Die Weisheit der Vielen

Buch von James Surowiecki From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Weisheit der Vielen – weshalb Gruppen klüger sind als Einzelne (englischer Originaltitel: The Wisdom of Crowds. Why the Many Are Smarter than the Few and How Collective Wisdom Shapes Business, Economies, Societies and Nations) ist der Titel eines Buchs von James Surowiecki, das 2004 erschienen ist. Er argumentiert darin, dass die Kumulation von Informationen in Gruppen zu gemeinsamen Gruppenentscheidungen führen, die oft besser sind als Lösungsansätze einzelner Teilnehmer (sogenannte kollektive Intelligenz).

Inhalt

Das Buch präsentiert zahlreiche Fallstudien und Anekdoten, um seine Argumentation zu illustrieren. Dabei werden viele Fachgebiete berührt, hauptsächlich aber die Ökonomie und die Psychologie.

Die einleitende Geschichte erzählt von Francis Galtons Überraschung, dass Besucher der westenglischen Nutztiermesse 1906 im Rahmen eines Gewinnspiels das Schlachtgewicht eines Rindes äußerst genau schätzten, wenn man als Schätzwert der Gruppe den Median aller 787 Schätzungen annahm. (Der Mittelwert der Einzelschätzungen stimmte sogar exakt und war damit besser als die jedes einzelnen Teilnehmers, darunter manches Experten, wie z. B. Metzger.)

Das Buch bezieht sich auf unterschiedliche Gruppen unabhängig entscheidender Personen, nicht auf Phänomene der Massenpsychologie. Er zieht Parallelen zu statistischen Auswahlverfahren, wonach eine unterschiedliche Gruppe individuell entscheidender Menschen eher die Gesamtheit aller möglichen Ausgänge eines Ereignisses repräsentieren kann und damit in der Lage ist, bessere Voraussagen für die Zukunft zu treffen.

Der englische Titel des Buches ist eine Anspielung auf Charles Mackays Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds, welches 1841 veröffentlicht wurde.

Typen der Weisheit der Vielen

Surowiecki unterteilt Entscheidungen in drei Hauptgruppen auf, die er als Problemfelder klassifiziert:

  • Kognition: Dieses Problemfeld umfasst Entscheidungen, bei denen es eine konkrete Lösung gibt, die durch den Einsatz der kognitiven Fähigkeiten erkannt werden kann. Surowiecki argumentiert, dass dies einer Gruppe viel genauer, schneller und unabhängiger von politischen Kräften gelingen könne als Experten oder Expertengruppen.
  • Koordination: Koordination von Verhalten enthält die Optimierung der Nutzung eines Restaurants oder unfallfrei zu fahren. Das Buch enthält viele Beispiele aus der experimentellen Ökonomie, dieser Abschnitt beruht aber mehr auf natürlich vorkommenden Phänomenen, wie Fußgänger, die die Gehweg-Benutzung optimieren oder die Auslastung populärer Restaurants. Er untersucht, wie geteilte Überzeugungen/Normen innerhalb einer Kultur erstaunlich genaue Voraussagen über die Reaktionen anderer Mitglieder dieser Kultur erlauben.
  • Kooperation: Wie Gruppen von Menschen ein Vertrauensnetzwerk aufbauen können, ohne dafür eine zentrale Kontrolle über ihr Verhalten oder eine direkte Durchsetzung der Regeln zu benötigen. Dieser Abschnitt spricht sich besonders für einen freien Markt aus.

Bedingungen für die Weisheit der Vielen

Nicht alle Gruppen sind weise. Beispiele für solche Überlegungen sind zum Beispiel aufgebrachte Menschenmengen oder Investoren an der Börse nach einem Börsenboom oder -crash. Untersuchungen sind dahingehend nötig, um mehr Beispiele für fehlerhafte Gruppenintelligenz aufzudecken und zu vermeiden. Dennoch ist es möglich, Schlüsselkriterien zu definieren, die eine weise Gruppe von einer irrationalen Gruppe unterscheiden.

  1. Meinungsvielfalt: Jeder Mensch besitzt unterschiedliche Informationen über einen Sachverhalt, so dass es immer zu individuellen Interpretationen eines Sachverhaltes kommen kann.
  2. Unabhängigkeit: Die Meinung des Einzelnen ist nicht festgelegt durch die Ansicht der Gruppe.
  3. Dezentralisierung: Hier steht die Spezialisierung im Mittelpunkt des Fokus, um das Wissen des Einzelnen anzuwenden.
  4. Aggregation: Es sind Mechanismen vorhanden, um aus Einzelmeinungen eine Gruppenmeinung zu bilden.

