1. Brief des Paulus an die Korinther

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Der 1. Brief des Paulus an die Korinther oder 1. Korintherbrief (altgriechisch Αʹ Ἐπιστολὴ πρὸς Κορινθίους A Epistole pros Korinthious; Abkürzung: 1 Kor, 1Kor oder IKor) ist ein Buch des Neuen Testaments der christlichen Bibel. Er wird seit dem Mittelalter in 16 Kapitel eingeteilt. Paulus behandelt darin eine Reihe von Fragen und Streitpunkten der Gemeinde in Korinth.

Papyrus 46: Ausschnitt aus dem 1. Korintherbrief (1 Kor 2,11 EU bis 1 Kor 3,5 EU)

Kein anderer Paulusbrief ist so früh und so gut bezeugt wie der 1. Korintherbrief, der den Verfassern des 1. Clemensbriefs und der Ignatiusbriefe sicher bekannt war. Dagegen lässt sich die Kenntnis des 2. Korintherbriefs in der frühchristlichen Literatur erst spät und unsicher nachweisen.[1]

Verfasser und Abfassungszeit

Als Autoren werden zu Beginn des Briefes Paulus von Tarsus und sein Begleiter Sosthenes angeführt (1 Kor 1,1 EU), der vielleicht mit dem Vorsteher der Synagoge von Korinth aus Apg 18,17 EU identisch ist. Im weiteren Verlauf redet Paulus die Gemeinde dann aber durchwegs in der Ich-Form an (beginnend mit 1 Kor 1,4 EU), so dass er als der eigentliche Verfasser des Briefes gilt. An seiner Verfasserschaft gibt es unter Theologen aktuell keinen Zweifel, nachdem sie im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter anderem durch Bruno Bauer und Rudolf Steck in Zweifel gezogen worden war.[2]

Paulus verfasste den 1. Korintherbrief vermutlich 54 n. Chr. während seiner dritten Missionsreise, in der Anfangszeit seines dreijährigen Dienstes in Ephesos.[3] Der Theologe Hans Dieter Betz denkt eher an das Jahr 55 n. Chr.[4]

Empfänger

Empfänger ist die christliche Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth, der Hauptstadt der römischen Provinz Achaea. Die Bevölkerung war multiethnisch mit einem starken römischen Anteil.[5] Paulus hatte die Stadt auf seiner zweiten Missionsreise besucht und war anderthalb Jahre geblieben (Apg 18,11 EU). In dieser Zeit, 50–51 n. Chr., entstand auch die christliche Gemeinde im Umfeld der örtlichen Synagoge (vergleiche Apg 18,1–18 EU).[6] Mit den Gemeindegliedern blieb Paulus durch Gesandtschaften der Gemeinde, vor allem aber durch Briefe in Kontakt, von denen nur der 1. Korintherbrief und die als 2. Korintherbrief zusammengefassten Schreiben erhalten sind. Nicht erhalten sind ein allererster Brief des Paulus an die Gemeinde, der in 1 Kor 7,1 EU erwähnt wird, sowie mehrere Schreiben der Gemeinde an ihn.[1] Die Gemeinde war sozial heterogen: Sie umfasste neben einer Minderheit von getauften Juden hauptsächlich Heidenchristen; die meisten Gemeindeglieder waren arm und wenig gebildet (1 Kor 1,26 EU), doch muss es auch einige Hochgebildete und Wohlhabende unter ihnen gegeben haben, wie etwa den in Apg 18,8 EU erwähnten Krispus[7] und Erastus, wenn man denn den in Röm 16,23 EU genannten mit dem inschriftlich bezeugten Stadtädil von Korinth identifiziert.[8]

Inhalt

Einleitung

Der Brief beginnt in 1 Kor 1,1-3 EU mit dem Präskript,[9] in dem der Apostel sich und Sosthenes als Verfasser nennt und die Empfänger grüßt. In einem Exordium (1 Kor 1,4-9 EU) dankt er Gott für die den Korinthern erwiesene Gnade und lobt diese für ihren Reichtum an Rhetorik, Erkenntnis und Gaben des Heiligen Geistes. Dies ist aber offenkundig nur eine Captatio Benevolentiae, denn in der sich anschließenden Narratio (1 Kor 1,10-17 EU) benennt er die in Korinth herrschende Uneinigkeit als seinen Hauptkritikpunkt an ihrem Gemeindeleben: Er habe von den „von den Leuten der Chloe“ (vielleicht Sklaven oder Freigelassene einer ansonsten unbekannten reichen Frau, die geschäftlich zwischen Korinth und Ephesus hin- und herreisten[10]) erfahren, dass sich die korinthischen Christusgläubigen zu konkurrierenden Zugehörigkeiten bekannten, nämlich zu Paulus, zu Kephas (gemeint ist der Apostel Simon Petrus), zu Apollos, einem Mitstreiter des Paulus, oder zu Christus. Die Benennung der Parteien könnte darauf zurückzuführen sein, wer die Gemeindeglieder jeweils getauft hat.[11] Da von einem Aufenthalt des Petrus in Korinth nichts bekannt ist, könnte es sich bei seiner Partei um zugezogene Judenchristen handeln. Die angebliche Christus-Partei war wohl nur eine ironische Zuspitzung des Paulus, der damit die Absurdität des Korinther Parteienwesens kennzeichnen wollte; andere Neutestamentler halten die Erwähnung für eine in den Text geratene Glosse, das heißt für die Randbemerkung eines frühen Kopisten, die von späteren Kopisten für einen Teil des Originaltexts gehalten und in den Haupttext übernommen wurde.[2]

