Schattenkabinett Beck/Goerdeler

Geplantes Kabinett der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 nach einem geglückten Staatsstreich From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Schattenkabinett Beck/Goerdeler bezeichnet die potentielle Reichsregierung nach einem geglückten Attentat auf Hitler sowie eine Liste weiterer Personen, welche hohe Staatsfunktionen hätten übernehmen sollen.

Flaggenentwurf des designierten Justizministers Josef Wirmer („Wirmer-Flagge“)

Im Vorlauf des Attentats vom 20. Juli 1944 kam es von verschiedenen Seiten zu Planungen und Überlegungen für ein Deutschland nach Hitler. Die Organisatoren des Attentats auf Hitler einigten sich auf Carl Goerdeler als neuen Kanzler und Generaloberst a. D. Ludwig Beck als Reichsverweser, also als provisorisches Staatsoberhaupt. Neben Goerdeler war zeitweise auch der Sozialdemokrat Julius Leber als Kanzler im Gespräch. Eine feststehende Kabinettsliste schien auch am 20. Juli noch nicht zu bestehen, was an der teilweise mehrfachen Besetzung eines Ministeriums zu erkennen ist. Einige potentielle Minister und Politische Beauftragte wurden lediglich von den Verschwörern vorgeschlagen, ohne selbst davon erfahren zu haben. Die Konsequenzen (Verhaftung und häufig Tod) mussten sie nach dem Scheitern trotzdem mittragen. Von Seiten der Sozialdemokraten und Gewerkschaftern war die Gründung einer Einheitsgewerkschaft geplant.

Reichsverweser und andere hohe Staatsämter

Reichsregierung

Schattenkabinett Beck/Goerdeler (nach Ermittlungen des Reichssicherheitshauptamtes)[1]

Es wurden im Laufe der Zeit mehrere Ministerlisten ausgearbeitet, darunter eine Otto Schniewind (Januar 1943), eine Friedrich Freiherr von Teuchert (August 1943) und eine Joseph Ersing (Januar 1944) vorgelegte. Hier wird die von der Gestapo gemeldete, vermutlich jüngste Ministerliste dargestellt, die großteils den Mitteilungen Jakob Kaisers (Juli 1944) entspricht und frühere Vorschläge entsprechend gekennzeichnet.

Reichskabinett

Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda sollte aufgelöst werden und die Ministerien für Luftfahrt und Rüstung in einem wiedererrichteten Reichskriegsministerium aufgehen. Ein Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete war nicht mehr vorgesehen.

In einem Bericht der Gestapo vom 29. September 1944 werden außerdem Erich Hoepner (Krieg), Erich Fellgiebel (Post) und Albert Speer (Rüstung) genannt.

Staatssekretäre

Folgende Personen sollten nach dem Gestapo-Bericht vom 29. September 1944 Staatssekretäre werden:

Ob und wann diese Liste zusammengestellt wurde, ist unbekannt. Möglicherweise handelt es sich um eine Zusammenstellung der Gestapo auf Grundlage von Vernehmungen.

Für den Fall des Weiterbestands des Ernährungsministeriums war Wilhelm Roloff die schriftliche Zusage gegeben worden, dort Staatssekretär zu werden. Sein Name fehlt auf der Liste der Gestapo.

Politische Beauftragte und Verbindungsoffiziere

Weitere Informationen Amt, Name ...
Amt Name Gruppe
Wehrkreis I (Königsberg)Heinrich Graf zu Dohna-Schlobitten
Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort (Verbindungsoffizier)
Heer
Heer
Wehrkreis II (Stettin)Ewald von Kleist-Schmenzin
Achim Freiherr von Willisen
DNVP-nah
Beamter
Wehrkreis III (Berlin)Carl-Hans Graf von Hardenberg
Hans-Jürgen Graf von Blumenthal (Verbindungsoffizier)
DNVP-nah
Heer
Wehrkreis IV (Dresden)Wilhelm Kunze
Walter Cramer (Unterbeauftragter)
Hans Oster (Verbindungsoffizier)
Heer
Wirtschaft
Abwehr
Wehrkreis V (Stuttgart)Albrecht Fischer
Reinhold Frank (Unterbeauftragter für Baden)
Wirtschaft
Zentrum
Wehrkreis VI (Münster)Bernhard Letterhaus
Felix Sümmermann (Unterbeauftragter)
Zentrum
Katholik
Wehrkreis VII (München)Otto Geßler
Ludwig Freiherr von Leonrod (Verbindungsoffizier)
DDP
Heer
Wehrkreis VIII (Breslau)Hans Lukaschek
Adolf Kaschny (Unterbeauftragter für Oberschlesien)

