Rittergut Ulbersdorf
zweigeschossiger Bau mit mittigem Turm an der Südseite und Mansarddach, westlich des Gebäudes drei Torpfosten (Sandstein), baugeschichtlich und ortsgeschichtlich von Bedeutung. Ehem. Herrenhaus, heute Gemeindeverwaltung. Im Kern aus dem 16. Jh., E.
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Das Rittergut Ulbersdorf (umgangssprachlich auch Schloss Ulbersdorf) befindet sich im gleichnamigen Ortsteil Ulbersdorf und gehört zur Stadtgemeinde Hohnstein im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge in Sachsen.


Geschichte
15. bis 16. Jahrhundert: Die Ursprünge unter der Familie von Hermsdorf
- Um 1433 / 1443: Das Rittergut wird erstmals urkundlich erwähnt. Es befand sich von Beginn an und fast zwei Jahrhunderte lang durchgehend im Besitz der alteingesessenen Adelsfamilie von Hermsdorf.
- 1534 und 1560: In den Aufzeichnungen jener Zeit werden Wolf von Hermsdorf (1534) und Hans von Hermsdorf (1560) als offizielle Besitzer genannt.
- 16. Jahrhundert: Unter der Herrschaft der Hermsdorfs wird vermutlich der ursprüngliche Schlossbau (das Herrenhaus) des Ritterguts errichtet.
17. Jahrhundert: Spaltung, Brände und Wiedervereinigung
- 1609: Nach dem Tod von Haugk von Hermsdorf zerspalten seine Erben das Gut in zwei separate Teile: Oberulbersdorf (fällt an Caspar von Hermsdorf) und Unterulbersdorf (auch Niederulbersdorf genannt).
- 1611: Das ursprüngliche Schloss in Oberulbersdorf fällt einem verheerenden Brand zum Opfer und wird auf den alten Kellerresten neu aufgebaut. Im Untergut hinterlässt derweil Heinrich von Hermsdorf seine Spuren: An der massiven Hofescheune prangt bis heute die Jahreszahl 1611 zusammen mit seinem Namen und dem seiner Frau Elisabeth.
- Um 1622: Caspar von Hermsdorf verkauft das Gut Oberulbersdorf an Christoph von der Sahla. Dessen Familie hält den Besitz bis 1647.
- 1647: Das Gut Oberulbersdorf wechselt in den Besitz von Hans von Liebenau.
- 1659: Siegfried von Lüttichau erwirbt Oberulbersdorf. Dies markiert den Beginn einer über 200-jährigen Ära der Familie von Lüttichau.
- 1694: Hannibal von Lüttichau (Siegfrieds Sohn und kurfürstlicher Landkammerrat) kauft auch das Rittergut Niederulbersdorf hinzu. Damit sind beide Gutsteile nach über 80 Jahren wieder unter einem Herrn vereint.
18. bis 19. Jahrhundert: Kulturelle Blüte und Umbauten
- 1716–1748: Hannibal von Lüttichau betätigt sich als großer Wohltäter der örtlichen Gemeinde. Er stiftet der Kirche 1716 einen silbernen Kelch samt Hostienschachtel und richtet ab 1739 mehrere großzügige finanzielle Legate für Predigten und die Armenversorgung ein.
- 1820: Am Schlossgebäude finden umfassende architektonische Umbauten statt.
- Erste Hälfte des 19. Jahrhunderts (Vormärz): Das Gut befindet sich im Besitz des Geheimrats Wolf Adolf August von Lüttichau, dem Generaldirektor des Königlichen Hoftheaters in Dresden. Er und vor allem seine Frau, Ida von Lüttichau (1798–1856), nutzen das Gut als Rückzugsort. Ida von Lüttichau war eine bedeutende Figur des Dresdner Kulturlebens und stand im engen Austausch mit Künstlern wie Richard Wagner und Ludwig Tieck.
- 1889/1890: Der Ulbersdorfer Zweig der Familie von Lüttichau stirbt aufgrund von Kinderlosigkeit aus.
- 1893: Das Gut geht in den Besitz von Alexander von Gontard über.
