Zeitfreiwilligenverband
Hilfstruppen in der Weimarer Republik
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Zeitfreiwilligenverbände waren Hilfstruppen aus kriegserfahrenen und unausgebildeten Freiwilligen zur Sicherung der jungen Weimarer Republik.
Geschichte
Anfang 1919 fehlten dem Deutschen Reich wirksame Machtinstrumente. Das Deutsche Heer war aufgelöst worden. Der Reichswehrminister Gustav Noske wurde mit der Aufstellung einer neuen Armee beauftragt. Da es keine Wehrpflicht mehr gab und sie von den erwarteten Friedensverträgen nicht zugelassen würden, musste Noske zu provisorischen Maßnahmen greifen, um wieder eine funktionsfähige bewaffnete Macht zu schaffen und innere und äußere Bedrohungen der Republik abzuwehren. Ermöglichen sollten das sog. Zeitfreiwillige, die bis zum 1. Oktober 1919 für nur jeweils drei Monate eingezogen werden sollten. Die Reichsregierung rief besonders die Studenten auf, sich zu einem Zeitfreiwilligenverband zu melden. Nach Noskes Worten sollten sie in den Einheiten als „moralische Korsettstangen“ fungieren. Die aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrten Studenten – oft junge Offiziere – waren zurückhaltend; denn sie wollten ihr Studium fortsetzen und beenden. Trotzdem meldeten sich viele als Zeitfreiwillige bei den örtlichen Truppenteilen. Für die neue Republik hegten sie nur geringe Sympathien. Es ging ihnen um die Erhaltung des Staates an sich.
Württemberg

Auf Wunsch der Eberhard Karls Universität Tübingen, der Technischen Hochschule Stuttgart und der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim stellten Paul Hahn, Eberhard Wildermuth und Otto Keinert 1919/21 Sicherheitskompanien und Studentenbataillone auf.[1] Eingesetzt wurden sie in Stuttgart zur Abwehr spartakistischer Kampfgruppen „in ungezählten Stoßpatrouillen, bei Alarmen und Absperrmaßnahmen, bis zur Durchführung der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung (19. Januar 1919) wie zur Wahl zur Verfassunggebenden Landesversammlung am 12. Januar 1919, und damit die Voraussetzungen verfassungsmäßiger Neuordnung gesichert waren“.[2] Später gab es weitere Einsätze bei Unruhen in Esslingen am Neckar und Stuttgart und im April 1919 bei der Befreiung Augsburgs und Münchens vom Rätekommunismus.[3] Ein Einsatz der Stuttgarter Studentenkompanie erfolgte bei den Aufständen in Oberschlesien. Erst Ende 1920 war die Gefahr eines Bürgerkrieges gebannt.[4]
Leipzig
Als General Georg Maercker im Mai 1919 Leipzig im Sinne der Reichsregierung von den Spartakisten gesäubert hatte, rief er zur Aufrechterhaltung der Ordnung die Studenten auf.[5] Sie gründeten daraufhin das „Zeitfreiwilligenregiment Leipzig“. Es zählte rund 4000 Mann zu vier Bataillonen mit jeweils vier Kompanien.[6] Den Kern des Regiments bildeten die im örtlichen Waffenring vereinigten schlagenden Verbindungen. Am Kragen der Uniform trugen die Zeitfreiwilligen das Lindenblatt, das Zeichen Leipzigs. Zum erfolgreichen Einsatz kamen sie im März 1920 gegen 15.000 Spartakisten, die die Macht in Leipzig anlässlich des Kapp-Putsches an sich reißen wollten, wie es in einer Darstellung von Otto Friedberg, der selbst in dem Zeitfreiwilligenregiment war, heißt.[7] In den Kämpfen in Leipzig seit März 1920 sind unter den gefallenen Zeitfreiwilligen zwei Studenten der Universität Leipzig sicher als solche auszumachen.[8][9] Das waren Karl Ernst Siebers von der Landsmannschaft Grimensia Leipzig und Karl Köhler von der Turnerschaft Variscia Leipzig.[10] Die Ereignisse des Kapp-Lüttwitz-Putsches waren laut Siegfried Hoyer direkt mit der Universität Leipzig und ihren Studenten verbunden und nahmen in der Stadt einen besonders dramatischen Lauf und forderten insgesamt durch die Kämpfe in der Endphase etwa 150 Tote.[11] Die Kräftesituation in Leipzig fasste Hoyer so zusammen: Die Nachricht vom Sturz der Regierung in Berlin erreichte bald Leipzig. Der örtliche Reichswehrbefehlshaber, Senfft von Pilsach, stand auf Seiten der Republik, verfügte aber kaum über Soldaten. Eine Sicherheitspolizei zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung war nicht einsatzfähig. Deshalb mobilisierte Senfft von Pilsach das Zeitfreiwilligenregiment, dem zahlreiche Studenten angehörten. Es sammelte sich auf der Rennbahn, besetzte wichtige Punkte in der Innenstadt und riegelte diese nach außen ab. Die große Mehrheit in der dieser Truppe hegte keine Sympathien für "die Linken" und stand dem sozialen Anliegen der Arbeiterschaft völlig verständnislos gegenüber. Die Antipathie war gegenseitig. Die Zeitfreiwilligen wollten die Staatsmacht schützen, ob unter allen Umständen auch die gegenwärtige Republik war fraglich. Deshalb waren sie nicht a priori auf Seiten der Putschisten.