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Thomas M. Scanlon

US-amerikanischer Philosoph From Wikipedia, the free encyclopedia

Thomas Michael (“Tim”) Scanlon (* 28. Juni 1940 in Indianapolis, Indiana) ist ein US-amerikanischer Moralphilosoph. Er ist Alford Professor für Natürliche Religion, Moralphilosophie und Politik am Institut für Philosophie an der Harvard University.

Thomas M. Scanlon

Scanlon ist der Sohn eines Rechtsanwaltes, durch den er bereits in der Jugend grundlegende Kenntnisse über allgemeine Fragen des Verfassungsrechtes erwarb.

Während seines Studiums der Philosophie an der Princeton University befasste er sich vorrangig mit Logik und der Philosophie der Mathematik. Seine Examensarbeit schrieb er 1962 bei Paul Benacerraf. Im Jahr 1963 studierte er ein Jahr lang an der Oxford University, für das er ein Fulbright-Stipendium erhielt. Hier hörte er insbesondere Michael Dummett und befasste sich zum ersten Mal intensiv mit Immanuel Kant. Im Anschluss wechselte er 1963 nach Harvard, wo er einerseits John Rawls kennenlernte, andererseits bei Burton Dreben mit einer Arbeit über Beweistheorie im Jahr 1968 promovierte.

Bereits ab 1966 hatte er einen Lehrauftrag in Princeton, wo er im Jahr 1977 zum Professor ernannt wurde. Im Jahr 1984 nahm er einen Ruf an die Harvard-Universität an, wo er 1988 die Alford Professur erhielt.

Etwa ab 1974 verlegte er den Schwerpunkt seinen Arbeiten auf Fragen der Ethik und Politischen Philosophie. Eine seiner wichtigsten Forschungsbeiträge stellt seine neue Variante des Kontraktualismus dar. Er steht darin in der Tradition von John Rawls, Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau.

Scanlon ist Mitherausgeber der Zeitschrift Philosophy and Public Affairs und wurde im Jahr 2002 Präsident der American Philosophical Association (Eastern Division). 1993 war er MacArthur Fellow und wurde in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen. 1997 wurde er Mitglied (Corresponding Fellow) der British Academy. Für 2016 wurde ihm der Lauener Preis zugesprochen, 2018 wurde Scanlon in die American Philosophical Society gewählt.

Scanlon ist verheiratet, hat zwei Töchter und ist der Schwiegervater des Philosophen und Afrikaforschers Tommie Shelby.

Ethik

Der Kontraktualismus von Scanlon in What We Owe to Each Other [Was wir einander schulden, 1998] ist ein konstruktivistischer Versuch in der Tradition von Immanuel Kant und John Rawls, eine einheitliche Erklärung für einen zentralen Bereich der Moral zu liefern, den Scanlon als „unsere gegenseitigen Pflichten“ bezeichnet. Der normative Bereich dieser gegenseitigen Pflichten umfasst jene Pflichten, die wir anderen Menschen als vernünftigen Wesen schulden. Ein umfassenderer Moralbegriff schließt darüber hinaus alles ein, was wir bestimmten Personen schulden, wie etwa die besonderen Verpflichtungen gegenüber Freunden und Familie, oder alles andere, was die Moral von uns verlangt, beispielsweise unseren Umgang mit uns selbst oder der Natur. Scanlon ist der Ansicht, dass sich unsere gegenseitigen Pflichten von dem umfassenderen Moralbegriff dadurch unterscheidet, dass der Kontraktualismus eine einheitliche Erklärung für deren Inhalt liefert.[1.1]

In dieser Form des Kontraktualismus sind Urteile über Richtig und Falsch, anders als empirische Urteile, keine theoretischen Aussagen über die Natur der raumzeitlichen Welt, sondern vielmehr praktische Aussagen darüber, wie wir vernünftigerweise handeln sollten.[1.2] Darüber hinaus stellen sie eine besonders wichtige Klasse praktischer Aussagen dar, da das Urteil, dass eine Handlung falsch ist, Gründe liefert, diese Handlung nicht zu begehen, die meist als ausschlaggebend gegenüber anderen Gründen gelten.[1.3]

