Rederstall-Stadial

Stadial der Weichsel-Kaltzeit From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Rederstall-Stadial war eine Kältephase der Weichsel-Kaltzeit – genauer die zweite große Abkühlung gegen Ende des Unterweichsels (Weichsel-Frühglazial III oder WF III). Es bildet das OIS 5b (bzw. MIS 5b) um 84.800 bis 87.600 Jahre vor heute.

Definition und Erstbeschreibung

Das Rederstall-Stadial wurde erstmals von Burchard Menke (in H. E. Stremme und Burchard Menke, 1980) als das zwischen dem Brörup-Interstadial und dem Odderade-Interstadial liegende Stadial definiert.[1] Näher beschrieben wurde es dann von Burchard Menke und Risto Tynni im Jahr 1984.[2]

Typlokalität

Die Typlokalität des Rederstall-Stadials ist das Profil Rederstall I in Rederstall, Kreis Dithmarschen. Dort liegt das Stadial in sandiger Form zwischen den als Kieselgur ausgebildeten Interstadialen Brörup und Odderade. Der Ort Rederstall ist eine Exklave der weiter östlich liegenden Gemeinde Tellingstedt.

Verbreitung

Das Rederstall-Stadial ist in Norddeutschland und darüber hinaus überall nachweisbar, wo das Odderade-Interstadial in Superposition über dem Brörup-Interstadial liegt. Besonders genannt seien Odderade[3] Oerel,[4] Groß Todtshorn[5] und in Mitteldeutschland Gröbern.[6]

Stratigraphie

Beim Rederstall-Stadial handelt es sich überwiegend um Sandlagen, die meist erheblich mächtiger sind (in Oerel um die 6,55 Meter) als die des vorangegangenen Herning-Stadials und des nachfolgenden Schalkholz-Stadials. Sie waren aber in diesem Zeitbereich offenbar vegetationsfrei. Der jüngere Teil des Rederstall-Stadials wird mehrfach von pollenführenden Mudden eingenommen, die Analysen weisen dort auf eine Grastundra mit späterem Übergang zur Strauchtundra hin.

Am Profil in Oerel reicht das Rederstall-Interstadial von 678 bis 1335 Zentimeter unter die Oberfläche hinab. Neben Sanden führt es an seiner Basis Schotter, im oberen Abschnitt ab 756 Zentimeter dann auch limnischen Silt.

Der Torf des unterlagernden Brörup-Interstadials wird übergangslos von niveofluviatilen Sedimenten überlagert, die vorwiegend aus mittelkörnigem Sand bestehen, zugegen ist aber auch etwas feinkörniger und grobkörniger Sand sowie feinkörniger Schotter. Die Sande des Stadials sind generell zwischen 3 und 4 Meter mächtig, in Oerel erreicht die reine Sandpartie (bis 756 Zentimeter) immerhin 5,79 Meter. Gleichzeitig kam es hier zu einer weiteren Kompaktion des noch weichen Untergrunds mit schätzungsweise 3,30 Meter. Es entstand eine Senke, die sich mit Wasser füllte und während des ausgehenden Rederstall-Stadials von Mudden verfüllt wurde. Im unteren Abschnitt enthält die Mudde noch jede Menge Sand und Silt, sie wird aber ins Hangende zusehends reicher an organischer Materie.

Verglichen mit der Stratigraphie der grönländischen Eisbohrkerne wird das Rederstall-Stadial eindeutig durch das Grönland-Stadial GS-22 repräsentiert. Dies lässt sich auch am Sedimentbohrkern MD95-2042 aus der Biskaya erkennen. Dem vorausgegangen war das Grönland-Interstadial GI-22, das auch als Dansgaard-Oeschger-Ereignis DO 22 angesehen wird. Dieses leitet dann zum Grönland-Interstadial GI-23 über – dem Brörup-Interstadial. Auf das GS-22 folgte das Grönland-Interstadial GI-21 bzw. das Odderade-Interstadial.[7]

Flora

Das Laickkraut Potamogeton perfoliatus

Neben manchen terrestrischen Taxa finden sich im Rederstall-Stadial unter den Pflanzenüberresten einige Wasserpflanzen, insbesondere Taxa von Laichkraut (Potamogeton) sowie einige kleine Nüsse von Hahnenfuß (Ranunculus). Die meisten dieser Arten gedeihen in kalkbetonten mesotrophischen bis eutrophischen Environments. Gestützt wird diese Interpretation durch das Auftreten von Moosen, wie beispielsweise die Laubmoose Drepanocladus sendtneri und Drepanocladus aduncus sowie das Schönmoos Calliergon giganteum, die entweder untergetaucht in seichten Tümpeln oder in Seen mit kalkigem Wasser anzutreffen sind. Das nötige Kalziumkarbonat im Boden war wahrscheinlich durch glaziale Prozesse im Verlauf des Stadials regeneriert worden. In der Schlussphase tritt Ceratophyllum demersum auf und indiziert im Verbund mit Stratiotes aloides recht hohe Sommertemperaturen. Mehrere Sumpftaxa innerhalb der lakustrinen Ablagerungen wie beispielsweise Rohrkolben (Typha), Hippuris vulgaris und Fieberklee (Menyanthes trifoliata) deuten darauf hin, dass der See relativ klein und das Ufer nicht allzu weit entfernt lag.