Die Gemeinde selbst war in Hausgemeinden organisiert, die nur zu wöchentlichen oder monatlichen Versammlungen der Gesamtgemeinde zusammentrafen. Dies kann ebenfalls eine Ursache der Streitereien gewesen sein.[12] Der amerikanische Theologe Craig S. Keener vermutet, dass der eigentliche Gegensatz in der Gemeinde zwischen Anhängern des Apollos und denen des Paulus verlief,[13] zumal Apollos im 2. Korintherbrief nicht mehr vorkommt, was auf ein tieferes Zerwürfnis hindeuten könnte.[14] Angesichts dieser „faktischen Zerrissenheit“ zielt der ganze Brief, wie der Theologe Udo Schnelle zusammenfasst, auf die „in Jesus Christus begründete Einheit der Gemeinde“.[15]

Spaltungen in der Gemeinde

Gegenüber der Uneinigkeit der Gemeinde entfaltet Paulus in 1 Kor 1,8 EU1 Kor 4,21 EU eine Analyse des offenkundig nicht geringen Selbstbewusstseins der Korinther im Sinne seiner Rechtfertigungslehre:[16] Dabei stellt er das „Wort vom Kreuz“, also das Evangelium von der Errettung der Sünder durch Christi Leiden und Kreuzestod als Torheit in den Augen der Welt dar; in Wahrheit aber sei sie die „Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit“ (1 Kor 2,7 EU). Diese Weisheit, die Paulus den Korinthern, wie er betont, in schlechter Rhetorik gepredigt habe, sei ihm durch den Heiligen Geist geoffenbart worden. Sie sei allerdings nur geistlichen Menschen (πνευματικοῖ pneumatikoi) zugänglich, nicht aber natürlichen (ψυχικοῖ psychikoi): solche, ja geradezu „unmündige Kinder“ seien die Korinther aber, weshalb er ihnen nur auf einer niedrigen Verständnisstufe gepredigt habe:

„Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Auch jetzt könnt ihr’s noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich. Denn wenn Eifersucht und Zank unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich und lebt nach Menschenweise?“

1 Kor 3,2-3 EU

Insofern gelte die menschliche Weisheit, mit der einige Gemeindeglieder ihren Führungsanspruch legitimieren wollten, nichts.[17] Paulus betont, alle, die der Gemeinde gepredigt hätten, seien gleichermaßen „Gottes Mitarbeiter“ (1 Kor 3,2-3 EU), und dieser habe das Gedeihen gegeben, sodass nun niemand Grund habe, sich zu rühmen. Sich selbst bezeichnet er als den „Vater“ der Gemeinde und kündigt den Besuch seines Mitarbeiters Timotheus an. Zu einem späteren Zeitpunkt werde er auch selbst nach Korinth kommen, ob „mit dem Stock […] oder mit Liebe und sanftmütigem Geist“ (1 Kor 4,21 EU), überlässt er ihnen.[18]

Weil Paulus in dieser Passage wiederholt gegen Weisheit und Erkenntnis (γνῶσις gnosis) polemisiert, ist verschiedentlich angenommen worden, die Spaltungen in der Gemeinde in Korinth seien auf die Anwesenheit früher Gnostiker zurückzuführen. Auf diese esoterische Lehre mit gestuften Erkenntnisgraden könnte auch die Mahnung hindeuten, die Korinther seien noch unreife Psychiker, keine Pneumatiker, wofür sie sich selbst hielten.[19] Dem widerspricht unter anderen der Theologe Wolfgang Schenk, da sich die Kernelemente der gnostischen Lehre wie die Wieder-Vergöttlichung des Menschen und Christus als Inkarnation der göttlichen Weisheit im 1. Korintherbrief nicht nachweisen ließen.[20] Der Theologe Thomas Söding weist zudem darauf hin, dass eindeutig als gnostisch zu identifizierenden Texte erst viel später entstanden seien.[21]

Ein Fall von Inzest

In 1 Kor 5 EU empört sich Paulus über ein Gemeindeglied, das mit der „Frau seines Vaters“ zusammenlebt. Ob es sich dabei um seine Stiefmutter oder die ehemalige Konkubine seines Vaters handelte, bleibt unklar. Ersteres wäre auch nach römischen Recht als Inzest verboten, letzteres nur nach jüdischem Recht (Lev 18,8 EU). Die Gemeinde solle sich versammeln, wobei Paulus „im Geiste“ anwesend sein werde, um „diesen Menschen dem Satan [zu] übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird“ (1 Kor 5,5 EU). Denn für die Verurteilung der Verfehlungen von Gemeindegliedern sei die Gemeinde zuständig, „Die aber draußen sind, wird Gott richten“ (1 Kor 5,13 EU). Die Gemeinde hat nach Paulus also Exkommunikationsgewalt, doch sei damit, wie Matthias Konradt argumentiert, Gottes eschatologisches Endgericht nicht vorweggenommen.[22] Besonders stößt sich der Apostel an der liberalen Haltung einiger Gemeindeglieder gegenüber diesem Sünder: Anscheinend hielten sie „im Zuge ihres religiösen Hochgefühls und Vollendungsbewußtseins“ (Matthias Konradt) den Fall für vernachlässigenswert. Diese „Aufgeblasenheit“ tadelt der Apostel scharf.[23]

