Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Museum in Berlin-Kreuzberg From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts mit Sitz in Berlin, die sich der Erinnerung und dem Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert in Europa und darüber hinaus widmet. Sie wurde 2008 von der deutschen Bundesregierung ins Leben gerufen. Direktorin ist Dr. Gundula Bavendamm.

Bestehenseit 30. Dezember 2008
SitzBerlin DeutschlandDeutschland
Schnelle Fakten Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV), Rechtsform ...
Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung
(SFVV)
Rechtsform Stiftung öffentlichen Rechts
Bestehen seit 30. Dezember 2008
Stifter Bundesrepublik Deutschland
Sitz Berlin DeutschlandDeutschland
Zweck Erinnerung und Gedenken an Flucht und Vertreibung vor allem im 20. Jahrhundert in Europa und darüber hinaus
Vorsitz Gundula Bavendamm
Website www.flucht-vertreibung-versoehnung.de
Schließen
Das Deutschlandhaus in Berlin: Sitz des Dokumentationszentrums der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Anlass

Im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien CDU, CSU und SPD vom November 2005 wurde beschlossen, ein „sichtbares Zeichen“ in Berlin zu setzen, um „an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten“. Zudem enthielt der Vertrag ein Bekenntnis „zur gesellschaftlichen wie historischen Aufarbeitung von Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung“.

Standort

2008 wurde von der Bundesregierung das frühere Deutschlandhaus im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg als Standort des künftigen Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung ausgewählt. Dieses befindet sich im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Der Umbau wurde vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung betreut. Die Stiftung mietet etwa die Hälfte des Gebäudes.[1]

Nach der Sanierung des bundeseigenen Gebäudes stehen der Öffentlichkeit dort Ausstellungen, eine Bibliothek und ein Zeitzeugenarchiv, Bildung und Vermittlung, Veranstaltungen sowie ein Museumsshop und ein Restaurant zur Verfügung. Die Kosten für den Umbau des Gebäudes von knapp 30 Millionen Euro trug der Bund. Das Gebäude wurde der Stiftung im Frühjahr 2020 als leeres Haus übergeben und anschließend eingerichtet. In Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatsministerin Monika Grütters wurde die Einrichtung am 21. Juni 2021 eröffnet; seit dem 23. Juni 2021 ist das Dokumentationszentrum für die Öffentlichkeit zugänglich.[2]

Rechtsform und Stiftungszweck

Nach dem Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „Deutsches Historisches Museum“ (DHMG)[3] wurde am 30. Dezember 2008 die unselbständige Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin errichtet. Träger ist die Stiftung Deutsches Historisches Museum (§ 15 DHMG).[4]

Zweck der Stiftung ist es gemäß § 16 Abs. 1 DHMG, „im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen wach zuhalten“.[4] Gemäß § 16 Abs. 2 DHMG dienen der Erfüllung dieses Zweckes insbesondere:[4]

  1. Die Errichtung, Unterhaltung und Weiterentwicklung einer Dauerausstellung zu Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert, den historischen Hintergründen und Zusammenhängen sowie europäischen Dimensionen und Folgen;
  2. Die Erarbeitung von Einzelausstellungen zu speziellen Aspekten der Gesamtthematik;
  3. Die Vermittlung von Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen;
  4. Sammlung, Dokumentation und wissenschaftliche Auswertung einschlägiger Unterlagen und Materialien, insbesondere auch von Zeitzeugenberichten;
  5. Die Zusammenarbeit mit deutschen und internationalen Museen und Forschungseinrichtungen.