Das Sonnenröschen Helianthemum nummularium

Wie bereits erwähnt impliziert das Vorkommen von Landpflanzen eine Strauchtundra, die von der Zwerg-Birke (Betula nana) und Zwergsträuchern beherrscht wurde. Insbesondere wird dieser offene Vegetationstypus durch die durchgehende Gegenwart von Mikrosporen des heliophytischen Taxons Selaginella selaginoides bekräftigt. Das hier anhand von Makroresten skizzierte Vegetationsbild wird vom Pollendiagramm sodann vollauf bestätigt.[4] Hinzu treten noch viele weitere Heliophyten, darunter Helianthemum, Gypsophila und natürlich Beifuß (Artemisia). Mit Einsetzen des Odderade-Interstadials verschwinden dann die Heliophyten wegen verstärkten Schattens unter der jetzt aufkommenden Waldbedeckung.

Fauna

Insekten sind mit der erstaunlichen Anzahl von 20 verschiedenen Taxa zugegen, darunter allein 16 Käfertaxa (Coleoptera). Sie treten im oberen Abschnitt des Stadials auf – von 685 bis 730 Zentimeter unter der Profiloberfläche. Eindeutig dominant sind terrestrische Spezies.

Der Laufkäfer Trechus rubens, der bereits im Eemium auftrat, erscheint erneut kurz vor Beginn des Odderade-Interstadials. Er deutet gegen Ende des Stadials auf etwas mildere Lebensbedingungen hin. Der Aaskäfer Thanatophilus dispar ernährte sich offensichtlich von Fliegenlarven, die ihrerseits Kadaver befielen. In Nordeuropa erscheint er vor allem in Ufernähe unter verwesendem Fisch. Aphodius pusillus und Aphodius coenosus sind zwei sehr eng miteinander verwandte Blatthornkäfer, die nicht voneinander auseinandergehalten werden konnten. Beide Arten bevorzugen offenes Gelände, sind aber nicht an artspezifischen Dung gebunden. Der Blattkäfer Lythraria salicariae findet sich in Feuchtbiotopen, er ernährt sich von verschiedenen Gilbweidericharten (Lysimachia). Der polyphage Rüsselkäfer Otiorhynchus dubius lebt von zahlreichen Kräutern, seine Larven von deren Wurzeln. Die Buchenspringrüsslerarten haben es auf Blätter an zahlreichen Sträuchern und Bäumen abgesehen. Die semiaquatisch lebenden Blattkäfer Plateumaris dicolor und Plateumaris serica finden sich beide auf Seggenarten (Carex). Sowohl Erwachsene als auch Larven der Gattungen Haliplus, Potamonectes und Colymbetes leben aquatisch in seichtem, offenen Wasser. Die karnivorischen Larven der Schlammfliegen finden sich insbesondere in Mudden am Seegrund.

Insgesamt betrachtet weist die Insektenpopulation im Rederstall-Stadial einen borealen Charakter auf.[8]

Paläoklima

Während des Rederstall-Stadials (MIS 5b) nahm die Kontinentalität zu und die Temperaturen waren am Sinken. Die im vorangegangenen wärmeren Brörup-Interstadial entstandenen Wälder wurden jetzt durch kühlere Sommertemperaturen geschwächt und verloren an Boden. Die Vegetation wurde generell ausgedünnt und Koniferen konnten somit eindringen. Eindeutig zurückgingen laubabwerfende Taxa, Moose, Farne und Makrophyten.

Im Ijssel-Gebiet sank der Wasserspiegel des damaligen Rhein-Maas-Flusssystems.

Für das Rederstall-Stadial verweist Andrea Pintar auf folgende Durchschnittstemperaturen:[9] im Sommerhalbjahr +8 bis +10 °C und im Winterhalbjahr −12 °C.[10] Hierbei sind noch lokale Unterschiede zu berücksichtigen – so lagen die Wintertemperaturen in Poperinge in Belgien unterhalb von −12 °C, so dass Kryoturbationen auftraten, in Gröbern jedoch oberhalb von −12 °C und ohne Periglazialerscheinungen. Im Vergleich zum folgenden Odderade-Interstadial waren die Sommertemperaturen in Nordwesteuropa noch 5 bis 7 °C niedriger, die Wintertemperaturen lagen jedoch nur geringfügig darunter (−13 °C).

