(944) Hidalgo
Asteroid
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(944) Hidalgo ist ein Asteroid aus der Gruppe der Zentauren (nach der Definition des Minor Planet Center), der am 31. Oktober 1920 vom deutschen Astronomen Walter Baade an der Hamburger Sternwarte in Bergedorf bei einer Helligkeit von 12,5 mag entdeckt wurde.
| Asteroid (944) Hidalgo | |
|---|---|
| Eigenschaften des Orbits Animation | |
| Orbittyp | Zentaur |
| Große Halbachse | 5,728 AE |
| Exzentrizität | 0,662 |
| Perihel – Aphel | 1,935 AE – 9,522 AE |
| Neigung der Bahnebene | 42,5° |
| Länge des aufsteigenden Knotens | 21,4° |
| Argument der Periapsis | 56,6° |
| Zeitpunkt des Periheldurchgangs | 16. Juli 2032 |
| Siderische Umlaufperiode | 13 a 259 d |
| Mittlere Orbitalgeschwindigkeit | 10,94 km/s |
| Physikalische Eigenschaften | |
| Mittlerer Durchmesser | 38 km |
| Albedo | 0,06 |
| Rotationsperiode | 10 h 4 min |
| Absolute Helligkeit | 10,6 mag |
| Spektralklasse (nach Tholen) |
D |
| Geschichte | |
| Entdecker | Walter Baade |
| Datum der Entdeckung | 31. Oktober 1920 |
| Vorläufige Bezeichnung | 1920 UB |
| Quelle: Wenn nicht einzeln anders angegeben, stammen die Daten vom JPL Small-Body Database. Die Zugehörigkeit zu einer Asteroidenfamilie wird automatisch aus der AstDyS-2 Datenbank ermittelt. Bitte auch den Hinweis zu Asteroidenartikeln beachten. | |
Deutsche Astronomen beobachteten am 10. September 1923 in Mexiko eine totale Sonnenfinsternis. Anschließend hatten sie eine Audienz beim Präsidenten von Mexiko Álvaro Obregón (1880–1928) und baten um Erlaubnis, den drei Jahre zuvor entdeckten Asteroiden nach Miguel Hidalgo (1753–1811) benennen zu dürfen, einem Priester, der 1810 den Aufstand ausrief, der zur Unabhängigkeit Mexikos führte. Der deutsche Astronom Richard Reinhard Emil Schorr schrieb 1924: „Zur Erinnerung an die Deutsche Sonnenfinsternis-Expedition nach Mexiko im Sommer 1923 und die ihr durch die mexikanische Regierung erwiesene gastliche Aufnahme ist unter Zustimmung des Staatspräsidenten Don Álvaro Obregón der von Dr. W. Baade am Bergedorfer Spiegelteleskop entdeckte, durch seine Bahn besonders interessante Planet 944 (1920 HZ) nach dem mexikanischen Nationalhelden Hidalgo benannt worden.“[1]
Umlaufbahn
(944) Hidalgo war der erste entdeckte Asteroid, der sich auf einer Umlaufbahn mit einer Großen Halbachse bewegt, die deutlich größer ist als diejenige des Planeten Jupiter. Erst 57 Jahre später wurde mit dem Asteroiden (2060) Chiron (benannt nach dem Kentauren Cheiron) ein weiteres solches Objekt entdeckt, woraufhin für Asteroiden mit Großen Halbachsen zwischen denen von Jupiter und Saturn vom Minor Planet Center die Bezeichnung der Zentauren verwendet wurde.

