Victoria (Versicherungskonzern)

ehemaliges deutsches Versicherungsunternehmen From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Victoria-Versicherung zu Berlin war ein bedeutendes deutsches Versicherungsunternehmen und zeitweise die größte deutsche Versicherung. Das Unternehmen ist in der Ergo Group aufgegangen.

Letztes Logo der Victoria-Versicherung

Geschichte

Lebensversicherung

Eingangsportal in Berlin
Victoria-Gebäude um 1900
Otto Gerstenberg, Gemälde von Max Liebermann 1919

Gegründet wurde die Victoria Versicherungs AG am 26. September 1853 als Allgemeine Eisenbahn-Versicherungs-Gesellschaft (AEVG), die für den Eisenbahnverkehr die Transport-, Lebens-, Unfall- und Feuerversicherung betrieb. 1858 erfolgte die Ausdehnung der Transportversicherung auf Land- und Wasserstraßen und 1860 die Erweiterung des Geschäfts auf die Lebensversicherung.

Da Eisenbahnversicherungen bald nur noch einen kleinen Teil des Geschäfts ausmachten, wurde das Unternehmen im Jahre 1875 in Victoria zu Berlin Allgemeine Versicherungs-Aktien-Gesellschaft umbenannt.

In den Folgejahren wurde sie insbesondere durch den damaligen Generaldirektor Otto Gerstenberg Vorreiter auf dem Gebiet der so genannten Volksversicherung. 1913 wurden fast 4 Millionen Policen abgeschlossen. Von 1899 bis 1927 war die Victoria die größte deutsche Versicherung und das zweitgrößte europäische Assekuranzunternehmen. Bereits 1903 hatte der Versicherungsbestand die Grenze von einer Milliarde Mark überschritten.

Neue Geschäftsmodelle: Lebensversicherung für weniger wohlhabende Volksschichten

Diese wirtschaftlichen Erfolge waren zu einem großen Teil das Ergebnis einer Ausweitung der Kundenbasis auf weniger wohlhabende Gesellschaftsschichten. Die Einführung der Sozialversicherungen in Deutschland während der 1880er Jahre hatte das Konzept der Versicherung von Lebensrisiken in weiten Bevölkerungskreisen bekannt gemacht. Daraufhin entwickelte Victoria nach englischem Vorbild in den 1890er Jahren das Produkt der Volksversicherung – eine Lebensversicherung für Kunden mit geringem Einkommen.

Bislang hatten Arbeiter in der Versicherungswirtschaft als unattraktive Kunden gegolten, da sie als stärker unfallgefährdet galten und wenig zahlungskräftig waren. Die Volksversicherung der Victoria war eine Sterbegeld-Lebensversicherung zu sehr geringen Beiträgen, die die Bestattungskosten und für eine kurze Übergangszeit den Lebensunterhalt der Hinterbliebenen absichern sollte. Die Beiträge wurden von Versicherungsboten bei den Kunden in bar eingesammelt.[1][2]

Feuerversicherung

1904 erfolgte zudem die Gründung der Tochter Victoria Feuer-Versicherungs-Actien-Gesellschaft in Berlin, mit den Sparten Feuer, Einbruchdiebstahl und Leitungswasserschäden.

1923 wurde die Gründung (23. November) der Tochter Victoria am Rhein Feuer- und Transport-Versicherungs-Actien-Gesellschaft in Düsseldorf vorgenommen, 1948 die Übertragung des Unfallversicherungsbestandes von der Victoria zu Berlin auf die Victoria Feuer.

Im Jahre 1956 fand die Fusion beider Gesellschaften zur Victoria Feuer-Versicherungs-Aktien-Gesellschaft statt. Diese wurde 1989 umbenannt in Victoria Versicherung AG.

Internationale Expansion

Die Victoria expandierte schon bald nach der Gründung systematisch ins Ausland, was für deutsche Versicherungsunternehmen damals ungewöhnlich war.[3] Dies hing mit den Ursprüngen als Transportversicherung zusammen: Unter anderem aufgrund der Kleinstaaterei in Deutschland waren viele Eisenbahnstrecken grenzüberschreitend, was eine Ausweitung der Geschäftstätigkeit auf alle berührten Staaten nahelegte.

