Abschaffung des Geldes

Text des Autors Eske Bockelmann aus dem Jahr 2006 From Wikipedia, the free encyclopedia

Abschaffung des Geldes ist ein Text des Autors Eske Bockelmann aus dem Jahr 2006.[1]

Verortung

Dieser ist vor allem durch seine Bücher Im Takt des Geldes (2004) und Das Geld (2020) in Erscheinung getreten.[2] Obwohl sehr viel weniger seitenstark als diese Werke adressiert die Abschaffung des Geldes ein zentrales Thema, das bei beiden Büchern im Hintergrund steht und sie miteinander verbindet: Der Text beantwortet die Frage, warum es überhaupt einer derart umfangreichen Kritik des Geldes bedarf. Diese sieht der Autor durch die Abschaffungswürdigkeit des Geldes gegeben.

In seinem Essay geht Bockelmann darauf ein, warum es absurd klingen mag, das Geld abschaffen zu wollen, und weiter, warum die Versuche, gesellschaftlich unter Beibehaltung des Geldes eine andere Richtung einzuschlagen, gescheitert sind und letztlich scheitern mussten. Schließlich deutet der Autor im Sinne einer Utopie auch an, wie es ohne Geld überhaupt gehen könnte, und geht auf naheliegende Einwände ein.

Abschaffungswürdigkeit des Geldes

Den Ausgangspunkt bildet jedoch die Abschaffungswürdigkeit des Geldes. Diese begründet der Autor so: „Das Gröbste, was sich dazu sagen lässt, ist zwar, dass es einem Teil der Menschen zu Wohlhabenheit und Reichtum verhilft, doch bekanntlich nur einem stets sehr kleinen Teil der Menschen, während der weitaus grössere – und zwar infolge jenes Reichtums – gequält wird, darbt und verhungert. Ist das die Schuld des Geldes? Ja, es ist seine Schuld, und zwar insofern, als Geld die allererste und allgemeinste Grundlage genau der gesellschaftlichen Verhältnisse bildet, die heute weltweit durchgesetzt sind, die diese Art von Zweiteilung der Menschheit bedingen und sie zulasten des zunehmend grösseren Teiles immer weiter noch verschärfen.“ Wobei der Autor präzisiert, dies sei „nicht so zu verstehen, als hätte es vor den Zeiten des Geldes kein Darben, keine Qual und keine Gewalt gegeben.“[3]

Die Abschaffungswürdigkeit des Geldes begründet sich für Bockelmann demnach aus der planetarischen Verbreitung von Hunger und Gewalt, insofern diese als direkte Folge des Geldes zu verstehen seien. An anderer Stelle fasst der Autor diesen Zusammenhang in die Worte einer „Logik der Geldvermittlung“: „keines der unabsehbar zahlreichen und unüberblickbar ausgedehnten Probleme globaler Zerstörung und planmäßiger Not, das nicht zwingend an die Geldvermittlung gekoppelt wäre, keines, das sich nicht unwiderruflich verschärft, solange es weiter nach der Logik der Geldvermittlung zu gehen hat.“[4] Diese, aus Sicht des Autors für das Geld wesentliche, mit diesem untrennbar verbundene Zerstörungskraft begründet dessen Abschaffungswürdigkeit.

Und damit auch die Relevanz einer Kritik des Geldes: nämlich „theoretisch vorzudringen in das, was die hiesige Welt im Innersten so eisern zusammenhält, dass sie darüber birst.“[5]

Kritische Theorie im Hintergrund

Es ist unschwer zu erkennen, dass der Autor in der Tradition der Kritischen Theorie seit Karl Marx argumentiert.[6] Nicht nur, wenn dessen Kritik des Geldes letztlich dem Ziel „einer befreiten Menschheit“ verpflichtet ist.[7] War es für Marx noch Aufgabe der Philosophie, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern auch zu verändern[8], so stellte sich bei Theodor W. Adorno schon Ernüchterung darüber ein, dass „die Veränderung der Welt mißlang“.[9] Gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam dann z. B. Stefan Breuer zu der Überzeugung, dass die moderne Gesellschaft eine „Gesellschaft des Verschwindens“ sei, die kraft einer Logik der Geldvermittlung bereits unaufhaltsam ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstöre.[10] Ein Gedanke, den Breuer offensichtlich mit Bockelmann teilt.

