Roi Alexandrowitsch Medwedew
sowjetischer bzw. russischer Historiker und Politiker
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Roi Alexandrowitsch Medwedew (russisch Рой Александрович Медведев, wiss. Transliteration Roj Aleksandrovič Medvedev; * 14. November 1925 in Tiflis, Georgische SSR, Sowjetunion; † 13. Februar 2026 in Moskau) war ein sowjetischer bzw. russischer Historiker und Politiker.

Leben
Sein Vater war Politkommissar, wurde 1938 während des Großen Terrors verhaftet und starb 1941 in einem Lager des Kolymagebiets.[1] Den Vornamen Roi hatte er seinem Sohn zu Ehren des indischen Revolutionärs Manabendra Nath Roy gegeben.[2]
Nach dem Armeedienst bei einer Einheit im Transkaukasischen Militärbezirk (1943–1946) studierte Roi Medwedew bis zum Abschluss 1951 Pädagogik und Philosophie an der Staatlichen Universität Leningrad.[3] Er arbeitete zunächst als Geschichtslehrer und Schulleiter (1951–1957), war dann Herausgeber beim Staatlichen Verlag für Pädagogische Literatur (1957–1961) und Leiter des Forschungsinstituts für Industrielle Ausbildung an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der UdSSR (1961–1971).[4] Seit 1971 arbeitete Medwedew als freier Schriftsteller.[5]
Seit Anfang der 1960er Jahre betätigte er sich als Dissident und wurde ein renommierter Kritiker des Stalinismus.[6] So gab er zwischen 1964 und 1970 die Samisdat-Zeitschrift Politisches Tagebuch (Политический дневник) heraus.[3]
Medwedew war in der Zeit der Entstalinisierung 1956 in die KPdSU eingetreten und wurde 1969 aus ihr ausgeschlossen,[5] als auch sein 1961 begonnenes Hauptwerk Das Urteil der Geschichte als Samisdat Verbreitung fand.[4] 1970 forderte er in einem Offenen Brief mit Andrei Sacharow und Valentin Turtschin die Demokratisierung der Sowjetunion.[3]
1988 wurde sein Ausschluss aufgehoben, seine Bücher konnten in der Sowjetunion wieder veröffentlicht werden.[4] Medwedew stieg während der Zeit der Perestroika in das Zentralkomitee der KPdSU auf (1989–1991).[7]
Nach dem Zerfall der Sowjetunion galt Medwedew als einer der Führer der Bewegung für demokratischen Sozialismus, von 1991 war er einer der Vorsitzenden der Sozialistischen Partei der Werktätigen Russlands (Социалистическая партия трудящихся Российской Федерации).[4] Er war ein vehementer Gegner des Augustputsches 1991 und auch der Regierung von Boris Jelzin.[8]
Wladimir Putin widmete er einige apologetische Bücher,[9][10] die im Westen keine Verbreitung mehr fanden. Mit seinen positiven Einschätzungen Putins selbst nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine schwand Medwedews Reputation bei vielen westlichen Historikern.[11]
Roi Medwedew starb Mitte Februar 2026 im Alter von 100 Jahren.[12]
Sein Zwillingsbruder war der 2018 verstorbene Biochemiker und ehemalige sowjetische Dissident Schores Alexandrowitsch Medwedew.
Schriften
- Der Produktionsunterricht an den sowjetischen Schulen. Übersetzung Walter Lange. Bearbeitet und durch die Analyse der Stundentafeln und Lehrpläne ergänzt von Wolfgang Heide. Verlag Volk und Wissen, Berlin 1962.
- Sie sind ein psychiatrischer Fall, Genosse. Übersetzung aus dem Englischen von Leopold Voelker. Praeger, München 1972.
- Sowjetbürger in Opposition. Plädoyer für eine sozialistische Demokratie. Vorwort von Iring Fetscher. Übersetzung aus dem Französischen von Wilhelm Thaler und Rolf Hanse. Claassen, Hamburg 1973, ISBN 3-546-46433-8.
- Die Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte und Folgen des Stalinismus. Übersetzung aus dem Amerikanischen Günther Danehl. S. Fischer, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-10-050301-5.
- Solschenizyn und die sowjetische Linke. Eine Auseinandersetzung mit dem Archipel GULag und weitere Schriften. Olle und Wolter, Berlin 1976, ISBN 3-921241-25-1.
- Problems in the Literary Biography of Mikhail Sholokhov. Cambridge University Press, 1977.
- Oktober 1917. Aus dem Russischen von Helga Jaspers. Hoffmann und Campe, Hamburg 1979, ISBN 3-455-08869-4.
- Chruschtschow. Eine politische Biographie. Aus dem Russischen von Anton Manzella. Seewald, Stuttgart 1984, ISBN 3-512-00703-1.
- Хрущёв. Политический биография (USA, 1986).
- All Stalin’s men. Blackwell, Oxford 1983.
- Они окружали Сталина (USA, 1984).
- Das Urteil der Geschichte. Stalin und Stalinismus. [Hrsg. von Helmut Ettinger] (3 Bände). Dietz Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-320-01780-2 (dt. Erstausgabe).
- Владимир Путин (2007).
- Юрий Андропов (2007). Das Buch über Juri Wladimirowitsch Andropow erhielt die FSB-Prämie für Literatur 2007[13]
Literatur
- Barbara Martin: Roy and Zhores Medvedev. Loyal Dissent in the Soviet Union. Academic Studies Press, Boston 2023, ISBN 979-88-8719184-3, S. 2, 213 (englisch, jstor.org [PDF; 15,4 MB; abgerufen am 14. Februar 2026]).
- Barbara Martin: Roy Medvedev’s Political Diary: An Experiment in Free Socialist Press. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Band 67, Heft 4, 2019, S. 601–626.
- Медве́дев Рой Александрович. In: Большая российская энциклопедия. 2012 (russisch).
Weblinks
- Literatur von und über Roi Alexandrowitsch Medwedew im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Roy Medvedev bei IMDb
- Roi Medwedew. In: Biografisches Lexikon Widerstand und Opposition im Kommunismus 1945–91, April 2016