Will Hutton fasste die wichtigsten Bedingungen 2005 in einem Kommentar zusammen:[1]

To be wise, though, the crowd's judgment has to include everyone's - the expert, the stupid, the allegedly commonsensical, the wild, the analytic, the hunch. It's by comprehending the universe of possible outcomes in all their diversity and then averaging them that the wisdom emerges.

Übersetzt mit deepL:

Um jedoch weise zu sein, muss das Urteil der Masse die Meinungen aller einbeziehen – die der Experten, der Dummen, der angeblich Vernünftigen, der Unberechenbaren, der Analytiker und derjenigen, die sich auf ihre Intuition verlassen. Erst wenn man das gesamte Spektrum möglicher Ergebnisse in seiner ganzen Vielfalt erfasst und dann den Durchschnitt daraus bildet, entsteht Weisheit.

Fehler kollektiver Intelligenz

Surowiecki untersuchte Situationen, in denen Gruppen schlechte Entscheidungen getroffen hatten, und begründete das damit, dass in diesen Situationen das Wissen oder die Zusammenarbeit fehlerhaft gewesen seien. Das geschah seiner Ansicht nach vor allem dann, wenn die Gruppenmitglieder zu sehr auf die Ansichten einzelner hörten, statt sich selbst ein Bild über die Situation zu machen und zu differenzieren. Verschiedene Experimente hätten ergeben, dass der Hauptgrund für systematische Fehlentscheidungen einer Gruppe die intellektuelle Konformität der Gruppe sei.

Wenn eine Führungskraft die Gruppe dominiere, führe das, so Surowiecki, dazu, dass die persönlichen Wahlmöglichkeiten und die Möglichkeit der einzelnen, sich selbst zu informieren, verloren gingen. In solchen Fällen könne die Zusammenarbeit in der Gruppe nicht besser ausfallen und falle oft eher schlechter aus als die Entscheidungen des klügsten Mitglieds.

Will Hutton fasste 2005 zusammen: Probleme entstehen, wenn Einzelpersonen ihre ersten Gedanken und Reaktionen an das anpassen, von dem sie glauben, dass andere es denken. Börsenblasen als klassische Beispiele für kollektive Irrationalität entstehen etwa nach John Maynard Keynes, weil Börsenspekulanten versuchen, die Gedanken der Masse der anderen Anleger zu erraten.[1]

Surowiecki führte detaillierte Fallbeispiele für Fehlentscheidungen an:

  1. Zentralismus: Das Unglück der Weltraumfähre Columbia, das er auf die bürokratische Hierarchie des NASA-Managements zurückführte, das nichts von den Warnungen der Ingenieure gewusst haben wollte.
  2. Geteilte Gebiete: Die US-amerikanischen Geheimdienste hätten die Terroranschläge des 11. September 2001 nicht verhindern können, da Informationen von Unterbehörden nicht an andere Stellen weitergeleitet wurden. Laut Surowiecki arbeiten Gruppen von Ermittlern am besten, wenn sie sich ihr Arbeitsgebiet selbst aussuchen und sich die Mitglieder die benötigten Informationen selbst besorgen. Als positives Gegenbeispiel führte Surowiecki die Isolierung des SARS-Virus an, die auf einem freien Fluss aller Informationen beruht habe.
  3. Informationskaskaden: Wenn die vorausgegangenen Entscheidungen anderer sichtbar seien, führe das dazu, dass nur die ersten Entscheider unabhängig urteilten, während viele spätere Entscheider dazu neigten, die vorausgegangenen Entscheidungen zu kopieren. Dadurch könne die gesamte Gruppe in die Irre gehen.

Verlust der Unabhängigkeit in der Gruppe

Surowiecki sprach im Zusammenhang von unabhängigen Individuen und weisen Gruppen davon, dass manche Individuen zu sehr eingebunden sein könnten („zu gut integriert“ seien).

Er beschäftigte sich mit der Frage, wie ein Individuum seine Unabhängigkeit in Interaktionen behält, ohne ein gewisses Maß an Daten zu verarbeiten, was sich als Schlüsselfaktor der Gruppenintelligenz herausstellt.

Er antwortet folgendermaßen:

  • Halte lockere Verbindungen.
  • Versuche, so viele Informationen wie möglich zu beziehen.

Tim O’Reilly[2] und andere diskutieren den Erfolg von Google, Wikis, Blogging und Web 2.0 im Zusammenhang mit der Weisheit der Vielen.

