Adolf Lentner

deutscher Dekorationsmaler und Marionettenspieler From Wikipedia, the free encyclopedia

Adolf Lentner (* 25. Juli 1851 in München; † 17. Januar 1932 ebenda)[1] war ein im späten 19. Jahrhundert bis in die 1920er Jahre tätiger Dekorationsmaler, über 50 Jahre lang Puppenspieler am Münchner Marionettentheater und anderen Figurentheatern, und Ehrenmitglied des Kunstgewerbevereins München. Er bemalte eine Trinkstube im Münchner Ratskeller mit satirischen Kasperlfiguren[2], gestaltete Bühnenbilder, Marionetten, zahlreiche Stände für Kunstgewerbemessen sowie das Oktoberfest, dekorierte Festsäle, Münchner Bierhallen, Privathäuser, Schlösser und Amtsgebäude und war zudem um 1903 Vermieter des Eckhauses in der Kaulbachstraße 63, dem Sitz der damals berüchtigten Wohngemeinschaft der Franziska zu Reventlow.

Adolf Lentner (1905)

Herkunft

Firmen-Inserat Adolf Lentner (1883)

Adolf Jakob Josef Friedrich Lentner entstammte der Familie des Buchhändlers Joseph Lentner (* 1755 in Egern; † 4. April 1815 in München), der durch Heirat 1784 die noch heute bestehende Buchhandlung am Münchner Rathaus übernahm.[3] Der Autor Joseph Friedrich Lentner (1814–1852) könnte ein Großonkel des Adolf Lentner gewesen sein. Adolf Lentners Vater war der Kaufmann Ignaz Joseph Lentner[4], seine Mutter war Maria Josefa Afra, geb. Mustière (vermutlich aus einer Familie Augsburger Textilhändler hugenottischen Ursprungs; der Name stammt wohl aus Sainte-Suzanne im Pays de la Loire). Adolf Lentner wurde in einem Nachruf 1932 als Enkel des Gründers der Lentner'schen Buchhandlung bezeichnet.[5]

Leben und Werk

Adolf Lentner begann schon 1864 bei Papa Schmids Münchner Marionettentheater als Puppenspieler und Bühnengestalter mitzuwirken. Dabei brachte er die Kasperl-Larifari-Figur in Bewegung, während gleichzeitig Papa Schmid selbst als deren Sprecher fungierte. Neben seinen Tätigkeiten als Vermieter und in seinem erfolgreichen Meisterbetrieb für Innengestaltung, Fassadenmalerei und Dekoration mit lokalen und internationalen Aufträgen blieb der wohlhabende Lentner bis in die 1920er Jahre hinein, auch an anderen Bühnen, passionierter Marionettenspieler.

Das Münchner Marionettentheater an der Blumenstraße (1901)
Franziska zu Reventlow, Küche der Kaulbachstraße 63, ca. 1903/1904

Seine Lehre hatte er bei einem Hofmaler namens Wagner (wohl Ferdinand Wagner) absolviert, und 1876 als selbstständiger Unternehmer eine Firma gegründet. Aufträge zur Ausschmückung von Privathäusern, Schlössern und Sälen durch namhafte Münchner Architekten und Künstler, wie etwa Gabriel von Seidl, Leonhard Romeis, Franz Anton Zell, August und Friedrich von Thiersch, führten zu einem raschen Aufstieg.[5] 1883 wurde er mit seinem Firmensitz in der Marsstraße 31 als Mitglied des Bayerischen Kunstgewerbevereins in München aufgeführt.[6][7]

1873 heiratete Lentner in der Pfarrei St. Bonifaz Anna Baumann, die Tochter eines Bankbeamten.[8] 1887 war Lentner bereits Eigentümer des sogenannten Eckhauses in der Kaulbachstraße 63[9], das, vermietet an die Wohngemeinschaft um Franziska zu Reventlow und Franz Hessel[10], ein berüchtigtes Zentrum der Schwabinger Bohème war, und zudem 1896 von Paul Hoecker bewohnt wurde. Im Nachbarhaus Kaulbachstraße 63a/III lebte im Mai 1918 zeitweilig Bertolt Brecht als Untermieter.[11][12] In der Kaulbachstraße besaß Lentner noch zwei weitere Häuser und nutzte diese privat und geschäftlich.[13]