Rechtsstreitigkeiten zwischen Gemeindegliedern

In 1 Kor 6,1-12 EU moniert Paulus, dass Gemeindeglieder gegeneinander Prozesse vor weltlichen Gerichten führten. Besser wäre es gewesen, das Unrecht, das einem angetan wurde, hinzunehmen und sich übervorteilen zu lassen. Denn wer selbst Unrecht tue, werde „das Reich Gottes nicht erben“, das heißt, er komme nicht in den Himmel. Paulus schließt einen Lasterkatalog von Übeltätern an, auf die dies zutreffe: Unzüchtige, Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Habgierige, Trinker, Lästerer und Räuber. Diese Liste ist an die Zehn Gebote angelehnt; dadurch dass Paulus mit zwei Vokabeln homosexuelles Verhalten von Männern verurteilt, stellt er sich in die jüdische Tradition: Homosexualität war in der griechisch-römischen Antike wenig verpönt und wurde von Juden daher als typisch heidnische Sünde gebrandmarkt.[24] Die von Paulus benutzten Bezeichnungen μαλακοί καί ἀρσενοκοῖται malakoi kai arsenokotai deuten wohl auf passiven und aktiven Analverkehr;[25]

Fragen zur Sexualethik

In 1 Kor 7,13-20 EU geht Paulus auf Einwände ein und begründet seine Ablehnung jeglichen unzüchtigen Verhaltens, das bei einigen Gemeindegliedern anscheinend auch Besuche bei Prostituierten umfasste.[26] Dies scheinen sie mit dem Dualismus von πνεῦμα pneuma („Geist“) und σῶμα soma (Leib) gerechtfertigt zu haben: Da sie durch Christus im Geist gerechtfertigt worden seien, sei irrelevant, was mit ihrem Leib geschehe.[27] Man nimmt an, dass hier manche Aussagen am Beginn eines thematischen Abschnittes nicht die Meinung des Paulus ausdrücken, sondern er ironisch die Ansichten mancher Korinther zitiert.[28] Demnach versucht er hier, den Christusgläubigen in Korinth einen Weg „zwischen Beliebigkeit und extremen Idealen“ aufzuzeigen. Dabei führe er zuerst ein Schlagwort der jeweiligen Position an und entfalte dann Schritt für Schritt seine eigene Meinung.[29] Der jeweilige Einstieg wird in einigen Bibelübersetzungen daher in Anführungszeichen gesetzt. („Alles ist mir erlaubt“, 1 Kor 6,12 GN), oder als Frage verstanden: „Ist mir alles erlaubt?“[30] Der Theologe Ansgar Wucherpfennig glaubt dagegen, dass auch Paulus selbst die These vertrete, Christusgläubige hätten die Freiheit, alles zu tun, da sie durch den Glauben gerecht geworden seien, auch wenn er die Folgerungen, die die Korinther daraus zogen, nicht teile.[31] Gegen den korinthischen Libertinismus betont er, die Leiber der Gläubigen seien „Glieder Christi“ und „Tempel des Heiligen Geistes“. Weil Mann und Frau beim Geschlechtsverkehr nach Gen 2,24 EU „ein Fleisch“ würden, versündige man sich beim Besuch einer Prostituierten. Den Gläubigen gehöre ihr Leib somit nicht mehr selber, sondern Gott, der sie erkauft habe: „Macht ihm also Ehre an eurem Leib!“ (1 Kor 6,20 EU)[32]

In 1 Kor 7 EU beantwortet Paulus Fragen der Gemeindeglieder zum Thema Ehe. Er befürwortet Ehelosigkeit, wie er selber sie auch lebte. Um nicht vom Satan zur Sünde verführt zu werden, solle man aber heiraten, wenn man den Verzicht auf Sexualität nicht durchhalten könne; dabei betont er in 1 Kor 7,4 EU in der Ehe hätten beide Geschlechter gleichermaßen Verfügungsgewalt über den Körper des anderen. Ehescheidung sei verboten, außer im Fall von Mischehen zwischen Christusgläubigen und Ungläubigen; grundsätzlich sollten sie aber aufrechterhalten werden. Wegen der bevorstehenden Trübsal der Endzeit,[33] rät Paulus, die aktuellen Lebensumstände beizubehalten: Junge Leute und Witwen sollten nicht heiraten, Sklaven sich nicht um Freilassung bemühen; auch sei es erlaubt, ein gegebenes Eheversprechen nicht einzuhalten. Insgesamt solle man gegenüber allem, was man an irdischen Gütern besitze, die Haltung einnehmen, als hätte man es nicht (ὡς µή hos me „als ob nicht“). Dies bezeichnet Paulus als seine persönliche Meinung und stellt es den Empfängern des Briefes frei, sich danach zu richten.[34]

Zum Götzenopferfleisch

In 1 Kor 8 EU und 1 Kor 10 EU geht es um eine weitere Streitfrage, die die Korinther umtrieb: War es eine Sünde, Fleisch zu essen, dass von einem Opfer für die heidnischen Götter stammte (→ Biblische Speisegebote)? In Beantwortung dieser Frage entfaltet Paulus zum ersten Mal den Gegensatz zwischen Erkenntnis (Gnosis) und Liebe (Agape): „Erkenntnis allein macht überheblich. Nur Liebe baut die Gemeinde auf.“ (1 Kor 8,2 EU).[35] Allem Anschein nach argumentierten einige Gemeindeglieder, man wisse doch, dass es die heidnischen Götter nicht gebe; deshalb könne man das fragliche Fleisch ruhig essen, da kein Verstoß gegen das erste Gebot damit verbunden sei, selbst wenn die Mahlzeit in einem heidnischen Tempel stattfand. Diese Position scheint von den wohlhabenden und einflussreichen Gemeindegliedern vertreten worden zu sein, die es sich – anders als die korinthische Unterschicht – leisten konnten, regelmäßig Fleisch zu essen, und deren sozialer Status in der Stadt es erforderlich machte, an öffentlichen Feierlichkeiten teilzunehmen. Jüdisch sozialisierte Gemeindeglieder nahmen an solchen Veranstaltungen grundsätzlich nicht teil und kritisierten die entspannte Haltung der Konsumenten, doch auch unter der griechischstämmigen Elite mag es Christusgläubige gegeben haben, die Verzehr von Götzenopferfleisch ablehnten.[36]