Ausgehend von diesem Gedanken ordnet Scanlon Fragen nach der Begründungskraft moralischer Urteile Fragen nach dem Gegenstand der Moral von Richtig und Falsch vor[1.4], d. h. dass eine Erklärung der Begründungskraft moralischer Urteile weitgehend die Grundlage für eine Charakterisierung des Gegenstands unserer gegenseitigen Verpflichtungen bildet. Scanlon begründet die vernunftstiftende Kraft von Urteilen über Richtig und Falsch mit dem „positiven Wert einer Art des Zusammenlebens mit anderen“.[1.5] Diese Art des Zusammenlebens mit anderen ist durch ein Ideal der gegenseitigen Anerkennung zwischen rationalen Akteuren gekennzeichnet, wobei die gegenseitige Anerkennung erfordert, dass moralische Akteure den Wert des menschlichen Lebens anerkennen und auf diesen Wert in angemessener Weise reagieren.

Zur Frage, wie wir menschliches oder vernunftbegabtes Leben bewerten sollen, argumentiert Scanlon, dass unterschiedliche Werte unterschiedliche Bewertungsansätze erfordern. Im Gegensatz zu teleologischen Wertvorstellungen bedeutet Wert oft nicht nur, Vernunft darin zu sehen, eine maximale Menge davon zu erzeugen.[1.6] Dies gilt insbesondere für den Wert des menschlichen Lebens. Wenn wir menschliches Leben wertschätzen, schreibt Scanlon, sehen wir darin nicht den Grund, so viel menschliches Leben wie möglich zu erschaffen, sondern andere Menschen zu respektieren, sie vor Tod und anderen Formen von Schaden zu schützen und ihnen im Allgemeinen ein gutes Leben zu ermöglichen. Für Scanlon bedeutet die Wertschätzung vernunftbegabten Lebens, die Merkmale zu erkennen, die vernunftbegabtes Leben von anderen Werten unterscheidet, insbesondere die Fähigkeit vernunftbegabter Wesen, Gründe und Urteile zu bewerten und ihr Leben entsprechend diesen Bewertungen zu gestalten. Scanlon behauptet, die angemessene Reaktion auf die Anerkennung dieser besonderen Merkmale sei, vernunftbegabte Wesen nach Prinzipien zu behandeln, die sie vernünftigerweise nicht ablehnen können.[1.7]

Die Begründungskraft moralischer Urteile gründet sich auf ein Ideal der gegenseitigen Anerkennung, das die Behandlung anderer gemäß Prinzipien erfordert, die diese vernünftigerweise nicht ablehnen können. Da gegenseitige Anerkennung voraussetzt, dass auch diese anderen Menschen angemessen motiviert sind, ergibt sich daraus Scanlons Formulierung von moralischer Falschheit: „Eine Handlung ist genau dann falsch, wenn jedes Prinzip, das sie erlaubt, von Menschen, die nach Prinzipien für die allgemeine Verhaltensregelung suchen, vernünftigerweise abgelehnt werden könnte, sofern diese Prinzipien von anderen, ähnlich motivierten Menschen nicht vernünftigerweise abgelehnt werden können.“[1.8] Eine Handlung ist somit richtig, wenn ein Prinzip, das sie erlaubt, im Sinne dieser vertragstheoretischen Formulierung nicht vernünftigerweise abgelehnt werden kann.

Da wir nicht sicher sein können, wer von einem Prinzip betroffen sein wird und wie die Auswirkungen einer Handlung sein werden, müssen wir auf unsere Lebenserfahrung zurückgreifen und die „generischen Gründe“ betrachten, die Menschen aufgrund ihrer allgemeinen Lebensumstände wahrscheinlich haben werden, ein Prinzip abzulehnen.[1.9] Um zu bestimmen, ob ein Prinzip vernünftigerweise abgelehnt werden kann, müssen wir diese generischen Gründe unparteiisch gegeneinander abwägen[1.10] und unter Anwendung unseres Urteilsvermögens überlegen, welche Argumente die Gründe am meisten stützen.[1.11]

Während der Kontraktualismus lediglich den Kern der Moral erklärt, der sich mit unseren gegenseitigen Pflichten befasst, schreibt Scanlon, dass dieser Teil der Moral auf komplexe Weise mit dem umfassenderen Bereich der Moral verknüpft ist. Es besteht die Tendenz, dass die Moral unserer gegenseitigen Pflichten die Werte des umfassenderen Moralbereichs anerkennt, da Prinzipien, die diese Werte nicht berücksichtigen, vernünftigerweise abgelehnt werden können. Umgekehrt müssen diese Werte den Geboten unserer gegenseitigen Pflichten Rechnung tragen, soweit diese Beziehungen zu anderen Personen mit eigenem moralischen Status betreffen.[1.12]

