symbol neuer
Zustand
Kopf-
richtung
geles. schr.
01R
11L
01L
10L
01Halt
11L
01R
10R
Schließen

erreicht den Halt-Zustand nach 107 Schritten und mit Bandinhalt „…10111111111111…“.

Fleißiger Biber mit 5 Zuständen

Fleißiger Biber mit 5 Zuständen

Die Überführungsfunktion ist wie folgt definiert:[12]

Weitere Informationen , ...
aktueller
Zustand
Symbol neuer
Zustand
Kopf-
richtung
geles. schr.
01R
11L
00L
10L
01L
11Halt
01L
11R
00R
10R
Schließen

Literatur

  • A. K. Dewdney: The (new) Turing Omnibus. 66 Excursions in Computer Science. Computer Science Press, New York NY 1993, überarbeitet 1996, ISBN 0-7167-8271-5.
  • Jochen Ludewig, Uwe Schult, Frank Wankmüller: Chasing the Busy Beaver. Notes and Observations on a competition to find the 5-state Busy Beaver. Universität Dortmund – Abt. Informatik, Dortmund 1983 (Abteilung Informatik, Universität Dortmund. Bericht 159).
  • Heiner Marxen, Jürgen Buntrock: Attacking the Busy Beaver 5. In: Bulletin of the EATCS. 40, Februar 1990, ISSN 0252-9742, S. 247–251.
Commons: Fleißiger Biber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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