Stempeluhr

Arbeitszeitmesser From Wikipedia, the free encyclopedia

Eine Stempeluhr, auch Kontrolluhr oder Stechuhr, ist ein Arbeitszeitmesser, der den Arbeitsbeginn und das Arbeitsende von Arbeitnehmern aufzeichnet.

Arbeitnehmer beim Abstempeln der Zeitkarte an einer Stempeluhr im Volkswagenwerk Wolfsburg (1973)
Dieses Gerät ermöglicht Identifikation, Zutrittsrecht und Zeiterfassung (Brasilien)
Stempeluhr mit großem Zifferblatt, Kartenschlitz und Stempelkartenhalter im Straßenbahn-Museum Köln-Thielenbruch, Nordrhein-Westfalen

Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden typische Arbeitszeitmesser vielerorts durch Geräte bzw. Systeme abgelöst, die gleichzeitig mit der Zeit auch die Identität der Person überprüfen und diese ggf. mit einer Zutrittskontrolle zu bestimmten Räumlichkeiten innerhalb von Betrieben kombinieren.

Beschreibung

Eine Stechuhr druckt die Durchgangszeit der Arbeitnehmer mit Datum und Personalnummer auf einen Papierstreifen im Inneren der Stechuhr. Dazu stellt der Arbeitnehmer beim Kommen und beim Gehen den Zeiger der Stechuhr auf seine Personalnummer. Mit einem „Stich“ des unter dem Zeigerende befindlichen Dorns in das zur Personalnummer gehörige Loch wird durch einen Hebelmechanismus die Zeitstempelung auf dem Papierstreifen im Inneren der Stechuhr ausgelöst.[1]

Eine Stempeluhr druckt automatisch die Uhrzeit auf eine Karte aus Karton. Dabei bewegt sich der Drucker so, dass an jedem Tag des Monats eine andere Zeile der Karte bedruckt wird. Mit dem Stempeln beim Kommen beginnt die Arbeitszeit und mit dem Stempeln beim Gehen endet sie. Meistens befindet sich die Stempeluhr im Eingangsbereich der Arbeitsstelle. Sie wird in Industrie wie im Dienstleistungssektor gleichermaßen eingesetzt.

Um die Stempelkarte nicht zu lang werden zu lassen, trägt sie auf der Vorderseite meist die Zeilen für den 1. bis 15. Tag und auf der Rückseite die weiteren Tage des Monats. Eine häufige Fehlbedienung ist das Unterlassen des Wendens der Karte zum 16. des Monats.

Die Führung der Stempelkarte in der Stempeluhr ist seitlich beweglich. Bei einer für Tagschicht eingestellten Stempeluhr wird die Führung um 12 Uhr automatisch auf die Spalte „Gehen“ und um 24 Uhr wieder auf „Kommen“ gestellt. Für eine Arbeitsunterbrechung – z. B. für einen Arzt- oder Behördentermin – kann die Führung vor dem Stempeln federbelastet auf die Spalten „Unterbrechung Gehen“ und „Unterbrechung Kommen“ verschoben werden. In einer fünften Spalte der Stempelkarte kann der Vorgesetzte die Arbeitsunterbrechung sowie leere Zeilen wegen Urlaub oder Krankheit gegenüber der Lohnbuchhaltung durch Unterschrift genehmigen.

Für die Stempelkarten gibt es neben der Uhr eigene Fächer zur Aufbewahrung. So können in einigen Unternehmen die Karten beim Kommen und Gehen von der einen auf die andere Seite gesteckt werden, wodurch ein Überblick über die aktuelle Anwesenheit gegeben ist.

Messintervalle

Je nach System registrieren alte Uhren nicht jede einzelne Minute, sondern springen in definierten Intervallen weiter. So gibt es Uhren, die in 6-Minuten-Intervallen abrechnen, da dies Zehntelstunden sind, mit denen komfortabel gerechnet werden kann. Dies führt jedoch dazu, dass Mitarbeiter beim Kommen durchschnittlich drei Minuten „geschenkt“ bekommen, beim Gehen jedoch so lange vor der Uhr warten, bis sie zum nächsten Intervall umspringt. Bei modernen Uhren entfällt dies.