Für seine Aufträge als Maler und Kunstgewerbler beschäftigte Lentner bis 1897 Paul Bürck[14] und 1898 Marcus Behmer (als Lehrling) und für drei Monate Karl Walser[15], sowie (etwa 1896 bis 1911) den Maler und Dekorateur Otto Lentner, einen seiner zwei Söhne.[16][17] Zu weiteren Lehrlingen/Schülern Lentners zählten Richard Throll, Josef Leipfinger, Emil Strohlberger und Hiasl Maier. Zudem handelte Lentner mit Schiffsmodellen, Weihnachtskrippen, Gobelins und Tapeten[18] im volkstümlichen Stil.

Adolf Lentner (stehend) und Ernst Moritz Engert (re.) in der Werkstatt der Künstlerischen Figurenbühne in München, ca. 1918

Außerberuflich engagierte sich Lentner fast lebenslang für die Puppenspielerei, mehr aus Passion und Begeisterung denn als aus finanziellem Interesse.[19] Selbst in einem Tagebucheintrag Arthur Schnitzlers vom 8. Mai 1908 findet sich eine entsprechende Charakterisierung: „...Nach der Vorstellung hinter der Scene Schmid selbst, der 86 Jahre alt, den Kasperl gesprochen. Den Puppenspieler Lentner, schöner ältrer Herr, der sehr wohlhabend seit 40 Jahren aus Liebe zur Sache die Drähte lenkt ...[20] Auch in einem Artikel zum 50-jährigen Bestehen des Schimd'schen Marionettentheaters wurde Lentner als langjähriger "Dirigent der Puppen" tituliert[21][22] und er war 1901[23] sowie 1908 außerdem an umstrittenen Versuchen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des Theaters beteiligt.[22] Nachdem der alternde Papa Schmid 1911 seine Tochter Babette Klinger-Schmid (1859–1930) als Nachfolgerin (später durch Karl Winkler (1884–1949) abgelöst) eingesetzt hatte, blieb Lentner ein wichtiger Mitarbeiter von dessen Münchner Marionettentheater. Beispielsweise wurde 1912 zu Papa Schmids 90. Geburtstag[24] das Stück "Geburtstagskomödie" von Joseph von Schmaedel nach einer Idee Lentners inszeniert. Zu Schmids Begräbnis am 2. Januar 1913 auf dem Alten Südfriedhof widmete Lentner schließlich als ältestes Mitglied des Schmid'schen Marionettentheaters unter dem "Gelöbnis der Treue" dem Verstorbenen eine Kranzspende im Namen des ganzen Personals (darunter allein 13 Puppenspieler).[25]

Lentner blieb noch bis etwa März 1918 als Marionettenspieler bei Schmids Nachfolgern tätig. Sodann wurde ihm um 1918/1919 die Fertigung/Besorgung (teils nach Vorbildern des von Jakob Bradl geschaffenen Fundus für Pocci-Stücke am Schmid'schen Marionettentheater) und Leitung des Marionettenspiels der in der Augustenstraße 53 ansässigen Künstlerischen Figurenbühne des 1. Ersatzbataillons des 2. Bayerischen Infanterie-Regiments vom Geschäftsführer Hermann Solbrig (evtl. * 1886, Sohn des Veit Solbrig) übertragen. (Diese Bühne war zuvor in einem Kino in der Müllerstraße 12 durch den Lehrer Albert Huth zur Hinterbliebenenhilfe gegründet und dann 1917 von Harry Kahn geleitet worden). Ein Kollege Lentners hierbei war Ernst Moritz Engert, der für die moderneren Flachfiguren zuständig war.[26] Bald wurde jedoch der Betrieb der inzwischen rein privatwirtschaftlichen Figurenbühne eingestellt, und der von Lentner zusammengetragene Marionettenfundus mitsamt Requisiten wurde im Frühjahr 1920 zur Weiterverwendung an den aus München stammenden Stadtbaurat Hans Heckner verkauft.[27]

