Trisagion
liturgischer Gesang
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Das Trisagion oder Trishagion (griechisch Τρισάγιον, von τρίς „dreimal“ und ἅγιον „heilig“; kirchenslawisch Трисвятое) ist einer der ältesten christlichen Hymnen, der auch heute noch einen festen Bestandteil der ostkirchlichen Liturgie sowohl der orthodoxen Kirche als auch der katholischen Ostkirchen und altorientalischen Kirchen bildet.

Das Trishagion begegnet in verschiedenen Varianten. Diese unterscheiden sich wesentlich darin, dass sie entweder an die Dreieinigkeit oder an Christus adressiert sind. Der Hymnus wird als eine erweiterte Form des Sanctus, also des „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt.“ (Jes 6,3 EU) bzw. „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung; er war und er ist und er kommt“ (Offb 4,8 EU) interpretiert.
Das gewöhnlich dreimal wiederholte Gebet lautet in der orthodoxen griechischen Fassung:
- Ἅγιος ὁ Θεός, ἅγιος ἰσχυρός, ἅγιος ἀθάνατος, ἐλέησον ἡμᾶς.
- Hagios ho Theos, hagios ischyros, hagios athanatos, eleison hemas.
Latein:
- Sanctus Deus, sanctus fortis, sanctus immortalis, miserere nobis.
deutsche Übersetzung
- „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser.“
Die für die altorientalischen Kirchen wesentliche Fassung lautet:
Ἅγιος ὁ Θεός, Ἅγιος Ἰσχυρός, Ἅγιος Ἀθάνατος, ὁ σταυρωθεις δι’ ἡμᾶς, ἐλέησον ἡμᾶς. Hagios ho Theos, hagios ischyros, hagios athanatos, ho staurotheis di hemas, eleison hemas.
deutsche Übersetzung
„Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, der du für uns gekreuzigt wurdest, erbarme dich über uns.“
Entstehung des Trishagion-Hymnus
Die älteste schriftliche Erwähnung des Trishagion findet sich in den Konzilsakten von Chalkedon 451 n. Chr..[1] Auf dem Konzil bestätigten die Bischöfe der Dioecesis Oriens die Verurteilung Dioskurs und einiger seiner Parteigänger mit einer Akklamation, die auch das Trishagion enthält. Verschiedene legendarische Überlieferungen beschreiben die Offenbarung des Trishagions im Zusammenhang mit einem Erdbeben in Konstantinopel. Während die Bevölkerung der Stadt angesichts des Erdbebens das Erbarmen Gottes erflehte, soll ein junger Mann in den Himmel emporgehoben worden sein und dort die Engel das Trishagion singen gehört haben. Sobald die Bevölkerung Konstantinopels den so erlernten Hymnus zur Anrufung Gottes nutzte, soll das Erdbeben aufgehört haben.[2] Geht man vom kirchlichen Gedenktag des Erdbebens aus, lässt es sich auf den 25. September 438 datieren.[3] Die Legende spiegelt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht den tatsächlichen Entstehungsort des Hymnus. Wäre das Trishagion 438 in Konstantinopel entstanden, ließe sich kaum erklären, wie der Hymnus nur 13 Jahre später Bischöfen aus dem gesamten Osten des Römischen Reichs so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass er Teil einer spontanen Akklamation geworden ist. Auch Severus von Antiochia führt in der Verteidigung der miaphysitischen Version des Trishagions seine Entstehung in Antiochien an.[4] Das legendarische Offenbarungsdatum markiert wahrscheinlich den Zeitpunkt der Aufnahme des Trishagions in die kirchliche Liturgie Konstantinopels.[5] Auch der älteste Bericht der Ereignisse in Konstantinopel, Nestorius’ Liber Heraclidis, spricht lediglich davon, dass das Erdbeben die Aufnahme des Trishagions in die Liturgie bewirken sollte.[6] So hat der Hymnus in der ostkirchlichen Liturgie seit dem 5. Jahrhundert einen festen Platz. Die Einführung des Hymnus in die byzantinische Liturgie geht zurück auf den heiligen Proklos von Konstantinopel (r. 434–446, unter Kaiser Theodosius II.).