In diesem Konflikt bittet Paulus um pragmatische Rücksicht auf die „Schwachen“, die sich ein Gewissen aus einem solchen Genuss machen würden. Bei ihnen handelte es sich wahrscheinlich um Heidenchristen, auch wenn in der Bibelwissenschaft mitunter das Gegenteil vertreten wird.[37] Zwar sei der Genuss des Götzenopferfleischs keine Sünde, da es zwar Dämonen gebe, „die Götter genannt werden“, doch Christusgläubige hätten allein „einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm, und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1 Kor 8,5-6 EU; Paulus zitiert hier das Schma Jisrael, das jüdische Bekenntnis, dass es nur einen Gott gibt).[38] Gleichwohl sollten die „Starken“, die dies erkannt hätten, in liebevoller Weise Gebrauch von ihrer Freiheit machen: Wenn zu essen bedeutet, dem „schwachen“ Gemeindemitglied Anstoß und Ärgernis zu geben, solle man darauf verzichten. Vor allem solle man nicht an Feierlichkeiten in den Tempeln teilnehmen, was unvereinbar mit einer Teilnahme an der Eucharistie sei; wenn man bei einem Heiden zu Tisch geladen ist, solle man auf den Fleischgenuss verzichten, falls dieser explizit darauf hinweise, es handle sich um Götzenopferfleisch; falls er das nicht tue, könne man essen und brauche auch nicht nachzufragen, solange man Gott dafür danke:

„Ich sage also: Ob ihr esst oder trinkt oder sonst etwas tut, so tut alles zur Ehre Gottes. Lebt so, dass ihr für niemand ein Glaubenshindernis seid, weder für Juden noch für Nichtjuden noch für die Gemeinde Gottes.“

1 Kor 10,31-32 EU

Indem Paulus also die jüdischen Speisegesetze für nicht mehr verbindlich erklärte, setzte er sich sowohl von Jesus ab, der in Lk 16,17 EU noch die Gültigkeit der gesamten Tora bekräftigt hatte, als auch vom Apostelkonzil, das etwa acht Jahre vor Abfassen des Korintherbriefs stipuliert hatte, Götzenopferfleisch, Blut und Ersticktes (das heißt Fleisch von Tieren, die nicht vollständig ausgeblutet sind) dürfe auch ein Christ nicht essen (Apg 15,29 EU). Der Theologe Hermut Löhr löst den Gegensatz auf, indem er betont, dass sich Paulus’ Ermahnungen an Heidenchristen gerichtet habe, für die die jüdische Speisegesetze ohnehin nicht galten; er räumt aber auch ein, dass es in Korinth auch einige Judenchristen gab.[39]

Eingeschoben in seine Argumentation zum Götzenopferfleisch nimmt Paulus in 1 Kor 9 EU sich selbst als Beispiel für einen verantwortlichen Umgang mit der christlichen Freiheit: Er verzichte auf die Ehe und auf alle Rechte, die ihm als Apostel zustünden, sowie auf alle Einkünfte aus seiner Tätigkeit: „Obwohl ich also frei und von niemand abhängig bin, habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele für Christus zu gewinnen.“ (1 Kor 9,19 EU)[40] Um dieses Zieles willen verhalte er sich unter Juden wie ein Jude und halte die Vorschriften der Tora ein; im Kontakt mit Heiden verzichte er darauf, und wenn er es mit Menschen zu tun habe, „deren Glaube noch schwach“ sei, mache er von seiner christlichen Freiheit keinen Gebrauch. Paulus benutzt die Metapher des Sportlers, für den der Sieg im Wettkampf die höchste Priorität sei und der seinen Leib deshalb nicht schone. Dazu fordert er auch die an sich so selbstbewussten Korinther auf, denn sie seien noch längst nicht am Ziel: „Darum lauft so, dass ihr den Kranz gewinnt!“ (1 Kor 9,24 EU)[41]

Zur Rolle der Frau in der Gemeinde

In 1 Kor 11,2-16 EU mahnt Paulus die Frauen, beim Beten und beim prophetischen Reden den Kopf zu bedecken. Hintergrund ist, dass offensichtlich beide Geschlechter am Gottesdienst mitwirkten – das gab es weder bei den jüdischen noch bei den paganen Zeitgenossen.[42] Dabei behauptet er: „Das Haupt der Frau ist der Mann“, und setzt unverschleiert sprechende Frauen mit Prostituierten gleich. Männer hätten kurze Haare zu tragen und im Gottesdienst barhäuptig zu sein, Frauen hätten dagegen langhaarig zu sein. Dies rechtfertigt er mit dem Schöpfungsbericht aus Gen 2 EU, wonach Eva aus Adams Rippe erschaffen worden sei: „Darum soll die Frau eine Macht auf dem Haupt haben um der Engel willen“ (1 Kor 11,10 EU). Diese werden als während des Gottesdienstes anwesend imaginiert: Der Theologe Gerd Theißen nimmt an, damit seien die „Gottessöhne“ aus Gen 6,1 EU gemeint, vor deren Begehrlichkeit sich die Frauen durch eine züchtige Kopfbedeckung schützen müssten.[43] Der britische Theologe Mark Finney hält es für wahrscheinlicher, dass Paulus an gute Engel dachte, die den Gottesdienst bewachen. Er habe auf der Kopfbedeckung der Frauen bestanden, um ihre Ehre im Rahmen der antiken Schamkultur zu bewahren, zumal auch ungläubige Besucher gelegentlich beim Gottesdienst anwesend waren.[44] Viele Bibelübersetzungen ergänzen in diesem Vers, dass der Schleier als „Zeichen“ der Macht des Mannes über die Frau getragen werden solle.[45] Es kann auch gemeint sein, dass Frauen nicht mit offenem, wirrem Haar im Gottesdienst erscheinen sollen.[46] Die Theologin Gudrun Michaela Nassauer glaubt, dass mit der „Macht“ (ἐξουσία exousia) auf dem Kopf der Frauen ein heute nicht zu rekonstruierendes Kleidungsstück gemeint sei, ein „Vollmachtszeichen“, das ihnen das Recht gab, in einer gemischtgeschlechtlichen Versammlung zu sprechen.[47]