Experimente

Nur einige wenige experimentelle Versuche wurden unternommen, um zu erforschen, wie kollektive Weisheit entsteht. Einer dieser Versuche ist ein sogenannter Poll- oder Voting Server namens Opinion Republic[3]. Hier sammeln Marktforscher nach dem Multiple Choice-Prinzip Meinungen zu Äußerungen zu einem jeweiligen Themenkomplex und werten diese aus. Mit dem normalerweise auch passive Nutzer also sogenannte „Lurker“ aktivierenden Mechanismus des Votings kommt jeweils eine recht hohe Zahl von Meinungen zustande, die nach dem Gesetz der großen Zahlen zunehmend an Güte und damit an Aussagekraft gewinnt. Leider ist hier im Gegensatz zu anderen Stimmabgaben negativ anzumerken, dass jeder Nutzer vor seiner Abstimmung bereits die bis dato erzielten Resultate sieht, was die Unabhängigkeit seines Urteils gefährdet. Diese aber wären neben einer hohen Vielfalt der Perspektiven und Ansichten (Streubreite) erforderlich, wenn intelligente Lösungsvorschläge entstehen sollen.

Am 20. Januar 2008 moderierte Günther Jauch eine interaktive, direktübertragene Fernsehsendung mit dem Titel Die Weisheit der Vielen. In dieser Sendung sollte die Frage geklärt werden, ob ein einzelner Experte klüger ist als die Gesamtheit der Zuschauer. Verschiedene Prominente wurden als Experten zu einem Themengebiet präsentiert und mussten aus diesem Wissens- oder Schätzfragen beantworten, während die Zuschauer telefonisch über die gleiche Frage abstimmten. Am Ende der Sendung war das Ergebnis zwischen Experten und Zuschauern ausgeglichen.[4][5]

Anwendung in der Praxis

Zahlreiche Methoden und Anwendungen nutzen das oder basieren gar auf dem Prinzip, das Surowiecki in seinem Buch beschreibt. Im Verständnis der kollektiven Intelligenz mündet das Prinzip „Die Weisheit der Vielen“ in eine konsensbasierte Entscheidungsfindung. Das Internet beschleunigt diesen Prozess und ist selbst ein Medium zur Umsetzung des Prinzips: Dezentrales Wissen von verschiedenen Menschen wird zum Beispiel durch Foren oder Blogs koordiniert. Crowdsourcing ist ein gutes Beispiel, wie das Prinzip in der Anwendung im Medium Internet nutzbar gemacht wird. Durch online gestellte Fragen kann die „crowd“, also die User-Gemeinschaft, gemeinsam Entscheidungen treffen. Das Prinzip „Die Weisheit der Vielen“ findet ebenfalls in der Wirtschaft Einsatz. So macht sich die Methode Social Forecasting dieses Prinzip zu Nutze und baut darauf auf. Die gestellten Rahmenbedingungen durch Social Forecasting sorgen dafür, dass das Prinzip nutzeneffektiv eingesetzt werden kann, um beispielsweise Produkte- oder Ideen zu bewerten.

Siehe auch

Ausgaben

  • James Surowiecki: The wisdom of crowds. Why the many are smarter than the few and how collective wisdom shapes business, economies, societies and nations. Little, Brown, London 2004, ISBN 0-316-86173-1.
  • James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. Die Weisheit der Vielen, warum Gruppen klüger sind als Einzelne und wie wir das kollektive Wissen für unser wirtschaftliches, soziales und politisches Handeln nützen können (Originaltitel: The wisdom of crowds, übersetzt von Gerhard Beckmann), Bertelsmann, München, 2005, ISBN 3-570-00687-5; Heyne Taschenbuch, München 2007, ISBN 978-3-442-15446-3.

Literatur

  • Gerald S. Lee: Crowds. A Moving-Picture of Democracy. Doubleday, Page, Garden City 1913.[6]
  • Johannes-Paul Fladerer, Ernst Kurzmann: The Wisdom of the Many: How to create Self-Organisation and how to use Collective Intelligence in Companies and in Society From Management to ManagemANT. BoD, Norderstedt 2019, ISBN 978-3750422421.
  • Angelika Karger: Wissensmanagement und „Swarm intelligence“. Wissenschaftstheoretische und kognitionsphilosophische Perspektiven. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Die Zukunft des Wissens. Workshopbeiträge, XVIII. Deutscher Kongress für Philosophie. Universitäts-Verlag Konstanz, Konstanz 1999, ISBN 3-87940-697-9, S. 1288–1296.

Einzelnachweise

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