Wau Holland Stiftung
deutsche Non-Profit-Organisation
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Die Wau Holland Stiftung (WHS) ist eine 2001 initiierte und 2003 als gemeinnützig anerkannte Stiftung mit Sitz in Hamburg,[1][2] die den Nachlass des 2001 verstorbenen Hackers und Journalisten Wau Holland (Herwart „Wau“ Holland-Moritz) verwalten und der Öffentlichkeit zugänglich machen will.

Gründung
Die Wau Holland Stiftung wurde am Tag der Urnenbeisetzung in Marburg in 2001 von fünf engen Freunden von Wau Holland, Ursel Kooke, Winfried Motzkus, Gerriet Hellwig, Melanie Wahl und Bernd Fix[3] gegründet und von der Familie Holland-Moritz unterstützt, die das Stiftungskapital aufbrachte[4]. Auf dem 18C3 hat sich die Stiftung der Hackercommunity offiziell vorgestellt[5]. Mit der Erarbeitung der Stiftungs-Satzung und der Überreichung der Stiftungsurkunde durch das Regierungspräsidium Kassel am 19. Dezember 2003 nahm die Wau Holland Stiftung ihre Arbeit auf[6][7].
Die Stiftung steht dem von Holland im Jahr 1981 mitbegründeten Chaos Computer Club nahe und hat zum Ziel, sein Lebenswerk unter anderem auf den Gebieten der Technikfolgenabschätzung, der Technikgeschichte und der Informationsfreiheit fortzuführen. Konkret fördert sie den Einsatz elektronischer Medien zu Bildungszwecken sowie Veranstaltungen über die gesellschaftlichen Aspekte neuer Techniken.
Arbeit der Stiftung
Die Stiftung fördert die globale Informationsfreiheit und informationelle Selbstbestimmung mit dem Ziel, das aufklärerische Gedankengut von Wau Holland zu archivieren und fortzuführen. Die Wau Holland Stiftung fördert den weltweiten wissenschaftlichen Diskurs durch Konferenzen und die Verbreitung von wissenschaftlichen Materialien. Im Sinne der Informationsfreiheit unterstützt die Stiftung insbesondere die Verbreitung von Materialien zu wissenschaftlichen Zwecken, welche sonst der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung stehen würden, durch technische und juristische Maßnahmen.
Die Arbeit der Stiftung ist in verschiedene Projektbereiche[8] unterteilt:
- Kampagne gegen Wahlcomputer
- Anonymisierungsnetzwerke
- Dezentrale Kommunikationsnetzwerke
- Informationsfreiheit verteidigen
- Alpha-BIT-isierung
- Informationelle Selbstbestimmung
- Zivilcourage
- Freie Software
Zudem arbeitet die Stiftung, jeweils in Zusammenarbeit mit dem Chaos Computer Club an einem ein „Archiv für Neue Technikgeschichte (Hackerarchiv)“, welches die Geschichte der Szene dokumentieren soll[9][10].
Finanzierung und Vorstand
Das Finanzamt Kassel-Goethestraße hat erstmalig mit der Freistellungsbescheinigung vom 23. Januar 2004 wurde die Stiftung als gemeinnützig anerkannt. Die Arbeit der Stiftung wird durch Spenden sowie Zinsen des Stiftungskapitals finanziert und von der Stiftungsaufsicht überwacht.[11]
Gemäß der Satzung besteht der Vorstand der Stiftung aus bis zu fünf Personen, die ausschließlich ehrenamtlich arbeiten; zurzeit sind folgende Personen vertreten: Winfried Motzkus, Andy Müller-Maguhn, Bernd Fix, Klaus Schleisiek und Peter Franck.[12]
Das verzinsliche angelegte Stiftungskapital betrug 2021 ca. 62.000 €; weiterer Vermögensbestand ist eine kleinere landwirtschaftliche Fläche, die verpachtet ist.[1]
Aberkennung und Wiedererlangung der Gemeinnützigkeit
Das Finanzamt Kassel erkannte der Stiftung rückwirkend für das Jahr 2010 die Gemeinnützigkeit ab, da diese keine „ordnungsgemäße[n] Aufzeichnungen“ zum Nachweis der Überwachung der „weisungsgemäße[n] Verwendung der Mittel“ durch WikiLeaks vorlegen konnte. Ein Einspruch gegen die Entscheidung wurde vom Finanzamt Hamburg-Nord als unbegründet zurückgewiesen.[13] Ab dem Jahr 2011 wurde die Gemeinnützigkeit der Stiftung durch die Hamburger Behörde wieder anerkannt.