[12] Bei den Aktionen in der Stadt Leipzig mit dem Ziel die Ordnung wiederherzustellen, schossen die Zeitfreiwilligen sicher auch über das Ziel hinaus. Zu den wohl überflüssigen Aktionen zur Wiederherstellung der Ordnung durch die Reichswehr dürfte der Sturm auf das Volkshaus in der Zeitzer Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße), zählen, welches dabei in Brand geriet.[13] Insgesamt herrschte Bürgerkrieg in Leipzig.[14]
Am 2. Dezember 1934 wurde im Palmengarten in Leipzig ein Kriegerverein „Ehemaliges Zeitfreiwilligen-Regiment Leipzig“ gegründet, das sich dem Kyffhäuserbund anschloss.[15]
Halle
Die Novemberrevolution kam am 7. November 1918 nach Halle (Saale). Die Stadt wurde schnell zur Hochburg der USPD und von dem halleschen Arbeiter- und Soldatenrat regiert.[16] Anfang März rückte dagegen das Freikorps Maercker mit dem Ziel der Niederschlagung des Rätesystems und der Streikbewegung in der Saalestadt ein.[17] Bei den Auseinandersetzungen zwischen revolutionären Kräften, Arbeiter, Soldaten und Bürgerschaft kamen in den folgenden Tagen 36 Menschen ums Leben. Daneben kam es auch zu Plünderungen und zwischenzeitlichen Unruhen.[18] Mit dem Matrosen Karl Meseberg wurde ein prominentes Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates von studentischen Freikorps-Mitgliedern ermordet.[19] Auf der Seite der Freikorps ist Oberstleutnant Robert von Klüber als Verlust zu nennen, der bei einem Gang in die Stadt von einer aufgebrachten Menge in die Saale geworfen, angeschossen und geschlagen wurde, woraufhin er mutmaßlich aufgrund seiner Verletzungen im Mühlgraben ertrank.[20]

Studentische Unterstützung für das Freikorps
Kurz nach dem Beginn des Einsatzes in Halle ersuchte das Freikorps Maercker die Unterstützung der Studentenverbindungen in Halle, woraufhin sich zahlreiche Angehörigen der unterschiedlichen Korporationen meldeten und den Verband der Zeitfreiwilligen bildeten. Der Anteil nichtkorporierter Studenten blieb sehr gering. Die so aufgestellten Zeitfreiwilligen beteiligten sich bei der Besetzung und Sicherung der Stadt. 1921 wurde auf dem Gertraudenfriedhof ein Denkmal für die Zeitfreiwilligen errichtet, welches bis heute in veränderter Form existiert. Zeitgenössische Kritik an den (studentischen) Milieus kam unter anderem von dem Hallenser Studenten und Juristen Ernst Ottwalt.[21]
Göttingen
Von eher provinzieller Bedeutung war die Kompanie in Göttingen. Sie bestand aus drei Zügen:
- Bremensia, Saxonia, Hannovera
- Brunsviga, Hercynia, Hildeso-Guestphalia, Teutonia
- Lunaburgia, VDSt, Mathematischer Verein
Im Rathaus von Heiligenstadt hatten die Zeitfreiwilligen Maschinengewehre zu bewachen, die (zufällig) am Tage des Kapp-Putsches eingetroffen waren. Sie befreiten den Landrat Fritz von Christen, machten 80 Gefangene und erbeuteten 500 Infanteriegewehre und einige Maschinengewehre. Zu den Göttinger Zeitfreiwilligen gehörten Werner Kyrieleis, Rudolf Diederichs, Hans Adler und Herbert Nöhring.[22]
Siehe auch
Literatur
- Aribert Schwenke: Zeitfreiwilligen-Verbände und Hallenser SC während der Unruhen in den Jahren 1919–21. Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 31 (1986), S. 47–72.
- nach Robert Paschke: Zeitfreiwilligenverband, in: Friedhelm Golücke: Studentenwörterbuch. Student und Hochschule von A bis Z, 5., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage in vier Bänden, herausgegeben im Auftrag der Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte und des Instituts für Deutsche Studentengeschichte. Essen 2018, ISBN 978-3-939413-68-4, Bd. 4, S. 560f.
- Horst-Ulrich Textor: Freiberger Corpsstudenten im Einsatz als Zeitfreiwillige 1919–1924. Einst und Jetzt, Bd. 65 (2020), S. 169–200.
- Bernhard Schroeter: Als die Republik die Studenten verlor. Studenten im Freikorpseinsatz von der Novemberrevolution bis zur Unterzeichnung des Versailler Vertrages, Norderstedt 2025, Dissertation TU Chemnitz, ISBN 978-3-7693-5242-9.
- Hagen Schulze: Freikorps und Republik 1918–1920, Boppard am Rhein 1969.
- Erwin Könnemann: Einwohnerwehren und Zeitfreiwilligenverbände. Ihre Funktion beim Aufbau eines neuen imperialistischen Militärsystems (November 1918 bis 1920). Deutscher Militärverlag, Berlin 1971.