Zweitschrifterwerb

Erwerb der lateinischen Alphabetschrift als Zweitschrift From Wikipedia, the free encyclopedia

Unter Zweitschrifterwerb ist der Erwerb der lateinischen Alphabetschrift zu verstehen, wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene dieses Schriftsystem erlernen, nachdem sie bereits zuvor in einem anderen Schriftsystem lesen und schreiben gelernt haben.

Abgrenzung

Menschen, die zuvor ein anderes Schriftsystem erworben haben und beherrschen, sind keine Analphabeten, denn sie können bereits in ihrer Muttersprache lesen und schreiben. Das kann Kyrillisch, Arabisch oder Griechisch sein, aber auch eine Logogrammschrift oder eine Silbenschrift. Hinzu kommen Mischtypen wie z. B. bei der japanischen Schrift.

Voraussetzungen

Zum Beherrschen der lateinischen Alphabetschrift als Zweitschrift müssen Zweitschrifterwerber wissen, was Schrift ist, was sie leistet, und dass sie im Deutschen in einer Beziehung zur gesprochenen Sprache steht. Sie benötigen das Verständnis für den Aufbau einer Alphabetschrift, bei der nicht Inhalte, wie bei einer Logogrammschrift, sondern Laute durch Buchstaben (Symbole) wiedergegeben werden. Entscheidend für den Verlauf des Zweitschrifterwerbsprozesses sind vorhandene oder nicht vorhandene Sprachkenntnisse. Wer die Bedeutung der Wörter nicht kennt, die er schreiben will, kann im Deutschen lediglich phonographisch schreiben, was mit Blick auf die orthographische Korrektheit nur auf eine begrenzte Anzahl von Wörtern zutrifft. Anders als bei einer Konsonantenschrift (z. B. Arabisch) werden in der lateinischen Alphabetschrift nicht nur die Konsonanten geschrieben, sondern auch die Vokale, zudem ist die Schriftrichtung von links nach rechts. Bei einer mit der lateinischen Schrift nicht direkt vergleichbaren Alphabetschrift (z. B. Griechisch oder Kyrillisch) müssen die Zweitschrifterwerber neue Graphemformen lernen. Wer bereits eine mit der lateinischen Schrift verwandte Alphabetschrift beherrscht (z. B. Vietnamesisch), muss weitere Grapheme und diakritische Zeichen lernen und sie mit den entsprechenden Phonemen verbinden können. Und auch wer die lateinische Schrift schon beherrscht, muss ggf. einige neue Graphemformen (z. B.: ä, ü, ö, ß) lernen. Schriftelemente müssen darüber hinaus in unterschiedlichen Umgebungen visuell erfasst werden und graphomotorisch wiedergegeben werden können.

Wer Deutsch als Zweitschrift erwirbt, muss auch lernen, dass manche Laute (Phoneme), z. B. [ɪç] in „ich“ oder [ʃøːn] in „schön“, mit mehreren Buchstaben (Graphemen) geschrieben werden. Ebenso werden einige Phoneme durch unterschiedliche Grapheme realisiert, wie [ɛf] in [ˈfaːtɐ] „Vater“ als <V> oder [ɛf] in [ˈfaːɐ̯ˌʁaːt] „Fahrrad“ als <F>. Zudem müssen Zweitschrifterwerber die Formen und Größen der Buchstaben verstehen, Groß- und Kleinbuchstaben unterscheiden sowie die Logik der Groß- und Kleinschreibung, ein Kernthema der Orthographie, nachvollziehen können.

Erstschrifterwerb vs. Zweitschrifterwerb

Einige Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede bestehen zwischen Erst- und Zweitschrifterwerb. Erstschrifterwerb bei Kindern, die die deutsche Sprache beherrschen, basiert im Normalfall auf einem weitgehend altersgerechten Wortschatz. Sie kennen die Phoneme sowie den Wort- und Satzakzent und können Wörtern, Sätzen und Texten Bedeutung beimessen. Ihre implizite Grammatik ist dahingehend entwickelt, dass sie wissen, welche grammatischen Formen an einer bestimmten Stelle in einem Satz vorkommen können. Sie verstehen aufgrund ihres Weltwissens, was ein Text ist, und welche Inhalte in Texten sinnvoll sind.

