Ta'wīl

eine Form der Interpretation des Koran From Wikipedia, the free encyclopedia

Ta'wīl (arabisch تأويل, DMG taʾwīl ‚Interpretation, Auslegung, Erklärung‘) ist im Islam eine Form der Deutung von Texten und Sachverhalten, die unterschiedlich definiert wird. Das Wort kommt schon im Koran vor und bezeichnet dort die Deutung von Geschichten, Träumen und Handlungen, aber auch des Korans selbst. Sunnitische Gelehrte benutzten das Wort häufig als allgemeine Bezeichnung für die Koranexegese und damit als Synonym für Tafsīr. Ab dem 8. Jahrhundert begannen aber schon einige Gelehrte, Tafsīr und Ta'wīl voneinander zu unterscheiden und Ta'wīl als Bezeichnung für die allegorische Auslegung von Texten zu verwenden. Bei verschiedenen schiitischen Gruppen bezeichnet es das esoterische Wissen über den verborgenen Sinn des Korans und der rituellen Pflichten, in dessen Besitz allein der Imam und seine Anhänger sind. Ta'wīl wurde dabei häufig dem Begriff tanzīl gegenübergestellt, der die koranische Offenbarung beschreibt, die in ihrer Rohform unverständlich ist und der Deutung durch den Imam bedarf.

Eine besonders große Bedeutung hatte der Ta'wīl in der ismailitischen Daʿwa im 10. und frühen 11. Jahrhundert. Diejenigen, die sich der Daʿwa anschlossen, wurden schrittweise in den Ta'wīl eingeweiht, und verschiedene ismailitische Missionare verfassten Bücher über den Ta'wīl koranischer Geschichten sowie der rituellen Pflichten. Die meisten Sinnbilder werden beim ismailitischen Ta'wīl auf die Ränge der Daʿwa-Hierarchie, auf das esoterische Wissen, auf die überirdischen Hypostasen und den Ta'wīl selbst bezogen. Insofern hat der ismailitische Ta'wīl zum großen Teil einen selbstreferentiellen Charakter.

Wortherkunft und Wortfeld

Taʾwīl ist das Verbalsubstantiv zum zweiten Stamm auwala der dreiradikaligen Wortwurzel a-w-l „zurückkehren, zurückgehen, zurückgeführt werden“.[1] Der arabische Philologe Abū Dschaʿfar an-Nahhās (gest. 945) erklärte das Wort folgendermaßen: „Taʾwīl kommt von der Aussage: āla al-amr ilā kaḏā, d.h. ‚die Sache führte zu dem und dem‘, und auwaltuhū taʾwīlan, d.h. ‚ich habe es werden lassen‘.“[2]

Der Begriff ist auch mit dem Wort auwal („erster“) verwandt. Insofern hat taʾwīl auch kausative Bedeutung im Sinne von „etwas in seinen ersten oder ursprünglichen Zustand zurückversetzen“.[3] Eine bekannte Definition lautete: At-taʾwīl radd aš-šaiʾ ilā auwalihī („Ta'wīl ist die Rückführung der Sache zu ihrem Ursprung“).[4]

Asch-Scharīf al-Dschurdschānī (gest. 1413) meinte dagegen, dass Taʾwīl vom Ursprung her so viel bedeute wie Tardschīh.[5] Und az-Zarkaschī (gest. 1392) erwähnt die Auffassung, dass der Ursprung des Wortes bei dem arabischen Wort iyāla (siehe Eyâlet) liege, das „Regierung“ (siyāsa) bedeutet, weil derjenige, der bei einer Rede Ta'wīl übe, sie gewissermaßen ordne und der Bedeutung ihren richtigen Platz zuweise.[6]

Vorkommen im Koran

Das Wort kommt 17 Mal im Koran vor. In der koranischen Josefsgeschichte bezeichnet es die Deutung von Geschichten (Sure 12:6, 21, 101) und Träumen (Sure 12:36, 37, 44, 45, 100), in der Geschichte über Mose und den mit al-Chidr identifizierten Gottesknecht die Deutung scheinbar absurder Handlungen (Sure 18: 78, 82). In Sure 4:59 und 17:35 bezeichnet das Wort hingegen den guten Ausgang einer Sache und ist daher gleichbedeutend mit maʾāl.[1] In Sure 7:53, einem Vers, in dem das Wort zwei Mal vorkommt, bezeichnet es entweder die Ausdeutung des Korans oder den Ausgang einer Sache (siehe die Übersetzung bei Rudi Paret). In Sure 10:39 ist die Bedeutung unsicher.[1]

Für das Verständnis von Ta'wīl als Koraninterpretation war die Auslegung des Koranverses Sure 3:7 sehr wichtig, in dem das Wort zwei Mal vorkommt. Es wird hier zwischen eindeutigen (muḥkam) und mehrdeutigen (mutašābih) Versen unterschieden und ausgesagt, dass diejenigen, in deren Herzen Verirrung (zaiġ) ist, dem folgen, was mehrdeutig ist, im Verlangen nach Zwietracht (fitna) und im Verlangen nach Ta'wīl. Den Ta'wīl kenne jedoch nur Gott (wa-mā yaʿlamu taʾwīlahū illā Llāhu). Auf diesen Passus folgt eine Rezitationspause.[7] Unterlässt man jedoch diese Rezitationspause, so ist es grammatikalisch auch möglich, die daran anschließende Phrase wa-l-rāsiḫūna fī l-ʿilm („und die im Wissen fest Gegründeten“) als zweites Subjekt der vorhergehenden Phrase zu verstehen, also zu lesen: „nur Gott kennt dessen Deutung und die im Wissen fest Gegründeten“.[8]

Definitionen

Der ismailitische Gelehrte Abū Hātim ar-Rāzī (gest. 934) erklärt in seinem Kitāb az-Zīna, das sich mit der Etymologie islamischer Begriffe befasst, dass die Menschen hinsichtlich der Bedeutung von taʾwīl uneins seien. Die einen verträten die Ansicht, es sei identisch mit tafsīr, während andere behaupteten, es unterscheide sich von diesem.[9]

