Abenteuer der Moderne

Buch von Thomas Wagner (2025) From Wikipedia, the free encyclopedia

Abenteuer der Moderne. Die großen Jahre der Soziologie 1949–1969 ist ein soziologiehistorisches Buch von Thomas Wagner, das 2025 im Klett-Cotta Verlag erschien.[1] Im Zentrum der Beschreibung stehen die zeitweise freundschaftliche Beziehung des in die Bundesrepublik zurückgekehrten Emigranten Theodor W. Adorno zum Ex-Nationalsozialisten Arnold Gehlen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten und deren Rundfunk-Streitgespräche. Umrahmt ist dieses Thema durch ausführliche Schilderungen der Soziologieentwicklung in der frühen Bundesrepublik und den darin vorgekommenen überraschenden Kooperationen zwischen Opfern und Nutznießern des vergangenen NS-Regimes.

Inhalt

Die Darstellung beginnt 1965 in Ost-Berlin, dort lauschen die marxistischen Intellektuellen Wolfgang Harich und Manfred Wekwerth der Tonbandaufnahme eines Radio-Streitgesprächs zwischen Adorno und Gehlen. Insbesondere von Harich ist im Buch immer wieder die Rede, er war ein überzeugter Anhänger Gehlens und favorisierte dessen Positionen stets gegenüber denen Adornos. Gehlens These, dass da menschliche Verhalten durch stabile Institutionen gesichert werden müsse, um nicht zu entgleisen, fand er akzeptabel. Adornos Ruf nach Emanzipierung der Menschen von den Institutionen lehnte er dagegen radikal ab.[1.1] Seine Gehlen-Bewunderung endete erst zehn Jahre nach dessen Tod, als er den Eindruck gewonnen hatte, dass Gehlen in seinem Hauptwerk Der Mensch den jüdischen Wissenschaftler Paul Alsberg plagiiert hatte.[1.2]

Es folgen Skizzen der akademischen Biografien von Adorno und Gehlen, insbesondere aus den Nachkriegsjahren. Zudem wird das Umfeld geschildert, in dem sie agierten. Gehlen lehrte anfangs Soziologie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer, Adorno nach seiner Rückkehr aus den USA am Institut für Sozialforschung (IfS) der Universität Frankfurt am Main. Laut Wagner befand sich das IfS mit „Adenauer im selben Boot“[1.3], die Politik der Sowjetunion wurde kategorisch abgelehnt und des Kanzlers Pläne zur Wiederbewaffnung durch Teilnahme an einer Studie zur Auswahl künftiger Offiziere unterstützt, was aber verschleiert wurde. „Die Frankfurter fürchteten, dass der Ruf ihres Instituts in den ihnen nahestehenden linken Kreisen Schaden nehmen könnte.“[1.4] Auch die fachliche Zusammenarbeit mit ehemals nationalsozialistischen Soziologen wie Ludwig Neundörfer, mit dem sich IfS-Chef Max Horkheimer anfreundete, wurde gesucht.[1.5]

Nach einem Vortrag Gehlens am 11. Dezember in Frankfurt gab es nach Wagners Vermutung seine erste Begegnung mit Adorno. Den schilderte Gehlen anschließend in einem Brief an Helmut Schelsky als nicht sehr klug und labernd.[1.6] Umgekehrt hatten auch Horkheimer/Adorno keine gute Meinung zu Gehlen. 1958 verhinderten beide durch angeforderte Gutachten (die aus Zeitersparnisgründen beide von Adorno verfasst wurden, der sich dabei auf Exzerpte von Jürgen Habermas stützte) die Berufung Gehlens auf einen Soziologie-Lehrstuhl an der Universität Heidelberg.[1.7] Im Entwurf für das Horkheimer-Gutachten heißt es: „Wie schlimm Gehlen ist, davon haben wir uns kaum eine Vorstellung. Das gesamte Instrumentarium des Fachischmus ist beisammen “ , (...).[1.8]

Im Buch folgt später eine ausführliche Beschreibung des freundschaftlichen Verhältnisses Gehlens zu Gottfried Benn und darauf dann die Darstellung der kunstsoziologischen Arbeit Zeit-Bilder (1960) in der Gehlen seine ältere Einschätzung modernen Malerei revidiert. Das führte zu einer Annäherung Adornos und in den 1960er-Jahren zu mehreren vom Rundfunk (später auch vom Fernsehen) übertragenen Streitgesprächen in denen es im weitesten Sinne um die Bedeutung von Institutionen ging. Während dieser Zeit freundeten sich die Ehepaare Adorno und Gehlen an, besuchten sich gegenseitig und unternahmen gemeinsame Ausflüge.[1.9] Mit dem Aufkommen der Studentenbewegung kühlte sich das Verhältnis ab. Es stieß Gehlen ab, dass die von ihm auf das Wirken linker Intellektueller zurückgeführte studentische Revolte an allem rüttelte, was in der Bundesrepublik noch an halbwegs stabilen Institutionen übrig geblieben war. Einer von Adorno angeregten Fernsehdiskussion zum Thema verweigerte er sich.[1.10] Am 6. August 1969 starb Adorno. „In dem sehr knapp gehaltenen Text seiner Beileidskarte bekundete Gehlen in einem ausgesprochen reservierten Ton seine Anteilnahme und erinnerte an Adorno als eine eindrucksvolle Person.“[1.11]

