Sudauer Büchlein

preußisches Manuskript From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Sudauer Büchlein (litauisch Sūduvių knygelė) ist ein von einem anonymen Autor zwischen 1520 und 1530 im Herzogtum Preußen verfasstes Manuskript, das die heidnischen Rituale, Bräuche und Religionsreste der Sudauer (Jatwinger) im nordwestlichen Samland beschreibt und dabei auch mehrere Sätze, Wörter und Götternamen aus der im 17. Jahrhundert ausgestorbenen jatwingischen Sprache überliefert.

Abbildung der heidnischen Ziegenbock-Heiligung und -opferung im Sudauer Büchlein, das verbreitetste Vorderbild

Die ursprünglich im Grenzgebiet zwischen Ostpreußen, heute im Nordteil die russische Oblast Kaliningrad, und dem heutigen Belarus, Litauen und Polen siedelnden baltischen, heidnischen Jatwinger wurden nach Widerständen Ende des 13. Jahrhunderts teilweise vom Deutschen Orden in den sogenannten „Sudauerwinkel“ im Nordwesten des Samlandes an der Ostsee deportiert, wo sich ihre westbaltische Sprache noch bis ins 17. Jahrhundert erhielt.

Die Schrift entstand nach Meinung vieler Historiker und Baltisten nicht allein zum wissenschaftlichen Selbstzweck, sondern sollte im damaligen reformatorischen Zeitgeist indirekt auf die Notwendigkeit evangelischer Missionierung der Landbevölkerung hinweisen.

Die Glaubwürdigkeit der geschilderten Rituale wird kontrovers beurteilt. Ein Teil der Forscher betont, dass einige Götternamen unbekannt seien, die geschilderten Rituale teils aus vorchristlichen deutschen, polnischen und prußischen Traditionen und sogar aus dem Alten Testament kämen, und lehnt sie als nicht authentische Schilderung der Verhältnisse ab. Andere Forscher arbeiten dagegen heraus, dass sich die Götternamen sprachwissenschaftlich erklären ließen, sie vielleicht jatwingische Regionalgötter waren, dass die geschilderten Bauernkulte nur noch ein Rest der ursprünglichen Religion wären, unter die sich auch deutsche, polnische und prußische (altpreußische) vorchristliche Rituale aus der Nachbarschaft gemischt haben könnten, und dass die Ähnlichkeiten zu allgemein sind und ethnologisch zu verbreitet seien, um wirklich aus dem Alten Testament abgeschrieben sein zu müssen. Die überlieferten sprachlichen Reste sind mit heute besserer Kenntnis der jatwingischen Sprache nicht umstritten, was auch ein Argument ist, dass die geschilderten Rituale existiert haben könnten.

Die Sudauer / Jatwinger im Samland

Ungefähres Siedlungsgebiet der Jatwinger (Sudauer) um 1200
Karte des Samlandes mit Namen 1905. Der „Sudauerwinkel“ lag im Nordwesten zwischen Rauschen, Palmnicken und der Nordwestspitze (nicht alle Dörfer dort, Groß Kuhren, Klein Kuhren und einige andere Fischerdörfer wurden von Nehrungskuren gegründet), weiter zwei Dörfer südlich des Kurischen Haffs, südlich von Schaaken (Sudnicken und Sudau, Kgl.) und zwei Dörfer nordwestlich von Königsberg (Medenau und Wargen).

Die Jatwinger, in deutschsprachigen Quellen oft Sudauer genannt, waren ursprünglich ein baltischer Stammesverband oder eine Gruppe von Stämmen im heutigen Grenzgebiet zwischen der östlichen Oblast Kaliningrad, dem westlichen Süden Litauens, dem nordwestlichen Belarus und dem nordöstlichen Polen. Obwohl beide Namen in Quellen oft alternativ verwendet wurden („die Sudauer oder Jatwinger“), ist der Baltistik heute weitgehend klar, dass es mehrere Stämme waren: im Nordwesten, im späteren östlichen Ostpreußen an den Oberläufen von Angerapp und bis zur Scheschuppe die Sudauer, deshalb der häufigste deutsche Name; vom südwestlichen Litauen im Osten zur polnischen Woiwodschaft Podlachien im Süden die Jatwinger; am Südwestrand der kleinere Stammesverband der Pollexiani / Podlachen, die der polnischen Region den Namen gaben; und im Südosten, im heutigen Belarus, noch nach Osten expandierend, die Dainava. Alle gemeinsam sprachen aber dieselbe, vermutlich westbaltische Sprache.[1] Ihr anfangs expandierendes Stammesgebiet geriet später zunehmend unter Druck durch Polen und die Rus-Fürstentümer, schließlich den Deutschen Orden. Im Zuge der Litauerkriege des Deutschen Ordens wurde das schon vorher sehr entvölkerte Gebiet weitgehend verlassen und die Große Wildnis breitete sich aus. Einige Jatwinger flüchteten ins Großfürstentum Litauen. Von einer Nachkommengruppe stammt wahrscheinlich das Jatwingische Wörterverzeichnis Pogańske gwary z Narewu.