Ta'wīl als allgemeiner Begriff für Koranauslegung

Die Begriffe tafsīr und taʾwīl wurden anfangs häufig synonym verwendet. Der Philologe Ibn al-Aʿrābī (gest. ca. 845–6) wird mit der Aussage zitiert, dass taʾwīl, tafsīr und maʿnā praktisch ein und dasselbe seien, nämlich die Kenntnis der Tatsachen (maʿrifat al-ḥaqāʾiq), also von Substanz (ʿain), Wirklichkeit (ḥaqīqa) und Resultat (ʿāqiba).[9] Sowohl at-Tabarī (gest. 923) als auch al-Māturīdī (gest. 944) verwenden das Wort taʾwīl im Titel ihrer Korankommentare: Ǧāmiʿ al-bayān ʿan [wuǧūh] taʾwīl āy al-Qurʾān und Taʾwīlāt al-qurʾān. Die Begriffe taʾwīl und ahl al-taʾwīl werden – das stellte schon Ibn Taimīya fest – in at-Tabarīs Kommentar häufiger als allgemeine Bezeichnungen für Koranexegese bzw. Koranexegeten verwendet. In diesem Sinne verwendete ihn auch der frühe Koranexeget Mudschāhid ibn Dschabr (gest. 722).[10]

An-Nasāʾī (gest. 915) widmet in seinen Sunan, deren Hauptaugenmerk auf dem islamischen Recht liegt und die kein eigenes Buch zur Koranexegese enthalten, sehr oft ganze Kapitel der Erläuterung eines koranischen Verses zum betreffenden Thema, wobei diese Kapitel den Titel taʾwīl qaul Allāh („Erklärung des Gottesworts“) tragen. Noch viel später werden die Kommentare von al-Baidāwī (gest. 1319) und al-Chāzin (gest. 1341) auch als Anwār at-tanzīl wa-asrār at-taʾwīl („Die Lichter der Herabsendung und die Geheimnisse der Auslegung“) bzw. Lubāb al-taʾwīl fī maʿānī al-tanzīl („Die Quintessenz der Auslegung der Bedeutungen der Herabsendung“) genannt.[11]

Abgrenzungen gegenüber dem Tafsīr

Ab dem 8. Jahrhundert begannen aber schon einige Gelehrte, Tafsīr und Taʾwīl voneinander zu unterscheiden. Muqātil ibn Sulaimān (gest. 767) berief sich auf eine Überlieferung, wonach es beim Koran vier Aspekte (auǧuh) gibt: 1. den Tafsīr, 2. die arabische Sprache, 3. das Erlaubte und Verbotene und 4. den Ta'wīl. Nach dem Wesen des Ta'wīl befragt, antwortete Muqātil: „Das, was sein wird (mā huwa kāʾin)“.[12] Der kufische Exeget al-Husain ibn al-Fadl al-Badschalī (gest. 895/96) wird mit der Aussage zitiert, dass Ta'wīl die Wendung eines Verses hin zu einer Bedeutung sei, die der Begriff impliziere, in Übereinstimmung mit dem, was vor und hinter dem Vers stehe.[13]

Abū Hātim ar-Rāzī führt aus, dass diejenigen, die behaupten, Ta'wīl und Tafsīr seien unterschiedliche Dinge, meinten, Tafsīr sei das, was die Allgemeinheit von den Exegeten (mufassirūn) überliefere, während Ta'wīl auf die verborgenen, subtilen Bedeutungen (maʿānī ġāmiḍa laṭīfa) abziele, die nur den herausragenden Gelehrten (al-ʿulamāʾ al-mutqinūn) bekannt seien.[9] Er veranschaulicht den Unterschied zwischen Tafsīr und Taʾwīl folgendermaßen: Ein Nichtaraber hat einen Traum und sucht einen arabischen Traumdeuter (muʿabbir) auf. Da die beiden keine gemeinsame Sprache haben, muss ein Übersetzer (mutarǧim) den Traum des Mannes zunächst für den Traumdeuter übersetzen. Das, was dann der Übersetzer sage, sei der Tafsīr und das, was der Traumdeuter sage, der Ta'wīl des Traums.[14]

Asch-Schahrastānī (gest. 1153) äußerte, dass Tafsīr eine allgemeinere Bedeutung als Ta'wīl habe; zwar sei jeder Ta'wīl Tafsīr, aber umgekehrt nicht jeder Tafsīr Ta'wīl. Tafsīr bedeute beim Koran die Erklärung der unverständlichen Begriffe (alfāẓ), Ta'wīl hingegen die Erklärung der rätselhaften Bedeutungen (maʿānī). Man habe auch gesagt, dass der Begriff des Tafsīr für die Erläuterung der Bedeutungen des Korans, der Hadithe und der Dichtung verwendet werde, während der Begriff des Ta'wīl für das verwendet werde, was mit der Religion zusammenhänge. Deswegen seien die verschiedenen Ta'wīl-Interpretationen zur Grundlage der verschiedenen Lehrrichtungen geworden. Das sei beim Tafsīr nicht so. Man habe auch gesagt, dass der Ta'wīl von dem Erkennen des Verstands (dirāyat al-ʿilm) abhänge. Eine andere Erklärung für Ta'wīl sei, dass es die Suche nach der Intention des Begriffs sei und nach dem, worauf seine Bedeutung hinauslaufe.[13]

Asch-Schahrastānī, der selbst für seine ismailitischen Neigungen bekannt ist, zitiert „einen der großen Imame“ (baʿḍ kibār al-aʾimma) mit der Aussage, dass der Ta'wīl die Rückführung einer Sache zu ihrem Anfang sei.[15] Die Sicht des Anfangenden sei der äußere Sinn (ẓāhir) und der Tafsīr, die Sicht des Urteils des Vollendeten dagegen der verborgene Sinn (bāṭin) und der Ta'wīl.[16]

Nach dem sufischen Gelehrten ʿUmar as-Suhrawardī (gest. 1234), der in seinem Werk ʿAwārif al-maʿārif Tafsīr und Ta'wīl gegenüberstellte, stützt sich ersterer auf die Überlieferung (naql), während letzterer, der sich auf den Verstand (ʿaql) stützt, darin besteht, dass man die Bedeutung, die der Koranvers denkbar impliziert, erwähnt, ohne dies apodiktisch zu behaupten (ḏikr mā taḥtamiluhū l-āya min ġair al-qaṭʿ bi-ḏālik).[17]