Mit dem Organisationserlass des Bundeskanzlers vom 7. Mai 2025 wurden dem Bundesministerium des Innern die Zuständigkeit für die Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa einschließlich der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung übertragen (bis dahin lag sie beim Bundesbeauftragten für Kultur und Medien).[5]

Organe der Stiftung

Im Verlaufe des Jahres 2009 wurden erstmals ein Stiftungsrat und ein wissenschaftlicher Beraterkreis berufen (§§ 18 ff. DHMG). Der Stiftungsrat bestimmt die Grundzüge des Programms und entscheidet über alle grundsätzlichen Angelegenheiten. Der Beraterkreis berät den Stiftungsrat und den Direktor/die Direktorin entsprechend dem Stiftungszweck in fachlichen Fragen. Gründungsdirektor wurde der Historiker und Politikwissenschaftler Manfred Kittel.

Der Stiftungsrat besteht aus 21 Mitgliedern. Kraft ihres Amtes sind die Präsidenten der Stiftungen Deutsches Historisches Museum und des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Mitglieder des Stiftungsrates. Die übrigen 19 Mitglieder werden von verschiedenen Institutionen benannt und dann von der Bundesregierung für die Dauer von fünf Jahren bestellt:[6]

  1. vier Mitglieder für den Deutschen Bundestag
  2. je ein Mitglied für das Auswärtige Amt und das Bundesministerium des Innern sowie ein Leitenden Beamter beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien
  3. sechs Mitglieder für den Bund der Vertriebenen e. V. (BdV)
  4. je zwei Mitglieder für die Evangelische Kirche in Deutschland, die Römisch-katholische Kirche in Deutschland und den Zentralrat der Juden in Deutschland[7]

Die aktuellen Mitglieder des Wissenschaftlichen Beraterkreises sind Peter Becher, Mathias Beer, Simone Blaschka, Monika Fenn, Mary Fulbrook, Hans-Lukas Kieser, Frank-Lothar Kroll, Stephan Lehnstaedt, Piotr Madajczyk, Ondřej Matějka, Norman Naimark, Jochen Oltmer, Miloš Vec.[8]

Tätigkeiten

Dauerausstellung

Im Juni 2017 veröffentlichte die Stiftung mit der neuen Leiterin Gundula Bavendamm ein Konzept für ihre künftige Dauerausstellung. Das Konzept basiert auf der Konzeption von 2012.[9][10]

Die Dauerausstellung verfolgt eine chronologische Struktur. Sie wird aus drei inhaltlichen Teilen bestehen, die sich über zwei Etagen erstrecken.

Im ersten Obergeschoss bietet der Ausstellungsteil „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“ einen Überblick und beleuchtet die Bedeutung des Themas Zwangsmigration für die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Themen zu Ursachen werden vertieft und der Bezug zur Gegenwart hergestellt. Auch aktuelle Herausforderungen von Flucht und Vertreibung im 21. Jahrhundert werden aufgegriffen.

Im zweiten Obergeschoss werden die Ausstellungsteile „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ (Arbeitstitel) und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“ (Arbeitstitel) präsentiert. In diesen beiden Teilen werden im Kontext der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der NS-Expansions-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik insbesondere Flucht und Vertreibung der Deutschen sowie ihre anschließende Integration in West- und Ostdeutschland mit Nachwirkungen bis heute präsentiert.

In der Gesamtschau vermittelt die Ausstellung unterschiedliche Erfahrungen, die – global, europäisch und deutsch – Ursachen, Abläufe und Auswirkungen von Vertreibungen zeigen.[11]

Nach Kritik an der Dauerausstellung vonseiten des Bundes der Vertriebenen wird die Dauerausstellung aktuell überarbeitet.[12]

Wechselausstellungen der Stiftung

  • Im Rahmen der 7. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst präsentierte die Stiftung unter dem Motto Politiken und Kulturen der Erinnerung die ersten 100 Objekte ihrer Sammlung. Diese privaten Erinnerungsstücke von Betroffenen oder ihren Nachkommen, die an Flucht, Vertreibung und Heimatverlust erinnern, wurden bis zum 1. Juli 2012 im Deutschlandhaus gezeigt.[13]
  • unter dem Titel Schlaglichter auf die künftige Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung zeigte die Stiftung bis 2018 am Bauzaun um das Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin eine Open-Air-Ausstellung, die durch großformatige Fotografien mit erläuternden Begleittexten Einblicke in das thematische Spektrum der zukünftigen Dauerausstellung gibt.