Nach Berichten Peter von Dusburgs deportierte Konrad von Thierberg der Ältere bei der Niederschlagung des Zweiten Prußenaufstandes 1260–1287 durch den Deutschen Orden etwa 1600 Sudauer ins Samland. Kurz darauf ergab sich der sudauische Stammesfürst Gedete und zog mit 1500 Sudauern ebenfalls in die Verbannung im Samland. Ihre Nachkommen lebten noch im 16. Jahrhundert im Samland, ihre von der prußischen Sprache unterschiedliche Sprache existierte noch bis ins 17. Jahrhundert. Nach der Überlieferung von Andreas Aurifaber und Johannes Poliander lebten Anfang des 16. Jahrhunderts noch in 20–30 Dörfern im Samland Sudauer, die nur untereinander heirateten, nicht mit den benachbarten prußischen oder deutschen Dörfern. Die meisten befanden sich im sogenannten „Sudauer Winkel“ zwischen Rauschen, Palmnicken und der Nordwestspitze des Samlandes, zwei weitere Dörfer lagen im Kirchspiel Schaaken südlich des Kurischen Haffs ((Königlich) Sudau und Sudnicken) und zwei nordwestlich von Königsberg (Medenau und Wargen).[2] Nach Aurifaber und Poliander lebten die Sudauer im Sudauer Winkel neben der Landwirtschaft vorwiegend von Bernstein, den sie im Hochsommer ganz nackt am Strand gesammelt haben sollen. Die Region ist bis heute Hauptabbaugebiet von Bernstein.

Das Sudauer Büchlein beschreibt mehrere in der ländlichen sudauischen Bevölkerung Samlands übliche Rituale zu Ehren heidnischer Gottheiten, die noch praktiziert sein sollen, und erwähnt dabei auch einige kurze Sätze in jatwingischer Sprache.

Überlieferung

Das deutschsprachige Werk war 1936 in zehn handschriftlichen Exemplaren erhalten und einer Druckversion von 1561 oder 1562 von Hieronymus Maletius, später mehrfach bei Hans Daubmann als Broschüre nachgedruckt. Diese unterteilen sich in drei inhaltlich leicht variierende Versionen. Die erste Version lag als Exemplar A, B und C in der Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel und in Danzig, die zweite Version der Exemplare D, E, e (gedrucktes Exemplar, deshalb klein notiert), F, G, H, J (und *R, schon vor 1936 verloren) lagen in Bibliotheken und Archiven in Königsberg und in Toruń, daneben existiert eine dritte Version K, die teilweise Merkmale beider Varianten aufweist. Die meisten Exemplare haben den Zweiten Weltkrieg überstanden. Die Handschriften und Drucke existieren in mehreren Titelbildern und Überschriften, wie Der Vnglaubigen Sudauen ihrer Bockheiligung mit sambt andern Ceremonien, so sie tzu brauchen gepflegeth, Das Buchlein von der Bockheiligung, Warhafftige Beschreibung der Sudawen auf Samlandt sambt jhren Bockheyligen vnd Ceremonien und schließlich Der Sudauiter, die itzund Sudawen genannt werden, Ceremonien vnd bockheyligen. Eine textkritische Quellenedition von Wilhelm Mannhardt wurde in letzter Auflage 1936 publiziert und seitdem mehrfach wie zuletzt von Norbertas Vėlius abgedruckt und übersetzt.[3]