Ta'wīl als allegorische Auslegung

Der ismailitische Missionar Abū Yaʿqūb as-Sidschistānī (gest. 975) meinte, dass Ta'wīl die allegorische Deutung von Begriffen notwendig mache. Dies machte er daran fest, dass die wahre Bedeutung von Begriffen manchmal nur dann erfasst würde, wenn man von dem abgehe, was die Araber darunter verstehen.[18] Ein solches Abgehen von der eigentlichen Bedeutung zu einer übertragenen Bedeutung (ṣarf aš-šaiʾ ilā ġairihī iḏā istawā maʿnayān) finde sich häufig in der Rede des Gottesgesandten und der Araber, so wenn er Phiolen als Metapher für Frauen verwende, weil sie genau so schnell zerbrächen, wie sich Frauen täuschen ließen.[19]

Später übernahmen auch sunnitische Gelehrte dieses Verständnis von Ta'wīl. Ibn Taimīya (gest. 1329) erklärt, dass im Sprachgebrauch der späteren Fiqh-, Kalām- und Hadith-Gelehrten und der Sufis Ta'wīl „das Abwenden eines Ausdrucks weg von der wahrscheinlichen Bedeutung hin zu der unwahrscheinlicheren Bedeutung aufgrund eines mit ihm verknüpften Hinweises“ (ṣarf al-lafẓ ʿan al-maʿnā r-rāǧiḥ ilā l-maʿnā l-marǧūḥ li-dalīl yaqtarinu bihī)[20] sei.[21] Der ägyptische Rechtsgelehrte az-Zarkaschī (gest. 1392) erklärte die terminologische Bedeutung von Ta'wīl, wie folgt:

„Es bedeutet, die Rede von ihrer offensichtlichen Bedeutung zu einer Bedeutung umzuleiten, die sie denkbar impliziert. Wenn dies durch einen Beweis gestützt wird, ist er (sc. der Ta'wīl) korrekt, und was an sich unwahrscheinlich ist, wird durch den Beweis wahrscheinlich. Wenn es nur für einen Beweis gehalten wird, ist er (sc. der Taʾwīl) fehlerhaft (fāsid). Ohne Beweis ist es dagegen reine Spielerei, kein Ta'wīl.“

az-Zarkaschī[22]

Asch-Scharīf al-Dschurdschānī übernahm diese Erklärung in seiner religionsrechtlichen Definition des Begriffs, beschränkte sie jedoch auf Koranverse und knüpfte sie an bestimmte Voraussetzungen: „Es ist die Wegwendung des Koranverses von seiner offensichtlichen Bedeutung hin zu einer Bedeutung, die er denkbar impliziert, wenn diese vermutetete Bedeutung, die er (sc. der Exeget) für gut befindet, mit Koran und Sunna übereinstimmt.“ Wenn man zum Beispiel die Aussage „Er bringt das Lebendige aus dem Toten hervor“ in Sure 30:19 als Hervorbringen des Vogels aus dem Ei auslege, sei es Tafsīr, wenn man es dagegen als das Hervorbringen des Gläubigen aus dem Ungläubigen oder des Wissenden aus dem Unwissenden interpretiere, sei es Ta'wīl.[5]

Die Muʿtaziliten behandelten die anthropomorphistischen Beschreibungen Gottes im Koran mit dieser Form des Ta'wīl, um ihr Bild von Gott als einem ewigen, transzendenten Wesen aufrechterhalten zu können.[23] Hanbalitische Gelehrte wie Ibn Qudāma al-Maqdisī (gest. 1223) hielten jedoch ein solches Abgehen vom Wortsinn bei den koranischen Beschreibungen Gottes nicht für zulässig, weil sie die koranische Aussage in Sure 3:7, in der das Streben nach Ta'wīl als Kennzeichen der Verirrung (zaiġ) im Herzen beschrieben wird, als Verbot des Ta'wīl interpretierten. Sie hielten Ta'wīl in diesen Fällen auch für eine Bidʿa und überflüssige Bemühung, die unter das Verbot des Ra'y fällt.[24]

Wer hat die Kenntnis des Ta'wīl?

Aus dem in Sure 3:7 stehenden Ausdruck wa-mā yaʿlamu taʾwīlahū illā Llāhu („nur Gott kennt seine Deutung“) schlossen viele Gelehrte, dass der Ta'wīl nur Gott zugänglich ist.[25] In der von Muqātil ibn Sulaimān (gest. 767) zitierten Überlieferung über die vier Aspekte (auǧuh) des Korans heißt es zum Beispiel, dass den Tafsīr die Gelehrten kennen, die arabische Sprache die Araber kennen, das Erlaubte und Verbotene die Menschen kennen und den Taʾwīl nur Gott kenne.[12]

Allerdings ist es grammatikalisch auch möglich, die an wa-mā yaʿlamu taʾwīlahū illā Llāhu anschließende Phrase wa-l-rāsiḫūna fī l-ʿilm („und die im Wissen fest Gegründeten“) als zweites Subjekt zu verstehen, also zu lesen: „nur Gott kennt dessen Deutung und die im Wissen fest Gegründeten“.[26] Auf diese Interpretation stützten sich zum Beispiel die Ichwān as-Safā'. Sie klassifizierten in ihren Sendschreiben die Menschen in aufsteigender Reihenfolge in die folgenden acht Kategorien: (1) die Qurrā', die das religiöse Gesetz (nāmūs) rezitieren und memorieren und damit aufbewahren; (2) die Überlieferer der biographischen Nachrichten und Hadithe über den Herrn des Gesetzes; (3) die Fuqahā' und ʿUlamā', die Experten für die Normen des Gesetzes bzw. für seine Sunna-Regeln sind; (4) die Mufassirūn, die den äußeren Sinn der Begriffe seiner Offenbarung erklären, (5) die Ansār und Mudschāhidūn, die die Grenzen der Länder der Anhänger des Gesetzes verteidigen; (6) die Kalifen, die dem Herrn des Gesetzes nachgefolgt sind und durch das Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen die Scharia bewahren; (7) die Asketen und frommen Diener in den Moscheen (zuhhād wa-l-ʿubbād fī l-masāǧid); und schließlich (8) die Kenner des Ta'wīl der Offenbarung, „die im Wissen fest gegründet sind“ und „die verborgenen Geheimnisse des Gesetzes kennen“. Sie seien die Imame und rechtgeleiteten Kalifen, die nach der Wahrheit urteilen und handeln.[27] Nach einer von Muhammad ibn Saʿd verzeichneten Tradition bat der Prophet in einem Gebet Gott, Ibn ʿAbbās Kenntnisse des Taʾwīl zu verleihen: „O Gott, gib' ihm Verständnis in der Religion und lehre ihn die Auslegung (taʾwīl).“[28]