In seinem Ursprung ist das Trishagion ein Prozessionsgesang und wurde als Antwort der Volksmenge auf von Vorsängern gesungene Psalmverse bei Prozessionen und Stationsgottesdiensten gesungen.[7] Vor dem Neubau der Hagia Sophia unter Justinian I. (Einweihung 537) spielte das Kirchengebäude für den gottesdienstlichen Vollzug in Konstantinopel nur eine geringe Rolle. Zentraler Schauplatz der Liturgie waren die Straßen und Plätze der Stadt.[8] Aus dieser Verwendung des Trishagions ergibt sich seine Stellung in der byzantinischen Liturgie. So wurde der Hymnus zum Einzug des Bischofs in die Kirche, der den Beginn der Liturgie markierte, gesungen.[9] Der Ursprung dieser Entwicklung besteht wahrscheinlich darin, dass mit dem Trishagion begleitete Prozessionen mit dem Einzug in eine Kirche und einem daran anschließenden Gottesdienst endeten.[10] Der Gegenwart des Bischofs und dessen Einzug zur Eröffnung des Gottesdienstes kommt in der Liturgiegeschichte schon früh, etwa bei Ignatius von Antiochien, und später bei Chrysostomos große Bedeutung zu.[11] Der Einzug des Bischofs zum Bema konnte hier als symbolischer Einzug Gottes verstanden werden. Vom Bema führt der Bischof stellvertretend für Gott den Vorsitz des Gottesdienstes. Durch das Singen des Trishagions beim Einzug des Bischofs wird so der dreieinige Gott bzw. Christus gebeten, sich über den Gottesdienst und seine Teilnehmenden zu erbarmen. Der Streit um das richtige Verständnis des Trishagions ist auch von diesem Hintergrund her zu lesen. Das Trishagion hatte diese Bedeutung sowohl für die chalkedonische als auch für die miaphysitische Kirche.[12]
Unterschiedliche Verständnisse des Trishagions
Die in den altorientalischen Kirchen verbreitete Variante des Trishagions, die den Hymnus durch die Wendung „der du für uns gekreuzigt wurdest“ ergänzt, wurde 471 von dem antiochenischen Patriarchen Petrus Fullo geschaffen. Es ist anzunehmen, dass mit dem Trishagion in Antiochien schon immer Christus angerufen wurde. Sonst wäre der Zusatz auch für die miaphysitischen Gläubigen in Antiochien theopaschitisch gewesen.[13] Schließlich wird durch ihn das Leiden und Sterben des eigentlich göttlichen, starken, unsterblichen Christus betont. Allein auf Gott oder die Trinität bezogen, würde damit die Leidensfähigkeit des ewigen Gottes behauptet. Ein gängiger Grund für den Vorwurf der Blasphemie in der theologischen Debatte der Zeit. Als der Hymnus, noch ohne den Zusatz, nach Konstantinopel gelangte, wurde er von den Konstantinopelern statt auf Christus auf die Trinität bezogen. Das kann nicht verwundern, ist doch das dreimalige „heilig“ in Jes 6,3, das der Hymnus aufgreift, in der patristischen Literatur ein klassisches Argument für die Trinitätstheologie. Für die Theologen in Konstantinopel musste die Ergänzung „der du für uns gekreuzigt wurdest“ daher eine unmögliche Blasphemie darstellen. Versteht man den Hymnus nämlich als an die Trinität adressiert, wird damit die Leidensfähigkeit und das Sterben des ewigen Gottes behauptet.