Fritz Voigt (Unterbeauftragter für Niederschlesien)
Friedrich Scholz-Babisch (Verbindungsoffizier)

Zentrum
Zentrum
SPD


Heer

Wehrkreis IX (Kassel)Gustav Noske
August Frölich (Unterbeauftragter)
Ulrich Freiherr von Sell (Verbindungsoffizier)
SPD
SPD
Abwehr
Wehrkreis X (Hamburg)Gustav Dahrendorf
Theodor Tantzen (Unterbeauftragter)
SPD
DDP
Wehrkreis XI (Hannover)Hermann Lüdemann
Siegfried Wagner (Verbindungsoffizier)
SPD
Heer
Wehrkreis XII (Wiesbaden)Bartholomäus Koßmann
Ludwig Schwamb (Unterbeauftragter)
Hermann Kaiser (Verbindungsoffizier)
Zentrum
SPD
Heer
Wehrkreis XVII (Wien)Josef Reither
Karl Seitz
Rudolf Graf von Marogna-Redwitz (Verbindungsoffizier)
CS
SDAPÖ
Abwehr
Wehrkreis XVIII (Salzburg)Anton Mörl-Pfalzen
Franz Rehrl
CS-nah
CS
Wehrkreis XX (Danzig)Ferdinand Freiherr von Lüninck
Hasso von Boehmer (Verbindungsoffizier)
DNVP
Heer
Wehrkreis XXI (Posen)Ernst Vollert
Georg Conrad Kißling (Verbindungsoffizier)
Jurist
Heer
Wehrkreis Böhmen und Mähren (Prag)Nikolaus Graf von Üxküll-GyllenbandHeer
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Wehrmacht

Weitere Informationen Amt, Name ...
Amt Name Gruppe
Oberbefehlshaber der WehrmachtErwin von WitzlebenHeer
Stellv. Reichskriegsminister, Oberbefehlshaber im Heimatkriegsgebiet und Befehlshaber des ErsatzheeresErich HoepnerHeer
Militärische Leitung Niederlande und BelgienWilhelm StaehleAbwehr
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Das Oberkommando der Wehrmacht sollte in ein neues Offiziersamt, das Reichskriegsministerium und den Großen Generalstab neu gegliedert werden. Die Oberkommandos des Heeres und der Luftwaffe sollten in diesen Behörden aufgehen.[5]

Einheitsgewerkschaft

Weitere Informationen Amt, Name ...
Amt Name Gruppe
EhrenvorsitzenderAlwin BrandesSPD
Mitglied der ReichsleitungTheodor LeipartGewerkschaft
Abteilungsleiter (Jugend oder ausländischer Arbeiter)Walter MaschkeGewerkschaft
Abteilungsleiter Personal und OrganisationHermann SchlimmeGewerkschaft
Abteilungsleiter PresseRichard SeidelSPD
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Literatur

Anmerkungen

  1. Provisorisches Staatsoberhaupt. Die Frage nach der künftigen Staatsform (Republik oder Monarchie) nach einem geglückten Attentat auf Hitler war im Goerdeler-Kreis stark umstritten, jedoch wurde die Restitution des deutschen Kaisertums unter Louis Ferdinand von Preußen oder Rupprecht von Bayern in einer zu errichtenden parlamentarischen Monarchie von vielen Widerstandskämpfern, darunter Goerdeler selbst, Kurt von Plettenberg und Henning von Tresckow, befürwortet. Vgl. dazu Axel Freiherr von dem Bussche-Streithorst: Zur Erinnerung an Kurt Plettenberg. Münster, 1985, sowie Prinz Louis Ferdinand von Preußen: Im Strom der Geschichte.
  2. Schlesien war seit 1941 in die Provinzen Nieder- und Oberschlesien geteilt, was Beck und Gördeler nach der Denkschrift Das Ziel beibehalten wollten. Evtl. war nur Oberschlesien gemeint.
  3. Auch zuständig für Arbeit.
  4. Der Fortbestand dieses Ministeriums oder dessen Eingliederung in das Wirtschaftsministerium war unklar.
  5. Auch zuständig für die kirchlichen Angelegenheiten.
  6. Auch zuständig für Post.
  7. Ein Vertreter der CS oder der SDAPÖ, vermutlich Heinrich Gleißner oder Karl Seitz
  8. Mit einem vorbereiteten Erlaß des Reichsverwesers Beck über die vorläufige Kriegsspitzengliederung (Online) sollten im wieder zu errichtenden Reichskriegsministerium ein 1. Staatssekretär für Organisation und Ausbildung, ein Staatssekretär für die Rüstung und ein Staatssekretär für die Luftfahrt ernannt werden.

Einzelnachweise

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