- 1896: Unter der Familie Gontard wird dem Schlossgebäude der markante Turm hinzugefügt, der bis heute sein Aussehen prägt.
20. Jahrhundert: Enteignung und DDR-Zeit
- 1900: Fritz Heller kaufte das Rittergut und verpachtete es in den Folgejahren.
- 1930 bis 1945: Das Rittergut verbleibt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Besitz der Familie Gontard.
- 1930er Jahre: Die Nationalsozialisten verfolgten den Eigentümer Fritz Heller und enteigneten ihn schließlich.
- 1939: Die „Sächsische Bauernsiedlung GmbH“ kaufte das Anwesen, ließ es jedoch zunächst leer stehen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges meldete der Zirkus Sarrasani Interesse an, das Gut als sichere Lagerstätte zu nutzen.
- Nach 1945: Unmittelbar nach dem Krieg nutzten verschiedene Firmen (darunter Siemens) das Schloss bis 1946 für ausgelagerte Betriebsteile. Im Zuge der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone wird die Familie enteignet. Ein Teil der landwirtschaftlichen Gebäude des Ritterguts wird abgerissen.
- DDR-Zeit: Das Herrenhaus (Schloss) bleibt erhalten, wird jedoch zweckentfremdet. Es entstehen Mietwohnungen, die Gemeindeverwaltung, eine Schulküche und eine Turnhalle ziehen ein. Der historische Schlosspark wird in private Kleingärten parzelliert. Es gab Wohnungen für Mieter und Zimmer für Feriengäste. Durch rustikale Umbauten ging der historische Glanz im Inneren jedoch zunehmend verloren. Zuletzt stand das Gebäude komplett leer und verfiel zusehends.
Seit 1990: Sanierung und neues Leben
- 1992–1993: Nach der Wende erfolgen umfassende Sanierungsarbeiten am Schloss. Auch der Schlosspark wird wieder in seinen historischen Zustand versetzt.
- 2000: Die mächtige steinerne „Hofescheune“ aus dem Jahr 1611 – das letzte verbliebene Gebäude des ursprünglichen Ritterguts Niederulbersdorf – wird aufwendig restauriert. Sie befindet sich heute im Besitz eines Bauunternehmens.
- Seit 2020: Es beginnt eine erneute Umgestaltung von Schloss und Gutspark. Es entstehen Ausstellungsräume und ein Skulpturenpark. Ein besonderer Fokus liegt heute darauf, das Andenken an Ida von Lüttichau und die Werke des Bildhauers Horst Weiße zu ehren.
- Heutige Nutzung: Das Herrenhaus dient heute wieder als lebendiger Mittelpunkt der Gemeinde; es beherbergt unter anderem eine Kindertagesstätte, Wohnungen und Räume der Gemeindeverwaltung (Mehrzweckgebäude).
Literatur
- Gustav Adolf Poenicke: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. II. Section: Meissener Kreis. Leipzig 1856. S. 182–183.
- Albert Schiffner: Handbuch der Geographie, Statistik und Topographie des Königreichs Sachsen. Leipzig 1839. S. 317.
- Alfred Meiche: Historisch-topographische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna. Dresden 1927. S. 356–358.
- Cornelius Gurlitt: Beschreibende Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler (1904). S. 289–291.
- Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser: (Verschiedene Jahrgänge, bes. zur Familie von Lüttichau).
- Jean Mondot, Pascale Dumont (Hrsg.): Ida von Lüttichau. Eine Frau der Romantik. (Beiträge zur Geschichte des sächsischen Adels).S. 74–79.
- Ida von Lüttichau: Tagebücher. (Verschiedene Ausgaben, oft in Auszügen veröffentlicht).
- Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler: Sachsen I. Regierungsbezirk Dresden. Deutscher Kunstverlag, München 1996.
Weblinks
Commons: Rittergut Ulbersdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
- Rittergut Oberulbersdorf auf der Website Sachsens Schlösser.
- Bestand 10611: Grundherrschaft Ulbersdorf auf der Archivseite des Bundeslandes Sachsen.