Hintergrund des Streits um das Trishagion und den Zusatz von Petrus Fullo ist der christologische Streit zwischen Chalkedoniern und Miaphysiten um die Bedeutung des Konzils von Chalkedon 451. Während das Konzil von Chalkedon 451 n. Chr. eigentlich einen Kompromiss zur Einigung zwischen dyo- und miaphysitischer Christologie und damit zwischen den beiden mächtigen Patriarchaten von Antiochia und Alexandria herbeiführen sollte, lieferte die erarbeitete Lehrformel, das sogenannte Chalkedonense, lediglich Stoff für weitere Kontroversen.[14] Während Dyophysiten zwei Naturen Christi, eine menschliche und eine göttliche behaupteten, vertraten Miaphysiten eine gottmenschliche Natur Christi. Das Trishagion wurde hier zum zentralen liturgischen Streitpunkt zwischen den beiden kirchenpolitischen Gruppierungen.[15] Petrus Fullo schuf mit seiner Variante des Trishagions einen prägnanten Ausdruck miaphysitischer Christologie, die gerade im Leiden und Sterben des Gottessohnes für die Gläubigen deren Heil erkennt.[16] Dass die Gegner der Miaphysiten in Konstantinopel das Trishagion an die Trinität adressiert verstanden, wurde so zu einem willkommenen Missverständnis, konnte den Miaphysiten doch so der Vorwurf der Blasphemie gemacht werden. Bis heute ist die richtige Version und das richtige Verständnis des Trishagions ein Streitpunkt im ökumenischen Gespräch von orthodoxen und altorientalischen Kirchen.
Weitere Verbreitung des Trishagions
Das Trishagion ist sowohl Teil des Gallikanischen Ritus als auch der syrischen, koptischen und armenischen Tradition. Die östliche Patristik führt den Text zurück auf einen Ausruf des Josef von Arimathäa und des Nikodemus bei der Kreuzabnahme.[17] Die früheste bisher bekanntgewordene Verwendung des „Heilig, heilig, heilig“ befindet sich auf der 2018 entdeckten Frankfurter Silberinschrift, die zugleich das bislang älteste Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen darstellt.[18] In der byzantinischen Liturgie wird das Trishagion noch heute vor der Schriftlesung gesungen, was seine ursprüngliche liturgische Verwendung spiegelt. Historisch stellte die Schriftlesung den Beginn der byzantinischen Liturgie dar.[19]
In der lateinischen Kirche wird der Hymnus seltener verwendet. In der katholischen Kirche gehört das Trishagion zu den Improperien und ist daher Teil der Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitag (GL 300). Ein Hinweis auf seine ursprüngliche christologische Bedeutung. Das Trishagion kann auch bei der Kreuzwegandacht (GL 683 – dort nicht mehr vorgesehen) verwendet werden. In der römischen Pontifikalliturgie wird das Trishagion noch immer zum Einzug des Bischofs gesungen.[20] Das Trisagion ist auch im Evangelischen Gesangbuch (185,4) und im Evangelisch-reformierten Gesangbuch (234) zu finden.
In der russischen Kirchenmusik gibt es zahlreiche Kompositionen, die den Hymnus (slawisch: Святый Боже, Святый Крепкий, Святый Бессмертный, помилуй нас) arrangieren, darunter Werke von P. G. Tschesnokow, G. W. Swiridow, und Johann von Gardner. In Gerald Spitzners Heinrich-Maier-Oratorium (Station 15 – Auferstehung für 2 Chöre und Orchester) wird der Text des Trisagion auf Griechisch, Latein und Deutsch verwendet.
Literatur
- Andrew Louth: Trishagion. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 34, de Gruyter, Berlin / New York 2002, ISBN 3-11-017388-3, S. 121–124.
- Peter Plank: Das Trishagion: Gotteslob der Engel und Zankapfel der Menschen. In: Peter Hauptmann (Hg.): Kirche im Osten. Studien zur osteuropäischen Kirchengeschichte und Kirchenkunde, Bd. 35, Göttingen 1992.
- Johannes von Damaskus: Über das Trishagion aus Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei) online
Weblinks
- Über die Übersetzung des Trisagion (englisch, PDF-Datei; 58 kB)
- Trisagion gesungen, westliche Version
- Das Trisagion als Teil der Kreuzverehrung am Karfreitag