Alltagskultur
Gebräuche, Gewohnheiten und Gegenstände des Alltags, die nicht als Kultur im Sinne von Bildender Kunst, Musik und Literatur wahrgenommen werden
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Mit Alltagskultur werden Gebräuche, Gewohnheiten und Gegenstände des Alltags,[1] die nicht als Kultur im Sinne von Bildender Kunst, Musik und Literatur in der Sinngebung durch eine definierende Elite (Hochkultur) wahrgenommen werden, bezeichnet. Umgangssprachlich ist auch von Massenkultur die Rede.
Einordnung und Gebrauch
Die Erforschung von Alltagskultur ist ein zentrales Thema in der Volkskunde, Soziologie, Kultur- und Medienwissenschaft seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts.[1]
Der Begriff erfuhr in den 1960er-Jahren im Umkreis semiotischer, strukturalistischer, soziologisch-philosophischer Debatten insbesondere durch Roland Barthes große Aufmerksamkeit. Gegenstände alltagskultureller Untersuchungen sind unter anderem: Kino, Fernsehen, Autos, Fahrradkultur, Esskultur, Mode, Design, Werbung, Sport, Gegenstände des Alltagsgebrauchs und der Arbeitswelt.[1] Solche Themen oder Gegenstände der Alltagskultur wurden von Barthes als Texte gelesen, die eine Oberflächen- und eine Tiefenstruktur aufweisen, d. h. ähnlich wie literarische Texte codierbar und interpretierbar sind.[2]
Das Stadtmuseum Berlin zeigt in der Dauerausstellung "Sammlung Alltagskultur" Gegenstände von ca. 1800 bis zur Gegenwart.[3] Neben der Aufarbeitung des Themas Arbeiterleben kann man Gegenstände wie Kunststoffprodukte, Reklameschilder, Öfen und die Sondersammlungen der Maschinenfabrik Mahrzahn sehen.[3]
Ebenso findet man im Landesmuseum Stuttgart in der seit 1923 bestehenden Abteilung Landesstelle für Alltagskultur Exponate "volkstümlicher Überlieferung in Schrift und Bild",[4] wobei hier vor allem der Südwesten des Landes dokumentiert wird.[4]
Weitere, teilweise spezialisierte Museen der Alltagskultur finden sich in Deutschland z. B.: in Solingen (Deutsches Klingenmuseum), der Lutherstadt Wittenberg (Haus der Alltagsgeschichte mit Mobiliar und Waren), Aachen (Couven-Museum), Bad Nauheim (Rosenmuseum Steinfurt mit Geräten, Porzellan und Textilien), Offenbach am Main (Deutsches Ledermuseum), Augsburg (Staatliches Textilmuseum Augsburg mit Industriemaschinen der ehemaligen Augsburger Kammgarnspinnerei), Abenberg (Klöppelmuseum mit Textilien und Werkzeugen), Krefeld (Deutsches Textilmuseum Krefeld), Creglingen (Fingerhutmuseum), Creußen (Krügemuseum).[5]
An einigen Pädagogischen Hochschulen kann man Alltagskultur und Gesundheit für Lehrämter studieren, zum Beispiel in der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, in der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, in der Pädagogischen Hochschule Weingarten, in der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd oder auch in der Pädagogischen Hochschule Freiburg.[6]
Eine zeitgenössische Alltagskultur ist die Popkultur. Mit dem Wachsen der Definitionsmacht der Popkultur wurde die Dichotomie „Alltagskultur | Hochkultur“ auch in der öffentlichen Meinung in Frage gestellt.
Die Alltagskultur wird auch in der Genremalerei sowie in Ethnographischen Museen und Gestaltungsmuseen thematisiert.[7][8][9][10][11]
Neben regionalen und historischen Eingrenzungen findet sich auch der Fokus auf bestimmte Gruppen wie auf jüdische Traditionen[12] oder der Fokus auf andere Länder vom Ausland aus, der auch als Landeskunde bezeichnet wird und sich als Teile von Studiengängen[13] oder Reiseführern findet. Oder aber die jeweiligen Länder befassen sich in der Innensicht mit ihren eigenen Alltagskulturen, z. B.: in Wien über den Alltag seit 1500.[14]
Im Bereich des Völkerrechts und der internationalen Zusammenarbeit befasst sich das UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes mit den Themen lebendige Alltagskultur, Wissen und Fertigkeiten der Menschheit.[15] Es wird versucht, deskriptiv die Unterschiede von Alltagskulturen aufzuzeigen und ihren jeweiligen Wert positiv zu unterstreichen statt sie gegenüber sogenannten elitären Kulturen abzuwerten.[16]
Siehe auch
Literatur
- Gotthardt Frühsorge: Die Kunst des Landlebens. Vom Landschloß zum Campingplatz. Eine Kulturgeschichte. Koehler & Amelang, München/Berlin 1993, ISBN 3-7338-0167-9.
- Ágnes Heller: Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion. Herausgegeben und eingeleitet von Hans Joas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978.
- Wolfgang Kaschuba, Thomas Scholze, Leonore Scholze-Irrlitz: Alltagskultur im Umbruch. Böhlau, Weimar, Köln, Wien 1996, ISBN 3-412-06596-X
- Thomas Schindler et llii (Hrsg.): Alltagskultur ist Alltagskultur ist AlltagskulturN in: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Band 58, Jonas Verlag, Weimar 2023, ISBN 978-3-89445-602-3
- Günter Wiegelmann (Hrsg.): Geschichte der Alltagskultur. Coppenrath, Münster 1980 (Volltext als PDF)
Weblinks
- Alltagskultur. In: Lexikon der Geographie, Spektrum.de, 2001.