Bei den Ismailiten gilt dagegen der Vermächtnisnehmer (waṣī) des Sprecher-Propheten (nāṭiq) als Inhaber des Wissens vom Ta'wīl.[29] Von ihm erhalten es die Imame. Der Ta'wīl galt als ein esoterisches Wissen, das nur unter besonderen Voraussetzungen weitergegeben werden durfte. Der ismailitische Missionar Dschaʿfar ibn Mansūr al-Yaman schreibt in seinem Werk Sarāʾir wa-asrār an-nuṭaqāʾ, einer Deutung der Prophetengeschichten:

„Die Imame müssen das, was sie an Wissen über den verborgenen Sinn (bāṭin) und den Ta'wīl haben, vor den mächtigen Pharaonen des äußeren Sinns (ẓāhir) verbergen. Sie haben ihre gläubigen Freunde und diejenigen, die ihnen gehorsam sind, nur nach und nach heimlich unter Taqīya und nach geschlossenen Eiden damit versorgt.“

Sarāʾir wa-asrār an-nuṭaqāʾ[30]

In den ismailitischen Quellen wird der allmähliche Erwerb des Ta'wīl durch den Gläubigen als „Erziehung“ (tarbiya) bezeichnet. Diese Vorstellung, im Wissen „erzogen“ zu werden, ist eine von vielen Lebenszyklusmetaphern, die im Ta'wīl vorkommen.[31] Die Funktion des Ta'wīl in der frühen Ismāʿīlīya bestand darin, die Gemeinschaft durch die Annahme von Denkweisen zu binden, die sie von denen außerhalb der Bewegung abgrenzten. David Hollenberg vermutet, dass die fatimidischen Missionare damit gegen andere Schiiten polemisierten, insbesondere gegen abtrünnige Ismailiten, die sich weigerten, die fatimidischen Imame als legitim anzuerkennen.[32]

Außerhalb der ismailitischen Schia galt Ta'wīl als ein Wissen, das allen Menschen offen steht. Muqātil ibn Sulaimān zitiert ʿAbdallāh ibn ʿAbbās mit den Worten: taʿallamū t-taʾwīl qabla an yaǧīʾa aqwām yataʾauwalūnahu ʿalā ġair taʾwīlihi „Lernt die Auslegung, bevor andere Leute kommen und ihn falsch auslegen.“[33] Muqatil selbst sagt: „Wer den Koran rezitiert, ohne seine Auslegung (taʾwīl) zu kennen, ist darin (wie) ein Analphabet“ (man qaraʾa l-Qurʾān fa-lam yaʿlam taʾwīlahu fa-huwa fīhi ummī).[12]

Tanzīl und Ta'wīl als Gegenbegriffe bei verschiedenen schiitischen Gruppen

In verschiedenen schiitischen Gruppen wird Ta'wīl dem Begriff tanzīl („Herabsendung, Offenbarung“) gegenübergestellt. So lehrten zum Beispiel die Anhänger der Hāschimīya, einer Untergruppe der Kaisānīya, dass jedes Äußere (ẓāhir) ein Inneres (bāṭin) habe, jede Person einen Geist besitze und jede Offenbarung (tanzīl) eine allegorische Erklärung (taʾwīl) habe. Muhammad ibn al-Hanafīya habe seinem Sohn Abū Hāschim die Bedeutung der Offenbarung nach dieser allegorischen Erklärung enthüllt, nachdem er sie selbst von ʿAlī ibn Abī Tālib erhalten habe.[34] Der Sektengründer Abū Mansūr al-ʿIdschlī, der den Ghulāt zugerechnet wird und für sich in Anspruch nahm, dass er vom Erzengel Gabriel die Eingebung (waḥy) erhalte, behauptete, dass Gott Mohammed mit der Offenbarung (tanzīl) und ihn selbst mit der Deutung (taʾwīl) entsandt habe.[35]

Nach asch-Schahrastānī überlieferten Nusairier und Ishāqiten, dass Mohammed gesagt habe: „Unter euch ist einer, der gemäß seiner allegorischen Deutung (taʾwīl) kämpft, wie ich gemäß seiner Offenbarung (tanzīl) gekämpft habe. Er macht den Schuh fertig.“ Daraus schlossen sie, dass ʿAlī einen Anteil an der prophetischen Sendung hatte. Das Wissen um die allegorische Deutung betrachteten sie als einen der klarsten Beweise dafür, dass in ihm ein göttlicher Teil und eine vom Herrn stammende Kraft gewesen sei und er derjenige sei, in dessen Gestalt Gott erschienen sei.[36]

Die Gegenüberstellung von Tanzīl und Ta'wīl war besonders bei den Ismailiten geläufig. Nach dem ismailitischen Missionar Nāsir-i Chusrau sind es die Nachkommen des Propheten, also die Imame, die auf Befehl Gottes den Menschen ihres Zeitalters den Koran erklären und auf diese Weise den Tanzīl in Ta'wīl überführen.[37]