Zunächst erwirkte das Unternehmen die Zulassung in anderen deutschen Ländern, dann in weiteren Staaten: so 1863 in Luxemburg und Dänemark, 1868 in Russland, 1872 in den Niederlanden, 1876 in Belgien, Frankreich und Österreich-Ungarn, 1881 in Finnland, 1885 in Ägypten, 1887 in Schweden und Norwegen, 1890 im Osmanischen Reich und in Griechenland, 1907 in Tunesien, 1914 in Bulgarien und Spanien.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor das Unternehmen einen Teil seiner ausländischen Konzessionen, nahm aber in den 1920er Jahren den Internationalisierungskurs wieder auf. 1935 war Victoria in 25 Ländern vertreten. Im Zweiten Weltkrieg ging das gesamte Auslandsgeschäft verloren. Ende der 1950er Jahre begann eine neue Phase der Ausweitung des Geschäfts auf andere Staaten des westlichen Europas.

Victoria in der Zeit des Nationalsozialismus

In der NS-Zeit versuchte das Unternehmen zunächst dem staatlichen Drängen auf eine Entlassung jüdischer Mitarbeiter zu widerstehen, profitierte dann aber u. a. von der faktischen Enteignung jüdischen Eigentums und der militärischen Besetzung der Nachbarstaaten.

Der 1932 bestallte Vorstandsvorsitzende Emil Herzfelder war Jude und blieb trotz politischen Drucks bis Oktober 1935 im Amt; auch im britischen Exil erhielt er bis 1938 weiter sein Gehalt. Jüdische Mitarbeiter im Inland blieben bis zur Verkündung der Nürnberger Rassegesetze 1935 meist unbehelligt, wurden danach aber aus der Firma gedrängt. Jüdische Mitarbeiter im Ausland wurden erst nach einer Pressekampagne gegen die Victoria ab 1938 nach und nach entlassen.

Die Victoria profitierte zwischen 1933 und 1939 von der sogenannten Arisierungspolitik des NS-Regimes, indem sie zu niedrigen Preisen Immobilien jüdischer Eigentümer aufkaufte. In diesem Zeitraum stieg die Zahl der Gebäude in Unternehmensbesitz von 15 auf etwa 200. Nicht alle, aber viele dieser Häuser stammten aus Zwangsverkäufen bzw. Zwangsversteigerungen. Teilweise handelte es sich um säumige Hypotheken-Schuldner, die von der Victoria zur Zwangsversteigerung gezwungen wurden.

Nach der Besetzung Österreichs, der Tschechoslowakei und Polens expandierte Victoria in diese Länder, indem sie dort Versicherungsunternehmen übernahm. In zwei Fällen war Victoria bzw. eine lokale Tochtergesellschaft an Konsortien beteiligt, die für Gebäude in einem Konzentrationslager in Polen Feuerversicherungen abschlossen.

Bis 1941 profitierte das Unternehmen auch, wenn vom Regime Verfolgte ihre Lebensversicherungen kündigten, um die Auswanderung zu finanzieren – Stornierungsgewinne lagen zwischen 5 % und 15 % des Rückkaufswerts. Nach dem Beginn der Deportationen 1941 wurden die Versicherungspolicen Deportierter vom Staat beschlagnahmt – der komplette Wert der Versicherung wurde vom Unternehmen an die NS-Behörden abgeführt.[4]

Die deutsche Versicherungswirtschaft stimmte 1998 im Rahmen der International Commission on Holocaust Era Insurance Claims einer Entschädigungslösung für zwangsverkaufte oder enteignete Versicherungsansprüche von jüdischen Opfern zu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg und seine unmittelbaren Folgen führten die Victoria an den Rand des Ruins. Der NS-Staat hatte zur Kriegsfinanzierung mittels Zwangskriegsanleihen auf das Kapital der Versicherungswirtschaft zugegriffen – diese Schuldtitel waren nun wertlos. Immobilien in Großstädten waren vielfach zerstört; Grundstücke in der sowjetischen Besatzungszone und in den ehemaligen Ostgebieten wurden enteignet. Die Versicherten-Ansprüche der Hinterbliebenen von Kriegsopfern und von materiell durch den Krieg geschädigten Versicherungsnehmern beliefen sich auf enorme Summen.[5]

Seit den 1950er Jahren stabilisierte sich die Geschäftsentwicklung, auch infolge der Erschließung neuer Geschäftsbereiche wie der Kfz-Haftpflichtversicherung und der privaten Rentenversicherung.