Adolf Lentner 1923

1922/1923 war Lentner noch gelegentlich als Kasperldirigent und Bühnenbildner tätig, nun in der mit Schmid's Marionettentheater konkurrierenden, 1921 gegründeten Marionettenbühne München in der Von-der-Tann-Straße 2 unter Leitung des Schulbeamten Hilmar Binter[28]. So wurde dort ab 25. März 1922 das Pocci-Stück Das Eulenschloß mit Figuren von Jakob Bradl und Hans Heigl in einer Inszenierung von Lentner, und Weihnachten 1922 das von Christoph Schmid verfasste Stück Heinrich von Eichenfels[29] mit Figuren Walter Oberholzers in einem von Lentner gestalteten Bühnenbild aufgeführt.[30] Zum zehnjährigen Jubiläum dieser Marionettenbühne wurde Lentner als Nestor der Münchener Puppenspiele gerühmt.[31]

Adolf Lentner war noch 1925–1930 als vormaliger Malermeister an der Meldeadresse Kaulbachstraße Nr. 75 ansässig[32]. Er starb am 17. Januar 1932 im Alter von 80½ Jahren nach einem langem schweren Leiden und wurde am 20. Januar um 11:30 Uhr beigesetzt.[33] Seine Grabstätte befindet sich an unbekannter Stelle auf dem Alten Südlichen Friedhof in München. Er hinterließ zwei Söhne, drei verheiratete Töchter und elf Enkelkinder.

Mitgliedschaften und Ehrungen (Auswahl)

Werke (Auswahl)

Lindauer Altes Rathaus, Nordseiten-Fassade
Aussegnungshalle des Westfriedhofs (Nordseite)
Tschang Ar Hee, Oktoberfest-Programm 1896
  • 1882: Fassadenmalerei Schlosseck München[39]
  • Mai 1888: Ornamentale Malereien am und im Lindauer Rathaus.[40]
  • 1888: Dekoration eines Jagdzimmers[41], Möbelmalerei im Rococo-Stil
  • 1889: Stammbaum-Gemälde, Vereinshalle des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München[42]
  • 1890: Innenbemalung des nach Art eines strohgedeckten Fachwerkbaus gestalteten Schankzelts Sennhütte der Brauerei Zum Münchener Kindl nach Plänen des Gabriel von Seidl für das Zehnte Deutsche Bundesschießen in Berlin, im Stil einer alten Schützenherberge[43][44]; Lentner dekorierte die hellen Wandflächen mit humoristischen Schützenbildern.
  • 1890: Innenausstattung der Ausschankhalle des Münchener Kindlbräu
  • 1890: Innenwände des Hackerkellers an der Theresienhöhe in München[45]
  • 1890–1891: Dekorierung des Saals und des Treppenhauses der Knaben-Handelsschule München in der Herrnstraße 7[46]
  • 1892: Gestaltung eines Försterzimmers/Frühstückszimmers im Neuen Schloss (Schloss Esterházy) in Totis[47]
  • Februar 1893: Dekoration des Saals zum Festspiel des Kaufmanns-Casinos im Odeon (München)[48]
  • 1893: Gobelin-Malereien zum Verkauf[49][50]
  • 1896: Pschorr-Bräu Bierhallen, Neuhauser Str., Bildnis des Josef Pschorr
  • 1896, Oktoberfest: Giebelfront der Ausstellung für Jagd und alpinen Sport[51]
  • 1896: Dekoration des Oktoberfeststands Tschang-Ar-Hee, der Chinese mit den Gummifingern[52]
  • Um 1900 Hintergrund "Casperlzimmer neu" für das Schimidsche Marionettentheater, der bis heute in der 'Sammlung Puppentheater' des Münchner Stadtmuseums aufbewahrt wird.
  • 1905: Ausmalung der Warteräume in einem Gebäude Hans Grässels auf dem Westfriedhof München[53]
  • o. J.: Pfeilerbögen und Ecken der Trinkstube im Münchner Ratskeller, Bemalung mit Figuren der Marionettentheaters (Kasperl, Tod und Teufel, dabei Kasperl, mit Maßkrug in der Hand, im Gewand des Münchner Kindls im Stadtwappen; nicht erhalten, später übermalt)[54]
  • 1911: zur Starkbiersaison im März, Dekoration des Festsaals „Löwenbräukeller[55]
  • Weihnachten 1922: Bühnenbild zum Stück Heinrich von Eichenfels in Hilmar Binters Marionettenbühne München[30]

Literatur und Quellen

Commons: Adolf Lentner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen

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