Im Februar 2024 hat das Finanzamt Hamburg-Nord der Stiftung die Gemeinnützigkeit für das Jahr 2020 entzogen,[14] nahm die Entscheidung jedoch im Juni 2024 abermals zurück.[15]
Projektbereich 01: Kampagne gegen Wahlcomputer
In Zusammenarbeit[16] mit dem Chaos Computer Club[17] initiierte die Stiftung eine Untersuchung und öffentliche Kampagne gegen den Einsatz elektronischer Wahlmaschinen als Reaktion auf die ES3B-Wahlcomputer der niederländischen Firma NEDAP bei den 16. Bundestagswahlen am 18. September 2005. Wie von Datenschutzforschern zusammengefasst wurde: Die NEDAP-Wahlgeräte wurden bei den Bundestagswahlen 2005 in fast 2.000 Wahlbezirken eingesetzt, was bedeutet, dass zwischen 2 und 2,5 Millionen Wähler die Geräte zur Stimmabgabe genutzt haben.[18]
Die Bedenken der Kampagne konzentrierten sich hauptsächlich auf die „Manipulierbarkeit von Wahlcomputern“. In einem Sicherheitsbericht von Rop Gonggrijp und Willem-Jan Hengeveld heißt es, dass dieser DRE (Direct Recording Electronic)-Wahlcomputer 'höchste Vertrauenswürdigkeit erfordert, da er ein offizielles Wahlergebnis liefert, das nicht unabhängig überprüft werden kann.' Darüber hinaus 'sind die von uns festgestellten Probleme auf die Designphilosophie selbst zurückzuführen, sodass wir keine schnellen Lösungen sehen, die dieses Gerät ausreichend sicher machen könnten.'[19]
Vielen dieser Wahlmaschinen wurde anschließend ihre Zertifizierung entzogen[20], und das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) entschied, dass die Bundeswahlgeräteverordnung, die den Einsatz von Wahlcomputern regelte, verfassungswidrig sei, da sie nicht sicherstelle, dass die Öffentlichkeit „ohne nähere computertechnische Kenntnisse“ verstehen könne, wie solche Maschinen funktionieren. Die Maschinen entsprachen daher nicht dem „Grundsatz der Öffentlichkeit der Wahl“ und boten nicht die Möglichkeit, „dass alle wesentlichen Schritte der Wahl öffentlicher Überprüfbarkeit unterliegen“.[21] Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ließ jedoch weiterhin die Möglichkeit offen, dass Wahlcomputer bei künftigen Wahlen eingesetzt werden können, sofern „die verfassungsrechtlich gebotene Möglichkeit einer zuverlässigen Richtigkeitskontrolle gesichert ist“.[22]
Projektbereich 02: Anonymisierungsnetzwerke
Die Wau Holland Stiftung unterstützt verschiedene Projekte, die Internetnutzern die anonyme Nutzung von Internetdiensten ermöglicht. Dadurch sollen die Nutzer ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahrnehmen können.[23]
Katzenpost
Katzenpost[24][25] ist ein freies Softwareprojekt, das Bibliotheken für Mix-Netzwerk-Protokolle entwickelt. Ein Mix-Netzwerk ist ein sicheres und anonymes Kommunikationssystem, selbst wenn der Netzwerkverkehr abgehört wird. Die Wau Holland Stiftung unterstützt die Entwicklung des Projekts[26].
Projektbereich 05: Alpha-BIT-isierung (Medien- und Technikbildung)
Um Kinder und Jugendliche auf die Auswirkungen der Technologie auf die Gesellschaft vorzubereiten, war Wau Holland Mitbegründer[27] der CCC-Jugendbildungsinitiative[28] Chaos Macht Schule, deren Aktivitäten von lokalen Ortsgruppen des Clubs organisiert werden können.[29][30] Themen sind Schulungen zu den Gefahren des Internets, sozialen Netzwerken, Urheberrecht, Datenschutz und mehr.
Die Wau-Holland-Stiftung finanziert diverse Initiativen, die sich der Medien- und Technikbildung verschrieben haben. Beispiele sind:
- Lötworkshops und praktische Elektronik-Hacking-Kurse für Kinder und Erwachsene durch die Veranstaltung Datenspuren[31];
- einen Python-Anfängerkurs für „Frauen, intersex, nonbinary, trans und agender Personen“ an, beworben im Juli u. a. durch die intersektionale feministische Hackergruppe[32] Haecksen;
- sogenannte Löt-Tour vom Dresdner Musiker und Medienkünstler Alwin Weber, die in Hamburg, Lübeck, Schwerin, Rostock und Stralsund im Sommer 2025 Station gemacht hat;
- Lötstation[33] beim Schalt Kreis Symposiums[34] im Sommer 2025, geleitet von Planraum[35] und blinkyparts[36];
- "Linux von Anfang an"[37], ein Online-Kurs, der in 12 Terminen Grundlagen zu Linux vermittelt, ohne dass Vorkenntnisse notwendig sind.