Publikationen der Stiftung

Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung erarbeitet und plant verschiedene Publikationsformate zum Thema Vertreibung, Flucht und Zwangsmigration:

  • Deutsches Historisches Museum, International Association of Museums of History, Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (Hrsg.): Flucht, Vertreibung, Ethnische Säuberung. Eine Herausforderung für Museums- und Ausstellungsarbeit weltweit, Tagungsband zum Neunten Internationalen Symposium der International Association of Museums of History, Berlin 2010.
  • Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Stiftung Denkmal für die ermordeten juden Europas (Hrsg.): „Das war mal unsere Heimat“ – Jüdische Geschichte im preußischen Osten, Begleitband zur internationalen Tagung, Berlin 2013.
  • Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm (Hrsg.): Vom „Verschwinden“ der deutschen Minderheit. Ein schwieriges Kapitel in der Geschichte Jugoslawiens 1941–1955, Berlin 2016.

Kontroversen

Sitz der Stiftung

Über den Standort eines Dokumentationszentrums zu Flucht und Vertreibung gab es mit Regierungsvertretern Polens einen Dissens. Gegenüber den früheren Stellungnahmen der Brüder Kaczyński nahm der damalige polnische Premierminister Donald Tusk im Dezember 2007 eine aufgeschlossenere Haltung ein. Anstelle einer Institution in Berlin schlug er den Standort Danzig vor, um dort ein Museum des Zweiten Weltkriegs einzurichten.[14] Bisher lehnt die polnische Regierung eine direkte Zusammenarbeit zum Thema Flucht und Vertreibung aber weiterhin ab. Im In- wie Ausland wird kritisiert, dass „die unterschiedslose ‚Empathie‘ für die Opfer [...] jeden Unterschied von Tat und Tätern einebnet“.[15]

Erweiterung des Stiftungsrates und Wissenschaftlichen Beraterkreises

Durch eine Neufassung des Gesetzes zur Errichtung einer Stiftung Deutsches Historisches Museum (DHMG) vom 14. Juni 2010 wurden sowohl der Stiftungsrat als auch der Wissenschaftliche Beraterkreis vergrößert.

Die Mitglieder des neuen, vergrößerten Stiftungsrates wurden am 8. Juli 2010 vom Deutschen Bundestag gewählt. Für einen ihm zustehenden Sitz hatte der BdV vorerst keinen Kandidaten benannt. Die vom BdV dafür vorgesehene Politikerin Erika Steinbach wurde vom Auswärtigen Amt sowie von SPD und FDP u. a. aufgrund von vielfachen Bedenken aus Polen nicht akzeptiert.

Zwei der sechs stellvertretenden BdV-Mitglieder des am 8. Juli 2010 gewählten, vergrößerten Stiftungsrates haben, so Franziska Augstein, „Meinungen geäußert, die Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie sich für das Stiftungsziel Versöhnung einsetzen werden“. Arnold Tölg habe sich gegen die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter des Nazi-Regimes gewandt und Hartmut Saenger Polen und Großbritannien als maßgebliche Verursacher für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verantwortlich gemacht.[16] Der die Landsmannschaft Ostpreußen vertretende Rechtsanwalt Stephan Grigat hatte im Jahr 1987 eine Reise nach Ostpreußen als „Reise in besetztes Land“ bezeichnet.[17] Daraufhin teilte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden Stephan Kramer in einem Brief im September 2010 dem damaligen Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit, die Mitgliedschaft in der Vertriebenen-Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung aus Protest gegen die „revanchistischen Positionen“ der zu stellvertretenden Mitgliedern berufenen Arnold Tölg und Hartmut Saenger bis auf weiteres ruhen zu lassen und sich einen Austritt vorzubehalten.[18][19]