Scanlon sieht sich zwar in der kantischen Tradition, legt aber dezidiert Wert auf eine wesentliche Differenz zu Kant in Hinblick auf die Moralbegründung. „Meine Darstellung der Gründe für unser Interesse an der Richtigkeit unserer Handlungen unterscheidet sich deutlich von Kant. Mein Ansatz besteht darin, diese Gründe so konkret zu beschreiben, dass deutlich wird, warum sie uns gewichtig erscheinen sollten. Während Kant die besondere Autorität moralischer Anforderungen damit zu erklären suchte, wie sie in den Bedingungen unseres rationalen Handelns begründet sind, versuche ich, die besondere Bedeutung und Autorität der Anforderungen an die Rechtfertigung gegenüber anderen zu erklären, indem ich aufzeige, wie andere Aspekte unseres Lebens und unserer Beziehungen zu anderen mit diesem Gedanken verknüpft sind. Das Ergebnis ist eine – in Kants Worten – dezidiert heteronome Auffassung von Richtig und Falsch.“[1.13] Scanlon sucht einen gemeinschaftlichen Konsens über Prinzipien, die das menschliche Verhalten im Allgemeinen regeln. Dies ähnelt der Arbeit von Charles Sanders Peirce, der die intersubjektive Übereinkunft einer Gemeinschaft von Forschern zur Grundlage für objektives wissenschaftliches Wissen machte. Hier beschreitet Scanlon einen ähnlichen Weg wie die Diskursethiker Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel.

Scanlon resümiert sein Konzept: „Moralische Argumentation ist der Versuch, Prinzipien zu entwickeln, die jeder von uns als Grundlage für Überlegungen nutzen und als Grundlage für Kritik akzeptieren könnte. Die Suche nach solchen Prinzipien ist Teil dessen, was es bedeutet, den Wert jedes Einzelnen als vernunftbegabtes Wesen anzuerkennen. Unsere Bedürfnisse nach Schutz und nach der Unterstützung anderer spielen eine Rolle bei der Entscheidung, welche Prinzipien wir vernünftigerweise ablehnen und welche wir annehmen können, und somit auch bei der Beurteilung, welche Handlungen richtig und welche falsch sind.“[1.14]

In seinen John-Locke-Vorlesungen 2009 in Oxford argumentierte Scanlon für einen „Grundlagenfundamentalismus“, d. h. einen Realismus der Gründe.[2] Dies ist „die These, dass es unreduzierbare normative Wahrheiten über Handlungsgründe gibt.“[3] Scanlon hat diese These in seinem Buch Being Realistic about Reasons weiter ausgebaut.

Werke

  • The Significance of Choice (The Tanner Lectures on Human Values, Oxford, Mai 1986) (online; PDF; 735 kB)
  • The Diversity of Objections to Inequality, Kansas, 1997
  • What We Owe to Each Other, Harvard University Press (1998) (Review von Thomas Nagel)
  • The Difficulty of Tolerance, Cambridge University Press (2003)
  • Political Equality/Politische Gleichheit, Klartext (2005), ISBN 978-3-89861-432-0 (mit weiteren Beiträgen von Rainer Forst, Herlinde Pauer-Studer, Gesine Schwan u. a. hrsg. von Julian Nida-Rümelin und Wolfgang Thierse)
  • Moral Dimensions: Permissibility, Meaning, Blame, Harvard University Press (2008) (Review von Kevin Vallier, Value Inquiry (2010) 44:561–565)
  • Being Realistic About Reasons, Oxford University Press (2014)

Literatur

  • Matt Matravers (Hrsg.): Scanlon and Contractualism, Frank Cass (Psychology Press), Portland 2003, ISBN 978-0-7146-5573-4
  • Jay Wallace, Rahul Kumar, Samuel Freeman (Hrsg.): Reasons and Recognition: Essays on the Philosophy of T.M. Scanlon, Oxford University Press, New York 2011, ISBN 978-0-19-975367-3
  • Tim Henning: Moralischer Partikularismus und die moralischen Grundsätze Kants und Scanlons, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, 69 (2015), S. 84–90
  • Christian Kietzmann: Being Realistic About Reasons by T. M. Scanlon, Rezension in: Zeitschrift für philosophische Forschung, 69, (2015), S. 108–111

Einzelnachweise

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