Die in den Versen 3 und 7–9 zum Ausdruck kommende Misogynie steht im Kontrast zu den Versen 11 und 12, die vorschreiben, dass Mann und Frau nicht getrennt im Gottesdienst auftreten sollten, „denn gleichwie die Frau vom Mann [kommt], so auch der Mann durch die Frau; aber alles [kommt] von Gott,“ was eher die Gleichstellung der Geschlechter betont. Wolfgang Schenk hält es für möglich, dass die Verse 11 und 12 einen „Selbsteinwand“ des Paulus formulieren, dem seine eigenen Sätze davor als verunglückt erschienen; das Ganze wirke wie das „Protokoll einer Diskussion“, daher sei es als Aufforderung an die Gemeinde zu verstehen, hier weiterzudiskutieren.[48] Auch wird in Vers 15 gesagt, das lange Haar sei den Frauen „anstelle eines Schleiers“ gegeben worden, was den Schluss zulässt, sie brauchten keinen zu tragen. Einige Neutestamentler nehmen daher an, dass diese Passage oder einzelne Verse daraus nicht von Paulus stammen würden.[2] Craig S. Keener sieht hier dagegen wie schon zu Beginn des Briefs die sozialen Spannungen innerhalb der Gemeinde: Reiche Frauen hätten aufwändige Frisuren betragen, die arme sich nicht hätten leisten können. Wenn sie alle im Haus einer wohlhabenden christlichen Familie zusammengekommen seien, hätte man daran den sozialen Status der Frauen erkennen können. Um hier für soziale Gleichheit zu sorgen, habe Paulus eine Kopfbedeckung empfohlen.[49] Ansgar Wucherpfennig deutet die Frisurvorschriften dieses Kapitels einerseits als Anpassung an die griechisch-römische Umwelt der Gemeinde in Korinth; andererseits komme darin auch erneut Paulus Ablehnung der Homosexualität zum Ausdruck, da langhaarige Männer als effeminiert galten.[50] Gudrun Michaela Nassauer nimmt an, Paulus habe absichtlich konventionell argumentiert, um dadurch die Innovation, um die es ihm eigentlich ging, nämlich das Rederecht von Frauen in der Gemeinde, zu verteidigen.[51]

Unordnung bei der Gemeindeversammlung

In 1 Kor 11,17-34 EU kritisiert Paulus die chaotischen Zustände bei den Versammlungen der korinthischen Gesamtgemeinde.[52] Zunächst geht er erneut auf die Uneinigkeit unter den korinthischen Christusgläubigen ein, die er diesmal aber lobt, denn die αἵρεσεις haíreseis, „Häresien“ gebe es, „damit die Bewährten offenbar werden unter euch!“ (1 Kor 11,19 SLT). Vor allem aber nimmt er Anstoß an den wöchentlichen oder monatlichen Versammlungen, die eine Eucharistiefeier und ein Agapemahl umfassten. In welcher Reihenfolge die einzelnen Elemente erfolgten, geht aus Paulus’ Kritik nicht klar hervor. Wenn die Versammlungen im Hause eines begüterten Korinthers stattfanden, dann hatten im eigentlichen Speiseraum, dem Triclinium, höchstens zwölf Teilnehmer auf den Speisesofas Platz. Die ärmeren bzw. zu spät kommenden Gemeindeglieder sammelten sich dann im Atrium oder im Peristyl. Es ist aber auch denkbar, dass für die Gemeindeversammlung größere Säle angemietet wurden.[53] Hierbei kam es zu Unordnung: Vor allem wurden die Gemeindeglieder nicht gleichbehandelt, sondern nach ihrem jeweiligen sozialen Status; auch hätten sie nicht gemeinsam zu essen begonnen, sodass sich einige sattessen und einen Rausch antrinken konnten, während andere nichts oder fast nichts abbekamen. Paulus mahnt sie daher, zu Hause zu essen und zu trinken, und dann gemeinsam die Eucharistie in würdiger Form zu feiern. Dabei zitiert die Einsetzungsworte, die noch heute Teil des evangelischen Abendmahlsgottesdienstes und des eucharistischen Hochgebetes in der katholischen Messe sind:

„Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“

1 Kor 11,23-25 EU

Diese Worte will Paulus „vom Herrn empfangen“ (1 Kor 11,23 EU) und der Gemeinde bei seinem Aufenthalt überliefert haben. Wahrscheinlich entstammen sie der Jerusalemer Urgemeinde.[54] Der Theologe Jens Schröter glaubt, der Apostel habe sie zitiert, um die Gemeinde an den Ursprung des gemeinsamen Mahls, an die Verpflichtung zum Dankgebet und an die grundsätzliche Gleichheit der Teilnehmer zu erinnern. Es sei ihm nicht um eine liturgischen Ablauf gegangen, sondern darum, dass die Korinther „gemeinsam essen, gerecht verteilen, aufeinander warten“.[55] Die Missachtung des verbindlichen Bundes durch das gemeinsame Mahl, schreibt Paulus, habe unter den Korinthern vielfach zu Krankheit, teilweise sogar zum Tode geführt (1 Kor 11,30 EU).[56]

Die verschiedenen Geistesgaben und das Hohelied der Liebe

In 1 Kor 12 EU kommt Paulus dann auf die verschiedenen Geistesgaben sprechen, die anscheinend eine Ursache der Streitereien unter den Korinthern waren. Eingangs erinnert er sie an die Zeit vor ihrer Bekehrung, als sie „mit Macht zu den stummen Götzen“ hingezogen wurden (1 Kor 12,2 EU), wie sie nun vom Heiligen Geist getrieben würden. Gerd Theißen nimmt an, dass Paulus damit an ekstatische Zustände erinnert, die auch in der griechisch-römischen Antike verbreitet waren: an den bacchantische Rausch und den göttlichen Wahnsinn, den Platon im Phaidros beschreibt.[57] Der entscheidende Unterschied sei aber das Bekenntnis zu Jesus, das nur durch den Heiligen Geist abgegeben werden könne. Eine Verfluchung Jesu, die Paulus in 1 Kor 12,3 EU zitiert, war sicher kein Element des korinthischen Gottesdienstes, sondern diente nur als Antithese zum geforderten Bekenntnis zu ihm.[58] Die Ämter und Geistesgaben seien durchaus vielfältig, betont Paulus, doch gebe es „nur einen Geist, […] nur einen Herrn, […] nur einen Gott, der da wirkt alles in allen.“ (1 Kor 12,4-6 EU). Dieses anaphorisch gegliederte Trikolon deutet Craig S. Keener als „proto-trinitarisch“.[59] Der Kirchenhistoriker Adolf Martin Ritter dagegen möchte hier allenfalls von einer „triadischen“ Formulierung sprechen, da Paulus nichts darüber sagt, in welchem Verhältnis die drei genannten Instanzen zueinander stehen.[60]

Die neun Geistesgaben – Paulus nennt Weisheitsrede, Erkenntnisrede, Glaube, die Gabe, zu heilen, die Gabe, Wunder zu tun, Weissagung, die Unterscheidung der Geister, Zungenreden und die Auslegung des Zungenredens, doch ist die Aufzählung wohl kaum abschließend gemeint[61] – seien alle von dem einen Heiligen Geist bewirkt werde, der jedem „jedem eine besondere Gabe zuteilt, wie er will“. Daher bestehe kein Anlass, sich wegen seiner Geistesgabe über andere zu erheben. Vor allem sollten die Geistesgaben aber für die gesamte Gemeinde nützlich sein. Hier führt Paulus wieder das Bild des Leibes Christi an, zu dem die Korinther als Teilglieder gehören würden. Angefangen mit Johannes Calvin haben hier viele Theologen eine textliche Parallele zur Parabel vom Magen und den Gliedern gesehen, mit der Agrippa Menenius Lanatus 494 v. Chr. die römischen Ständekämpfe befriedet haben soll.[62] Mit dieser Metapher wollte Paulus, wie Wolfgang Schenk vermutet, die nicht zur Zungenrede fähigen Gemeindeglieder trösten: Die Minderwertigkeitsgefühlen, die sie empfänden, seien ganz grundlos.[63] Gerd Theißen nimmt an, dass die Korinther das Zungenreden zum Kriterium der Gemeindezugehörigkeit erhoben hatten: „Wer sich der Gemeinde anschließen will, ist dann voll aufgenommen und akzeptiert, wenn er glossolales Verhalten zeigt“ oder zumindest versteht.[64]

Es schließt sich in 1 Kor 13 EU das „Hohelied der Liebe“ an, das einige Forscher als regelrechtes Gedicht verstehen oder annehmen, Paulus zitiere hier eine ungenannte Quelle. Es ist jedoch nicht in einem Versmaß verfasst, auch wenn es in erhabener Prosa mit vielen Wiederholungen in einem eigenen Rhythmus verfasst ist.[65] In mehreren Adynata vergleicht Paulus die genannten Gnadengaben mit der geistlichen Liebe, der Agape, und stellt fest, dass Zungenrede, Weissagung, Erkenntnis, Glaube, Mildtätigkeit und Martyrium keinen Wert haben, wenn man keine Liebe in sich trägt. Nach diesen negativen Aussagen bestimmt er das Wesen der Liebe positiv:[66] („Die Liebe ist langmütig, ist gütig; die Liebe ist frei von Eifersucht (und Neid), die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf …“) und erklärt sie – im Gegensatz zu Zungenrede, Weissagung und Erkenntnis – für unvergänglich; Erkenntnis sei immer relativ: Als Kind erkenne man weniger denn als Erwachsener, doch auch der erkenne nur „durch einen Spiegel in einem dunklen Bild“ (1 Kor 13,12 EU). Erst nach Jesu Wiederkunft werde er nicht mehr fragmentarisch, sondern vollständig „erkennen, gleichwie ich erkannt bin“. Alle „Gnosis“, auf die die Korinther so stolz waren, werde dann überflüssig sein.[67] Im letzten Vers des Kapitels stellt Paulus den Gnadengaben die später so genannten theologischen Tugenden gegenüber: „Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1 Kor 13,13 EU).

