Alfred Epstein
deutscher Geschäftsmann
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Alfred Epstein (geboren 14. Januar 1903 in Mainz; gestorben 6. März 1991 ebendort) war ein deutscher Geschäftsmann, Verfolgter des NS-Regimes, Emigrant und möglicherweise auch Teilnehmer des Spanischen Bürgerkriegs. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er erster Vorsitzender und später Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Mainz sowie Vorstandsmitglied im Zentralverband Deutscher Verfolgter und Widerstandskämpfer.


Familie und Ausbildung
Alfred Epstein wurde 1903 in der Mainzer Hebammenlehranstalt in der Hafenstraße (in Mainz „Accouchement“ genannt) geboren. Seine Eltern waren der 1867 in Frankenthal geborene Geschäftsmann Eduard Epstein und seine Frau Emma Epstein, geborene Hirsch. Die Familie lebte 1903 in der Großen Bleiche/Ecke Löwenhofstraße, wo sich auch das erste Geschäft der Epsteins befand. 1908 konnte Eduard Epstein in der Bahnhofstraße ein größeres Anwesen erwerben. Die Familie besaß dort zuerst das „Warenhaus L. Epstein“, das nach der Inflation in „Möbelhaus L. Epstein“ umbenannt wurde. Es galt nach dem Ende der Inflation als das größte Möbelhaus im Volksstaat Hessen.[1] Alfred Epstein hatte noch drei Brüder: Max (geboren 1900), Kurt Paul (geboren im Dezember 1903) und Erwin Erich (geboren 1913). Sein Onkel väterlicherseits war Ludwig Epstein, ebenfalls Geschäftsmann. Er war von 1919 bis zu seiner politisch motivierten Absetzung 1933 unbesoldeter Beigeordneter der Stadt Mainz und in der SPD politisch aktiv.
Alfred Epstein wuchs in einem liberalen bürgerlichen Klima auf. Er besuchte zusammen mit seinen Brüdern die Oberrealschule in der Schulstraße (heute Adam-Karrillon-Straße). Nach Erreichen des „Einjährigen“, der Mittleren Reife, 1919 absolvierte Alfred Epstein eine Banklehre in Mainz, um sich auf seine kaufmännische Karriere vorzubereiten. Nach Beendigung der Banklehre arbeitete er in einem Bankhaus in Frankfurt am Main. In dieser Zeit organisierte er in seiner Freizeit Freizeitaktivitäten für jüdische Jugendliche und junge Erwachsene. Alfred Epstein organisierte für sie Tanzstunden, engagierte sich im jüdischen Jugendverein und gründete einen Wanderverein. Dort lernte er den damaligen Jurastudenten Max Tschornicki kennen.
Eintritt in das elterliche Geschäft und Aufenthalt in den Vereinigten Staaten
Im Zuge der Ruhrbesetzung, die auch im französisch besetzten Mainz für passiven Widerstand der Mainzer sorgte, wurde die Familie Epstein – mit Ausnahme des ältesten Sohns Max, der die Geschäfte in Mainz leiten durfte – im Mai 1923 in das unbesetzte Gebiet nach Darmstadt ausgewiesen. Erst nach etwas mehr als einem Jahr durfte sie wieder nach Mainz zurückkehren. Alfred trat daraufhin in das väterliche Geschäft ein. Mitte 1925 besuchte ein Vetter des Vaters aus den Vereinigten Staaten die Familie in Mainz. Er bot Alfred an, ihn dort für längere Zeit zu besuchen und sich mit dem amerikanischen Wirtschaftsleben vertraut machen. Alfred nahm das Angebot an und reiste 1926 zu seinen Verwandten. 1928 kehrte er nach Mainz zurück.
Zeit bis zur Machtergreifung 1933
Nach seiner Rückkehr arbeitete Alfred Epstein wieder im elterlichen Geschäft. Er machte in seiner Freizeit viel Sport und interessierte sich zunehmend für Politik. Seine politische Heimat wurde die SPD. Als im Sommer 1930 die französischen Besatzungstruppen Mainz verließen – Mainz war damit vollständig entmilitarisiert – traten er und sein Bruder Erwin der neugebildeten Stammformation (Stafo) bzw. der Eliteeinheit Schutzformationen (Schufo) des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold – Ortsgruppe Mainz bei. Diese Organisation verteidigte die Weimarer Republik gegenüber ihren Feinden, vor allem im rechtsradikalen Lager. Alfred und Erwin Epstein waren in den nächsten zweieinhalb Jahren oft bei politischen Veranstaltungen und Wahlkampfaktionen dabei, wobei es immer öfter zu Auseinandersetzungen mit SA und SS kam.