Der Wissenschaftliche Beraterkreis wurde durch die Neufassung von neun auf 15 Mitglieder erweitert. Zuvor waren u. a. Kristina Kaiserová aus Tschechien, Tomasz Szarota aus Polen und Krisztián Ungvary aus Ungarn Mitglieder. Szarota zog sich aus dem Gremium zurück, weil der damalige Direktor Kittel nicht die Versöhnung mit Polen in den Vordergrund stelle, sondern die Versöhnung zwischen den Vertriebenen und den anderen Deutschen.[20] Auch Kristina Kaiserová[21] und die Publizistin Helga Hirsch traten als Beiratsmitglieder zurück.[22]

Dauerausstellung

Am 9. September 2010 veröffentlichten Historiker aus der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission, unterstützt von Historikern aus der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, einen alternativen Entwurf für die geplante Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung.[23] Hintergrund des Vorstoßes war das langjährige Fehlen sowohl eines konkreten Konzeptes für die geplante Dauerausstellung als auch einer öffentlichen Debatte über die inhaltlichen Pläne der Stiftung. Der Entwurf wurde zu einem ersten Impuls für eine wissenschaftliche Diskussion über die geplanten Ausstellungen der Stiftung.[24]

Der Theatermacher Ersan Mondtag übernahm den Auftrag, einen Imagefilm für die Stiftung und deren künftiges Dokumentationszentrum zu machen. Die erst nach Beginn der Arbeit vorgelegten Verträge bezeichnete er als inakzeptabel und künstlerfeindlich. Der Aspekt Rechtsextremismus sollte nach dem Willen der Stiftung ausgespart bleiben. Mondtag spricht von Zensur.[25]

Besetzung des Direktorenpostens

Im Dezember 2014 wurde Manfred Kittel seiner Aufgaben als Direktor der Stiftung entbunden.[26] Als Nachfolger wählte der Stiftungsbeirat im Juni 2015 Winfrid Halder.[27] Daraufhin kündigten Piotr Madajczyk, Krzysztof Ruchniewicz, Michael Schwartz, Stefan Troebst und Michael Wildt an, ihre Mitarbeit im Wissenschaftlichen Beraterkreis zu beenden.[28] Nach Halders Entscheidung, für den Posten nicht mehr zur Verfügung zu stehen, wurde die Stiftung von November 2015 bis April 2016 kommissarisch von Uwe Neumärker geleitet. Seit Februar 2016 ist die Historikerin und Kulturmanagerin Dr. Gundula Bavendamm neue Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung.[29]

Die Historikerin Gundula Bavendamm leitet seit April 2016 die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Im November 2025 hat der Stiftungsrat Bavendamms Vertrag nicht verlängert. Gegen den einstimmigen Protest des wissenschaftlichen Beirats wurde die Stelle neu ausgeschrieben. Die FAZ erkennt hierin den Versuch des Bundes der Vertriebenen – mit Unterstützung der CDU-/CDU-Bundestagsfraktion – die Kontrolle des wichtigen erinnerungspolitischen Projekts zu übernehmen. Sie schickten Sven Oole, Geschäftsführer der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten in der Bundestagsfraktion von CDU und CSU, ins Rennen um Bavendamms Nachfolge. Diese im Frühjahr 2026 entschieden wird. Weitere Kandidaten sind Gundula Bavendamm selbst sowie Roland Borchers, Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide. Für den Fall der Wahl Ooles haben die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats geschlossen ihren Rücktritt angekündigt.[12]

Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Förderung nach § 96 BVFG

Im Bericht der Bundesregierung zur Arbeit gemäß § 96 BVFG von 2023 lautet es: "Bundesförderung: Die unselbständige Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) steht unter der Trägerschaft der Stiftung „Deutsches Historisches Museum“ und wird ausschließlich vom Bund institutionell gefördert. Die Förderung der SFVV betrug 7,781 Mio. Euro (2021) und 8,477 Mio. Euro (2022)."[30]

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI