Eine wahre Geschichte – The Straight Story
Filmdrama von David Lynch (1999)
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Eine wahre Geschichte – The Straight Story ist ein Roadmovie des Regisseurs David Lynch aus dem Jahr 1999, basierend auf der echten Geschichte des Rentners Alvin Straight, der die fast 400 Kilometer lange Strecke zu seinem Bruder auf einem Aufsitz-Rasenmäher zurücklegte. Das Drehbuch verfassten John E. Roach und Mary Sweeney, die auch für die Produktion und den Filmschnitt verantwortlich war. Hauptdarsteller Richard Farnsworth erhielt eine Oscar-Nominierung.
| Film | |
| Titel | Eine wahre Geschichte – The Straight Story |
|---|---|
| Originaltitel | The Straight Story |
| Produktionsland | USA |
| Originalsprache | Englisch |
| Erscheinungsjahr | 1999 |
| Länge | 108 Minuten |
| Altersfreigabe |
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| Stab | |
| Regie | David Lynch |
| Drehbuch | John E. Roach, Mary Sweeney |
| Produktion | Neal Edelstein, Mary Sweeney |
| Musik | Angelo Badalamenti |
| Kamera | Freddie Francis |
| Schnitt | Mary Sweeney |
| Besetzung | |
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| → Synchronisation | |
Handlung
Der 73-jährige Rentner Alvin Straight wohnt in Laurens in Iowa. Als er erfährt, dass sein Bruder Lyle, zu dem der Kontakt zehn Jahre zuvor nach einem Streit abgerissen ist, einen Schlaganfall erlitten hat, entschließt er sich zu einem Versöhnungsbesuch. Er hat aufgrund seiner Sehschwäche keinen Führerschein mehr, möchte die über 500 km lange Strecke nach Mount Zion in Wisconsin aber auf eigene Faust zurücklegen. Die meisten seiner Freunde im Dorf trauen Alvin das wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nicht zu. Auch seine Tochter Rose, mit der er zusammenlebt, ist zunächst skeptisch, unterstützt ihn dann aber bei den Vorbereitungen. Alvin baut einen kleinen Anhänger zum provisorischen Wohnwagen um und hängt ihn an seinen alten Aufsitzmäher.
Nach wenigen Meilen bleibt der alte Mäher liegen, beide werden nach Hause gebracht. Alvin kauft von seinem letzten Geld einen ebenfalls schon älteren Rasentraktor, dessen Motor noch gut in Schuss ist, und macht sich erneut auf den Weg.
Unterwegs hat er etliche Erlebnisse. So begegnet er einer jungen Anhalterin, die ihrer Familie weggelaufen ist, und überzeugt sie davon, dass eine Familie immer zusammenhalten müsse und sich ihre Probleme bestimmt lösen lassen. Sie hinterlässt ihm ein Zeichen, dass sie das verstanden hat. Mit jungen Radrennfahrern unterhält er sich übers Älterwerden. Später erlebt er, wie eine Autofahrerin ein Reh totfährt und ihm dann hysterisch mitteilt, dass sie auf dieser Strecke jede Woche zwei Rehe anfahre, obwohl sie Rehe liebe und vorsichtig sei. Alvin nutzt das tote Reh als Abendessen.
Im zunehmend bergigen Gelände im Bereich des Mississippi River kann Alvin sein Gespann auf einer Gefällstrecke nicht mehr bremsen und schrammt hart an einem Unfall vorbei. Er erkundigt sich nach dem Datum und erfährt, dass er bereits seit fünf Wochen unterwegs ist. Während der nötigen Reparatur übernachtet er bei einem gastlichen Ehepaar und ruft zum ersten Mal seine Tochter an, schlägt aber das Angebot aus, sich mit dem Auto die restliche Strecke fahren zu lassen. Mit einem Dorfbewohner tauscht er Kriegserfahrungen aus; Alvin hat im Krieg als Scharfschütze versehentlich einen Kameraden erschossen und noch mit niemandem darüber gesprochen.

Als er in Wyoming an einem Friedhof lagert, setzt sich der Pfarrer zu ihm, der Lyle flüchtig kennt und ihm den Weg zu dessen Haus beschreibt. Nach einer weiteren Panne findet Alvin seinen Bruder, der abgelegen in einer ziemlich verwahrlosten Hütte lebt und sich auch nur mit einer Gehhilfe fortbewegen kann – doch am Leben und offenbar von seinem Schlaganfall genesen. Lyle fragt Alvin erstaunt, ob er den ganzen Weg zu ihm mit dem Rasenmäher gefahren sei. Alvin bejaht, sie schauen zu den Sternen hinauf.
Wahrer Hintergrund
Alvin Straight (1920–1996) war ein Einwohner der ebenfalls real existierenden Stadt Laurens im US-Bundesstaat Iowa und erlangte Berühmtheit, als er im Sommer 1994 die im Film geschilderte Reise über real 470 Kilometer unternahm, um seinen Bruder Henry Straight (1914–1998) zu besuchen, nachdem dieser einen Schlaganfall erlitten hatte. Straights Rasenmähergespann fuhr maximal 5 mph (8 km/h). Henry Straight erholte sich und zog wieder nach Iowa, um näher bei Alvin zu sein.
Der Film spielt nicht 1994, sondern Ende der 1990er-Jahre – was deutlich wird, als die Tochter des 73-jährigen Alvins erwähnt, dass er während der Amtszeit von US-Präsident Calvin Coolidge geboren wurde. Coolidge amtierte zwischen 1923 und 1929, der echte Alvin Straight wurde aber schon 1920 geboren. Der ältere Bruder Henry wurde in Lyle umbenannt.
Produktionshintergrund

Der Film ist ein Roadmovie, das im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen von Lynch fast keine erzählerischen Brüche aufweist und in sehr langsamem Tempo gehalten ist. David Lynch bezeichnete The Straight Story in Interviews aber mehrfach, möglicherweise scherzhaft, als seinen „experimentellsten Film“.[1] Das Wort „straight“ im Namen von Film und Hauptfigur bedeutet im übertragenen Sinne geradlinig, was den englischen Titel doppeldeutig macht („Die Geschichte von Straight“ / „Die geradlinige Geschichte“).
The Straight Story war der erste Film von Lynch, zu dem er nicht selbst auch das Drehbuch verfasste. Dieses wurde von seiner damaligen Lebensgefährtin Mary Sweeney, die an vorherigen Filmen von Lynch bereits als Filmeditorin und Produzentin mitgearbeitet hatte, und ihrem Jugendfreund John Roach geschrieben. Sweeney kommt gebürtig aus Wisconsin und wollte nach eigener Aussage den „stoischen, nonverbalen, störrischen, eigenwilligen amerikanischen Charakteren“ des Mittleren Westens, oft mit wenig Geld im Nirgendwo lebend, ein Denkmal setzen sowie ihre Träume und Frustrationen zeigen.[2] Dazu, wie der auf den ersten Blick für Lynch ungewöhnliche Stoff trotzdem zu dem Regisseur passte, äußerte Sweeney 2022 in einem Interview:
„Davids Filme knüpfen Verbindung mit dem Publikum durch die Kämpfe seiner Figuren mit Dunkelheit und Verwirrung. Eine weniger offensichtliche, aber sehr starke Dimension dieses Kampfes ist der Hunger nach Liebe und Würde. Das wurde in Der Elefantenmensch so deutlich. Ich wollte ihm Projekte vorsetzen, die diese Seite seiner künstlerischen Poesie ansprechen.“[2]
Obgleich Sweeney rund dreieinhalb Jahre am Drehbuch saß und Lynch mit ihr zusammenlebte, hat er nach eigener Aussage anfangs keinerlei Interesse. Als er schließlich las, begeisterte er sich sofort für das Drehbuch und wollte sehen, wie und mit welchen Mitteln er die darin vorhandene Bewegung und Emotionalität auf die Leinwand transportieren könne.[3][4]
Das Budget betrug rund 10 Millionen US-Dollar, gedreht wurde im Spätsommer und Herbst 1998. Die Dreharbeiten fanden in chronologischer Abfolge an den Schauplätzen in Iowa und Wisconsin statt, dort, wo fünf Jahre zuvor auch die Reise des echten Alvin Straight vorbeigeführt hatte.[5][2] Drehorte waren neben Laurens und Mount Zion, Start- und Endpunkte der Reise, unter anderem die Kleinstädte West Bend mit der im Film zu sehenden Grotto of the Redemption, Clerment, New Hampton, Lansing, Pocahontas, West Union und Prairie du Chien.[6] In den meisten Nebenrollen wirkten regionale Schauspieler ohne (oder mit nur geringer) Filmerfahrung mit.[7]
