Small is Beautiful
Buch von Ernst Friedrich Schumacher
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Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß (englischer Originaltitel: Small Is Beautiful: A Study of Economics As If People Mattered) ist ein wirtschafts- und wachstumskritisches Buch des deutsch-britischen Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher, das 1973 erschien. Es wurde zu einem Bestseller und Standardwerk der Technikkritik und der Debatten um alternative Wirtschaftsformen.[1.1]
Schumacher kritisiert darin unter anderem eine Wirtschaftswissenschaft, die sich primär an Wirtschaftswachstum und Profitmaximierung orientiert, und plädiert dafür, wirtschaftliche Fragen wieder stärker im Zusammenhang gesellschaftlicher Werte und politischer Diskussionen zu betrachten. Statt einer auf grenzenloses Wachstum fixierten Wirtschaft, die Naturkapital als unerschöpfliches Einkommen betrachtet und dabei die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört, fordert er eine „Rückkehr zum menschlichen Maß“ durch dezentrale, angepasste, „mittlere Technologien“ („Intermediate Technology“), die auf sinnvolle, menschenwürdige Arbeit setzen und insbesondere regionale Selbsthilfe ermöglichen. Er plädiert für ein Wirtschaftssystem, das sich ethischen Werten, ökologischer Dauerhaftigkeit und der menschlichen Erfüllung unterordnet, anstatt den reinen Materialismus zum gesellschaftlichen Maßstab zu erheben.
Besonders im Umfeld von Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen diente Schumacher als wichtiger Stichwortgeber[1.1], es wird manchmal sogar von einer „Small is beautiful-Bewegung“ gesprochen.[2] Das Buch gilt als einflussreicher Beitrag zur Suche nach ökonomischen Alternativen sowie als früher Bezugspunkt für Debatten über Nachhaltigkeit.[1.2]
Entstehungsgeschichte und Verbreitung
Small is beautiful ist eine Sammlung von Essays[3], die 1973 auf Englisch erschien. Die zugrundeliegenden Texte waren Aufsätze und überarbeitete Vorträge aus den Jahren 1961 bis 1972.[1.3] Der Titel „Small is Beautiful“ geht auf einen Grundsatz zurück, den Schumachers Lehrer Leopold Kohr vertrat.[4] Die Idee, den Slogan als Buchtitel zu verwenden, hatte der Verleger Anthony Blond, in dessen Verlag Blond & Briggs das Buch erschien.[5][1.3] Blond veröffentlichte das Buch auch in den Vereinigten Staaten, wo es bei den Medien und in akademischen Kreisen großen Anklang fand.[5] Im Laufe eines Jahres wurde Schumacher mit seinem Buch berühmt.[6.1] Er begab sich auf eine Lesereise quer durch die USA und sprach vor vollbesetzten Sälen in Universitäten, Kirchen und Rathäusern. Jerry Brown, der damalige Gouverneur von Kalifornien, lud Schumacher in seine Residenz ein und arrangierte anschließend ein Treffen mit US-Präsident Jimmy Carter.[5][7]
In Deutschland hielt sich seine Bekanntheit im Vergleich zu den englischsprachigen Ländern allerdings in Grenzen[8], und die erste deutschsprachige Übersetzung erschien erst 1977 bei Rowohlt. Das Buch verkaufte sich, in viele verschiedene Sprachen übersetzt, mehr als 700.000 mal.[9] Es wurde von weiteren Verlagen neu aufgelegt, auf Deutsch erschien es zuletzt 2013 im Oekom-Verlag mit einer Einführung von Niko Paech.
Inhalt
Small Is Beautiful ist in vier Teile unterteilt: I. Die Moderne Welt, II. Aktivposten (Original: Resources), III. Die Dritte Welt und IV. Organisation und Eigentum. Jeder Teil enthält verschiedene Kapitel.
Die moderne Welt
Schumacher merkt an, dass wirtschaftliches Denken nicht auf unersetzliches Kapital angewendet werden kann: auf die natürlichen, endlichen Ressourcen. Ressourcen wie fossile Energien werden von Wirtschaftswissenschaftlern als Ertrag behandelt und rücksichtslos verbraucht, und nicht als Kapital, was logischerweise nicht unbegrenzt fortgesetzt werden kann. Als weiteres unersetzliches Kapital nennt Schumacher die „natürliche Toleranz“, die Fähigkeit der Umwelt, Zerstörungen durch menschliche Eingriffe zu verkraften, und als Drittes die „menschliche Substanz“. Er plädiert deshalb für die Entwicklung eines auf Dauer ausgerichteten Lebensstils, der die oben genannten Ressourcen als Kapital betrachtet, das es zu schützen gilt, und nicht als Ertrag. Von materialistischen Wirtschaftswissenschaftlern wird der Verbrauch als einziger Zweck und Ziel wirtschaftlichen Handelns angesehen, als Alternative entwirft er die „Buddhistische Wirtschaftslehre“, die ein Maximum an menschlichem Wohlbefinden bei einem Minimum an Konsum anstrebt. Die Verringerung der Bedürfnisse ist für ihn die Lösung menschlicher Probleme.