Die Bahn von (944) Hidalgo besitzt darüber hinaus noch weitere ungewöhnliche Eigenschaften: Durch eine hohe Exzentrizität von 0,66, die der von kurzperiodischen Kometen nahekommt, erstreckt sie sich vom Bereich des inneren Hauptgürtels bis über das Perihel der Saturnbahn hinaus und der Asteroid ist damit sowohl ein Jupiterbahnkreuzer als auch ein Saturnbahnstreifer. Durch eine große Bahnneigung von fast 45° gegen die Ekliptik kann jedoch keine größere Annäherung an die Saturnbahn als bis auf etwa 3,7 AE stattfinden. Da die Asteroidenbahn in der Nähe ihres absteigenden Knotens derzeit aber nur etwa 0,34 AE von der Jupiterbahn entfernt liegt (minimum orbit intersection distance, MOID), sind engere Annäherungen zwischen diesen beiden Himmelskörpern durchaus möglich. So gab es im August 1673 eine Begegnung zwischen (944) Hidalgo und Jupiter im Abstand von etwa 58 Mio. km (0,39 AE), ähnlich nahe Begegnungen wird es erst aber wieder im September 2752 bis auf etwa 64 Mio. km (0,43 AE) und im Januar 2883 bis auf etwa 51 Mio. km (0,34 AE) geben.[2]
Die Bahnstörungen durch Jupiter werden die Bahnelemente von (944) Hidalgo über längere Zeiträume merklich verändern, so wird sich bis zum Jahr 3000 die Exzentrizität beständig und teilweise sprunghaft bis auf etwa 0,72 erhöhen und im Gegenzug die Periheldistanz bis auf etwa 1,57 AE verringern. Auch die Bahnneigung wird bis dahin auf etwa 38° abnehmen. Zuverlässige Aussagen über die Entwicklung der Umlaufbahn über das 35. Jahrhundert hinaus lassen sich aber nicht treffen, da dies vom genauen Ablauf der engen Begegnung mit Jupiter im Jahr 2883 abhängt.[3]
Wissenschaftliche Auswertung
Eine Auswertung von Beobachtungen durch das japanische Weltraumteleskop AKARI im mittleren Infrarot führte 2011 für (944) Hidalgo zunächst zu Angaben für den mittleren Durchmesser und die Albedo im sichtbaren Bereich von 52,5 ± 3,6 km bzw. 0,04.[4] Eine thermische Modellierung auf der Grundlage von Daten des Weltraumteleskops Wide-Field Infrared Survey Explorer (WISE) erbrachte in einer Untersuchung von 2016 Werte für den Durchmesser und die Albedo von 61,4 ± 12,7 km bzw. 0,03.[5] Nach einer Revision der Daten von AKARI wurden 2018 Werte von 42,4 ± 8,5 km bzw. 0,07 angegeben.[6]
Spektroskopische Beobachtungen am 24. Juli 2006 im nahen und mittleren Infrarot mit dem Spitzer-Weltraumteleskop wurden mit einer thermischen Modellierung zu einer Albedo von 0,04 ausgewertet, außerdem wies das Spektrum auf das Vorhandensein von feinkörnigen Silicaten wie Fayalit und Forsterit sowie geringen Anteilen an Troilit hin.[7]
Photometrische Messungen von (944) Hidalgo fanden erstmals statt am 19. Oktober 1976 am Lowell-Observatorium in Arizona. Die über einen Zeitraum von etwa 8 Stunden aufgezeichnete Lichtkurve umfasste etwa ¾ der Rotationsperiode. Dabei wurden auch rotationsabhängige Farbveränderungen beobachtet.[8] Weitere Beobachtungen erfolgten am 24. und 25. Oktober am Blue Mesa Observatory der New Mexico State University. Die vorläufigen Ergebnisse wiesen für den Asteroiden auf eine Rotationsperiode von 10,0 h hin.[9] Am 29. und 30. Oktober gab es noch Messungen an der Catalina Station der University of Arizona, am 23. und 24. November wieder am Blue Mesa Observatory und am 21. Dezember am Steward-Observatorium auf dem Kitt Peak in Arizona. Weitere Beobachtungen wurden erst wieder bei der nächsten Perihelnähe des Asteroiden am 24. September 1990 am Mount-Lemmon-Observatorium in Arizona durchgeführt. Eine Auswertung aller Lichtkurven führte zur Bestimmung einer Rotationsperiode von 10,0630 h. Bei der Beobachtung im September 1900 wurden aber keine rotationsabhängigen Farbveränderung festgestellt.[10]