Entstehungshypothesen

Entstehungsanlass und Jahr

Die Entstehung des Werkes wurde textkritisch untersucht. Weil es im ersten Satz direkt in den Inhalt einsteigt, statt wie damals üblich, eröffnende Worte an die Leser zu richten und eine einleitende Hinführung zum Thema zu geben, dabei die Sudauer als „sie“ bezeichnet, ohne zu erklären, wer gemeint ist, ist die Fachwelt sicher, dass es ursprünglich ein Ausschnitt eines verlorenen größeren Manuskripts war. Die Handschrift war erwiesenermaßen evangelisch-lutherischen Theologen im Herzogtum Preußen bekannt, beispielsweise den Teilnehmern der ersten Evangelisch-Lutherischen Kirchensynode 1530 oder Johannes Maletius (Jan Malecki), dem Vater von Hieronymus Maletius, Johannes Bretke, Matthäus Waissel, Kaspar Hennenberger, Christoph Hartknoch und Matthäus Prätorius.[4]

Das Sudauer Büchlein bezweckte offensichtlich, durch detaillierte Schilderung vorchristlicher Kulte in der Landbevölkerung die Notwendigkeit evangelischer Missionsarbeit und gesetzlicher Verbote schlussfolgern zu lassen. Deshalb wird manchmal vermutet, die Schilderungen seien übertrieben oder erfunden. Es wird teilweise angenommen, das Werk sei vor 1525 verfasst worden, weil in diesem Jahr der Landtag von Preußen ein juristisches Verbot der Ziegenopferung erließ, vielleicht als Reaktion auf die detaillierte Beschreibung im Sudauer Büchlein (Bild oben). Andere Experten vermuten, dass es in Vorbereitung der ersten flächendeckenden Kirchenvisitation 1530 in Preußen entstand.[5]

Autor

Der Autor war mit der Methodik des Renaissance-Humanismus vertraut, weil er heidnische Rituale detailliert (aber nicht automatisch korrekt) schildert, aber dabei nicht vordergründig verurteilt. Wahrscheinlich war er ebenfalls evangelischer Theologe. Wer sich hinter dem anonymen Autor verbirgt, wird seit langem diskutiert. Vorgeschlagen wurde der polnisch-preußische, evangelisch-lutherische (masurische) Drucker und Autor Johannes Maletius (Jan Malecki), der erste evangelisch-lutherische Fürstbischof von Samland Georg von Polentz, der erste evangelisch-lutherische Bischof von Pomesanien Erhard von Queis oder sein Nachfolger Paul Speratus und der evangelisch-lutherische Reformator Johann Gramann (Johannes Poliander), die alle an der ersten Kirchenvisitation Preußens teilnahmen, oder ein anderer ihrer acht Teilnehmer. Die Frage ist aber nicht eindeutig zu klären.[6]

Glaubwürdigkeit

Die Glaubwürdigkeit der Schilderung wird wissenschaftlich kontrovers eingeschätzt. Eine Forschungsrichtung um Aleksander Brückner (1856–1939), den masurischen Historiker und Volkskundler Jan Karol Sembrzycki / Johannes Sembritzki (1856–1919) und den preußisch-litauischen Religionswissenschaftler und Pfarrer Jonas Bertuleitis / Johann Bertuleit (1897–1977) betrachteten die Angaben als sehr unglaubwürdig. Sie betonten, dass einige beschriebene Rituale nicht zur baltischen Mythologie, sondern zu bekannten westslawisch-polnischen und germanisch-deutschen heidnischen Ritualen gehören und selbst die baltischen Teile teilweise den Prußen zuzuordnen sind. Sie beobachteten, dass einige Beschreibungen wie das Ziegenopfer und Hochzeitsmäntel aus dem Alten Testament geläufig sind. Außerdem betonten sie, dass von den 14 erwähnten Gottheiten nur drei aus der baltischen Mythologie bekannt sind, dabei mit falscher Zuständigkeit, die übrigen Namen seien Fantasienamen, von denen einer (Deywoty Zudwity) außerdem polnisch ist. Diese ablehnende Einschätzung wird bis heute oft wiedergegeben.[7]