In 1 Kor 14 EU wird klar, worauf Paulus eigentlich hinauswill: In Beantwortung einer weiteren Anfrage hierarchisiert er die Geistesgaben und stellt klar, dass das in Korinth so hochgeschätzte Zungenreden keineswegs die höchste unter ihnen ist. Wichtiger sei die Weissagung bzw. die prophetische Rede: „Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde“ (1 Kor 14,4 EU). Das Kriterium ist die im vorigen Kapitel so hymnisch beschriebene Liebe, die sich praktisch im Dienst an der Gemeinde auswirkt.[68] Dabei verdammt Paulus das Zungenreden nicht, sondern empfiehlt es vielmehr, aber nur beim privaten Gebet. In der Gemeinde solle es nicht praktiziert werden, es sei denn, jemand habe die Gabe, es zu übersetzen. In diesem Zusammenhang erwähnt Paulus auch, dass mitunter auch Gäste an den Versammlungen teilnahmen: Wenn die Gemeindeglieder dann alle in Zungen reden würde, würden sie wohl für geisteskrank gehalten werden.

„Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“

1 Kor 14,24–25 EU

In zwei Versen 1 Kor 14,34–35 EU wird Frauen im Gottesdienst ein Redeverbot auferlegt. Diese beiden Verse stehen im Widerspruch zu 1 Kor 11,5 EU, wo ihnen geboten wird, beim prophetischen Reden vor der Gemeinde den Kopf zu bedecken. Craig S. Keener verweist in diesem Zusammenhang auf die große Wertschätzung, die Paulus für ihn unterstützende Frauen in Röm 16,1–7 EU, Phil 4,1–3 EU und Kol 4,15 EU zeigt. Junia bezeichnete er sogar als Apostel. Im Vergleich zu seinen Zeitgenossen habe Paulus sich insgesamt fortschrittlich geäußert; hätte er in der Gegenwart gelebt, hätte er unterstützt, dass Frauen im Gottesdienst sprechen.[69] In der Bibelwissenschaft werden die Verse heute verbreitet für eine nachpaulinische Einfügung (Interpolationen) gehalten.[70][71][2][72][73] Moderne Bibelübersetzungen folgen dieser Ansicht, darunter die protestantische Zürcher Bibel von 2007,[74] die katholische Einheitsübersetzung von 2016[75] und die ökumenische Gute Nachricht Bibel von 2018.[76] Die evangelische BasisBibel von 2021 merkt außerdem an, dass sich in den fünf Büchern Mose kein Schweigegebot für Frauen in der Gemeinde findet, wie es in Vers 34 fälschlicherweise behauptet wird.[77] Die Lutherübersetzung von 2017 führt keine Anmerkung zu den beiden fraglichen Versen (1 Kor 14,34–35 LU).

Die Auferstehung der Toten

Auf einen letzten Streitpunkt kommt Paulus in 1 Kor 15 EU zu sprechen. Offenbar gab es in Korinth einige Gemeindeglieder, die die Auferstehung der Toten bestritten. Möglicherweise konnten sie sich nur eine Auferstehung der Seele vorstellen, wie sie griechisch-römischem Denken entsprach; eine Auferstehung des Leibes, wie Paulus sie predigte, erschien ihnen demnach unmöglich.[58] Eine andere Deutung vertritt der britische Bibelwissenschaftler Christopher M. Tuckett: Danach hätten einige Korinther, die sich selbst für Pneumatiker hielten, die Auferstehung für eine Erfahrung gehalten, die sie schon im Diesseits machen könnten, da der Tod für sie bedeutungslos sei.[78] Paulus erinnert sie an seine Predigten bei der Gründung der Gemeinde und zitiert das wahrscheinlich aus der Jerusalemer Urgemeinde stammende Glaubensbekenntnis:[54]

„Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.“

1 Kor 15,3-7 EU

Sich selbst fügt Paulus in Vers 8 bescheiden als „Fehlgeburt“ dieser Liste von Zeugen des Osterereignisses hinzu[79] (gemeint ist hier sein Damaskuserlebnis, als ihm Jesus Christus in einer Vision erschienen war.[80]) Er mahnt, dass wer die Auferstehung der Toten leugne, leugne auch die so bezeugte Auferstehung Christi, und damit wäre „unsre Predigt vergeblich, so […] auch euer Glaube vergeblich“ (1 Kor 15,14 EU). Wie Adam den Tod in die Welt gebracht habe, so habe Christus die Auferstehung gebracht, indem er selbst als „Erstling“ auferstanden sei; danach würden bei seiner Wiederkunft alle Christusgläubigen folgen, bis er am Ende der Welt seine Herrschaft Gott übergeben und zuletzt auch den Tod selbst vernichten werde. Paulus entwirft in den folgenden Versen eine Eschatologie, in der aber auffälligerweise das Jüngste Gericht fehlt: Laut Wolfgang Schenk bezeichnet er auch in seinen übrigen Briefen Gott bzw. Christus nie als Richter.[48] Matthias Konradt dagegen vertritt die These, das Gerichtsthema sei „ein selbstverständlicher und fester Baustein“ im 1. Korintherbrief und Paulus komme immer wieder darauf zurück.[81]