Es folgen Erörterungen zur Wirkungsgeschichte Adornos und ausführlicher zu der Gehlens im Zusammenhang der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik.[1.12]

Für Wagner gehören die von Gehlen und Adorno geführten Rundfunkgespräche „in den Kontext widersprüchlicher Verhaltensweisen von Intellektuellen in der postfaschistischen Bundesrepublik, die überraschende Allianzen ebenso einschlossen wie die Entdeckung von Gemeinsamkeiten an Orten, wo man gar keine vermutet hatte.“[1.13]

Rezeption

Alexander Cammann (Die Zeit) und Mark Siemons (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) finden den Buchtitel Abenteuer der Moderne. Die großen Jahre der Soziologie 1949–1969 irreführend. Es gehe weder um die Soziologie noch um die Moderne als solche, sondern um das Rätsel einer intellektuellen Beziehung.[2] Und es gehe ausschließlich um Deutschland und um zwei Figuren, deren Leben und Theorien: Gehlen und Adorno.[3]

Für Thomas Meyer (Süddeutsche Zeitung) wird das Buch durch „einen dritten Protagonisten“, Wolfgang Harich, besonders reizvoll. Der sei über Jahrzehnte Gehlen-Enthusiast gewesen und lebenslang skeptisch gegenüber der BRD-Linken. Doch nicht nur diese Erweiterung rechtfertige den Untertitel über die „großen Jahre der Soziologie“ von 1949 bis zu Adornos Tod 1969. Wagner beziehe zudem die intellektuellen und ideologischen Umfelder ein und gleiche die persönlichen und ideenpolitischen Ambitionen seiner Helden mit ihren Schriften ab.[4]

Oliver Römer (Soziopolis) wird bei der Lektüre von Abenteuer der Moderne den Eindruck nicht los, dass es dem Autor zwar eigentlich um die Beziehung zwischen Harich und Gehlen gegangen sei, dass es für ein solches Anliegen aber aufgrund des Genres „populäres Sachbuch“ enge Grenzen gebe. Dementsprechend verschwinde die Spur Harichs zeitweise hinter der kurzweiligen und anekdotenreichen Darstellung der Beziehung von Adorno und Gehlen, „die bis heute noch in den nur halbwegs entlegenen Nischen des kollektiven Gedächtnisses eines allgemeinen Lesepublikums nachleben dürfte.“[5]

Laut Römer erhebt das Buch den Anspruch, ein zwar nie verdrängtes, aber zumindest immer noch unbewältigtes und einigermaßen widersprüchliches Kapitel Soziologie- und Intellektuellengeschichte aufzugreifen, das sich in der Person und im Wirken Gehlens wie in einem Brennglas verdichtet. Die historische Figur Gehlen steht nämlich exemplarisch für ein Thema, das Wagner jenseits des Gebietes der Soziologie bereits in zwei Monografien behandelt hat. Sowohl das 2017 erschienene Buch Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten als auch das 2021 erschienene Der Dichter und der Neonazi. Erich Fried und Michael Kühnen thematisierten Verbindungen und Kontinuitäten zwischen linken und rechten Protagonisten in der deutschen Intellektuellengeschichte seit 1945.[5]

Für Nils Schniederjann (Deutschlandfunk) erzählt Wagner die „Doppelbiografie“ der beiden Großen der deutschen Soziologie mit leichter Hand. Dabei räume er mit so manchem Mythos auf, der sich in den letzten Jahrzehnten über die Frankfurter Schule festgesetzt hat. Wagner schildere deren Protagonisten vor allem als Pragmatiker, die sich mit ehemaligen Nationalsozialisten wie Gehlen nicht nur auseinandersetzten, sondern teilweise sogar anfreundeten. Dennoch hebe sich sein Buch deutlich von vielen anderen aus dem populär gewordenen Feld der erzählten Ideengeschichte ab. Es weite die persönliche Schnittmenge zweier Intellektueller zu einer sorgfältig recherchierten Erzählung darüber aus, wie sich die Soziologie überhaupt als eigenständige Disziplin etablieren konnte – und wie sie schließlich zur wichtigsten Wissenschaft für die Selbstverständigung der Republik geworden sei.[6]

Einzelnachweise

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