Geschichte

Eines der ältesten Zeiterfassungssysteme ließ seit 1797/98 der bayerische Kriegsminister Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford, in München aufstellen. In eine Uhr mit Einwurfschlitz und sich darunter drehenden Fächern mussten die ihm unterstellten bayrischen Beamten ihre Kennmarken einwerfen.[2][3][4]

Die stationäre Kontrolluhr Thompsons wurde 1801 vom Münchner Polizeidirektor Anton Baumgartner zur „Polizeyuhr“ weiterentwickelt, mit der er die Rundgänge der Polizisten überwachte.[3] Diese wiederum wurde 1803 von Samuel Day zur Nachtwächteruhr weiterentwickelt, die die jeweilige Uhrzeit in eine Papierrolle einstantzte.[5]

Ihren kommerziellen Durchbruch erreichte die Stempeluhr in ab 1855, zur Zeit der Industrialisierung, als der Schwenninger Stadtschreiber Johannes Bürk die erste tragbare Wächter-Kontrolluhr erfand.[3][6] Im selben Jahr gründete er die Württembergische Uhrenfabrik Bürk, die bis 1984 Bestand hatte.

Sein Sohn Richard Bürk entwickelte diese 1879 zum „Arbeiter-Kontrolapparat“ Dieser war jedoch anfällig für Manipulationen und verbrauchte viel Papier, was ihn unwirtschaftlich machte. Aus diesem Grund entwickelte Bürk 1897 den „Billeteur“, der Arbeitszeiten direkt auf eine Karte stempelte und so Kosten senkte.[3]

Der New Yorker Juwelier Willard Bundy baute 1888 den „Key Recorder“ mit Uhr- und Schreibmaschinentechnik, Alexander Dey schuf in demselben Jahr den „Dial Recorder“mit manuellem Arm, und 1894 patentierte Daniel Cooper den „Rochester Recorder“ für präzises Stempeln auf Karten.

Stempeluhr der National Time Recorder Co. Ltd in dem Transportmuseum Lüttich

Bundy kooperierte zunächst mit Bürk, bevor die drei amerikanischen Erfinder sich in den 1900er-Jahren in Unternehmen zusammen taten, aus den 1924 IBM (International Business Machines) wurde, das bis in die 1960er-Jahre Stempeluhren produzierte.[3]

Stechuhr, Anfang 20. Jahrhundert

Sammlungen

Größere Sammlungen historischer Arbeitszeitmesser befinden sich im Technoseum Mannheim und im Uhrenindustriemuseum Villingen-Schwenningen.[7]

Stempeluhr der Firma Benzing, Schwenningen am Neckar, um 1900, Textilmuseum Bocholt
Stechuhr mit Kartenschlitz im Wülfing-Museum, Nordrhein-Westfalen

Aktuelle Entwicklungen und neue Komponenten

Inzwischen rechnen Stempeluhren selbständig und drucken die Zeitsummen direkt auf der Stempelkarte aus. Bei modernen Varianten geschieht die Zeiterfassung jedoch in der Regel elektronisch an einem Kiosksystem durch Tastendruck oder durch Chipkarten. Dadurch kann die Zeitmessung um eine Zutrittskontrolle zu sicherheitsrelevanten Bereichen erweitert werden. Die Daten werden dabei zentral in einer Datenbank gespeichert und später von der Lohnverrechnung ausgewertet. Dies ermöglicht auch, dass der Betrieb an unterschiedlichen Toren betreten und verlassen werden kann, oft hat der Mitarbeiter auch selbst die Möglichkeit, manuelle Buchungen an einem PC zu ergänzen.

Moderne Geräte kombinieren mitunter das Zutrittsrecht zu gewissen Räumlichkeiten mit der Authentifizierung durch eine Chipkarte und/ oder eine Kamera zur Gesichtserkennung, wobei gleichzeitig die Zeit erfasst wird. Einige Hersteller bieten auch Varianten an, bei denen der Fingerabdruck überprüft wird. Die sogenannte Biometrische Zutrittskontrolle, zu der auch die Iris-Erkennung zählt, kann hier mit der Arbeitszeiterfassung kombiniert werden.[8]

Wo keine Zugangsbeschränkung zu bestimmten Bereichen gewährleistet werden muss, kann der Arbeitgeber auch eine App einsetzen, dies senkt sowohl die Anschaffungs- als auch die Wartungskosten eines Gerätes und dennoch neben der Zeiterfassung zusätzliche Funktionen wie z. B. das elektronische Unterzeichnen von Dokumenten ermöglicht.

Kurioses

Im Dezember 1998 meldete die Stuttgarter Zeitung, dass bei IBM die Stempeluhren abgeschafft werden. IBM, selbst Hersteller von Stempeluhren, verwendete diese historisch über alle Hierarchieebenen hinweg zur Zeitmessung. Sogar Thomas J. Watson selbst als CEO stempelte täglich seine Arbeitszeiten, auch als IBM der größte Konzern der Welt war.

Literatur

Siehe auch

Commons: Stempeluhr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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