Paulus fährt fort, ohne einen Glauben an die Auferstehung sei die anscheinend in Korinth verbreitete Totentaufe sinnlos, bei der sich ein Gläubiger stellvertretend für einen Verstorbenen taufen ließ, ebenso die Leiden, die Paulus während seiner Mission aushalten müsse: Ob die Angabe, er habe „in Ephesus mit wilden Tieren gekämpft“, wörtlich im Sinne eines Kampfs in der Arena oder metaphorisch zu verstehen ist, ist unklar.[82] Die apokryphen Paulusakten schmücken diese Bemerkung aus zu einer Wundergeschichte, in der Paulus einen wilden Löwen zum Christentum bekehrt, der ihn dann nachher, als die Damnatio ad bestias über den Apostel verhängt wurde, im Zirkus vor den anderen Tieren schützt.[83] Als Konsequenz einer Bestreitung der Auferstehung nennt Paulus das hedonistische Motto: „Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!“ (Er zitiert hier Jes 22,13 EU, wo diese Haltung als Sünde Judas bezeichnet wird). Die Frage der Korinther, was für einen Leib man nach der Auferstehung haben werde, beantwortet er mit dem Gleichnis vom Samenkorn, das in der Erde sterben müsse, bevor eine neue Pflanze daraus wachse. So würden die Auferstandenen auch neue, himmlische Körper erhalten. Dies werde auch für alle gelten, die beim Schall der „letzten Posaune“ noch leben: „Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden“ (1 Kor 15,51 EU). Diese Prophezeiung kündigt Paulus als ein „Geheimnis“, das er den Korinthern mitteilt – er hat es also in einer persönlichen Offenbarung erfahren. Manche Theologen sehen hier eine Parallele zu 1 Thess 4,17 EU, wo er die Entrückung der Gläubigen bei der Parusie vorhersagte.[84] Paulus schließt seine Argumentation mit den rhetorischen Fragen: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Dieser Stachel sei die Sünde gewesen, die Kraft gehabt habe durch das Gesetz. Dieses sei aber durch Christi Erlösungstat überwunden. (1 Kor 15,55-56 EU).

Der Brief schließt mit Anordnungen zu einer Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem: Jedes Gemeindeglied solle jeden Sonntag etwas dafür zurücklegen, bis das Geld von Paulus selbst oder von Vertrauensleuten nach Jerusalem gebracht werden könne (1 Kor 16,1-4 EU). Im Eschatokoll erläutert Paulus seine Reisepläne: Bis Pfingsten wolle er noch in Ephesus bleiben, dann wolle er bis über den Winter in Korinth bleiben. Er bittet die Gemeinde, Timotheus freundlich aufzunehmen, und teilt mit, Apollos wolle trotz seiner Bitte einstweilen nicht nach Korinth kommen (1 Kor 16,5-12 EU). Abschließend weist er die Gemeinde an, sich Stephanas unterzuordnen, dem ersten Christusgläubigen in Achaia. Er richtet Grüße der Gemeinden in der Provinz Asia und insbesondere von Priszilla und Aquila aus und schreibt die letzten Grüße eigenhändig. Daraus kann man schließen, dass er den größten Teil des Briefes einem Schreiber diktiert hatte.[85] Ein Fluch gegen alle, die Jesus nicht lieben, und das aramäische Stoßgebet Maranatha („Herr, komme bald!“) stammen wohl aus der Liturgie des korinthischen Gottesdienstes, in dessen Rahmen der Brief vorgelesen wurde. Matthias Konradt vermutet, dass der Apostel damit der Gemeinde eine Bestrafung im Jüngsten Gericht androhte, falls sie seinen Ermahnungen und Anweisungen nicht folgte.[86] Paulus chließt mit einem Segenswunsch und einer Versicherung seiner Liebe.

Kompositionelle Integrität

Beim 1. Korintherbrief wird die Einheitlichkeit ebenso wie beim 2. Korintherbrief, aber mit schwächeren Argumenten in Frage gestellt. Für Teilungshypothesen wird geltend gemacht, dass Paulus unterschiedliche Reisepläne andeutet (laut 1 Kor 4,19 EU wollte er „schnell“ kommen, laut 1 Kor 16,5-9 EU erst „nach Pfingsten“) und seine Ansichten zu Gruppenbildungen in der Gemeinde von Korinth und zu Sachfragen, wie dem Essen von Götzenopferfleisch, schwankend seien. Der Theologe Johannes Weiß nahm deshalb 1910 an, der 1. Korintherbrief sei aus zwei Schreiben des Paulus zusammengesetzt.[73] Wolfgang Schenk glaubt, es handle sich um eine Zusammenfügung aus vier Briefen: einen von ihm so genannten „Stephanasbrief“ aus den Kapiteln 1, 6, 11 und 15, einen „Korrekturbrief“ (Kapitel 11), einen sechsteiligen Antwortbrief auf Anfragen aus der Gemeinde (Kapitel 7–10 und 12–14) und einen „Chloe-Brief“, der sich aus Teilen der Kapitel 1–4 zusammensetze.[87] Die neuere Exegese tendiert zur Einheitlichkeit des Briefs und stützt sich dabei besonders auf die Rhetorik: Der gesamte Brief lasse sich als kohärente Aufforderung verstehen, die die Gemeinde spaltenden Streitthemen zu überwinden und nach Eintracht untereinander zu streben.[1]

Literatur

Fachlexika

Kommentare

Monographien, Zeitschriftenartikel

  • Hermann Probst: Paulus und der Brief. Die Rhetorik des antiken Briefes als Form der paulinischen Korintherkorrespondenz. Mohr Siebeck, Tübingen 1991.
  • Mark Finney: Honour, Head-coverings and Headship: 1 Corinthians 11.2-16 in its Social Context. In: Journal for the Study of the New Testament 33/1 (2010), S. 31–58.
Commons: 1. Brief des Paulus an die Korinther – Sammlung von Bildern und Audiodateien

Einzelbelege

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