Machtergreifung 1933, Flucht und Exil in Frankreich
Nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 und der letzten, schon nicht mehr freien, Wahl zum Reichstag am 5. März 1933, hatten die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland in ihren Händen. Überall wurde nun Jagd auf aktive Gegner der Nationalsozialisten gemacht. Auch das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold wurde verboten und besonders aktive Mitglieder waren in ernsthafter Gefahr. Alfred Epstein floh am 30. Mai 1933 von Mainz ins Saargebiet nach Saarbrücken und kam damit einer Verhaftung zuvor. Erwin wurde kurzzeitig verhaftet, wieder freigelassen und folgte seinem Bruder, der mittlerweile in Paris wohnte. Dort lebte Alfred von verschiedenen Hilfsarbeiten. Er arbeitete in einer Schweinemetzgerei und als Telefonist. Nachdem er die Gelegenheit hatte, eine einjährige Ausbildung zum Schuster zu absolvieren, konnte er mit Hilfe der Quäker eine Schuhmacherwerkstatt eröffnen. Dieses Gewerbe lief erfolgreich und Alfred baute damit eine Existenz in Frankreich auf, die erst mit Kriegsbeginn 1939 enden sollte.
Unklar ist, ob Alfred Epstein 1936 auf Seiten der Armee der Spanischen Republik im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte. In seiner Biographie bei der Deutschen Digitalen Bibliothek wird dies beispielsweise erwähnt, in Hedwig Brücherts ausführlicher Biographie der Familie Epstein hingegen wird nur sein Bruder Erwin als Kriegsteilnehmer genannt. Erwin Epstein und zehn weitere Emigranten, darunter zwei Mainzer, meldeten sich 1936 freiwillig zu den Internationalen Brigaden und kämpften in der XI. Brigade, im „Thälmann-Bataillon“. Erwin Epstein wurde bei den Kämpfen schwer verwundet, genas und wurde nach erneutem Einsatz 1938 in den Kämpfen getötet.[2]
Feindlicher Ausländer, Heirat, Fremdenlegion und Leben in Algerien
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, galt Alfred Epstein in Frankreich, obwohl er am 22. Juni 1939 von Deutschland ausgebürgert worden war, als „feindlicher Ausländer“.[3] Diese sollten gemäß den Anweisungen der Regierung interniert werden. Jungen und wehrfähigen Männern wurde alternativ aber ein einjähriger Dienst in der Fremdenlegion angeboten. Er ergriff, wie viele andere Emigranten in Frankreich, die Chance und wurde als Mitglied der Fremdenlegion nach Nordafrika verschifft. Den größten Teil seiner Dienstzeit verbrachte er in Marokko. Diese sollte allerdings nur ein Jahr dauern, danach wurde Alfred Epstein als Soldat demobilisiert. Das französische Vichy-Regime entließ alle Soldaten in Nordafrika, deren Frauen in Algerien lebten. Alfred Epstein hatte, noch in Paris, eine russische Emigrantin namens Rosa kennengelernt und geheiratet. Rosa Epstein folgte ihrem Mann nach Nordafrika und lebte wie andere Ehefrauen der Fremdenlegion-Soldaten in Algerien.
Nach seiner Rückkehr in das Privatleben zog das Ehepaar Epstein nach Oran in Algerien. Obwohl Algerien im Machtbereich des mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Vichy-Regimes lag, war die Lage dort 1940/41 für jüdische Emigranten noch relativ sicher. Alfred Epstein erteilte Sprachunterricht in Deutsch und Französisch und eröffnete bald ein Übersetzungsbüro. Kurz nach ihrer Niederlassung in Oran erkrankte seine Frau schwer und musste in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden, wo sie bald darauf verstarb. Er blieb weiter in Oran, erlebte dort die Anlandung der britischen und amerikanischen Armee im Rahmen der Operation Torch und auch das Ende des Krieges. 1946 erhielt er Nachricht von seiner Mutter Emma. Sie schrieb ihm, dass sie und Alfreds Vater Eduard im Rahmen der zweiten großen Deportation von Juden aus Mainz am 27. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt verbracht worden seien. Dort sei der Vater wenige Monate später verhungert. Sie selbst überlebte und wurde mit einem Transport des Internationalen Roten Kreuzes in die Schweiz gebracht. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod im Februar 1956 in Vevey. Alfred Epstein konnte seine Mutter wenige Wochen vor ihrem Tod nochmals in der Schweiz besuchen und Abschied nehmen.
Alfred Epstein hatte in der Zwischenzeit Lucie (Esther) Klein, kennengelernt und sie geheiratet. Ihr Leben in Algerien war mehr und mehr von Unruhen im Rahmen des algerischen Unabhängigkeitskampfes geprägt, der sich ab 1954 nochmals im Rahmen des Algerienkrieges verschärfte. 1959 besuchte das Ehepaar Epstein Mainz, die alte Heimatstadt von Alfred Epstein. Noch war er unschlüssig, ob er sich zukünftig in Deutschland oder in Israel niederlassen sollte. Nach dem Besuch in Mainz entschied sich das Paar, nach Deutschland und wieder in seine frühere Heimatstadt umzusiedeln, was 1960 geschah.