Aktivposten
In diesem Abschnitt wendet Schumacher die Ideen aus dem ersten Abschnitt auf die moderne Welt an. Er kritisiert das moderne Bildungssystem, da es sich zu sehr auf rein wissenschaftliches und technisches Wissen konzentriert und dabei den Geist mit zerstörerischen Ideen des 19. Jahrhunderts wie extremem Materialismus, Positivismus und rücksichtslosem Wettbewerb füllt. Als Ausweg fordert er eine tiefgreifende metaphysische Rekonstruktion der Bildung, die ethische Werte wiederbelebt, um den Menschen echte Orientierung für die komplexen, oft logisch unlösbaren Widersprüche des Lebens zu bieten. Die weiteren Kapitel behandeln unter anderem das Thema Landwirtschaft und die unkalkulierbaren Gefahren der Atomenergie.
Die Dritte Welt
Teil drei des Buches befasst sich mit den Problemen der Entwicklungsländer und den Fehlentwicklungen der bisherigen Entwicklungshilfe. Um die Armut zu bekämpfen, fordert Schumacher einen Strategiewechsel, der durch Förderung von mittleren Technologien lokale Rohstoffe für den lokalen Bedarf nutzbar macht, dabei Arbeitsplätze im ländlichen Raum und Kleinstädten schafft. Dadurch soll Massenarbeitslosigkeit und Landflucht in die Großstädte vermieden werden. Der unreflektierte Import teurer westlicher Standards und Technologien dränge andernfalls ärmere Länder in eine unbeabsichtigte neokoloniale Abhängigkeit.
Organisation und Eigentum
Schumacher befasst sich mit der Frage, wie große Organisations- und Eigentumsstrukturen so gestaltet werden können, dass sie menschliche Freiheit, Kreativität und soziale Verantwortung fördern, statt sie zu ersticken. Er fordert dezentrale, teilautonome Strukturen, die ein Gleichgewicht zwischen ordnender Bürokratie und kreativer menschlicher Freiheit ermöglichen. Er unterscheidet zwei Arten von Privatbesitz: Besitz als Hilfsmittel für kreative Arbeit (für kleine Handwerksbetriebe oder Landwirtschaft) vs. passives Eigentum an großen Unternehmen, bei dem funktionslose Eigentümer parasitär von der Arbeit anderer profitieren.
Rezeption
Schumachers Buch hat eine enorme und vielfältige Rezeption erfahren. Angepriesen vom Time Magazine als „Öko-Bibel“, hat es seit seiner Erstveröffentlichung kurz vor der Ölkrise 1973[10] von Jahr zu Jahr an Bedeutung und Popularität gewonnen.[11] Small Is Beautiful erschien in der Zeit eines boomenden Sachbuchmarktes, der nach dem Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums und der 1972 von den Vereinten Nationen erstmals organisierten Umweltkonferenz in Stockholm[5] ein gesteigertes Interesse an Deutungen der postindustriellen Gesellschaft verzeichnete.[1.3] Schumacher, der zuvor als Economic Advisor am britischen National Coal Board tätig war und die Intermediate Technology Development Group gegründet hatte, konnte dabei zugleich als Insider und Outsider des wirtschaftswissenschaftlichen Fachdiskurses auftreten.[1.3]
Schumacher lässt sich mit seiner Publikation einer Gruppe heterodoxer Ökonominnen und Ökonomen zuordnen, darunter Joan Robinson, Ezra Mishan und Herman Daly, die ebenfalls das Wachstumsparadigma kritisierten.[1.4]
Madeleine Bunting bedauert in einem 2011 in The Guardian erschienenen Artikel, dass der Gigantismus gewonnen habe und Schumachers mutiger, romantischer Idealismus heute verschwunden sei.[12]
Zum 50. Jubiläum des Bandes erschien 2023 ein vom Schumacher Center for a New Economics in Auftrag gegebener aktualisierter Studienleitfaden des britischen Autors und Journalisten David Boyle.[13] Der Leitfaden kommentiert jedes Kapitel, erläutert einige der Aspekte, die aus heutiger Sicht nicht mehr ganz verständlich erscheinen und setzt sie in den Kontext der Entwicklungen seit 1973. Das European Journal of Social Theory widmete dem Buch zum 50. Jubiläum eine Sonderausgabe mit kritischen Neubewertungen von Schumachers Konzepten, bezogen auf heutige globale Herausforderungen wie Klimakatastrophe und Künstliche Intelligenz. Die Autoren analysierten die theoretischen Grenzen seines Werks und würdigten die anhaltende Relevanz seiner ökologischen Kapitalismuskritik.[14]
Literatur
- David Boyle: Small is Beautiful Revisited 50 Years On. Kommentierter Leitfaden zu Small is beautiful. Schumacher Center for a New Economics, 2023.[13]
- Special issue: Reflections on ecological social theory marking 50 years of E. F. Schumacher's Small is Beautiful. European Journal of Social Theory Volume 27(3), August 2024. SAGE Publications.[14]
Weblinks
- Volltext von Small is Beautiful im Original auf ditext.com, abrufbar im Internet Archive
- The Schumacher Institute for Sustainable Systems