Die Vorstellung, dass die Offenbarung (tanzīl) etwas ist, das der Deutung in Form des Ta'wīl bedarf, leitete der ismailitische Missionar Abū Yaʿqūb as-Sidschistānī (gest. 975) aus der Aussage in Sure 10:39 ab: „Sie haben das, was sie vollständig nicht begreifen, Lüge genannt, obwohl doch dessen Ta'wīl noch nicht zu ihnen kam. Genauso leugneten die Früheren.“ Er meinte, dass damit die „Leute des äußeren Sinns“ (ahl aẓ-ẓāhir) getadelt würden: Wer kein Wissen um den Ta'wīl habe, erkläre die Offenbarung schnell für Lüge. Dies geschehe insbesondere dann, wenn die Offenbarung doppeldeutige Ausdrücke (alfāẓ mutašābiha) enthalte. Die Nafs beruhige sich bei ihnen erst, wenn sie einem Ta'wīl unterzogen würden.[18] Dies verdeutlicht as-Sidschistānī an der Aussage in Sure 27:82: „Und wenn dann der Spruch über sie ergeht, holen wir ihnen ein Tier heraus aus der Erde, das zu ihnen spricht.“ Es gebe Nachrichten über dieses Tier, die sich aber nicht mit seiner Bedeutung befassten. Wenn man hier Erde so verstehe, wie es die Araber tun, komme die Nafs dabei nicht zur Ruhe. Dies geschehe erst, wenn man das Wort „Erde“ (arḍ) als Wissen deute. Dann ergebe sich für den Vers der folgende Sinn: „{Und wenn dann der Spruch über sie ergeht}, d.h. wenn der Umma der Beweis obliegt und sie erkennen, dass das, woran sie glaubten, alles nichtig war, {holen wir ihnen ein Tier heraus aus der Erde}, d.h. lässt Gott einen Anführer im Wissen zu ihnen heraustreten, {das zu ihnen spricht}, d.h. der sie herausführt aus dem Irrtum zur Rechtleitung und vom Zweifel zur Gewissheit.“[29]

As-Sidschistānī verglich die Beziehung zwischen Tanzīl und Ta'wīl mit der zwischen Rohmaterial und seinen Verarbeitungen:

„Der Tanzil ähnelt den Rohstoffen (al-ašyāʾ aṭ-ṭabīʿīya), während der Ta'wil den gefertigten Gütern (al-ašyāʾ aṣ-ṣināʿīya) gleicht, die durch die Bearbeitung der Rohstoffe entstehen, damit ihr Wert zutage tritt und der von ihnen erwünschte Nutzen erlangt wird. Die verschiedenen Holzarten, die die Natur hervorbringt, sind nur Brennstoff und haben keinen anderen Wert und Nutzen, solange kein Handwerker sie bearbeitet hat. Sobald sie aber durch Bearbeitung zu Türen, Bettgestellen, Truhen, Minbaren, Stühlen, Pfeilen, Lanzen und Kuppeln geworden sind, treten ihr Wert und Nutzen zutage. Die handwerkliche Bearbeitung des Holzes bringt alles an seinen richtigen Platz. [… As-Siǧistānī erklärt, dass dasselbe für andere Rohstoffe wie Eisen, Wolle, Gold, Silber, Blei und Kupfer gelte] So verhält es sich auch mit dem Tanzīl: Er besteht nur aus Dingen, die in Worte gefasst sind, und beschränkten Begriffen. Unter ihnen liegen jedoch wertvolle Bedeutungen vergraben. Derjenige, der den Ta'wīl praktiziert, bringt alles an seinen richtigen Platz und extrahiert die beabsichtigte Bedeutung aus jedem Wort. Dies ist der Unterschied zwischen Tanzīl und Ta'wīl.“

Abū Yaʿqūb as-Sidschistānī[38]

Nasīr ad-Dīn at-Tūsī (gest. 1274) verglich das Verhältnis zwischen Tanzīl und Ta'wīl mit dem zwischen einem Traum und seiner Deutung. Er meinte allerdings, dass die Distanz zwischen Tanzīl und Ta'wīl unterschiedlich groß sei. So könne man im Koran Aussagen finden, bei denen Tanzīl und Ta'wīl zusammenfielen wie „Und die Erde erstrahlt im Licht ihres Herrn“ (Sure 39:69), und andere, bei denen sie besonders weit auseinanderlägen wie „Bei denen, die keuchend laufen“ (Sure 100:1).[39] Er berichtet auch, dass die Ismailiten lehrten, dass Mose dem Tanzīl entspreche, Jesus dem Ta'wīl und Mohammed sie beide miteinander verbinde.[40]

Ta'wīl bei den Ismailiten

Ismailitische Quellen beschreiben Ta'wīl als ein interpretatives Mittel, um die verborgenen Wahrheiten hinter den vergänglichen Aspekten der äußeren Welt für die Gläubigen zu enthüllen. Das eigentliche Ziel des Ta'wīl bestand nicht darin, eine Quelle zu erläutern, sondern darin, ihr Publikum spirituell zu transformieren.[41] Unter Verwendung von Ta'wīl behaupteten ismailitische Missionare, geheime, verborgene Wahrheiten hinter dem äußeren Sinn des Korans zu entschlüsseln. Ta'wīl war das Mittel, durch das das Heilswissen verbreitet wurde. Die Gläubigen wurden dadurch an die Daʿwa gebunden, indem sie in einer völlig neuen Art des Lesens und Interpretierens geschult wurden. Die Missionare arbeiteten zu Beginn der ismailitischen Bewegung im späten neunten Jahrhundert in kleinen, geheimen Gruppen und nutzten Ta'wīl, um die Mission unter den halbanalphabetischen Bevölkerungsgruppen in landwirtschaftlichen Regionen wie dem jemenitischen Hochland, der Kaspischen Region im Nordwesten Irans, den gebirgigen Berbergebieten in Nordafrika und dem landwirtschaftlichen Gebiet von Kufa zu verbreiten.[42]

Interpretationsgegenstände

Obwohl der Koran der wichtigste Gegenstand der Ta'wīl war, interpretierten die ismailitischen Missionare auch Passagen der Tora und der Evangelien, manchmal auf Hebräisch und Syrisch.[43] Indem die Missionare Ta'wīl israelitischen Materials anboten, das Nicht-Ismailiten nicht zugänglich war, vermittelten sie den Gläubigen das Gefühl, dass Geheimnisse enthüllt würden.[44] Die Anweisung in Exodus 21:2, dass ein Sklave im siebten Jahr freizulassen ist, wird zum Beispiel als Hinweis darauf gedeutet, dass der siebte in der Reihe der sieben Imame der nachfolgende Prophet ist, der alle früheren Religionsgesetze aufhebt.[45]

Der Tora-Begriff wurde bei dieser Art von Ta'wīl allerdings über die Texte hinaus auf jüdische Praktiken, Symbole, Rituale und Institutionen ausgedehnt.[46] Dementsprechend ist der Ta'wīl der vorislamischen Schriften häufig mit der ethnographischen Interpretation der Praktiken von Juden und Christen vermischt. Ein Ta'wīl bietet zum Beispiel eine ethnographische Beschreibung des jüdischen Pessachfestes.[47]