Aus archivierten Daten des Uppsala Asteroid Photometric Catalogue (UAPC) aus dem Zeitraum von 1976 bis 2004 und weiteren Beobachtungen vom 14. bis 21. Oktober 2004 konnte dann in einer Untersuchung von 2007 erstmals ein dreidimensionales Gestaltmodell des Asteroiden für eine nahe zur Ebene der Ekliptik gelegene Rotationsachse sowie eine Periode von 10,05863 h berechnet werden. Das Modell weist sehr große, flache Bereiche und eine „rechteckige“ Silhouette in Polrichtung auf, was stark auf eine nichtkonvexe Form hindeutet. Auch die scharfen Minima einiger Lichtkurven stützten die Annahme einer zweilappigen Form.[11]
Im Jahr 2016 führte die Auswertung von archivierten Lichtkurven der Lowell Photometric Database und der Beobachtungen vom Oktober 2004 wieder zur Erstellung eines dreidimensionalen Gestaltmodells des Asteroiden für eine Rotationsachse mit prograder Rotation und einer Periode von 10,05822 h.[12] Im Jahr 2023 wurde aus photometrischen Messungen von Gaia DR3 erneut ein dreidimensionales Gestaltmodell des Asteroiden für eine Rotationsachse mit prograder Rotation und einer Periode von 10,0582 h berechnet.[13]
Asteroid in kometenähnlicher Umlaufbahn (ACO) oder ruhender Komet?
Obwohl die außergewöhnliche Bahn von (944) Hidalgo ebenso wie die Spektralklasse D und die geringe Albedo bereits früh zur Vermutung Anlass gaben, dass es sich bei diesem Asteroiden um einen vorrangigen Kandidaten für einen erloschenen oder ruhenden Kometen handeln könnte,[14] hatten spektroskopische Aufnahmen vom 14. bis 21. Oktober 1976 am Lick-Observatorium in Kalifornien, als der Asteroid unter 2,4 AE Sonnenabstand hatte, zwar nicht die Emissionslinie von CN bei 388 nm gezeigt, wie sie üblicherweise bei Kometen unter 3 AE Sonnenabstand zu beobachten ist,[9] aber Aufnahmen am 18. April 1993 am La-Silla-Observatorium in Chile, die die Spektralklasse D bestätigten, lieferten ein Spektrum mit ähnlichen Eigenschaften wie einige Kometenkerne.[15]
Einen weiteren Hinweis gibt der Tisserandparameter in Bezug auf den Planeten Jupiter , der bei den meisten Asteroiden einen Wert von über 3 annimmt, während er bei kurzperiodischen Kometen der Jupiter-Familie zwischen 2 und 3 liegt. Demnach spricht ein Tisserandparameter von = 2,067 bei (944) Hidalgo stark dafür, dass es sich um einen Kometen handelt, aber ebenso wahrscheinlich dafür, dass er aus dem Kuipergürtel oder der Oortschen Wolke stammt.[16]
In einer Untersuchung von 2022 wurden erstmals die Ergebnisse polarimetrischer Untersuchungen von drei Asteroiden in kometenähnlicher Umlaufbahn (asteroids in cometary orbits, ACOs), darunter auch (944) Hidalgo, vorgestellt. Die Beobachtungen waren vom 1. September 2018 bis 22. Juli 2019 am Observatorium der Universität Hokkaidō in Japan durchgeführt worden. Danach ist es auch sehr wahrscheinlich, dass (944) Hidalgo ein ruhender Komet ist.[17]
Siehe auch
Weblinks
- (944) Hidalgo beim IAU Minor Planet Center (englisch)
- (944) Hidalgo in der Small-Body Database des Jet Propulsion Laboratory (englisch).
- (944) Hidalgo in der Datenbank der „Asteroids – Dynamic Site“ (AstDyS-2, englisch).
- (944) Hidalgo in der Database of Asteroid Models from Inversion Techniques (DAMIT, englisch).