Zurück in Mainz
Zurückgekehrt nach Mainz integrierten sich Alfred Epstein und seine Frau Esther schnell in die 1946 neugegründete jüdische Gemeinde. Er wurde schnell zum Geschäftsführer der kleinen, knapp dreistelligen, Nachkriegsgemeinde und bereits 1962 wählten ihn die Gemeindemitglieder zu ihrem ersten Vorsitzenden. Ihr Sohn Rolf Epstein wurde 1963 in Mainz geboren. Alfred Epstein trat wieder der SPD bei und betätigte sich sehr aktiv im kommunalen und gesellschaftlichen Umfeld von Mainz. Dort trug er viel zur Aussöhnung zwischen Juden und Nichtjuden in Mainz bei und stand dabei in enger Beziehung zu dem Mainzer Bischof Hermann Volk, den Mainzer Oberbürgermeistern während seiner Wirkungszeit Franz Stein, Jockel Fuchs und Herman-Hartmut Weyel sowie vielen Landes- und Kommunalpolitiker. Auch im Jugendwohlfahrtsausschuss der Stadt war er Mitglied. Die Stadt Mainz ehrte ihn für sein Engagement mit der Gutenbergstatuette, der Verleihung des Ehrenringes und des ältesten Siegels der Stadt Mainz in Silber. 1972 wurde ihm von der Bundesrepublik Deutschland das Bundesverdienstkreuz verliehen. Bei dem Besuch des Papstes Johannes Paul II. in Mainz im November 1980 gehörte Alfred Epstein zur Delegation der jüdischen Gemeinden Deutschlands, die mit dem Papst zusammentraf.
Alfred Epstein trat 1978, an seinem 75. Geburtstag, aus Altersgründen von dem Amt des Ersten Vorsitzenden zurück. Daraufhin wählte man ihn zum Ehrenvorsitzenden. Auch seine Frau Esther betätigte sich viele Jahre als Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde Mainz und war ab 1996 auch Erste Vorsitzende. Alfred Epstein starb im März 1991 mit 88 Jahren in Mainz, seine Frau Esther im Oktober 2006. Beide sind auf dem Neuen Jüdischen Friedhof (Feld 7, Reihe 1, Nr. 20) in Mainz begraben.
Quellen
Bereits 1983 übergab Alfred Epstein ein Manuskript seiner „Lebenserinnerungen“ an das Stadtarchiv Mainz (Zugangsnummer 1983/24). Der Nachlass von Alfred Epstein im Umfang von 0,5 lfm wurde von seiner Witwe Esther Epstein 2003 dem Stadtarchiv Mainz überlassen (Zugangsnummer 2003/13). Beide Bestände sind im Stadtarchiv Mainz zusammengefasst unter der Bestandsbezeichnung „NL Epstein, Alfred“.[4] Der Nachlass enthält die Korrespondenz aus den Jahren 1956–1991, gesammelte Dokumente zur Familiengeschichte aus früherer Zeit und die ihm verliehene Gutenbergstatuette und den Ehrenring der Stadt Mainz.
Literatur
- Renate Knigge-Tesche, Hedwig Brüchert (Hrsg.): Der Neue Jüdische Friedhof in Mainz. Biographische Skizzen zu Familien und Personen, die hier ihre Ruhestätte haben. Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V. Mainzer Geschichtsblätter Sonderheft, Mainz, 2013.
- Hedwig Brüchert: Familie Epstein. S. 71–78.
- Alfred Epstein: Nicht an die Güter häng dein Herz! Erinnerungen an meine Mainzer Jahre (Teile 1-3). In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte. Verlag H. Schmidt Mainz, 11. Jahrgang 1991, Heft 1, S. 128–135, Heft 2, S. 126–133, Heft 3, S. 112–120. ISSN 0720-5945.
- Anton Maria Keim: Ein Zeitzeuge, mit dem man reden muß. In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte. Verlag H. Schmidt Mainz, 8. Jahrgang 1988, Heft 1, S. 85–88. ISSN 0720-5945.
- Anton Maria Keim: Alle Wege führen in die Heimat. In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte. Verlag H. Schmidt Mainz, 23. Jahrgang 2003, Heft 1, S. 62–64. ISSN 0720-5945.
Weblinks
- Biographie Alfred Epstein – Deutsche Digitale Bibliothek (NL 88): Epstein, Alfred (Bestand)
- Porträt Alfred Epstein – Trotz alledem! Ein Porträt des antifaschistischen Widerstandes im Rhein-Main-Gebiet.