Der Ta'wīl wurde daneben auf die sieben Hauptpflichten der Scharia angewandt. So erklärt Nasīr ad-Dīn at-Tūsī (gest. 1274), dass die Vertreter des Ta'wīl der Ismailiten ihnen jeweils einen anderen Sinn gaben:

  1. Tahāra bedeute, sich von vergangenen religiösen Riten zu lösen,
  2. Schahāda bedeute, Gott als Gott anzuerkennen, das Gebet bedeute, ständig von der Gotteserkenntnis zu sprechen,
  3. Fasten bedeute, Taqīya zu praktizieren, d. h. esoterische Bedeutungen des Korans nicht denen zu offenbaren, die sie nicht verstehen können.
  4. Zakāt bedeute, anderen das weiterzugeben, was Gott uns gegeben hat,
  5. Haddsch bedeute das Loslassen der Bindung an diese materielle Welt, um nach der ewigen Welt zu streben,
  6. Dschihad bedeute, sein Ich im Wesen Gottes aufzulösen.[48]

Ismailitische Ta'wīl-Literatur

Der fatimidische Jurist und Ideologe al-Qādī an-Nuʿmān (gest. 974) lieferte in seinem Werk Taʾwīl ad-daʿāʾim eine allegorische Auslegung der sieben Glaubenspfeiler (daʿāʾim) Walāya, Tahāra, Salāt, Zakāt, Saum, Haddsch und Dschihad. Sie stehen bei ihm für die sieben Sprecher-Propheten Adam, Noah, Abraham, Mose, Jesus, Mohammed und al-Qā'im.[49] Hier gibt er auch für die verschiedenen Feste des Islams esoterische Bedeutungen an: das Freitagsgebet ist die Daʿwa Mohammeds, die zugleich der Ruf zu den verborgenen Imamen ist; das Fasten im Ramadan ist die Verborgenheit des Imams; das Fest des Fastenbrechens ist das Hervortreten des Mahdi und die Offenbarung der verborgenen Mission, und das Opferfest weist auf den Imam als Qāʾim („Auftretenden“) hin. Die Feste und rituellen Handlungen symbolisierten also alle den Imam selbst.[50] Das Werk wurde zum ersten Mal 1967 bis 1972 in drei Bänden von Muhammad Hasan al-Aʿẓamī in Kairo herausgegeben.

In seinem Werk Asās at-taʾwīl („Die Grundlagen des Ta'wīl“) präsentiert al-Qādī al-Nuʿmān den Ta'wīl der Geschichten der sieben Sprecher-Propheten (nuṭaqāʾ, sing. nāṭiq).[51] Dabei liefert er jeweils zunächst den allgemein akzeptierten traditionellen Bericht und anschließend die wahre, verborgene Geschichte.[52] Am Anfang des Werks begründet er die Notwendigkeit des Ta'wīl mit Belegen aus dem Koran und der Sunna.[53] Er verweist hier außerdem auf ein anderes Werk mit dem Titel Ḥudūd al-maʿrifa, in dem er die Prinzipien des Ta'wīl ausführlicher behandelt habe.[54] Nach Angabe von ʿĀrif Tāmir befinden sich mehrere Handschriften dieses Werks in Masyaf.[55]

Der Autor, dem der meiste ismailitische Ta'wīl zugeschrieben wurde, war Dschaʿfar ibn Mansūr al-Yaman (um 1000),[56] der Sohn des ismailitischen Missionars Ibn Hauschab. In seinem Werk al-Farāʾiḍ wa-ḥudūd ad-dīn liefert er Taʾwīl-Deutungen der Suren 12, 18 und 24. Taʾwīl az-zakāt, eine Ta'wīl-Deutung von Versen und islamischen Ritualen wie Salāt und Zakāt, verfasste er wahrscheinlich während der Zeit des Kalifen al-Muʿizz (reg. 953–975).[57] Das Kitāb ar-Riḍāʿ fī l-bāṭin („Buch des Stillens im verborgenen Sinn“) ist ein Ta'wīl der Salāt, des Fastens, des Haddsch und der in Sure 22:47 beschriebenen Lailat al-Qadr.[58]

Das Kitāb Risālat taʾwīl al-ḥurūf al-muʿǧama, eine Ausdeutung der Buchstaben des Alphabets, vereint Elemente der frühen Ismāʿīlīya, wie die Heptaden von Buchstabenzyklen und die Fokussierung auf den Mahdi, mit für die Nusairier typischen Topoi, wie den Bezug auf ism und maʿnā sowie den Bezug auf Muhammad ibn Sinān, eine für Ghulūw bekannte und in nusairischen Quellen erwähnte Figur.[59]

Der überwiegende Teil der Ta'wīl-Literatur wurde im ersten Jahrhundert nach der Entstehung der Ismāʿīlīya von einer sektiererischen soziopolitischen Bewegung hervorgebracht. Sie hat Ähnlichkeiten mit dem Pescher-Genre der Gemeinschaften in Qumran, das ebenfalls einen esoterischen, sektiererischen Charakter hatte und dessen Symbolwelt sich dramatisch von derjenigen außerhalb der Bewegung unterschied.[60] Die einzelnen Ta'wīl-Werke wurden ursprünglich von Missionaren für Missionare verfasst.[61] Sie wurden aber von den späteren ismailitischen Gemeinden kopiert und gelesen. Auf diese Weise sind diese Quellen erhalten geblieben.[62]

Es gibt allerdings auch spätere ismailitische Ta'wīl-Werke wie der erstmals von Rudolf Strothmann nach einer Handschrift in der Biblioteca Ambrosiana herausgegebene Korankommentar Mizāǧ at-taṣnīm von Ḍiyā' ad-Dīn Ismāʿīl ibn Hibatallāh as-Sulaimānī (gest. 1770).[63] Er wurde erneut 2019 von Husām Chaddūr in Salamiyya herausgegeben, enthält den Ta'wīl der Suren des Korans und wird in Form von Sitzungen (maǧālis) gegliedert. Den Abschnitten zu den einzelnen Suren ist jeweils das Wort ḥaqāʾiq („Wahrheiten“) vorangestellt, so z. B. Ḥaqāʾiq Sūrat an-Naml („Die Wahrheiten der Sure an-Naml“).[64]