Hauptdarsteller Richard Farnsworth, „der schon vor zwanzig Jahren alte Männer spielte“ (Georg Seeßlen[8]), litt bei den Dreharbeiten bereits unter einer unheilbaren Krebserkrankung und großen Schmerzen. Wie die Figur des Alvin konnte er sich zu dieser Zeit schon nicht mehr ohne Stöcke fortbewegen, trotzdem arbeitete er hart an der Rolle. Das lag auch an seinem großen Respekt vor dem echten Alvin Straight. So redete er etwa mit zwei Söhnen und weiteren Bekannten des bei den Dreharbeiten bereits seit zwei Jahren verstorbenen Mannes, um diesen authentischer verkörpern zu können.[9] Farnsworth hatte kurz gezögert, die Rolle anzunehmen, als er gehört hatte, dass David Lynch Regie führen würde. Farnsworth war gegen den Gebrauch von Schimpfwörtern in Filmen, und Lynchs Blue Velvet, den er gesehen hatte, weist außergewöhnlich viele Schimpfwörter auf. Nach Versicherungen von Lynch und den Drehbuchautoren, dass The Straight Story nicht Schimpfwörter wie Blue Velvet enthalte, nahm er die Rolle an.[10] Obgleich auch berühmtere Namen wie Gregory Peck oder John Hurt gehandelt wurden, war Farnsworth laut Sweeney von Anfang an die Wunschbesetzung für die Rolle des Alvin.[2] Im Jahr nach dem Erscheinen des Films beging Farnsworth 80-jährig aufgrund seiner Krebserkrankung Suizid.
Neben Farnsworth wurde The Straight Story auch zum letzten Film des zum Drehzeitpunkt bereits über 80-jährigen Kameramanns Freddie Francis. Die Filmmusik wurde wie bereits bei früheren Filmen unter Lynchs Regie von Angelo Badalamenti komponiert, der aber anstelle der für ihn eher typischen Synthie- oder Experimentalmusik vor allem auf die im Mittleren Westen beliebte Country-Musik in Verbindung mit klassischen Musikthemen setzte.[11]
Veröffentlichung
The Straight Story feierte seine Premiere auf den Filmfestspielen von Cannes im Mai 1999 zu guten Kritiken. Daraufhin meldeten sich die Walt Disney Studios Motion Pictures, die schließlich den Kinovertrieb des Filmes übernahmen – ein für David Lynch eher ungewöhnlicher Kooperationspartner, wie oft kommentiert wurde.[12][2] Als bisher einziger Kinofilm von Lynch bekam The Straight Story in den USA keine Altersbeschränkung von der Filmprüfstelle. Landesweiter Kinostart war dort im Oktober 1999, in Deutschland kam der Film ab dem 2. Dezember 1999 in die Kinos.[13] In den USA spielte er an den Kinokassen rund 6,2 Millionen US-Dollar ein und blieb damit unter den Budgetkosten, die Kinoeinnahmen außerhalb der USA sowie der weitere Vertrieb des Films sind in dieser Zahl nicht berücksichtigt.[14]
Synchronisation
Die deutsche Synchronfassung entstand 1999 zur Kinopremiere bei der Berliner Synchron nach einem Dialogbuch von Alexander Löwe unter Dialogregie von Clemens Frohmann. Sprecher sind u. a. Werner Ehrlicher für Richard Farnsworth in der Rolle des Alvin Straight, Susanna Bonasewicz für Sissy Spacek als Rosie und Viktor Deiß für Harry Dean Stanton als Lyle Straight.[15]
Kritiken
The Straight Story wurde von Kritikern gut aufgenommen, wobei viele die Schauspielleistung von Richard Farnsworth hervorhoben und bemerkten, dass Lynch mit dem für ihn eigentlich ungewöhnlichen Filmstoff gut gearbeitet habe. Bei Rotten Tomatoes erreicht der Film, basierend auf 91 Filmkritiken, eine positive Bewertung von 96 %.[16] Der US-Kritiker Roger Ebert, zuvor meist negativ gegenüber Lynchs Filmen eingestellt, gab ihm die Höchstwertung von vier Sternen. Er hob das Drehbuch von John Roach und Mary Sweeney hervor, das „Poesie und Wahrheit in der exakten Auswahl der richtigen, alltäglichen Wörter“ finde und so an den Realismus der Dialoge bei Ernest Hemingway erinnere. Kameramann Freddie Francis schaffe es, die Landschaften Iowas schön, aber gleichzeitig auch nicht kitschig oder zu angenehm zu inszenieren.[17]
Lovorko Maric schrieb in einem Essay zum Film, dass für alle Skeptiker Lynchs, die nur den bizarren Surrealismus seiner Werke sähen, The Straight Story ein gutes Antidot sei. Hier zeige Lynch auch seine gefühlvolle Seite, die sonst meist unterbeachtet werde, da er in seinen anderen Filmen meist die dunklen Ecken Amerikas voller Bigotterie und Korruption zeige. Lynch zelebriere hier aber insbesondere den Mittleren Westen der USA mit Kameraschüssen von Mähdreschern, freundlichen Menschen und Sonnenuntergängen. Trotzdem seien an der ein oder anderen Stelle Anklänge an die Düsternis von Lynchs anderen Filmen erkennbar, etwa in der Anfangsszene, in der Alvin zusammenbreche, und in dem Auftritt der wütenden Autofahrerin, die ein Reh getötet hat. Und ähnlich wie bei vielen Filmen von Lynch seien auch in The Straight Story das Bedauern sowie der Schatten der Vergangenheit zentrale Themen der Handlung.[18]
Der Filmdienst urteilte, der Film sei „mit großem Geschick“ inszeniert. Er fasziniere, obwohl er im „gedehnten Tempo“ gehalten sei: „Nur manchmal scheint sich die düstere Gegenwelt zu Wort zu melden, die jedoch gegen die innere Ruhe und Lebensweisheit der Hauptfigur nichts ausrichten kann.“[19] Auch die Fernsehzeitschrift Prisma hob den geschickten Einsatz von Langsamkeit im Film hervor: „Dieser Film besticht gerade durch seine Langsamkeit. Denn Lynch hat sich hier ganz der Geschwindigkeit des Rasenmäher [sic!] angepasst. Ohne Effekte erinnert das Werk an einen wunderbaren, gemächlich dahinplätschernden Bachlauf, bei dem hinter der ein oder anderen Windung durchaus eine Überraschung lauern kann.“[20]
Olaf Schneekloth schrieb in Der Spiegel, dass sich seit Miss Daisy und ihr Chauffeur „kein Film mehr so behutsam, rührend und großartig der Würde des Alters angenommen“ habe wie The Straight Story. Lynch erzähle „geradlinig“ und „ohne Umschweife“ eine Geschichte, die „in ihrer Schlichtheit die Höhen und Tiefen eines ganzen Lebens offenbart“. Zugleich sei er auch eine Verbeugung vor dem ländlichen Amerika, das in den vorherigen Lynch-Filmen eher schlecht weggekommen sei. The Straight Story, so Schneekloth, folge der „alten Tradition des Geschichtenerzählens“ und lasse die Hauptfigur und nicht andere Figuren aus seinem Leben erzählen: „Ganz langsam lernt man Alvin kennen und verstehen. Ganz langsam, so wie Alvin die Straße entlangzuckelt, steigen Rührung, Sympathie und Respekt für den alten Mann auf, für seine große Aussöhnungsgeste und für sein bewegendes Lebensresümee.“[21]
„So straight und anrührend, daß der Film in den USA von Walt Disney in den Verleih genommen wurde […] eine Selbstrevision […] Selbst wenn man den Film auf diese Weise sieht, bleibt er verstörend schön. […] Alvins Reise in den Tod vermittelt manchmal pures Glück. Aber von dem, was er zurückläßt, geht kaum ein Trost aus. […] Zu einer solchen Einfachheit in der Darstellung der menschlichen Tragödie und ihrer Komödie kommt man nicht auf geradem Weg.“
Auszeichnungen und Nominierungen
- 1999: Nominiert Cannes Film Festival 1999, Preis Goldene Palme für David Lynch
- 1999: Preisträger New York Film Critics Circle Award, Preis NYFCC Award in der Kategorie Best Actor für Richard Farnsworth und Best Cinematographer für Freddie Francis
- 2000: Nominiert Academy Award (Oscar), Kategorie Best Actor in a Leading Role für Richard Farnsworth
- 2000: Nominiert Golden Globe, Kategorie Best Original Score – Motion Picture für Angelo Badalamenti und Best Performance by an Actor in a Motion Picture – Drama für Richard Farnsworth
- 2000: Preisträger Independent Spirit Award, Kategorie Best Male Lead für Richard Farnsworth, nominiert David Lynch als Best Director, nominiert Mary Sweeney und Neal Edelstein für Best Feature und nominiert John Roach und Mary Sweeney für Best First Screenplay
Weblinks
- Eine wahre Geschichte – The Straight Story bei IMDb
- Kritik von Hans Riegel, Filmstarts.de