Agroforstwirtschaft
mehrstöckiges landwirtschaftliches Produktionssystem
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Agroforstwirtschaft (englisch agroforestry oder agroforesting) bezeichnet ein (teils mehrstöckiges)[2] landwirtschaftliches Produktionssystem, das Elemente des Ackerbaus und der Tierhaltung mit solchen der Forstwirtschaft kombiniert.[3]
Sowohl mehrjährige Bäume wie Obstbäume, Palmengewächse oder Nutzhölzer als auch einjährige landwirtschaftliche Nutzpflanzen werden auf derselben Fläche integriert.
Agroforstwirtschaftliche Systeme werden insbesondere in Gebieten, die natürlicherweise von tropischem Regenwald bewachsen sind, als ökologisch vorteilhaft gegenüber einer kompletten Rodung angesehen. Sie sind artenreich, stabilisieren den Wasserhaushalt und schützen den Boden vor Erosion und Degradation. Allerdings ist die Vermarktung der Produkte aufgrund ihrer Vielfalt und der eher geringen Erträge oft schwierig, was die Wirtschaftlichkeit solcher Systeme beeinträchtigt.
Definition und Merkmale
Agroforstwirtschaft ist die bewusste Einbeziehung von Bäumen und Sträuchern in der Landwirtschaft.[4] Dabei fokussiert sich die Landnutzung auf mehrjährige Holzpflanzen und landwirtschaftliche Nutzpflanzen oder Tiere.[5]
Als wesentliches Kriterium für die Qualifizierung eines Landnutzungssystems als Agroforstsystem wird zumeist die gleichzeitige Nutzung einer Kombination von Gehölzen mit Acker- oder Tierhaltung und die hierdurch gezielte Erzeugung von für die landwirtschaftliche Produktion vorteilhaften Wechselwirkungen zwischen den Einzelkomponenten herangezogen.[6]
Darüber hinaus werden Agroforstsysteme nach Nair (1985)[7] entsprechend ihren Haupt-Komponenten unterteilt in:
- Silvoarable Systeme – Bäume mit Ackerkulturen
- Silvopastorale Systeme – Bäume mit Tierhaltung
- Agrosilvopastorale Systeme – Bäume mit Ackerkulturen und Tierhaltung
Vorteile der Agroforstwirtschaft
- Verringerung des Nährstoffaustrags, der sich dadurch erklärt, dass über die – im Vergleich zu kurzlebigen Ackerkulturen – über die Bäume und Sträucher eine große Menge Wurzelexudate ausgeschieden werden, die die Bodenorganismen nähren und ihrerseits Dauerhumus aufbauen, der mit seinen zahlreichen Poren – diese tragen auch zum Gasaustausch im Boden bei, was wiederum den aeroben Bodenorganismen zugutekommt – die Nährstoffe gut speichern kann.
- Lebensraum für Tiere (Nützlinge und Schädlinge; je größer die Artenvielfalt, desto weniger störanfällig ist ein Ökosystem häufig).
- Verringerung der Bodenerosion eines Feldes durch den Windwiderstand der Bäume (damit auch gleichzeitig Verdunstungsverringerung; mehr Wind in Bodennähe führt zu stärkerer Verdunstung).
- Bäume und ihre Wurzeln erleichtern das Eindringen von Wasser in den Boden und erhöhen so die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens. Sie tragen zur Verminderung von Wassererosion und Gewässerverschmutzung durch landwirtschaftliche Düngemittel sowie zur Überschwemmungsprävention bei, indem sie den Oberflächenabfluss nach Regenfällen minimieren.
- Erhöhte Beschattung durch Bäume
- dient bei kombinierter Tierhaltung (z. B. Weideland mit Bäumen) dem Schutz und Wohlbefinden der Tiere,
- kühlt im Sommer den Boden, was die Verdunstung verringert (vor allem bei größeren Bäumen; wichtiger Faktor in trockenen Gebieten) und Bodenorganismen vor Hitze schützt.
- Über die Wurzeln transportieren Bäume Bodenwasser zu den Blättern, wo es verdunstet. Die Verdunstungskälte kühlt die Luft ab und verringert sommerlichen Hitzestress. Das verdunstete Wasser trägt zur Wolkenbildung bei.