Für mehrsprachige Kinder, aber auch einsprachig deutsche Kinder, die die deutsche Sprache nur wenig oder gar nicht beherrschen, und die noch in keiner Sprache alphabetisiert sind, bieten sich mehrere Alphabetisierungsmethoden an: die Alphabetisierung in ihrer Muttersprache (sofern nicht Deutsch), die Alphabetisierung in Deutsch, eine zweisprachige Alphabetisierung oder eine kontrastive Alphabetisierung.

Idealerweise werden Kinder in ihrer Erstsprache (L1) alphabetisiert. Dabei können sie auf ihre mündlich-sprachlichen Kompetenzen zurückgreifen und schriftsprachliche Kompetenzen im Umfeld ihrer Muttersprache erwerben. Im Hinblick auf mehrsprachige Kinder in deutschsprachig geprägten Schulen müssten allerdings die Lehrkräfte deren L1 beherrschen und die Lerngruppe müsste muttersprachlich homogen sein, was selten der Fall ist. In der Praxis werden mehrsprachige Kinder in Deutschland in der Zweitsprache Deutsch unterrichtet und sie müssen ihre Kompetenzen in L1 und L2 miteinander in Beziehung setzen, um erfolgreich lesen und schreiben zu lernen. Gute Deutschkenntnisse sind dabei unumgänglich. Bei einer zweisprachigen Alphabetisierung werden die Kinder parallel in ihrer L1 wie auch in Deutsch alphabetisiert. Der Vergleich zwischen L1 und L2 ist dabei mit Blick auf die Entwicklung von Sprachbewusstheit förderlich. Ihr Muttersprache wird berücksichtigt und nicht verdrängt. Da in der Regel in deutschen Grundschulen Vielsprachigkeit vorherrscht, ist das Modell nur selten umsetzbar, und auch die Anzahl mehrsprachiger Lehrkräfte ist begrenzt.

In der Praxis werden zwei- oder mehrsprachige Kinder mit Methoden der Erstalphabetisierung alphabetisiert. Das ist weitgehend unproblematisch, wenn gleichzeitig der Aufbau eines altersgerechten Wortschatzes und das Beherrschen syntaktischer Regeln und Strukturen vorangetrieben wird.

Wie auch bei Erstspracherwerbern erschwert die komplexe deutsche Orthographie mit ihren unterschiedlichen Prinzipien den Zweitschrifterwerb. Neben dem Verstehen des phonetisch/phonologischen Prinzips benötigen Schreibanfänger vor allem Wissen über das silbische, das morphologische und das grammatische Prinzip. So ergibt sich etwa die Richtigschreibung der Pluralform zu <Blatt> = <Blätter> [ˈblɛtɐ], für Lernende aus mehreren Faktoren: <bleta> würde nur die phonologischen Informationen beinhalten. Käme die silbische hinzu, schriebe man wegen der Zweisilbigkeit des Wortes: [ˈblɛt-tɐ] → <bletta>. Mithilfe der morphologischen Information schreibt es sich <blätter> wegen <Blatt>, und weil auslautendes /a/ orthographisch häufig <er> realisiert wird. Das wortübergreifende grammatische Prinzip lässt das Wort schließlich zu <Blätter> werden.

Zweitschriftkompetenz basiert auf mehreren Komponenten: dem grundsätzlichen Verständnis von Schrift und Schriftlichkeit, Einsichten in die Komplexität einer Alphabetschrift, motorischen Schreibfertigkeiten, orthographischen Kenntnissen, Lesefertigkeiten sowie einem altersgemäßen Wortschatz in der Zweitsprache Deutsch.

Literatur

  • Berkemeier, Anne: Kognitive Prozesse beim Zweitschrifterwerb. Zweitalphabetisierung griechisch-deutsch-bilingualer Kinder im Deutschen. Frankfurt u. a., 1997.
  • Jeuk, Stefan/Schäfer, Joachim: Schriftsprache erwerben. 5. aktual. Neuaufl., Berlin, 2019.
  • Schmidt, Hanna Mareike/Fay, Johanna: Lesen- und Schreibenlernen in der Fremde – Eine Übersicht nationaler und internationaler Vorgehensweisen. In: www.leseforum.ch | www.forumlecture.ch – 2/2018. https://www.leseforum.ch/sysModules/obxLeseforum/Artikel/629/2018_2_de_schmidt_fay.pdf
  • Schulte-Bunert, Ellen: Schriftspracherwerb in der Zweitsprache Deutsch. In: Michalak, Magdalena/Kuchenreuther, Michaela (Hrsg.): Grundlagen der Sprachdidaktik Deutsch als Zweitsprache. Baltmannsweiler, 2012, S. 118–142.

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