Akuphis
Herr der antiken Stadt Nysa
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Akuphis soll als Vorsteher der angeblich vom Gott Dionysos gegründeten Stadt Nysa 326 v. Chr. mit Alexanders dem Großen am Beginn von dessen Indienfeldzug zusammengetroffen sein und von diesem die Bestätigung seiner Herrschaft sowie den weiteren Bestand der Autonomie der Stadt erhalten haben. Seine historische Existenz ist in der Forschung umstritten.
Antike Berichte
Als Alexander im Frühjahr 326 v. Chr. das Gebiet nördlich des Flusses Kophen unterwarf und sich Nysa näherte, zogen ihm – wie der antike Historiker Arrian berichtet – Akuphis, der vornehmste Bürger der Stadt, und 30 weitere angesehene Einwohner entgegen, um die Schonung ihrer Stadt zu erwirken. Als sie ins Zelt des Makedonenkönigs kamen, sei er, noch vom Marsch mit Staub bedeckt, mit einem Helm auf dem Haupt und einen Speer haltend dagesessen. Verblüfft über diesen Anblick hätten die Gesandten Proskynese geleistet und geschwiegen, bis Alexander sie zum Erheben aufforderte und zum Vorbringen ihres Anliegens ermutigte. Akuphis habe ihn um den Fortbestand der Autonomie ihrer Stadt ersucht, da der Gott Dionysos sie nach der Unterwerfung der Inder auf seinem Rückmarsch als Andenken seines Siegs gegründet, nach seiner Amme Nysa benannt und mit kampfunfähigen Veteranen besiedelt hätte. Einem unweit der Stadt befindlichen Berg habe Dionysos den Namen Meros (= Schenkel) gegeben, weil er vor seiner Geburt im Schenkel des Zeus aufgewachsen sei. Seit ihrer Gründung genieße Nysa autonome Selbstverwaltung. Zum Beweis der Gründung der Stadt durch Dionysos führte Akuphis an, dass nur dort und nirgends sonst in Indien der dem Gott heilige Efeu gedeihe. Der Makedonenkönig soll Akuphis’ Rede mit Freude gehört und sich gewünscht haben, dass Nysa tatsächlich von Dionysos gegründet worden war. Er habe die Freiheit der Einwohner Nysas bestätigt und die Verfassung der Stadt gelobt, aber die Entsendung von 300 Reitern, die ihn auf seinem Indienfeldzug begleiten sollten, sowie die Stellung von 100 der 300 führenden und die Stadt regierenden Bürger als Geiseln verlangt. Auf die Entgegnung von Akuphis, dass eine seiner 100 besten Männer beraubte Stadt nicht gut geleitet werden könne, habe Alexander diese Forderung fallengelassen, aber auf der Entsendung der 300 Reiter sowie des Sohns und Enkels des Akuphis als künftige Begleiter bestanden. Akuphis selbst sei vom Makedonenkönig zum obersten Zivilverwalter (Hyparch) Nysas ernannt worden.[1]
Auch die Metzer Epitome überliefert einen ähnlichen Bericht über die Begegnung Alexanders mit Akuphis, der aber in dieser Quelle unter dem Namen Augypes erscheint. Hier wird ebenfalls die Entsendung der Ältesten von Nysa zu Alexander, ihr Hinweis auf die göttliche Gründung der Stadt und den nahegelegenen Berg Meros sowie ihre Bitten um die Gewährung des Fortbestands der Stadtprivilegien erwähnt. In Nysa und seinem dazugehörigen Territorium sollen damals 50.000 Menschen gewohnt haben.[2]
Der griechische Biograph Plutarch erwähnt Akuphis ebenfalls. Nach ihm habe Nysa an einem tiefen Fluss gelegen, den sich die makedonischen Soldaten nicht zu überqueren trauten. Im Unterschied zu Arrian berichtet Plutarch von Kämpfen um die Stadt. Alexander habe Nysa belagert, bis Gesandte der Stadt zur Aufnahme von Verhandlungen zu ihm gekommen und darüber erstaunt gewesen seien, dass er sie in voller Rüstung ohne Begleiter empfing. Als dem König ein Sitzkissen gebracht wurde, habe er Akuphis als Ältestem der Gesandten darauf Platz nehmen lassen. Auf die Frage des Alexanders Höflichkeit bewundernden Akuphis, was er tun solle, um ihn zum Freund zu gewinnen, habe der König erwidert, dass die Nysaier Akuphis zum Archon ernennen und ihm, Alexander, ihre 100 besten Männer senden sollten.[3]
Der Alexanderhistoriker Quintus Curtius Rufus nennt Akuphis nicht, sondern berichtet ähnlich wie Plutarch von zunächst um die Stadt tobenden Kämpfen. Als Alexander seine Soldaten zum Angriff herangeführt und die Stadtmauer besetzt hatte, sei er mit seinen Truppen von einem Geschosshagel der Nysaier überschüttet worden. Die Einwohner seien uneinig gewesen, ob sie ihre Stadt dem Makedonenkönig übergeben oder bewaffneten Widerstand leisten sollten. Alexander habe die Kämpfe eingestellt und sich auf die Belagerung beschränkt, deren Beschwernisse die Städter schließlich zur Kapitulation bewegten. Sie hätten auf ihre Abstammung von Liber (römische Entsprechung des Dionysos) hingewiesen.[4]
Moderne Forschungsurteile
Die Historizität von Alexanders Begegnung mit Akuphis sowie die Besteigung des efeubewachsenen Berges Meros durch den Makedonenkönig und seine Krieger sind in der modernen Altertumsforschung umstritten. Schon Arrian stand diesen Erzählungen mit einer gewissen Skepsis gegenüber, wagte sie aber nicht zu verwerfen. Die Lage des in den Erzählungen von Akuphis erwähnten Nysa ist nicht genau bekannt. Es gibt dafür verschiedene Vorschläge. Möglicherweise war Nysa identisch mit der antiken Stadt Dionysopolis (auch Nagarahara genannt) nahe dem heutigen Dschalalabad in Afghanistan.[5] Der Indologe Otto Stein glaubt indessen nicht, dass dieses Nysa je existiert hat; vielmehr liege wohl eine nachträgliche Erfindung vor.[6] Der Historiker Alexander Demandt hält die Erzählungen über Akuphis und Nysa für eine „gewiss von den Griechen ersonnene Episode aus dem Werk des Kleitarch“.[7] Robin Lane Fox meint hingegen, „die Episode verdient, ernstgenommen zu werden.“[8] Auch Siegfried Lauffer hegt keine Zweifel an der Geschichtlichkeit der Überlieferung.[9]
Literatur
- Helmut Berve: Akuphis. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Supplementband IV, Stuttgart 1924, Sp. 12.
- Alexander Demandt: Alexander der Große. Leben und Legende. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59085-6, S. 249.
- Waldemar Heckel: Who’s Who in the Age of Alexander the Great. Prosopography of Alexander’s Empire. Blackwell, Oxford u. a. 2006, ISBN 1-4051-1210-7, S. 3.
- Robin Lane Fox: Alexander der Große. 3. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94078-2, S. 449 ff.
- Siegfried Lauffer: Alexander der Große. 3. Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1993, ISBN 3-423-04298-2, S. 144.
- Otto Stein: Nysa 12). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XVII,2, Stuttgart 1937, Sp. 1640–1654.