Ta'wīl-Symbole

Weitere Informationen Sinnbild (maṯal), versinnbildlicht (mamṯūl) ...
Typische Sinnbilder des ismailitischen Ta'wīl[65]
Sinnbild (maṯal)versinnbildlicht (mamṯūl)
das Buchder Imam
SakīnaImamat
KameleImame
VögelMissionare
KinderMissionarsränge
PflanzenHilfsmissionare
Neugeborenerneuer Akolyth
Fingernägel, Haut,
Tora, Koran
Islam
Meer
äußerer Sinn, Wortsinn (ẓāhir)
unter den Fingernägeln, Knochen,
Evangelium,
Īmān
verborgener Sinn (bāṭin)
WeisheitTa'wīl
Ausziehen der KleidungEnthüllung des verborgenen Sinns
BeschneidungEntdeckung des verborgenen Sinns
MilchKenntnis des verborgenen Sinns
WasserErkenntnis
Schiff, AckerlandDaʿwa
FastenbrechenKonversion zur Daʿwa
Rituelle SchlachtungAblegung der Baiʿa
Sudschūd, SonneSprecher-Prophet
siebenfacher Tawāf, sieben Tage der Wochedie sieben Sprecher-Propheten
NachtGeheimhaltung
DefäkationSchirk
Präejakulat (maḏy)Zweifel
Schließen

Nach ismailitischer Auffassung besteht der ganze Koran aus Sinnbildern (amṯāl), die der Verstand, wenn er sie entsprechend dem äußeren Sinn nach liest, nicht akzeptiert und unstimmig hält, solange er ihre Bedeutung nicht vom wahren Imam mitgeteilt bekommt. Dies ergibt sich nach Nāsir-i Chusrau aus dem Ta'wīl von Sure 4:82.[66]

Die am häufigsten verwendete Formulierung beim Ta'wīl lautet: „X ist ein Sinnbild für Y“, wobei X das äußere (ẓāhir) Zeichen ist, und Y das Versinnbildlichte (mamṯūl), die Haqīqa, also die „wahre Wirklichkeit“. Erklärungen, die auf der Parallelität von Dyaden, Triaden, Pentaden und Heptaden basieren, füllen den ismailitischen Ta'wīl.[67] Dabei wird zum Beispiel die Arche Noah als Verschlüsselung der gesamten Daʿwa, vom Sprecher-Propheten bis zum Gläubigen, interpretiert. Hierbei werden die numerischen Äquivalenten zwei, sieben und zwölf, die im Schiff und in der Da'wa vorkommen, genutzt.[68] Dieser Aspekt des Ta'wīl – die Betonung nicht nur der rechtgeleiteten Imame oder der Familie des Propheten, sondern der gesamten Daʿwa-Hierarchie – unterscheidet nach David Hollenberg die Ismāʿīlīya von anderen schiitischen Lehren.[69] Er meint, dass die Bedeutung von Dyadenfolgen im Ta'wīl – zum Beispiel „die zwei [überirdischen] Wurzeln“ (al-aṣlān), Sonne und Mond, die zwei Linien des christlichen Kreuzes, Ekliptik und Äquator der Erde, der Sprecher-Prophet und sein Nachfolger – im Sinne von Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen den Grundsatz widerspiegelt, dass numerische Übereinstimmung einen kausalen Zusammenhang impliziert.[70]

Auch das Prinzip der Hierarchie ist im ismailitischen Ta'wīl allgegenwärtig. So behauptet Dschaʿfar in seinem Taʾwīl Sūrat an-nisāʾ, dass Männer die Imame seien und Frauen die Huddschas und dass jedes Lehren männlich und jedes Lernen weiblich sei. Eine imamitische Tradition, die besagt, dass niemand außer ʿAlī und Mohammed in der Prophetenmoschee Geschlechtsverkehr haben dürfen, wird als Hinweis darauf gedeutet, dass die Missionierung nur durch die von Mohammed offenbarte Schrift und deren verborgenen Sinn, der von ʿAlī vermittelt wurde, erfolgen soll.[71]

Ein weiteres Mittel des Ta'wīl ist die Verwendung von Dissonanz, die Gegenüberstellung von Gegensätzen. Dies kann die Form eines Symbols annehmen, das an sich im Islam als verpönt gilt, wie etwa das christliche Kreuz oder die Eucharistie.[52]

Das Daʿwa-System als verborgener Sinn des Ta'wīl

Die meisten Sinnbilder werden beim Ta'wīl auf die Ränge der Daʿwa-Hierarchie, auf das esoterische Wissen, auf die überirdischen Hypostasen und den Ta'wīl selbst bezogen.[72] Die Erde zum Beispiel wird von Abū Yaʿqūb as-Sidschistānī als Sinnbild nicht nur für das Wissen, sondern auch für den Vermächtnisnehmer (waṣī) des Gottesgesandten betrachtet, der als „Fundament“ (asās) bezeichnet wird, weil „aus ihm und durch seine Kraft die wahrheitlichen Wissenschaften (ʿulūm ḥaqīqīya) in den Adepten erwachsen und durch seinen Ta'wīl die Seelen zur Ruhe kommen.“[73] Diese Deutung müsse man auch bei dem Vers „Und die Erde breiteten wir aus, und brachten festgegründete (Berge) in ihr an, und pflanzten auf ihr von jedem schönen Paar (zauǧ bahīǧ) etwas ein“ (Sure 50:7) zugrunde legen. Wenn hier „Erde“ als Allegorie für Wissen oder die Quelle des Wissens verstanden werde, realisiere sich der Ta'wīl. Die Einsetzung des „Fundaments“ und seine Verkündung des Wissens sei vergleichbar mit der Ausbreitung der Erde, während die Anbringung der Berge analog zur Einsetzung von Wissensführern zur Verbreitung des Wissens unter den Berechtigten sei. Das Einpflanzen schöner Paare bedeute das Einpflanzen der zweifachen Wissenschaften, der exoterischen und der esoterischen.[74]