Krankenversicherung

Victoria-Haus in Düsseldorf, heute der Hauptsitz der ERGO Group

Um auch die Sparte Krankenversicherung anbieten zu können, begann die Victoria im Jahr 1971 eine Kooperation mit der Gilde-Versicherung AG, die ihren Sitz in Düsseldorf hatte. Zu Beginn der Kooperation erwarb die Victoria 10 Prozent am Aktienkapital der Gilde. Als der Aktienbesitz auf 49 Prozent im Jahr 1977 angewachsen war, wurde die Gilde-Versicherung AG in Victoria-Gilde Krankenversicherung AG umbenannt.

1988 erfolgte die Übernahme weiterer Aktien (74,9 Prozent) und damit auch die Übernahme der Victoria-Gilde Krankenversicherung AG. Zum Ende des Jahres wurde sie umfirmiert in Victoria Krankenversicherung AG.[6]

Weitere Zweige

Des Weiteren existierten noch andere Tochterunternehmen, z. B. im Bereich der Transport- und Rückversicherung.

Umstrukturierungen und Fusion mit Hamburg-Mannheimer

1956 fusionierte die Victoria zu Berlin mit dem 1923 in Düsseldorf gegründeten Tochterunternehmen Victoria am Rhein Allgemeine Versicherungs-Actien-Gesellschaft zur neuen Victoria Lebens-Versicherungs-Aktien-Gesellschaft. Im Rahmen der Bildung der Ergo Versicherungsgruppe 1997/1998 fusionierte die Muttergesellschaft Victoria Holding mit der neu gegründeten Hamburg-Mannheimer Holding. Die Aktie der Victoria Holding verschwand von der Börse. Die Lebensversicherungstochter trat zunächst unverändert auf dem Versicherungsmarkt in Erscheinung, ehe sie 2010 das Neugeschäft einstellte und sich auf die Abwicklung der bestehenden Versicherungsverhältnisse konzentrierte. 2017 stand kurzzeitig die Veräußerung der Gesellschaft durch die Ergo an einen Abwicklungsspezialisten im Raum[7], letztlich nahm die Mutter jedoch Abstand von den Plänen.[8] 2025 wurde die Victoria Lebensversicherung AG auf die Ergo Lebensversicherung AG verschmolzen.[9]

Generaldirektoren / Vorstandsvorsitzende

Weitere Informationen Amtszeit, Name ...
Amtszeit Name
1853–1869 Otto Crelinger
1870–1888 Gustav Hartmann
1888–1912 Otto Gerstenberg
1913–1932 Richard Utech (bis 1917 neben Paul Thon)
1932–1935 Emil Herzfelder
1935–1968 Kurt Hamann
1968–1982 Heinz Schmöle
1983–1998 (Fusion) Edgar Jannott
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Ergo Versicherungsgruppe

Die Ergo Versicherungsgruppe AG ist schließlich Ende 1997 durch Fusion der Victoria Holding AG mit der Hamburg-Mannheimer AG entstanden (27. Januar 1998: Eintragung ins Handelsregister Düsseldorf (Anteil der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft zunächst 54 %) sowie Sitzverlegung der Victoria-Gesellschaften von Berlin nach Düsseldorf.)

Die Victoria Versicherung war von 2001 bis 2006 Trikotsponsor des FC Schalke 04.

Literatur

  • Victoria Allgemeine Versicherungs Gesellschaft (Hrsg.): Victoria-Versicherung 1853–1928 (Festschrift zu 75 Jahren Victoria-Versicherung), Berlin 1928.
  • Kurt Hamann: Hundert Jahre Victoria Versicherungen: 1853–1953. Berlin 1953.
  • Arno Surminski: Im Zug der Zeiten – Die Victoria von 1853 bis heute, Düsseldorf 1978.
  • Ders. Im Zug der Zeiten. 150 Jahre VICTORIA. 1853–2003, Victoria-Versicherungs-Gesellschaften, Düsseldorf, 1. Auflage, 2003, ISBN 3-00-011767-9
  • Victoria-Zeitung

Einzelnachweise

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