Ein anderer Teil der Forschung wie Wilhelm Mannhardt, später auch der sowjetische Baltist Wladimir Toporow oder der litauische Ethnologe und Religionswissenschaftler Norbertas Vėlius (1938–1996) betont, dass die beschriebene Mythologie und Riten nicht die ursprüngliche heidnische Religion der Jatwinger ist, sondern dass es 250 Jahre nach ihrem Verbot durch den Deutschen Orden und dem Verschwinden der geschulten Priesterschaft nur noch bäuerliche Reste waren. Dann wäre nachvollziehbar, dass nur noch die Götter der Erde und der Jahreszeiten rituell gewürdigt wurden, während Teile dieser Götterwelt nur eine blasse Rolle ohne Kult spielten oder falsch zugeordnet wurden oder fehlen, offenbar schon vergessen waren. Unter den Umständen ist gut denkbar, dass die Sudauer volksreligiöse Rituale der prußischen, polnischen und deutschen ländlichen Nachbarn übernahmen. Die Ähnlichkeiten zum Alten Testament erklären sie ethnologisch, dass Bockopfer und Hochzeitsgaben in vielen Kulturen ähnlich sind. Besonders Vėlius arbeitet heraus, dass die unbekannten Götternamen auch mit Mitteln der historischen Baltistik als glaubhafte Namen rekonstruieren lassen, wohl keine Erfindungen sind.[8] Der Rezensent William Riegel Schmalstieg stimmt dem zu.[9]

Trotz der kontroversen Einschätzungen neigt die Fachwelt in jüngerer Zeit eher dazu, mehr mögliche Glaubwürdigkeit anzunehmen, weil sich die überlieferten Redewendungen und Götternamen linguistisch als authentisch erwiesen. Überreste vorchristlich-paganer Kulte waren in den Landbevölkerungen Europas bis etwa ins 18. Jahrhundert nicht ungewöhnlich, wenn auch einzelne Details hier manchmal zu Skepsis führen. Es ist mangels weiterer Quellen aber nicht möglich, die Details der Kulte zu bestätigen oder zu widerlegen.

Inhalt

Beschriebene Rituale

Alle paganen Rituale werden unter der Leitung gewählter Ältester durchgeführt, die den jatwingischen Titel Wourschkaity / Wairschkayty / Wourschaity / Wurschkayten trugen. Nahezu alle Begriffe wurden in der nicht normierten Rechtschreibung der Zeit je nach Handschrift und Druck verschieden geschrieben, im Folgenden wird nur noch die von der Quellenedition favorisierte Schreibung erwähnt.[10]

Beim Frühlingsritual Pargrubrij vor Pflug und Aussaat soll der Wourschkaity nacheinander Segenssprüche für alle relevanten Gottheiten des Frühlings, des Regens, des Lichts und des Wachstums aufsagen und eine gefüllte Bierschale nur mit den Zähnen aufheben und austrinken und sie ohne seine Hände danach über seinen Kopf schleudern. Nach jeweils zwei dieser rituellen Anrufungen reicht er die wieder gefüllte Bierschale der Runde der Bauern im Bauernhaus, die sie ebenfalls ohne eigene Hände von ihm gereicht austrinken. Nach der Ernte gibt es im August ein Erntefest mit Mahl und Bier ohne das beschriebene Ritual, aber mit Dankgebeten für dieselben vier Gottheiten.[11]

Ein weiteres beschriebenes Ritual ist die „Bockheiligung“, die zwei bis vier Dörfer gemeinsam als Fest feiern. Dabei wird ein Ziegenbock vom Wourschkaiten unter Anrufung aller Götter geheiligt und danach angeritzt, mit dem vergossenen Blut die Habe und die Teilnehmer besprengt. Danach wird er geschlachtet, über gesegnetem Feuer gegrillt und gegessen. Dabei werden Bälle aus Brotteig so oft durchs Feuer gegenseitig zugeworfen, bis sie gar sind.[12] Am Tag nach dem Festmahl werden die Essensreste und Knochen rituell beerdigt und dem Wourschkaiten Danksagungen aufgesagt.[13] Dieses Ritual wird oft bezweifelt, weil es in seinen Details große Ähnlichkeit zum Bockopfer im Alten Testament[14] hat. Dass es eine solche Ziegenopferung als „Bockheiligung“ prinzipiell wahrscheinlich gab (sofern die Erzählung nicht durch dieses Werk verbreitet wurde), zeigt schon das gesetzliche Verbot 1525. Auch Jan Malecki erwähnt Briefe, die sich damit beschäftigten.