Berge betrachtete Abū Yaʿqūb as-Sidschistānī als Sinnbilder für die Missionare des Huddscha-Rangs, die in den verschiedenen Diözesen (ǧazāʾir) der ismailitischen Daʿwa zum Einsatz kamen. Diese Bedeutung müsse man zum Beispiel in der Aussage „Zusammen mit David machten wir die Berge dienstbar, so dass sie lobsangen, ebenso wie die Vögel. Ja, wir taten das!“ (Sure 21:79) zugrunde legen, weil sie sonst keinen Sinn ergebe. Erst wenn man David als ein Sinnbild für den Imam verstehe und die Berge als die ihm unterstellten Missionare realisiere sich der Ta'wīl und erschließe sich der Sinn.[75]

In derselben Weise ging auch Dschaʿfar ibn Mansūr al-Yaman vor. In seinem Taʾwīl az-zakāt bezieht er den Ausdruck yafsidūn fī l-arḍ („Zwietracht auf Erden säen“) in Sure 2:27 auf diejenigen, die die Daʿwa verlassen und sich von ismailitischen Imamen abwenden.[76] In seiner Abhandlung Taʾwīl Sūrat an-nisāʾ („Interpretation der Sure an-Nisāʾ“) interpretierte Dschaʿfar den Koranvers 4:23, in dem Gott einem Mann die Heirat mit verschiedenen Verwandtschaftsklassen (Müttern, Töchtern, Schwestern und Nichten) verbietet, als Bezugnahme auf die unzulässige Weitergabe von geheimem Wissen durch ismailitische Missionare.[31] Den Vers Sure 4:11, der von den Pflichtanteilen bei der Erbschaft handelt, interpretierte Dschaʿfar als Bezugnahme auf die Hierarchie der Daʿwa.[76]

In Sarāʾir wa-asrār an-nuṭaqāʾ erzählte Dschaʿfar die Geschichten über die Propheten neu und bezog sie dabei ebenfalls auf die Daʿwa.[58] Dies zeigt sich zum Beispiel bei seiner Darstellung der Auseinandersetzung von Adam und Iblīs. Demnach war Iblīs eigentlich ein hochrangiger Dāʿī des „Herrn der Zeit“ (ṣāḥib al-waqt). Adam, der sein Zeitgenosse war, wetteiferte mit ihm in der Redekunst, und die beiden brachten ihre Sache vor den Imam der Zeit, der der König der Insel war. Als der König Adams klare Rede hörte, fand er Gefallen an ihm, nahm ihn herzlich auf und erwählte ihn. Er befahl Iblīs, Adam zu gehorchen, was Iblīs aus Stolz ablehnte. Dies begründete er damit, dass er selbst einen höheren Rang habe, weil er von geistiger Lichtnatur sei, während Adam von dunkler körperlicher Natur sei (vgl. Sure 7:11-12). Daraufhin wurde der Imam zornig auf ihn und warf ihn aus dem Paradiesgarten, das heißt er schnitt ihn von den Mitteln der Daʿwa ab. Im Paradiesgarten, das heißt der Daʿwa, ließ er nun Adam wohnen, und er befahl allen übrigen Missionaren, Adam gehorsam zu sein, und sie gehorchten, wie es in Sure 2:34 beschrieben ist.[77]

Der Ta'wīl wurde auch verwendet, um fatimidische Nachfolgeentscheidungen zu legitimieren. So erwähnt Dschaʿfar ibn Mansūr al-Yaman in seinem Werk Taʾwīl az-zakāt vier Fälle, in denen ein Imam nicht einen, sondern zwei aufeinanderfolgende Erben einsetzte: Abraham, der Isaak und Ismael einsetzte, Mose, der Aaron und Josua einsetzte, Mohammed, der Ubaiy ibn Kaʿb und ʿAlī einsetzte sowie Dschaʿfar as-Sādiq, der Ismāʿīl ibn Dschaʿfar und Muhammad ibn Ismāʿīl einsetze. Diese Fälle sollten das Recht des fatimidischen Kalifen al-Muʿizz belegen, zwei Nachfolger, nämlich ʿAbdallāh und Nizār, zu bestimmen.[78]

Kritik

Obwohl der Zugang zur Ta'wīl-Literatur auf Ismailiten beschränkt war, brachten die wenigen mittelalterlichen nicht-ismailitischen Gelehrten, die Zugang zu dieser geheimen Literatur erlangten, ihre Missbilligung darüber zum Ausdruck. Der zaiditische Imam Yahyā ibn Hamza (gest. 1348) kritisierte in seinem Buch Miškāt al-anwār al-hādima li-qawāʿid al-bāṭinīya al-ašrār („Die Nische der Lichter, die die Prinzipien der üblen Bātinīya zerstören“) die ismailitischen Ta'wīl-Interpretationen als „Phantastereien, über die jeder Vernünftige lache und jeder Gebildete die Nase rümpfe.“[79]

Stellung des Ta'wīl im islamischen System der Wissenschaften

Abū Yaʿqūb as-Sidschistānī betrachtete Ta'wīl als eine eigene Wissenschaft. Nach ihm gliedern sich die Wissenschaften in zwei großen Familien, nämlich die Wissenschaften der Philosophie (ḥikma) und die Wissenschaften des Gottesgesandtentums (risāla). Beide Familien bestehen jeweils aus drei hierarchisch geordneten Wissenschaften. Die höchste Wissenschaft im Bereich der Philosophie ist die Theologik (lāhūt), die aus der Kenntnis Gottes und der Engel besteht, die mittlere die Wissenschaft der Astrologie (tanǧīm) und der Bewegung der Himmelskörper, und die unterste die Wissenschaft der Medizin und der Handwerke. Im Bereich des Gottesgesandtentums ist der Ta'wīl die höchste Wissenschaft, und ihm folgen als mittlere und unterste Wissenschaft Kalām und Fiqh.[80]

Später erkannte auch der osmanische Gelehrte Hāddschi Chalīfa (gest. 1657) Ta'wīl den Rang einer Wissenschaft zu und widmete ihr in seinem bibliographisch-enzyklopädischen Lexikon Kašf aẓ-ẓunūn ʿan asāmī al-kutub wa-l-funūn einen eigenen Eintrag.[81]

Literatur

Arabische Quellen (in chronologischer Reihenfolge)
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Sekundärliteratur
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