Kritische Theorie steht auch im Hintergrund, wenn es darum geht, wie der Autor Geld begreift. Etwa, wenn Geld als allgemeine Grundlage und organisierendes Zentrum der modernen Gesellschaft verstanden wird. Und als eine Macht, deren Wirken dem Einfluss der Menschen entzogen ist. Oder vielmehr noch, dass das Geld einen unentrinnbaren und dynamischen Zwang bildet, der sich auf alles legt, womit es in Berührung kommt. Bei dem alles, das mit ihm in Berührung kommt, seiner Logik zu folgen hat.[11]

Wobei der Autor einige, hier nur angedeutete, Präzisierungen vornimmt, die ihn von anderen Autoren der Kritischen Theorie unterscheiden, wenn nicht in Gegensatz zu ihnen bringen.[12] So hält Bockelmann etwa die Einsicht für entscheidend, dass Geld niemals eine Substanz ist, die auf irgendeine Art in den Dingen stecke.[13] Im Gegenteil: Geld ist für den Autor kein Etwas, sondern ein Nichts. Geld ist als solches nichts und besteht nur, indem es sich auf anderes bezieht, was es selbst nicht ist.[14] Und auch, dass das Denken selbst Teil des Geldes und Geld auch eine Denkleistung ist.[15]

Was sich wie oberlehrerhafte Spitzfindigkeiten anhören mag, ist für den Autor jedoch ganz entscheidend, wenn es um die Frage geht, wie eine gesellschaftliche Veränderung möglich sei.

Scheitern der Befreiung mit Geld

Es geht gewissermaßen mit Siebenmeilenstiefeln dahin, wenn der Autor sich bisherigen Versuchen zuwendet, die Welt mit Geld zum Besseren zu verändern. Wird Geld beibehalten, dann seien letztlich nur die Wege einer Einbremsung oder einer Entfesselung des Geldes denkmöglich. Umfangreiche Diskussionen, die es zu diesen Ansätzen durchaus gibt, finden dabei keine Erwähnung. Etwa, wenn Bockelmann den Sozialismus durch den ehemals real existierenden Sozialismus ebenso umgesetzt wie gescheitert sieht (wobei der Autor mit einer geldkritischen Analyse der fehlgeschlagenen Bolivarischen Revolution nun auch ein aktuelles Beispiel hinzugefügt hat)[16]. Das mag sich ungerecht anfühlen, wenn z. B. ein einschlägiges Werk die Geschichte des Sozialismus immerhin bereits mit der Geschichte der Menschheit beginnen lässt.[17] Neoliberalismus dagegen steht für den Weg der Entfesselung. Nach dem Motto: Die Welt wäre gut, weil alles seinen Preis hätte, denn nur was etwas koste, werde auch wertgeschätzt.

In aller Kürze hält der Autor fest, dass beide Wege in Sackgassen führen. In die eines Sozialismus, der an den Kategorien des Geldes festhält, und glaubt, diese für ein effizientes Wirtschaften zu benötigen, dabei jedoch verkennt, dass es sich sämtlich um kritische, auf eine Überwindung des Kritisierten gerichtete Begrifflichkeit handele. Dagegen würde – ausgerechnet – die Vision einer vollständig über das Geld vermittelten Welt des Neoliberalismus ein derart ausgedehntes Maß an Planung und Abstimmung erfordern, das unmachbar wäre.[18]

Inspiration von außen, Weg ins Freie

Wenn Geld auch eine Denkleistung ist, dann legt dies auch nahe, warum es für eben dieses Denken so schwer ist, eine Welt ohne Geld zu denken. Wenn das Denken einsetzt, ist die Welt, wie sie gemäß dem Geld gedacht wird, immer schon da. Es fühlt sich an, wie naturgegeben, wie eine vorab gegebene „Färbung des Glaskörpers“ im Auge, durch den jeder Blick auf die Welt fällt, ohne von der Färbung etwas zu bemerken.[19]

Man mag sich fragen, was der Autor anders macht, dass es gerade ihm vergönnt sein soll, kritisch in den Blick zu nehmen, was doch nur so schwer möglich sei. Es ist offenbar eine Art Blick von außerhalb. So dürfte es kein Zufall sein, dass die wichtigsten Inspirationsquellen, die der Autor heranzieht, nicht aus Philosophie oder Soziologie stammen, sondern aus der Literatur. Wesentliche Denkansätze entlehnt Bockelmann von Goethe und dem weniger bekannten Kurd Laßwitz, und auch Ambrose Bierce steuert einen zentralen Gedanken bei.[20]

Um der Logik des Geldes zu entkommen, schlägt der Autor eine Art globales Brainstorming vor, bei dem sich die weltweite Intelligenz, die in unzähligen Berufen bisher durch Aktivitäten für die Gewinnung von Geld gebunden ist (z. B. Anwälte, Berater, Unternehmensstrategen, Gewerkschafter), zusammenschließt. Und u. a. mit Hilfe des Internets gemeinsam beratschlagt, was zu tun ist, wer welchen Bedarf hat und wie sich dieser versorgen ließe – ohne dass es dafür des Geldes bedürfe. Wenn es denn nur gelänge, den großen Zwang und die vom Geld selbst geschaffene Illusion seiner quasi-natürlichen Existenz zu durchbrechen.[21]

Literatur

Einzelnachweise

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