Dem Erdgott Puschkaytus werden unter seinem geheiligten Holunderbaum Bier und Festmahlzeit geopfert und er wird mit Segenssprüchen gebeten, seine Markopolan („Erdleuthe“) zu erleuchten, und seine Hilfsgeister Parstucken um Hilfe bis zur Ernte gebeten. Nachts werden ihm in einer verschlossenen Scheune Bier und Brot auf einem Tisch als Gabe geopfert.[15]

Dem Schiffergott Bardoayts opfern die Sudauer und Prußen in einer Scheune rituell mit einem Fischmahl, wobei der Wourschkaiten ihnen die Fischgründe weissagt, an denen sie vor dem Engel „da blest er die Schiffe vmb“ geschützt sind.[16]

Die Brautwerbung erfordert vom Bewerber einen Brautpreis an die Familie der Braut als Geld oder alternativ als Ochsen und Getreide. Dabei muss der Braut ein „borten vnd mantel“ versprochen werden. Dieser Brautmantel ist aus dem Alten Testament bekannt und gab Anlass zu Zweifel. Vor Einzug der Braut in die Familie des Bräutigams (siehe Patrilokalität) veranstaltet sie mit ihren Freundinnen und Familie einen rituellen Abschied und Klagegesang auf den Auszug. Sie wird von einer geschmückten Kutsche mit einem geschmückten Treiber (Kutscher, jatwingisch: Kellewese) abgeholt und vor das Haus des Bräutigams ein Stuhl mit Handtuch gestellt, das der Kellewese schnell besetzen muss, worauf ihm das Handtuch geschenkt wird. Schafft er es nicht, wird er gewaltsam durch das Haus herausgejagt. Danach wird die Braut auf den Stuhl gesetzt, die Augen verbunden, mit dem Fuß an die Haustür geklopft, sie auf dem Stuhl rituell um den Herd getragen, ihr die Füße gewaschen und mit dem Fußwasser das Haus besprenkelt, rituell mit Getreide übergossen und ihr Honig um den Mund als Verheißung des Lebens als Ehefrau verteilt und anschließend Getränke gereicht. Ähnliche Rituale sind aus einigen patrilokalen Kulturen bekannt. Danach wird sie zur Hochzeit geschmückt und das Hochzeitsfest mit weiteren Ritualen folgt. Für einige Rituale werden Segenssprüche zitiert.[17]

Verstorbene werden gewaschen und in weißen Kleidern einige Tage im Haus sitzend aufgebahrt und eine bewusst fröhliche Trauerfeier mit viel Bier abgehalten, wobei sie mit Münzen für das Jenseits ausgestattet werden, danach aufgebahrt an die Dorfgrenze mit verschiedenen Ritualen gegen Teufel und mit Glücksmünzen getragen und dort eingeäschert, dabei auch betrauert, und als Urne mit Beigaben beerdigt[18] (im Christentum unüblich, im baltischen Heidentum aber verbreitet). Es wird auch von Jahrestagen der Beerdigung mit Trauermahl und Trinksprüchen in den Kirchen berichtet, wobei sich Frauen und Männer angeblich auf den Mund küssen.[19]

Schließlich wird noch die Rolle von meist blinden und lahmen Sehern (Segnot) beschrieben, welche Schadenzauber beherrschen sollen, mit dem beispielsweise Diebe bestraft werden. Das angebliche Ritual, schon gemischt mit christlichen Formeln, mit dem Bestohlenen gemeinsam, wird beschrieben.[20]

Jatwingische Sätze

Im Laufe des Werks werden an einigen Stellen kurz ritualisierte Sätze in jatwingischer Sprache zitiert[21]:

  • Ohow mey myle swente panike!
    „Ohu, mein liebes heiliges Feuerlein!“
    (Klagegesang zum Herdfeuer des Elternhauses, das die Braut verlassen muss, wie alle Zitate auch in anderen Schreibungen überliefert.)
  • Kellewese periot, Kellewese periot
    „Der Treiber kommt, der Treiber kommt“
    (Ruf des Hochzeitskutschers bei Ankunft)
  • Trenke, trenke
    „Stoß an, stoß an“
    (Aufforderung an die Braut auf dem angehobenen Stuhl, an die Tür des zukünftigen Hauses mit dem Fuß zu klopfen)[22]
  • Kayls naussen gingethe
    „Ich trinke dir zu, unser Freund“
    (Trinkspruch an den sitzend aufgebahrten Verstorbenen)[23]
  • Begeyte, begeyte Pecolle
    „Lauft, lauft ihr Teufel“
    (rituelle Verscheuchung böser Geister beim Trauerzug)
  • Kayls posskayls eins peranters
    „Zum Wohl, zum Wohl, einer nach dem anderen“
    (ritueller Trinkspruch beim Jahrestag)