- Die Wurzeln der Bäume nehmen Nährstoffe aus dem Boden auf, die anschließend mit abfallendem Laub in die Humusschicht gelangen, von Destruenten (Remineralisierern) freigesetzt und von den Nutzpflanzen aufgenommen werden können. Der von den Blättern assimilierte Kohlenstoff gelangt umgekehrt in den Boden und ernährt die Mykorrhizapilze, die Bodenmineralien und Stickstoff für die Pflanzen nutzbar machen. Dieser Nährstoffkreislauf düngt den Bodens ersetzt Kunstdünger.
- Neben Nährstoffkreislauf und Humusbildung durch Laubfall und Totholz dienen Bäume und Humus auch als Kohlenstoffspeicher.[8][9][10]
- Der Verkauf des Holzes als Furnier-, Brenn- oder Bauholz verschafft dem Landwirt zusätzliche Einnahmen gegenüber einer reinen landwirtschaftlichen Nutzung. Bäume in Agroforstsystemen sind wesentlich leichter zugänglich als in reinen Waldgebieten und können dadurch einfacher gepflegt und geerntet werden.
- Aufwertung des Landschaftsbildes – Bäume sind ein charakteristischer Bestandteil der traditionellen Kulturlandschaften.
Nachteile der Agroforstwirtschaft
- Die Vielzahl der Pflanzenarten und der daraus gewonnenen Produkte bei jeweils verhältnismäßig kleinen Mengen erschwert die Vermarktung und erhöht die Transaktionskosten für die Produzenten.
- Landwirte benötigen zusätzlich forst- und waldwirtschaftliches Wissen (Aufzucht, Baumschnitt, Fälltechnik, Vermarktung). Dies kann auch von Vorteil sein, wenn etwa auf Veränderungen reagiert werden muss.
- Die Aufzucht der Bäume erhöht den Arbeitsaufwand pro Hektar Feldfläche und Jahr. Dazu zählt auch ein gesteigerter Rangieraufwand für die Erntemaschinen wegen der Bäume.
Forschung in Europa
Ein Forschungsprogramm der Europäischen Union hat sich in den letzten Jahren auch für Europa mit der Möglichkeit der Kombination einjähriger Ackerkulturen und Baumkulturen (mit sehr langen Umtriebszeiten) beschäftigt. Die Forscher kamen zum Ergebnis, dass durch die Agroforstwirtschaft erhebliche Mehrerträge von bis zu 30 % realisiert werden können. Die Produktion einer mit einer Mischung aus Pappeln und Weizen kultivierten Fläche von einem Hektar entspricht der Produktion, die im getrennten Anbau nur bei einem Flächenverbrauch von 1,3 Hektar möglich würde (0,9 ha Weizen und zusätzlich 0,4 ha Pappeln). Erfolgreich wird dabei das kombinierte Agrarforstsystem beim gleichzeitigen Anbau von Stickstoff bindenden Gehölzpflanzen und Ackerpflanzen. Teilweise werden dabei die Bäume in Reihen gepflanzt (mit drei, vier oder auch zehn Meter Abstand); in den Zwischenräumen werden bei einem solchen Alley cropping die landwirtschaftlichen Nutzpflanzen angebaut.
Das World Agroforestry Centre wurde 1978 gegründet (damals International Centre for Research in Agroforestry: ICRAF), um Forschung und Informationsaustausch zum Thema Agroforstwirtschaft zu fördern. Es verfolgt das Ziel, zu Armutsreduzierung und Ernährungssicherung durch ökologisch angepasste Produktionsweisen beizutragen. Auch beim französischen Institut national de la recherche agronomique ist eine Forschungsgruppe angesiedelt.[11] Im Vereinigten Königreich ist insbesondere der Agroforestry Research Trust und dessen Direktor Martin Crawford zu nennen.[12] In Deutschland befinden sich Forschergruppen an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg[13], der Georg-August-Universität Göttingen und der TU Dresden.[14]
Im Rahmen des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) wird die Ersteinrichtung von Agrarforstsystemen auf landwirtschaftlichen Flächen gefördert.[15]
Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft (DeFAF)
Um das Potential der Agroforstwirtschaft in Deutschland besser zu nutzen, wurde 2019 der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft e. V. als eingetragener Verein gegründet.[16]
Der Verband sieht seine Aufgabe darin, die administrativen und politischen Rahmenbedingungen für die Agroforstwirtschaft in Deutschland zu verbessern. Als gemeinnütziger Verband möchte diese Organisation agroforstlich interessierte Akteure aus allen Lebensbereichen untereinander und mit Landwirten, Wissenschaftlern und Vertretern der Verwaltung und anderer Verbände vernetzen und über die Agroforstwirtschaft in Deutschland informieren. Die Arbeit des Verbandes ist an keine bestimmte landwirtschaftliche Bewirtschaftungsweise gebunden. Er unterstützt Agroforstwirtschaft sowohl in konventionell als auch in ökologisch wirtschaftenden Betrieben und ist offen für alle an Agroforstwirtschaft interessierten Personen.[17]
Ein Ziel ist die Verankerung einer eindeutigen Definition für Agroforst in Gesetzen und die daraus resultierende Möglichkeit für Förderungsprogramme und Unterstützung durch den Bund.[18]
Siehe auch
- Humus
- Permakultur, Waldgarten
- Aufforstung
- Farmer Managed Natural Regeneration (Wiederaufforstungstechnik zur Revitalisierung von tot wirkenden Baumwurzeln und -stümpfen)
Literatur
- J.-M. Boffa: Agroforestry parklands in sub-Saharan Africa. Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rom 1999, ISBN 92-5-104376-0 (englisch; Volltext auf fao.org ( vom 30. August 2009 im Internet Archive)).
