Alain Guiraudie

französischer Filmregisseur und Drehbuchautor From Wikipedia, the free encyclopedia

Alain Guiraudie (* 15. Juli 1964 in Villefranche-de-Rouergue, Département Aveyron)[1] ist ein französischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmschauspieler.

Alain Guiraudie auf der Premiere von Der Fremde am See 2013

Leben und Wirken

Nach seinem Schulabschluss begann Guiraudie Romane zu schreiben, blieb damit jedoch erfolglos. Mit dem Kurzfilm Les héroes sont immortels 1990, basierend auf einem seiner Romane trat er erstmals als Regisseur und Drehbuchautor in Erscheinung. Während er als Nachtwächter arbeitete, veröffentlichte er weitere Kurzfilme, im Jahr 2001 erschien sein erster Langfilm Du soleil pour les gueux.[2]

International erfolgreich war vor allem der Erotikthriller Der Fremde am See (2013), für den Guiraudie unter anderem auf den Filmfestspielen von Cannes mit dem Regiepreis und der Queer Palm ausgezeichnet wurde. Auch sein nächster Film Haltung bewahren! (2016) wurde auf den Filmfestspielen in Cannes gezeigt und war für die Goldene Palme nominiert.

Guiraudies Tragikomödie Nobody’s Hero (2022) mit Jean-Charles Clichet und Noémie Lvovsky in den Hauptrollen wurde als Eröffnungsfilm der Berlinale-Sektion Panorama ausgewählt. Im selben Jahr wurde er in die Wettbewerbsjury des 75. Filmfestivals von Locarno berufen.

Guiraudies Arbeiten weisen teilweise Comicelemente auf. So sind in Wer schläft, der stirbt einzelne Comicszenen enthalten.[3][4] Frühere Werke sind reine Comics.[2]

Laut eigener Aussage hat der französische Philosoph Georges Bataille wichtigen Einfluss auf seine Arbeit.[5]

Schreiben

Alain Guiraudie ist vor allem als Filmemacher bekannt, hat jedoch seit 2014 ein eigenständiges literarisches Werk vorgelegt, das aus vier Romanen besteht: Ici commence la nuit (2014), Rabalaïre (2021), Pour les siècles des siècles (2024) und Persona non grata (2025).[6] Diese Romane bilden eine lose zusammenhängende Saga, die im ländlichen Süden Frankreichs angesiedelt ist und Themen wie Begehren, Gewalt, Schuld, Ausgrenzung und Gemeinschaft verhandelt. Dabei wirkt der Gegensatz zwischen Okzitanisch und Französisch als zentrales ästhetisches und politisches Spannungsfeld: Während das Französische für institutionelle Ordnung, Normierung und soziale Kontrolle steht, markiert das Okzitanische eine widerständige, mündliche und körperlich verankerte Gegenkultur, die Guiraudie gezielt als Mittel der sprachlichen und symbolischen Entgrenzung einsetzt. Bereits der Debütroman Ici commence la nuit machte durch seine radikale Darstellung von Sexualität und Machtverhältnissen auf sich aufmerksam. Mit dem über tausend Seiten umfassenden Rabalaïre entwickelte Guiraudie eine expansive Erzählform, in deren Zentrum der ziellose Erzähler Jacques Bangor steht, dessen Bewusstseinsstrom Kriminalhandlung, Fantastik, Sozialroman und philosophische Reflexion miteinander verschränkt.

Die beiden Folgeromane Pour les siècles des siècles und Persona non grata führen diese Erzählwelt konsequent fort und verschieben sie in metaphysische und institutionelle Dimensionen. Im Mittelpunkt steht hier die fiktionale Verschmelzung zweier Figuren zu einem gemeinsamen Subjekt, was Fragen nach Identität, Körperlichkeit, Liebe und religiöser Ordnung aufwirft. Charakteristisch für Guiraudies Bücher sind eine stark mündlich geprägte Sprache, der bewusste Einsatz okzitanischer Sprachelemente sowie die Auflösung klarer Genregrenzen. Sein literarisches Werk wird als „Roman-Flux“ beschrieben: ein Schreiben im Zeichen des Fließens, das stabile Identitäten, lineare Handlungsmuster und moralische Eindeutigkeiten systematisch unterläuft und Begehren als zentrale, gesellschaftlich wirksame Kraft ins Zentrum stellt.

Filmografie (Auswahl)

Als Regisseur und Drehbuchautor

  • 1990: Les héros sont immortels (Kurzfilm)
  • 1994: Tout droit jusqu’au matin (Kurzfilm)
  • 2001: Du soleil pour les gueux
  • 2001: Der alte Traum lässt uns nicht los (Ce vieux rêve qui bouge)
  • 2003: Wer schläft, der stirbt (Pas de repos pour les braves)
  • 2005: Voici venu le temps
  • 2008: C’est votre histoire (Fernsehserie, eine Folge, nur Regie)
  • 2009: König der Fluchten (Le roi de l’évasion)
  • 2013: Der Fremde am See (L’inconnu du lac)
  • 2016: Haltung bewahren! (Rester vertical)
  • 2019: 30/30 Vision: 3 Decades of Strand Releasing (nur Regie)
  • 2022: Nobody’s Hero (Viens je t’emmène)
  • 2024: Miséricorde

Als Schauspieler

  • 1990: Les héros sont immortels (Kurzfilm)
  • 1993: Les yeux au plafond (Kurzfilm)
  • 2001: Du soleil pour les gueux
  • 2002: Un petit cas de conscience
  • 2013: Der Fremde am See (L’inconnu du lac)

Romane

  • Rabalaïre. Ed. P.O.L., Paris 2021.
  • Ici commence la nuit . Ed. P.O.L., Paris 2024.
  • Pour les siècles des siècles. Ed. P.O.L., Paris 2024.
  • Persona non grata. Ed. P.O.L., Paris 2025.

Auszeichnungen (Auswahl)

César 2003

  • Nominierung in der Kategorie Bester Kurzfilm für Der alte Traum lässt uns nicht los

Torino Film Festival 2005

  • Nominierung in der Kategorie Bestes Drehbuch für Voici venu le temps

Filmfestspiele Cannes 2013

Filmfestspiele Cannes 2016

  • Nominierung für die Goldene Palme für Haltung bewahren!
  • Nominierung für die Queer Palm für Haltung bewahren!

Valladolid International Film Festival

  • 2024: Auszeichnung mit dem Golden Spike – Spielfilm (Miséricorde)
  • 2024: Auszeichnung mit dem Miguel Delibes Award (Miséricorde)[7]
Commons: Alain Guiraudie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Interviews

Einzelnachweise

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