Laut Joël Guiot und Kollegen (1989) waren die Jahresdurchschnittstemperaturen von einem Ausgangswert, der dem heutigen Jahresdurchschnitt in etwa entspricht, auf ein Minimum von 6,5 °C darunter zu Beginn des Stadials abgefallen. Gegen Ende des Stadials stiegen die Temperaturen jedoch wieder jäh an in Richtung Odderade-Interstadial. Das Temperaturminimum lag bei etwa 90.000 Jahren vor heute.[11] Die Temperaturen wurden in Frankreich am Profil von La Grande Pile (am Westrand der Vogesen) anhand von Käfern und Pollen rekonstruiert.

Die generelle Temperaturentwicklung während des Rederstall-Stadials kommt auch in den δ 18O-Proxywerten des Eisbohrkerns NGRIP zum Ausdruck. Die Werte bewegen sich hiernach zwischen − 38,0 ‰ SMOW zu Beginn des Stadials hin zu einem Minimum von − 42,0 ‰ SMOW und zurück zu − 37,0 ‰ SMOW am Ende.[7]

Die Entwicklung des eustatischen Meeresspiegels lief in etwa konform mit der Temperaturentwicklung. Im Rederstall-Stadial wird gemäß C. Waelbroeck und Kollegen (2002) eine globale Meeresspiegelabsenkung von knapp 50 Meter unter den jetzigen Stand erreicht. Zum Vergleich: im nachfolgenden wärmeren Odderade-Interstadial betrug die Absenkung nur 25 Meter.[12]

Paläoenvironment

Im Ijssel-Becken hatten sich im Rederstall-Stadial Koniferenwälder mit Tannen, Kiefern und Fichten durchgesetzt, Hainbuche, Haseln und Ulme waren nur noch sekundär vertreten und einige Eichen und Weiden (Salix) bestanden weiter fort. Wacholder erschien erneut, jedoch gingen sämtliche Moose und Farne zurück und die verbliebenen Makrophyten (wie beispielsweise Fieberklee (Menyanthes), Breitblättriger Rohrkolben (Typha latifolia), Tausendblatt (Myriophyllum), Schachtelhalme (Equisetum) und Laichkraut (Potamogeton)) waren in ihrer Verbreitung sehr stark eingeschränkt.

Die Taigawälder verdichteten sich in der Ijssel-Landschaft während des Rederstall-Stadials, wurden aber durch grasbestandene Seggenwiesen mit Blütenpflanzen wie Beifuß (Artemisia), Gänsefußgewächsen (Chenopodiaceae) und Hahnenfuß (Ranunculus) sowie mit Färberröten (Rubia) und Wiesen-Sauerampfer (Rumex acetosa) aufgelockert. Das Litoral war von Torfmoosen sowie von Ständen an Rohrkolben und Schachtelhalmen umringt. Letzte submerse und treibende Makrophyten waren die Tausendblätter Ähriges Tausendblatt (Myriophyllum spicatum) – (bis 10 Meter Wassertiefe) und Quirliges Tausendblatt (Myriophyllum verticillatum) sowie Laichkraut (Potamogeton), die alle tieferes Wasser, unterschiedliche Substrate und Temperaturverhältnisse bevorzugten.

Datierung

Eine genaue Datierung des Rederstall-Stadials wird durch fehlende Analysen erschwert. Laut dem Eisbohrkern GRIP überdeckt das als äquivalent zu betrachtende Grönland-Stadial GS-22 in etwa den Zeitraum 85.000 bis 87.600 Jahre vor heute.[13]

Laut J. Van Huisteden und Cornelis (Kees) Kasse (2001) dauert das Rederstall-Stadial von 85.000 bis 92.500 Jahre vor heute.[14]

Wird das sehr kurze Grönland-Stadial GS-21.2 dem Stadial noch hinzugerechnet, so verschiebt sich das Ende des Stadials nur geringfügig bis auf 84.800 Jahre vor heute. Van Huisteden und Kasse dehnen den Beginn des Stadials jedoch in das sehr lange Grönland-Interstadial GI-23.1 hinein aus – was umstritten ist. Sinnvoller wäre es, das Rederstall-Stadial bis auf den Beginn des Grönland-Stadials GS-23.1 bei 90.100 Jahren vor heute auszuweiten. Anmerkung: das dazwischenliegende Grönland-Interstadial GI-22 war ein sehr unruhiger Zeitabschnitt, der seinerseits in 5 Unterabschnitte unterteilt werden kann.

Einzelnachweise

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