- Johanna Jacobi, Monika Schneider, Stephan Rist: Agroforstwirtschaft als ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Landnutzungsform: Fallbeispiel Kakaoanbau in Bolivien. In: Elemente der Naturwissenschaft. Nr. 100, 2014, S. 4–25 (PDF: 4 MB, 22 Seiten auf elementedernaturwissenschaft.org).
- Burkhard Kayser, Martina Mayus, Georg Eysel-Zahl: Agroforstwirtschaft in Mitteleuropa: Potenziale einer neuen Landnutzungsform für Landwirtschaft und Naturschutz. In: Lebendige Erde. Nr. 3, 2005 (online auf lebendigeerde.de ( vom 3. Dezember 2006 im Internet Archive)).
- Noemi Stadler-Kaulich: Handbuch Agroforstwirtschaft, 2023, ISBN 978-3-7412-2750-9
- Noemi Stadler-Kaulich: Dynamischer Agroforst – Fruchtbarer Boden, gesunde Umwelt, reiche Ernte, 2025, 2. überarbeitete Auflage, oekom-Verlag, ISBN 978-3-98726-156-5
- Hans-Jürgen von Maydell: Agroforstwirtschaft: Lexikon und Glossar (deutsch-englisch = Agroforestry). Mitteilungen der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft Hamburg, Nr. 173. Wiedebusch, Hamburg 1993, S. 175.
- Wolfgang Zech: Tropen: Lebensraum der Zukunft? Eine Analyse zur Rolle des Bodens aus der Sicht der Geoökologie. In: Geographische Rundschau. Nr. 1, 1997, S. 15.
Fachzeitschrift:
Weblinks
- Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft: Offizielle Website.
- European Agroforestry Federation (EURAF): Offizielle Website (englisch).
- Project Regeneration: Agroforestry (englisch), regeneration.org.
- World Agroforestry Centre: worldagroforestry.org (englisch).
- Naturefond: Was ist Dynamischer Agroforst (DAF)?
- Die niederländische Vereniging Voedsel uit het Bos/ Association Food from the Forest
- Agroforst Jetzt!, eine Initiative zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Agroforstwirtschaft in Deutschland
- Andrea Koeppler, Claudia Erl: Ackern unter Bäumen – Landwirte entdecken den Agroforst. Dokumentarfilm des Bayerischen Rundfunks vom 2. November 2022, Länge: 43 min, frei verfügbar bis 1. November 2027 18:00 Uhr
- Agroforst statt Ackerwüste: „Mehr Bäume auf die Felder pflanzen.“ Interview mit Dr. Wolfgang Zehlius-Eckert vom 20. August 2022 und mehrere Dokumentarfilme vom ZDF
- Gabriele Mooser: Den Wald aufs Feld holen – Agroforst in Bayern. Dokumentarfilm des Bayerischen Rundfunks vom 19. Juni 2022, Länge: 44 min
- Tobias Herrmann: Agroforste: Den Wald aufs Feld holen. In: Süddeutsche Zeitung. 22. August 2020.
- Videoreportage von Thies Schnack: Feldversuch in Zeiten der Dürre: Der Acker der Zukunft. In: Spiegel TV. 3. Juni 2020 (5:59 Minuten, zu Agroforst in Brandenburg).