Seit 2025 unterstützt die Wau Holland Stiftung das Projekt 'Chaotischer Catalysator Stipendium'[38], die jedes Semester vier Masterarbeiten mit 1.500,00 € unterstützt. Ziel des Chaotischer Catalysator Stipendiums ist, die Forschung zu Technologien mit gesellschaftlichem Weitblick, sowie das Nutzen von offenen Daten zu fördern und die Ergebnisse selbst ohne Zugangsbeschränkung zu veröffentlichen.
Projektbereich 06: Informationelle Selbstbestimmung
Kampagne zum Schutz genetischer Daten
Im Projektbereich Informationellen Selbstbestimmung hat die Stiftung die gemeinnützige Organisation Gen-ethische Netzwerk e.V. (GeN) bei der Erstellung einer öffentlichen Beratungsbroschüre[39][40] zum Thema des polizeilichen Zugriff auf DNA-Daten[41] in den Jahren 2019 und 2020 unterstützt. In ihrem Jahresbericht 2021 schreibt Gen-ethische Netzwerk e.V. (GeN): „Des Weiteren stand für das GeN 2021 die Ausweitung der Analysebefugnisse von DNA-Spuren durch die Polizei in der Schweiz im Fokus. Und wir nahmen den Umgang mit Minderheiten in forensischen DNA-Datenbanken in den Blick.“[42] GeN unterstützt das Argument, dass „die Verwendung von DNA durch staatliche Behörden... jedoch gravierende Eingriffe in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung von immer mehr Menschen" bedeute.“[43]
Projektbereich 08: Freie Software
Die Stiftung hat verschiedene Freie-Software-Projekte finanziell unterstützt und/oder sammelt Spenden für diese, darunter die Desktop-Umgebung GNOME[44], GnuPG[45], die p≡p-Stiftung[46] (auch bekannt als Sequoia-PGP), das Katzenpost-Mixnet-Protokoll[47][48] und Betreiber von Tor-Netzwerk-Relays/Servern.[49][50] Auch die Stiftung hat Veranstaltungen/Treffen für Entwickler freier Software gesponsert, bei denen diese sich treffen und zusammenarbeiten können, wie beispielsweise die Decentralized Internet Federation Fusion (DIFF).[51]
Projektbereich 07: Zivilcourage
Als Teil ihres Engagements für Zivilcourage, Informationsfreiheit und Transparenz hat die Stiftung von „verfolgten Whistleblowern, Journalisten und (politischen) Hacktivisten zugeführt.“[52] Sie hat die Versuche der deutschen Regierung kritisiert[53], die Online-Plattform FragDenStaat der Open Knowledge Foundation zu zensieren.[54]
In Bezug auf Whistleblower hat die Stiftung mit verschiedenen Unterstützungsfonds/-netzwerken in diesem Bereich zusammengearbeitet, insbesondere mit der Courage Foundation. Seit 2024 ist die Stiftung neben der Reva and David Logan Foundation und anderen auch Gründungsorganisation, Vorstandsmitglied und Hauptförderer des in Berlin gemeinnützigen Whistleblower Network (WBN), das für die Vergabe des Ellsberg Whistleblower Award verantwortlich ist.[55][56][57][58]
Verbindung zu WikiLeaks
Des Weiteren nimmt die Stiftung in Europa Spenden für die Unterstützung der Website WikiLeaks an.[59] Ab dem 3. Dezember 2010 wurde das PayPal-Konto der Wau Holland Stiftung wegen „illegaler Aktivitäten“ von PayPal gesperrt.[60][61] Die Stiftung hatte damit zeitweilig keinen Zugriff auf verbleibende rund 10.000 Euro und kündigte am 7. Dezember rechtliche Schritte gegen PayPal an. PayPal gewährte kurz danach wieder den Zugriff auf die verbliebenen Spenden und wurde später auch wieder als Spendenmöglichkeit auf der Webseite der Stiftung angeboten.[62][63] Für das Jahr 2010 wurden Spenden in Höhe von 1,33 Millionen Euro an WikiLeaks weitergeleitet, im Jahr 2011 waren es 660.523 Euro.
Verbindung zum Fall Julian Assange
Nach eigenen Angaben wendete die Stiftung insgesamt 16 Millionen Euro für Anwaltskosten und Kampagnen aus, die zur Freilassung Julian Assanges beitrugen. Auch war die Stiftung in die Organisation der Ausreise Assanges nach Australien involviert.[64]
Weblinks
- Wau Holland Stiftung
- Hackerarchiv: Auswahl dokumentarischer Presseberichte