Diese Sätze waren über Jahrhunderte die einzige direkte Überlieferung der um das 17. Jahrhundert ausgestorbenen jatwingischen Sprache, bevor 1978 eine Wortliste mit 215 Wörtern entdeckt wurde, die ab 1982 wissenschaftlich ausgewertet wird, das Pogańske gwary z Narewu. Daneben gibt es allerdings einen großen Bestand an Toponymen (Orts-, Gewässer- und Flurnamen) aus dem ehemaligen jatwingischen Siedlungsgebiet, einen relativ großen Bestand an Lehnwörtern aus der jatwingischen Sprache in nordwestlichen belarussischen Dialekten, nordöstlichen polnischen Dialekten und südlichen litauischen Dialekten und einige in historischen Quellen überlieferte Namen, die der Baltistik einen relativ breiten Eindruck der Systematik der jatwingischen Sprache vermitteln.[24]

Götternamen

Zu Beginn des Sudauer Büchleins werden folgende Gottheiten aufgezählt: Deywoty Zudwity bzw. Ockopirmus, „der erste Gott Himmels und Gestirnes“; Swayxtix, „der Gott des Lichtes“; Auschauts, „der Gott der Gebrechen Kranken ynd Sunden“; Autrimpus, „der Gott des Mehres vnd der grossen Sehe“ [des Meeres und der großen Seen]; Potrimpus, „der Gott der fliessenden Wasser“; Bardoayts/Patulas, „der Schiffe Gott“; Pergrubrius, „der lest wachsen laub vnd gras“; Pilnitis, „der Gott macht reich vnd fūllet die Scheuren“ [Scheunen]; Parkuns, „der Gott des Donners, Plitzen vnd Regens“; Peckols, „der helle und Finsternus ein Gott“; Pockols, „die fliegende geister oder Teuffel“; Puschkayts; „der Erden Gott vnter dem heiligen holtz des Holunders“. Danach folgen die Barstucke, „die kleinen Mennichen“ [kleine Geister] und Markopole, „die Erdtleuthe“.[25] An späteren Stellen zu Peckollum werden seine Hilfsgeister, die Peckolli, erwähnt.

Der erste Name ist eindeutig polnisch, was zu Kritik führte. Nach Toporow und Vėlius sind von den erwähnten Göttern nur die drei verlinkten aus der baltischen Mythologie bekannt sowie Autrimpus und der etwas später erwähnte Natrimpas, zwei weitere Wassergötter in schwer zu klärendem Verhältnis (siehe Potrimpos#Autrimpus und Natrimpus), und der Patulas in anderen Quellen erwähnt, aber mit anderen Zuständigkeiten. Alle anderen sind sonst nicht bekannt, was Grund für Zweifel ist. Vėlius und vor ihm Toporow wiesen aber darauf hin, dass sich die Bedeutung einzelner Namen mit der rekonstruierenden Methode der Indogermanistik klären lässt. Womöglich waren es jatwingische Regionalgottheiten. Beide arbeiteten heraus, dass der Autor sie in der Mode der Renaissance zu einem kompletten Pantheon nach griechischem und römischem Vorbild von den Himmelsgöttern über die Erdgötter bis zur Unterwelt sortierte, was für einen resthaften Bauernkult „etwas künstlich wirkt“. Dass dabei Auschaut(a)s und Parkuns falsch eingeordnet wurden, hinge vielleicht mit Besonderheiten der jatwingischen Religion zusammen.[26]

Literatur

  • Rolandas Kregždys: Sūduvių knygelė in der Visuotinė lietuvių enciklopedija (Litauische Allgemeine Enzyklopädie) (litauisch)
  • Sūduvių knygelė in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch)
  • Endre Bojtar: Foreword to The Past: A Cultural History of the Baltic People. Budapest 1999 (englisch, Kapitel zu den Jatwingern: S. 158–163; zur Jatwingischen Sprache: S. 216–217).
  • Rolandas Kregždys: Sūduvių knygelės nuorašų formalioji analizė bei analitinė eksplikacija. (litauisch; = „Formale Analyse und analytische Erläuterung der Transkripte des Sudauer Büchleins.“), (Digitalisat PDF) Archivum Lithuanicum 20, Vilnius 2018, S. 89–124.
  • Norbertas Vėlius: Baltų Religijos ir Mitologijos Šaltinai II: XVI amžius. / Quellen zur baltischen Religion und Mythologie II: 16. Jahrhundert. Vilnius 2001 (litauisch, Webarchive PDF), Kapitel „Sūduvių knygelė“, S. 123–156 (Textedition des frühneuhochdeutschen Originaltextes S. 127–142, litauische Übersetzung S. 143–156).

Fußnoten

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